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Juli 2017: Glückwünsche an Dr. Guido Dahl

Der Verlag gratuliert seinem Autor Guido Dahl, der mit einer wissenschaftlichen Arbeit im Fach Geschichte erfolgreich promovieren konnte. Damit trägt ein weiterer Autor des Verkages einen Doktortitel.

                      
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Neuwahl der Bezirkssprecher der VS-Bezirksgruppe Münsterland

Die Bezirksgruppe Münsterland des Verbandes deutscher Schriftsteller wählte am 27. Juni 2017 ihre neuen Sprecher. Die Wahl fiel dabei einstimmig auf Molla Demirel (Foto links) und Alexander Richter. (Nachzulesen auch in Westfälische Nachrichten vom 6. Juli 2017).
Die neugewählten Bezirkssprecher kündigten an, sich auch für das nächste und übernächste Jahr um Sponsoren bzw. um die Unterstützung der Stadt Münster zu bemühen, um die begonnene Lese-Reihe in den Krankenhäusern und anderen Einrichtungen finanzieren zu können.



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Lesung mit Alexander Richter im Clemens-Hospital Münster

In der Reihe Autorinnen und Autoren des Schriftstellerverbandes lesen in den Krankenhäusern der Region Münsterland war der Schriftsteller Alexander Richter-Kariger am 19. Juni 2017 zu einer Lesung im Münster'schen Clemens-Hospital eingeladen. Er trug eine längere Passage aus seiner Novelle "Richtung Norden. Richtung Meer" sowie zwei Miniaturen aus "längsle und querle" vor. Die Lesung fand großen Anklang.
Bereits im Mai hatte an selbiger Stelle die Autorin Marion Gay aus Hamm mehrere Sagen aus dem Münsterland vorgestellt. Weitere Lesungen sind von September bis November vorgesehen.
Die genannten Lesungen finden in der Kapelle des Krankenhauses statt, von wo sie mit einer Kamera und per Mikrofon in die Patienten-Zimmer übertragen werden. Zugleich haben Interessierte - wie in den bereits stattgefundenen Veranstaltungen - die Möglichkeit, auf den Bänken der Kapelle Platz zu nehmen und zuzuhören.
Hinweis: Die Novelle "Richtung Norden. Richtung Meer" ist mittlerweile als ebook erschienen und kann bei Amazon kindle günstig heruntergeladen werden.


             
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NACHRUF
Angelika Scho verstorben
Sie hat drei Bücher bei firstminute veröffentlicht

Mit Bedauern hat der Verlag die Nachricht vom Tod seiner aus Westfalen stammenden Autorin Angelika Scho, die im März 2017 im Alter von gerade mal 60 Jahren verstorben ist, entgegengenommen.
Angelika Scho hat sich vor allem durch ihre feinfühlige, manchmal schwermütige und immer von Humanismus geprägte Lyrik einen Namen gemacht. Ihre Gedichte waren von der Suche im eigenen Innern, von den Beobachtungen der Natur und den Jahreszeiten und von der Betrachtung des gesellschaftlichen Lebens auf den unterschiedlichsten Ebenen geprägt. In oftmals kurzen, klaren Aussagen sind Gedichte von gelungener lyrischer Präzision entstanden. Gerade ihr Erstlingswerk „Eine Spur heller“, das im firstminute Verlag mit besonderer Sorgfalt lektoriert wurde, hat bei Lyrik-Liebhabern einen bleibenden Stellenwert weit über den Tod der Autorin hinaus behalten.
Mit ihrer zweiten firstminute-Buch-Veröffentlichung wagte sich die talentierte Autorin bereits in den Bereich experimenteller Poesie und fand auch hier entsprechende Resonanz, während im dritten Werk „Nächtebuchnotiz um 1.35 Uhr“, das gemeinsam mit dem Lyriker und Essayisten Dr. Guido Dahl entstand, ein feiner, kaum spürbarer poetischer Dialog mit dem Co-Autor schwingt.
Angelika Scho hat mit ihrer dichterischen Begabung selbst düster scheinende Dinge und Begebenheiten in ein helleres, freundlicheres Licht gerückt. Ein Licht, das weit über ihren Tod hinaus scheint. A.R.


Was bleibt
 
Hab nichts mitgenommen
von dort
nicht einmal mehr
ein Hauch von Neubruch blieb 

nur

ein Stück Erinnerung
und eine Sehnsucht

die bleibt

Aus: Eine Spur heller – Angelika Scho, 1999


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März 2017: Lesung Heinrich-Knoche-Grundschule Arnsberg-Holzen

Wenn die Kids so richtig Spaß an der Literatur finden
Phantasie und Aufregung bei einer Lesung an Arnsberger Grundschule

Wie bringt man den Schülerinnen und Schülern einer Grundschule auch im Zeitalter der digitalen Medien die Literatur in Buchform am wirksamsten nahe?
Die Frage ist leicht zu beantworten: Man trägt ihnen eine Geschichte vor, durch die sie angesprochen werden. Und dies ist nicht nur thematisch-inhaltlich gemeint, sondern man kann es auch wörtlich nehmen. Fragen stellen, Fragen beantworten und die Phantasie der Kids anregen, sie in Verbindung mit dem Lesestoff von den Erlebnissen und Eindrücken aus ihrer eigenen Welt berichten lassen.
Einer, dem dies bestens gelingt, ist Alexander Richter-Kariger (untere Fotos mit Schulklasse), der im Rahmen der diesjährigen Literaturtage, veranstaltet durch den Verband Deutscher Schriftsteller in NRW, wiederum an einer Grundschule, diesmal in Arnsberg im Sauerland, vorlas. Je eine dritte und vierte Klasse durfte nacheinander in der Heinrich-Knoche-Schule in der Schulbibliothek die turbulente, spannungsgeladene Kindergeschichte „Die Klasse 3x und das Guinnessbuch der Rekorde“ nicht nur anhören, sondern quasi mit er- und durchleben und auch interpretieren.
Die Handlung ist – wie es sich für gute Bücher gehört – einfach, dennoch vielgestaltig ausgeschmückt, humorvoll und natürlich oft genug mit einem Augenzwinkern, das auch den Kindern nicht entgeht, angereichert. In der Geschichte geht es um eine gemeinsame Aktion der Mädchen und Jungen der Klasse 3x, durch die sie am Ende der gemeinsamen Grundschulzeit für eine bleibende Erinnerung sorgen möchten. Dies soll, so schlägt es Klassensprecherin Sarah vor, eine Eintragung in das besagte Guinnessbuch sein. Die Einfälle der Kinder – sowohl jene aus der Geschichte wie die der Heinrich-Knoche-Schule – sind großartig. Da geht es um Konzerte mit Justin Bieber, Hannah Montana, Mark Forster und den Beginners. Oder um ein – ganz sicher siegreiches – Fußballspiel der eigenen Schülermannschaft gegen die deutschen Fußballweltmeister. Auch ein unendlich langer Judogürtel oder ein spektakulärer Marathonlauf werden vorgeschlagen. All das unter besonders ausgefallenen Bedingungen.
Worauf sich Oskar, Theo, Leonie, Lisa sowie die Julias, die Tobiasse und die Maximilians, von denen es jeweils zwei in der Klasse 3x gibt, am Ende einigen, sei an dieser Stelle nicht verraten. Es ist ganz gewiss etwas, bei dem Vernunft und Phantasie ebenso zu ihrem Recht kommen wie zuvor die Spannung und der Humor und das auch die Lehrerinnen Frau Rosenstrauch und Frau Bieckenkamp einbezieht. Die Begeisterung der Kids der beiden Schulklassen war auf jeden Fall so enorm, dass der Autor seine Story innerhalb der vorgegebenen Schulstunden nicht zu Ende bringen konnte.
Doch das musste sich nicht als Handicap erweisen. Alexander Richter-Kariger übergab sein Manuskript einer nicht minder interessierten Lehrerin. Diese wird es nun am letzten Unterrichtstag vor den anstehenden Schulferien noch einmal vorlesen. Allerdings empfiehlt es sich, diesmal mehr als eine Unterrichtsstunde einzuplanen.             Valerie Bosse




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Januar 2017 / Realschule Freiherr vom Stein in Rahden (NRW)

Von Wanzen, IMs und Durchsuchungen
Im Rahmen des NRW-VOS-Zeitzeugenprojekts gestalteten Peter Keup und Alexander Richter vier spannende Stunden


Die Stadt Rahden liegt im Landkreis Minden-Lübecke in der Nähe von Bielefeld. Sie hat etwa 15.000 Einwohner und empfängt den Besucher mit einem geordneten kleinstädtischen Charme. Es ist das, was man nach den Erfahrungen der Silvester-Ereignisse in Köln von 2015 ein bisschen als „heile Welt“ empfindet. Und doch weiß man angesichts der heutzutage digital bedingungslos vernetzten Welt, was sich in Deutschland, in Europa und auf dem Erdball zuträgt und zugetragen hat. Soll heißen, dass man sich auch hier mit der Geschichte der Teilung Deutschlands und der Diktatur der DDR auskennt.
Dies fand seinen Ausdruck in einer Zeitzeugenveranstaltung in der Freiherr-vom-Stein-Realschule am 19. Januar, wo die VOS-Mitglieder Peter Keup und der Fg-Redakteur Alexander Richter im Rahmen des NRW-Zeitzeugenprojekts zu Vorträgen in einer neunten und zehnten Klasse in den Fächern Geschichte und Sozialwissenschaften eingeladen worden waren. Zustande gekommen war die Einladung auf privatem Wege, indem VOS-Vorstandsmitglied Christoph Becke zur Klassenlehrerin und zur Rektorin einen Kontakt herstellen konnte.
Doch trotz des guten Grundwissens und der soliden Vorbereitung in den Klassenverbänden konnten die Schülerinnen und Schüler wie auch die Lehrerinnen über das politische System der DDR noch viel bisher Unbekanntes erfahren, was nicht zuletzt auch an der Aufteilung der Vorträge und dem mit dem Ablauf der Veranstaltung immer stärkeren Interesse der Klassen lag.
Zudem erwies sich die Auswahl der Zeitzeugen als sehr passend, und zwar was den Altersunterschied und die „Strafdelikte“ betraf. Peter Keup, der 1959 in der Bundesrepublik geboren wurde und der mit seinen Eltern als Kind in die DDR übersiedelte, wollte dann als Oberschüler per Ausreiseantrag mit seiner Mutter in die Bundesrepublik zurückkehren. Der Antrag wurde nicht genehmigt, worauf sich Peter Keup zur Flucht über die CSSR entschloss. Er wurde jedoch bereits an der DDR-Grenze abgefangen und musste drei Monate in die U-Haft, bevor er zu zehn Monaten Freiheitsentzug verurteilt wurde und später legal ausreisen durfte. Keup absolviert inzwischen ein Geschichtsstudium und trägt aktiv zur Aufarbeitung bei.
Richter war 1983 nach elf Monaten U-Haft zu sechs Jahren wegen Staatsfeindlicher Hetze verurteilt worden, weil er in zahllosen Briefsendungen ein Manuskript von ca. 1.400 Seiten in die Bundesrepublik geschafft hatte, um es dort zu veröffentlichen. Er hatte darin die DDR in allen Belangen „diskriminiert“, "diffamiert" und „herabgewürdigt“.
Beide Ex-Häftlinge berichteten in einer ausgewogenen Tandemveranstaltung von den Gründen und Verläufen ihrer Schicksale. Bei Peter Keup war es insonderheit die IM-Tätigkeit des eigenen Bruders, der ihn intensiv überwachte, aber ihm dennoch zu helfen versuchte.
Richter erfuhr aus den Akten von heimlichen Wohnungsdurchsuchungen und Abhörprotokollen, die aufgrund der verwanzten Wohnung erstellt worden waren und – im Zusammenleben mit seiner Freundin auf engstem Raum – auch vor der Schilderunge von Intimitäten nicht Halt machten.
Das Erstaunen und das Entsetzen waren in diesem Rahmen mehr als deutlich zu spüren. Die Vorstellung, von den eigenen Verwandten ausgeliefert zu werden oder jemanden unerlaubt in seiner Wohnung zu wissen, verursachten sowohl den Jugendlichen wie den Lehrerinnen absolutes Unbehagen. Ganz zu schweigen von dem Abhören des Intimlebens, das bei den unbedarften Menschen des heutigen Rechtsstaates sicherlich auf Unglauben stoßen würde, lägen nicht die detaillierten Berichte dazu vor.
Erfreulich, dass auch beide ortsansässigen Zeitungen ihre Redakteurinnen gesandt hatten. Dadurch konnte auch die Öffentlichkeit von dem äußerst gelungenen vierstündigen praxisnahen Geschichtsunterricht erfahren. Man darf hoffen, dass insgesamt in NRW weitere Einladungen folgen. Der Bedarf, dies konnte man in Rahden erleben, ist enorm.                     Tom Haltern

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Dezember 2016 / IDF Ruhr Uni Bochum

Das war authentisch, berührend und fordert zum Nachdenken auf
Alexander Richter-Kariger stellt sein neues Buch über Oskar Brüsewitz am Institut für Deutschlandforschung in Bochum vor 
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(Dez. 2016/ FMB) Zu einer Lesung mit anschließender Diskussion lud am 30. November das Institut für Deutschlandforschung an der Ruhr-Uni Bochum ein. Als Referent bzw. Autor hatte der Geschichtsdozent Dr. Frank Hoffmann (als Initiator der wöchentlich stattfindenden Ringvorlesungen) den Journalisten und Buchautor Alexander Richter-Kariger eingeladen, der aus seinem aktuell erschienenen Werk „Der Fall Brüsewitz – Lebensstationen 1929 bis 1964“ (420 Seiten, 22 Euro) zwei äußerst spannende Kapitel vortrug. Dabei ging es einmal um die außergewöhnlichen Vorgänge beim Aufstellen jenes zur Legende gewordenen Eisenbahnwaggons in der thüringischen Kleinstadt Weißensee, wo sich Brüsewitz für mehrere Jahre seine Schuhmacher-Werkstatt einrichtete. Brüsewitz setzte sich hier durch eine rigorose Aktion über die Maßnahmen des Stadtrates und auch über geltende Gesetze hinweg, da ihm die Stadt keinen Werkstattraum für seine Arbeit und keine Gewerbegenehmigung bereitstellen wollte. Das Szenario, das zu einem kaum vorstellbaren Aufsehen in dem Ort führte, ist dort bis heute unvergessen, es bewegte in seiner detailliert flüssigen Schilderung auch jetzt noch die Gedanken und Gefühle der Zuhörer intensiv. In der zweiten Episode wird geschildert, wie Brüsewitz ein von ihm gepachtetes Gelände in der Koburger Straße in Markkleeberg bei Leipzig als Areal der christlichen Arbeit und Werbung verteidigt. Dort wird er am Freitag vor Pfingsten 1958 mitten in der Nacht aus seiner Wohnung abgeholt und beim Rat der Stadt vorgeführt. Er sieht sich zwanzig unerbittlichen SED-Funktionären gegenüber, die von ihm verlangen, das Grundstück noch in derselben Stunde vom christlichen Schmuck zu beräumen. Die Begründung ist im Buch wie folgt beschrieben: „Dabei wird festgestellt, dass Brüsewitz vornehmlich versucht, die Bevölkerung von Markkleeberg und deren Gäste mit der christlichen Dekoration auf dem Pachtgrundstück zu provozieren und ganz gezielt das in der nahegelegenen Gartenbauausstellung stattfindende Thälmanntreffen zu sabotieren. Allein das von Brüsewitz sichtbar zur Schau gestellte Transparent mit dem Bibelspruch ‚Ich bin die Auferstehung, die Wahrheit und das Leben‘ ist eine Kampfansage an die fortschrittliche Gesellschaft der DDR. Und mit der Darbietung der Käfige samt den darin befindlichen lebenden Vögeln wolle der Vorgeführte zum Ausdruck bringen, dass die Taube des Friedens in der DDR ebenfalls in einen Käfig gesperrt sei.“ (Zitat aus dem Buch) Oskar Brüsewitz muss unter dem Druck der Funktionäre die christliche Dekoration räumen, doch er gibt nicht auf und versieht später das Gelände mit einem zweiten Zaun, so dass seine weiteren Aktionen nicht eingesehen werden können. Er wirbt weiter für die Kirche und stellt sich gegen die marxistische Ideologie. Einige Zeit später machen in Markkleeberg die Atheisten der SED auch vor seinem Werkstattfenster, hinter dem er in liebevoller Mühe die Bergpredigt der Bibel nachgestellt und ein Kreuz aus Leuchtstoffröhren angebracht hat, nicht halt. Eines späten Abends fährt ein PKW vor, dem zwei Männer mit Pinsel und einem Eimer brauner Farbe entsteigen. Innerhalb kurzer Zeit haben sie das Werkstattfenster mit der braunen Farbe zugestrichen. Erst als Nachbarn die Frevler zur Rede stellen wollen, ergreifen diese die Flucht. Länger als eine Stunde dauerte an diesem frühen Nachmittag die Lesezeit, wodurch anschließend nicht viel Raum für eine Diskussion blieb. Dennoch gab es nachdrückliche Meinungsäußerungen. Zum Zuhörerkreis, etwa 30 Personen, gehörten ein Theologe, ein Richter, ein Psychologe, eine Literaturwissenschaftlerin und mehrere Studierende der Fachrichtung Geschichte. Fast keiner hatte die DDR zuvor in einer solch authentischen Tiefe geschildert bekommen. Kaum jemand wusste auch, wie heftig Oskar Brüsewitz schon in seinen frühen DDR-Jahren den Konflikt mit dem marxistisch ausgerichteten Arbeiter- und Bauernstaat gesucht und ausgetragen hat. Zudem stellte sich die Erkenntnis ein, dass dieser hartnäckige Schuhmachermeister sich keineswegs davor scheute, illegale oder ungesetzliche Mittel und Methoden einzusetzen, wenn es darum ging, sich gegen einzelne Genossen, deren Gremien oder den gesamten SED-Staat zu behaupten, wenn es der Kampf für Kirche und Glaube erforderte. Kollektiv wurde die Frage, wie passt dieser Mit, der bis zur Unverfrorenheit reicht, mit einer öffentlichen Selbstverbrennung, die vielmehr an eine Kapitulation erinnert, zusammen, wie kann jemand, der so standhaft ist, derart verbittert kapitulieren. Das Buch beinhaltet in geschlossener, flüssig detaillierter Einheit eine Folge der Aktionen des Oskar Brüsewitz und ergibt ein deutliches Bild des Charakters jenes Menschen. Ausgangspunkt ist das Memelland, dem Burgstädt, Melle Hildesheim und Pirmasens auf westlicher Seite folgen. Und schon hier werden bei aller Armut Oskars Außergewöhnlichkeit und seine Unbeugsamkeit durch unterschiedlichste Beispiele belegt. Auch die Schlüssigkeit zu seinem bitteren Ende kann – obwohl die Beschreibung dieses Teils des Lebenslaufes bereits 1964 endet – nachvollzogen werden. Dass die Zuhörer während der Lesung quasi den Atem anhielten, ist ein gutes Zeichen. Es spricht für die Intensität des angespannten Lebens des späteren Pfarrers und für die Qualität des Buches. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig Oskar Brüsewitz für den Widerstand in der DDR war und wie zwiespältig sich das Verhältnis Kirche und Staat gestaltete – auch und gerade mit Blick auf die Straßenkämpfe von 1989. Die Zweifel und das Unverständnis, mit denen Brüsewitz heute oft genug begegnet wird, sind an manchen Stellen verständlich, aber sie schmälern nicht sein großes Ziel, um dessen Erreichens willen er sich zu guter Letzt auf erschreckende Weise hingab.            
                                         Hugo Diederich, Mitglied im ZDF-Fernsehrat


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16. September 2016: Lesung aus "Der Fall Brüsewitz - Lebensstationen 1929 bis 1964" in der Stadtbibliothek der Großen Kreisstadt Markkleeberg  mit Alexander Richter-Kariger

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Mai / Juni 2016 - MDR

Über die Herkunft der Selbstschussanlagen und der Tretminen
Ein informativer Beitrag des MDR-Fernsehens stützt sich auf die Informationen unserer Bücher 

Geschichtsaufarbeitung zum Nutzen aller – unter diesem Motto stand am 31. Mai 2016 die Sendung über die Geheimnisse der früheren Waffenfabrik von Kapen (nahe Oranienbaum in Sachsen-Anhalt) im MDR-Fernsehen. In einer halbstündigen Sendung wurde aufgedeckt, was in der Buchveröffentlichung „Die Geheimnisse von Kapen“ bereits vor mehreren Jahren durch Textbeiträge, Dokumente und Fotografien von Originalplätzen detailliert festgehalten wurde. Dies ist nicht zuletzt ein verspäteter Triumph für unseren erst kürzlich verstorbenen Dessauer Schriftsteller Joachim Specht, der sich für seine gezielten Recherchen bereits kurz nach dem Mauerfall 1990 bis 1992 Zugang zu dem Gelände des massiv umzäunten und streng bewachten Militärbetriebes verschaffte und neben geschichtlich wertvollen Fotos auch Relikte wie Munitionskisten und Minengehäuse sicherte. In seinem Roman „Knalltrauma“ schildert Specht – unter Mitarbeit von Alexander Richter –, welche Folgen die Explosionen von Splitter- und Tretminen haben konnten, die später an der DDR-Grenze zur Verhinderung von Fluchtversuchen installiert wurden. In einem weiteren Band mit dem Titel „Die Erblast von Kapen“ rekonstruiert Specht die Entstehung des Werkes im Dritten Reich, wobei er auch den Schicksalen einstiger Zwangsarbeiter nachgeht und deren heutige Situation beleuchtet. Im dritten Buch „Die Geheimnisse von Kapen“ wertete der Autor Alexander Richter weitere Recherchen-Ergebnisse von Joachim Specht aus und erstellte die Textfassung, wie wir sie heute vorfinden. Neben neuen Fotoaufnahmen und Dokumenten liegt hier sogar ein Telefonverzeichnis des einstigen VEB vor, so dass man rückblickend die Namen der früheren Belegschaft erfahren könnte. Gerhard Pix, der seit einigen Jahren ebenfalls auf dem Gelände von Kapen Spurensuche betreibt, lieferte für dieses Buch einige wichtige Fotos. Er war es auch, der im Fernsehbeitrag die Interviews gab, die inhaltlich auf dem Buch „Die Geheimnisse von Kapen“ basieren und die er inzwischen vervollständigte. Denkbar wäre, dass der „Kapen-Forscher“ Gerhard Pix irgendwann Führungen auf dem Gelände veranstaltet, denn hier ist ein Stück DDR-Geschichte – leider ein äußerst beschämendes – verewigt, das freilich der fachgerechten Erklärung bedarf. Nicht zuletzt kann man aber auch nicht wissen, ob man versehentlich in ein nicht beräumtes Sprenggerät tritt und einem widerfährt, was mancher Flüchtling erleiden musste: den Tod oder eine böse Verletzung. Erwartungsgemäß sorgte der Fernsehbeitrag, der übrigens in der Mediathek des MDR abrufbar ist, für Aufregung in Oranienbaum und Umgebung. Der MDR hat damit ein Stück wichtige Aufarbeitung betrieben, wofür dem verantwortlichen Team gedankt sei.
                                                                               Tom Haltern




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Nachruf auf den
Schriftsteller Joachim Specht
 
 
Fast vier Wochen nach Vollendung seines 85. Lebensjahres starb in seiner Wahlheimat Dessau in Sachsen-Anhalt der Schriftsteller Joachim Specht, nachdem er einige Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte und seitdem auf medizinische Betreuung angewiesen war. Joachim Specht war von Charakter und Mentalität her kein Leichtgewicht. Vor allem als Schriftsteller war er das nicht. Er hatte Ziele und Visionen, und er hat dafür manches riskiert. Allein sein Auszug zu Beginn der 1950er Jahre nach Australien war ein gewagtes Stück, genauso wie es seine Rückkehr in die DDR war, die doch vielen Leuten unverständlich blieb. Was er in Australien erlebte, kann man in vielen Büchern nachlesen. Es sind wunderbare Geschichten, die zeigen, dass es in der Gegenwart noch den Geschmack des echten Abenteuers gibt und deren Inhalte zeitlos Bestand haben werden. Sie erinnern an die Spannung der Bücher von Jack London oder B. Traven, und sie zeigen durchgehend soziale Kompetenz. Dass Joachim Specht zum Schriftsteller wurde, war keineswegs vorgezeichnet. Ausgerechnet die DDR, zu deren Gesellschaftssystem er nach seiner Rückkehr aus Australien über Westdeutschland möglichst Distanz hielt, verhalf ihm durch die Zirkel Schreibender Arbeiter auf diese Laufbahn, wobei das Mentoring des Erzählers Werner Steinberg den eigentlichen Beitrag leistete. Steinberg erkannte Spechts erzählerische Begabung und sah auch das Potenzial, das sich für spätere Buchveröffentlichungen aus den australischen Erlebnissen gewinnen lassen würde. Joachim Specht schaffte in der DDR somit eine Karriere, die sowohl von der Zahl der Buchveröffentlichungen wie auch der Leseauftritte beachtlich war, ohne dass er sich dem System unterwarf. Um Zugeständnisse und unvermeidliche Bekenntnisse kam er in seinen Büchern freilich nicht herum. Doch man überlas sie, weil letztlich die Farbigkeit seiner faszinierenden Schilderungen alles überwog. Australien, der ferne, für DDR-Bürger unerreichbare Kontinent zog die Leser und Zuhörer an. Um sich politisch nicht vereinnahmen zu lassen, flüchtete sich Joachim Specht in der DDR in die Partei der Liberalen. Hier überlebte er bis zum Mauerfall, und diesen Weg ging er nach dem Einschmelzen in die westliche FDP weiter. Die Partei akzeptierte ihn, so dass er auf lokaler Ebene in mehreren Gremien mitarbeiten konnte. Schriftstellerisch fiel er Ende 1989 in ein Loch, da sich keine Seilschaft fand, die ihn in die Welt der westlichen Großverlage und des D-Mark-Glanzes hätte weitertragen können. Immerhin bekam er korrekterweise die Veröffentlichungsrechte an seinen Büchern zurück und konnte nach einigen verstreuten Einzelpublikationen Verbindung zum Emsdettener Taschenbuchverlag first minute aufnehmen. Hier entwickelte sich über einen Zeitraum von 15 Jahren eine stabile Zusammenarbeit, die Joachim Specht durchaus zugutekam. So konnten neben thematisch anders gelagerten Büchern nach gründlicher Überarbeitung durch den Verlag nahezu alle Australien-Erzählungen – in neuer Aufmachung und unter attraktiven Titeln – noch einmal erscheinen. An vorderster Stelle zu nennen sind die Sammlungen „Australian Cowboy“ und „Capricorn“ und die später komplett neugefassten Bücher „Tjurunga“ und „Pinubi“, teils auch als ebook aufgelegt. Interesse weckten die Bände über den ominösen Rüstungsbetrieb von Kapen in der Nähe von Dessau, in dem Joachim Specht noch während der letzten DDR-Tage bei seinen Recherchen interessante Tatsachen herausfand. Als eines seiner späten und gänzlich neu publizierten Bücher gilt die Biografie „Zwischen Dessau und Australien“, in der er einen ausführlichen Blick auf sein eigenes Leben wirft und auch diverse Fotos eingebracht hat. Bezüglich des Umsatzes gelang der große Wurf freilich mit diesen Büchern nicht. Die starke Konkurrenz ließ das nicht zu, zudem war Australien für die Ostdeutschen nicht mehr unerreichbar. Viele fuhren selbst dorthin, auch an jene Plätze, über die „Australien-Specht“ geschrieben hatte.    Valerie Bosse


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J  u  l  i       2015

Als die U-Haft zum Schutzraum wurde
Schalck-Golodkowksi verstarb – fast vergessen – im schönen Rottach-Egern

Wenn in der Literatur, egal in welcher Spezies, jemals ein Werk über Gentleman-Verbrecher eröffnet werden sollte, dann dürfte diesem Mann mit dem irgendwie bezeichnenden Namen Schalck, der Ende Juni 2015 nach längerer Krankheit und heftigen durch die Medien ausgelösten Stürmen aus Gründen des eigenen Todesfalls nun doch noch sein Nobel-Domizil im malerischen Rottach-Egern verlassen musste, darin gewiss eine Doppelseite gewidmet werden. Dabei war es doch in den ersten und in den letzten Abschnitten seines Lebens in der Öffentlichkeit ausgesprochen still um ihn gewesen. Genau genommen wurde den meisten Deutschen erst 1989, als die Mauer fiel, bekanntgegeben, dass es ihn, seine Abteilung und sein direktes Unterstellungsverhältnis zu Günter Mittag und Erich Mielke gab. Der Mann, der uns allen mit der eher harmlosen Bezeichnung „Devisenbeschaffer“ vorgestellt wurde und der der Abteilung „Kommerzielle Koordinierung“ im Außenhandelsministerium der DDR angehörte. Ein eleganter Wirtschaftskrimineller, wie man vielleicht hätte denken können. Einer an dessen Händen kein Blut klebt und der nur das kaum greifbare „Große Ganze“ um schöne Summen geprellt hat. Auch keiner, der sich an politischen Machenschaften beteiligt, der sich jedoch unheimlich (!) für seinen Staat eingesetzt hat. Kann man das wirklich so stehenlassen? Viele, die unter dem politischen System der DDR unglaublich gelitten haben und die – weil sie dieses kleine ungeliebte Land um jeden (!) Preis verlassen wollten – all ihr Hab und Gut hergegeben haben und später nicht einen Bruchteil des einstigen Eigentums wiedererlangen konnten, sehen das ganz anders. Natürlich, es ist zweifelhaft, Alexander Schalck-Golodkowski dafür verantwortlich zu machen, dass die DDR vielen politischen Häftlingen unter dubiosen Vorwänden bei Hausdurchsuchungen Antiquitäten und hochwertige Literatur aus den Wohnungen räumte oder diese durch Erpressung in ihren Besitz brachte. Der „Schal(c)k“ war dann derjenige, der ihre „Weiterleitung“ in die Bundesrepublik betrieb und dafür Devisen einzog. Sicherlich mag der prozentuale Anteil der durch diese erpresserischen Gemeinheiten erzielte Devisengewinn am Gesamtumsatz gering sein. Er ist dafür derjenige, der persönlich am meisten schmerzt und der so gut wie gar nicht durch die Bundesrepublik – zumindest finanziell – ausgeglichen wurde. Es sind genug Enttäuschte unter den ehemaligen Übersiedlern, die zudem um ihre Häuser und Wochenendgrundstücke geprellt wurden (manche noch im geschichtsträchtigen Jahr 1989) und die 1990 nach ihrer Rückkehr lachende SED-Mitglieder dort vorfanden. Auch hier tat sich der bundesdeutsche Staat schwer mit Rückgaben und Entschädigungen. Geradezu hämisch hieß es: „Ihr wolltet doch weg, in den Westen. WIR sind hiergeblieben. In der Heimat.“ Den Rest besorgten die Politiker des Westens: „Ihr Häftlinge habt den Staat einen hohen Freikauf-Preis gekostet, ihr habt Haftentschädigung erhalten und seid wurdet für hohe Staatskosten in neue Berufe eingegliedert.“ Alexander Schalck-Golodkowski hat das Schicksal jener geprellten Häftlinge diesbezüglich nicht geteilt. Er hat, man weiß es allseits, im Westen ein feudales Anwesen erwischt. So feudal, dass sich sicherlich zehn Ex- Häftlinge, die es im Westen ebenfalls zu Eigenheimen gebracht haben, würden diese ihren Besitz zusammenlegen, das Schalck`sche finanziell nicht würden aufwiegen können. In anderer Hinsicht steht dieser Schalck den Häftlingen wiederum weniger nach. So hat er – immerhin das – in Untersuchungshaft gesessen, aber nur einen Monat, und damit würde er – rein theoretisch – im Falle eines Antrags auf die Besondere Zuwendung wegen der Halbjahresklausel leer ausgehen. Freilich diente diese Haft eher dem Schutz seiner Unversehrtheit. War er doch gleich nach dem Mauerfall für die vielen DDRler zum absoluten Buhmann geworden, der den Ausverkauf des Staates betrieben und sich selbst ein feines Leben beschert hatte. Ein Vorwurf, der nicht in Gänze stimmen muss, denn der Hauptverantwortliche war er nicht, aber auch keiner, der schuldlos war und der nicht wusste, was es mit diesem SED-Staat an verbrecherischem Unrecht und politischer Verlogenheit auf sich hat. Letztlich wurden ihm durch die bundesdeutsche Justiz ja auch zwei Haftstrafen aufgebürdet, die insgesamt mit 28 Monaten zur Bewährung ausgesetzt wurden. Da Schalck-Golodkowski die Verurteilungen nicht auf höherer Instanz angefochten hat, mag er sich zum einen seiner (Mit)Schuld bewusst gewesen sein, zum anderen hätte es ja durchaus schlimmer kommen können. Siehe Egon Krenz, der übrigens – was kein Scherz ist – in seiner Naivität im November 1989 für ein paar Tage an ein dauerhaftes Weiterbestehen der DDR geglaubt haben soll und sich diesen Schalck als künftigen Staatschef hat „vorstellen“ können. Nun denn, nicht alle Träume gehen in Erfüllung. Kaum war besagter November herum, da hatte sich der Ex-Devisenbeschaffer nach West-Berlin abgesetzt und war (siehe oben) fast freiwillig in die U-Haft geraten. Die Genossen aus dem Politbüro – wir wissen es noch – bevölkerten dagegen die Untersuchungsgefängnisse der DDR, wo der „humane“ Strafvollzug noch längst nicht eingeführt war. Natürlich waren es nicht alle, und die, die man einsitzen ließ, wurden zumeist wegen Krankheit in ihre Jagdhäuser zurückgeschickt – nehmen wir mal den graugesichtigen Willi Stoph als Beispiel. Schalck-Golodkowski kamen alsbald seine aus der DDR-Zeit geknüpften Kontakte zu West-Politikern zugute. Wir ahnen, dass da viel gekungelt und verschoben wurde und – hätte der Gentlemen aus der Abteilung KoKo den Mund aufgemacht – mancher bedeutende Wessi zu Fall gekommen wäre. Dass er schweigen tat, hat ihm sicher geholfen, aus dem Schussfeld der Medien zu gelangen. Rottach-Egern am Tegernsee ist wahrlich ein schönes Plätzchen. Wir ehemaligen politischen Häftlinge würden uns ein solches (gern auch dieses) Anwesen als gemeinsames Feriendomizil wünschen. Auch wir kämen gern zur Ruhe – und zu etwas mehr Geld. Wir würden dann durchaus mal über Herrn Schalck sprechen, ja vielleicht würden wir das Heim dann sogar nach ihm benennen. Etwa: Haus Schalck-Golodkowski – Erholungsplatz für ehemalige Devisen-Lieferanten der DDR … A.R.



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J u n i       2015

Literatur im Kerker – Lesung für Strafgefangene
Der Schriftsteller Alexander Richter ist in der JVA Münster zu Gast 

Wenn einer eine gute Lesung halten will, muss er auch mit außergewöhnlichen Bedingungen fertig werden. Das heißt, er muss auch dort lesen wollen und können, wo es vielleicht nicht ganz so einfach ist und wo nicht jede und jeder „hingehen“ mag. Ein solches Beispiel sind Lesungen in Haftanstalten. Immerhin ist es wichtig, dass auch Strafgefangene mit der Literatur Kontakt halten können bzw. dieser Kontakt überhaupt erst hergestellt wird. Wichtig ist auch, dass Inhaftierte nicht ganz von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Hierzu sind gut ausgestattete Bibliotheken und gut ausgebildete Bibliothekare eine wesentliche Voraussetzung, und somit ist es für einen Autor oder eine Autorin leichter, während ihrer Lesung das nötige Interesse zu wecken. Am 22. Juni 2015 fand nun eine Lesung in der Justizvollzugsanstalt Münster statt. In der Reihe „Literatur im Kerker“ wurde der im Münsterland lebende Schriftsteller Alexander Richter, der auch Verleger und Redakteur einer Zeitung ist, in die Bibliotheksräumlichkeiten der Münsteraner JVA eingeladen. Er stieß dort auf eine etwa zwanzigköpfige hoch interessierte Zuhörerschaft, die sich kein bisschen mit Fragen und Redebeiträgen zurückhielt und die zudem ein gut fundiertes Geschichtswissen und ein reges politisches Interesse offenbarte. Anzumerken ist, dass Richter selbst längere Zeit inhaftiert gewesen ist und sich somit in die Situation von Häftlingen bis heute durchaus hineinversetzen kann. Vor inzwischen 33 Jahren wurde er in Potsdam-Rehbrücke in der damaligen DDR auf offener Straße verhaftet und nach elf Monaten menschenunwürdiger Stasi-U-Haft zu sechs Jahren Freiheitsentzug gemäß § 106 (Staatsfeindliche Hetze) verurteilt. Richter hatte nichts anderes „verbrochen“ als ein Buchmanuskript zu schreiben, das er seitenweise in ca. 250 Briefen in die Bundesrepublik geschickt hatte. Das Manuskript umfasste einen Roman, der die Zustände in der DDR so beschrieb, wie sie wirklich waren – skurril und (eigentlich) unbeschreibbar. Das Buch wurde nicht mal veröffentlicht und – außer von der Staatssicherheit – nur von einer Person gelesen. Vergleichsweise ist eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren in der heutigen Zeit ein Strafmaß, für das man schon eine schwere Straftat begangen haben muss. Immerhin hatte Richter insofern Glück, als er nach drei Jahren durch das Freikaufprogramm der Bundesregierung aus der DDR-Haft direkt in den Westen gelangte. Die Zuhörer dieses Abends folgten der Schilderung mit großer Spannung. Es stellte sich zudem schnell heraus, dass drei von ihnen in der DDR geboren und auf verworrenen Wegen und durch unglückliche Fügungen in den westfälischen Strafvollzug gelangt waren. Andere hatten in der Zeit des geteilten Deutschlands in West-Berlin gelebt und dort individuelle Erfahrungen gemacht. Dass im Anschluss an die längere, lebhafte Diskussion nur noch etwa zwanzig Minuten Zeit für den reinen Leseabschnitt blieben, war keineswegs von Nachteil. Alexander Richter hatte bereits bei Vereinbarung des Termins sechs Bücher für die Bibliothek der JVA hinterlegt, und er brachte nun weitere Bücher mit, die nach Abschluss der Veranstaltung spontan vergriffen waren. Für die Häftlinge besteht somit die Möglichkeit, sich weiter mit Richters Büchern, mit Literatur und mit dem Thema Zeitgeschichte zu beschäftigen. Wie man sieht, ist Münster also nicht nur die Stadt des ARD-Tatorts der munteren Herren Börne und Thiel, sondern die Stadt hat auch ein anderes Gesicht, das sie nicht verstecken, sondern mit dem sie sachlich umgehen sollte. Für Alexander Richter war es übrigens nicht die erste Lesung in einer Haftanstalt. Im Rahmen des Zeitzeugenprogramms für ehemalige politische Häftlinge der DDR wurde er bereits vor eineinhalb Jahren in die JVA Köln-Ossendorf eingeladen, wo ebenfalls angeregt diskutiert worden war. Die Frage, ob man nicht eine „gewisse“ Angst bekomme, wenn man sich auf einmal hinter dicken Mauern und Eisengittern befände, wird von Richter eindeutig verneint. Er sagt: „Der Knast ist eine andere Welt, das stimmt, aber sie macht neugierig und ist interessant, da habe ich gar keinen Gedanken an irgendwelche Ängste, auch nicht vor den Leuten, die hier sind. Ich bin ja freiwillig hier und möchte den Inhaftierten helfen.“                    Valerie Bosse  


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S e p t e m b e r      2014

275 Jahre in äußerst wechselhaften Zeiten bis hin zur Europaschule
Das Potsdamer Helmholtz-Gymnasium begeht mit einem Festakt am 3. September 2014 und mit einer Aktionswoche ein Jubiläum, das bisher nur wenige Schulen erlebt haben 

Der Nikolaisaal in der historischen Potsdamer Innenstadt war am Abend des 3. September ein würdiger Ort, als sich eine Reihe sehr unterschiedlicher Menschen trafen, um dem Festakt zum keineswegs alltäglichen Jubiläum einer seit dem Mauerfall landesweit zunehmend hoch anerkannten Bildungseinrichtung der Stadt Potsdam beizuwohnen. 275 Jahre wurde das Helmholtz-Gymnasium alt, ein Zeittraum, auf den wahrlich nicht viele Schulen zurückblicken können.
Oft schon wurde über diese Schule berichtet. Aus unterschiedlichen Gründen und aus – ganz gewiss – auch recht unterschiedlichen Perspektiven.
Rechnet man zurück, so kommt man auf ein Gründungsdatum, das noch zehn Jahre vor der Geburt des großen Dichters und Performers J. W. Goethe liegt. Rückblickend kann man sicherlich die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Epoche rekonstruieren, das wirkliche Schulleben in jener Gründungszeit lässt sich dagegen nur bruchteilhaft vorstellen. Immerhin jedoch verdichten sich mit jedem Jahrzehnt, mit dem sich das Schulleben seitdem unserer Gegenwart genähert hat, die Informationen. Namen, Ereignisse und Daten, die sich mit der Geschichte der Schule verbinden, werden umfangreicher und inhaltsvoller. Hermann Helmholtz, Namensgeber der Schule, wurde freilich erst 82 Jahre nach Gründung der damaligen Stadtschule Potsdam, die er als Kind und Jugendlicher besuchte, geboren. Naheliegend war natürlich, dass man die Schule wegen seiner Entwicklung zum Universalgelehrten später nach ihm benannte und ihr damit ein Renommee verlieh, das bis zum Heute anhält.
Was die Geschichte der Schule betrifft, so findet man Einiges in den ausgewählten Büchern, die nach dem Mauerfall entstanden sind. Maximilian C. Böses Werk „Im Zeichen der Eule“ bietet eine Menge an Informationen zur Entwicklung der Schule von der Nachkriegszeit bis 1989 und weiter. Der ehemalige Sprachen-Lehrer, geboren in Mexiko und später nach Deutschland gezogen, ist bedauerlicherweise inzwischen verstorben. Was er uns hinterlassen hat, ist das Ergebnis eines akribischen Aktenstudiums und intensiver Befragungen. Sowohl zur Schulentwicklung wie auch zu den Lebensläufen ausgesuchter Lehrerinnen und Lehrer trifft er Aussagen, die ein objektiv-faires Porträt des Lehrerkörpers aus der DDR-Zeit abgeben. Er selbst, der eine bürgerlich demokratische Einstellung vertrat und sich der Ideologie des Staates keineswegs verpflichte fühlte, unterrichtete über Jahre hinweg Seite an Seite sowohl mit den ideologischen Hardlinern wie auch mit den unpolitisch sich verhaltenden Pädagogen. Die Schule darf sich glücklich schätzen, durch eine solche dokumentarische Fleißarbeit gewürdigt worden zu sein. Und jene Lehrer, die keineswegs bei allen Schülerinnen und Schülern in angenehmer Erinnerung geblieben sind, sollten Maximilian Böse für seine großzügige Betrachtungsweise danken.
Ebenfalls in Buchform, obwohl in freier literarischer Verarbeitung, findet sich die Helmholtz-Schule in der umfangreichen Geschichtensammlung „Helmhöltzer sind Edelhölzer – Geschichten aus dem (un)sozialistischen Meinleben“ (erschienen im firstminute Verlag) wieder. Veröffentlicht wurde sie bereits im Jahr 2000 von Alexander Richter, Abiturient in 1968. Richter, der später ein Studium an der Berliner Humboldt-Uni abschloss und heute als Schriftsteller und Journalist arbeitet, bietet der Leserin und dem Leser aus persönlicher Perspektive ein unterhaltsam farbiges Zeitbild der Schule und der DDR in den mittleren und späten 1960er Jahren. Seine feinsinnig satirischen Schilderungen sind durch das individuelle und kolllektive Aufbegehren der Jugend gegen das ideologisch verkrustete System jener Zeit geprägt. Richter wurde 1982 wegen eines DDR-kritischen Manuskripts zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1985 durch die Bundesregierung freigekauft. Er arbeitet seitdem als freiberuflicher Schriftsteller (ca. 30 eigene Bücher) und als Redaktionsleiter einer bundesweit erscheinenden Monatszeitung.
Anlässlich des 275-jährigen Bestehens der Helmholtz-Schule gibt es nun ein weiteres Buch, das zum einen Vergangenes dokumentiert und zum anderen über den Stand des heutigen Helmholtz-Gymnasiums als bedeutende Europa-Schule informiert. Verfasser und Herausgeber ist Dr. Dieter Rauchfuß, der seinem fast 300 Seiten umfassenden Werk den programmatischen Titel „Tradition und Innovation“ gegeben hat. Das Buch enthält neben Verweisen auf die beiden vorgenannten Helmholtz-Bücher auch Hinweise auf weitere ausgewählte ehemalige Schulabgänger, wobei an erster Stelle die Schauspieler Dietmar Schönherr und Anja Kling sowie der ehemalige Bundesminister Schwarz-Schilling genannt werden.
Was die heutige Zeit und die Entwicklung dieser Bildungseinrichtung nach der deutschen Wiedervereinigung angeht, ist man gut beraten, sich diese Festschrift anzusehen. Dieter Rauchfuß, Verfasser und Herausgeber, war der erste Rektor nach dem Fall der Mauer. Er setzte das neue Schulreformgesetz um, wodurch sich die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums änderte, was man namentlich in seiner Festschrift nachlesen kann. Die bis dahin als EOS IV geführte Einrichtung erhielt den Namen Helmholtz-Gymnasium zurück und wurde von ihrem ideologischen Zwangskorsett befreit. Rauchfuß setzte kontinuierlich sowohl bauliche Erweiterungen wie auch offene Bildungsstrukturen durch. Schnell wurde die Schule zum begehrten Lernplatz für Neubürger und Alteingesessene. Die Gründung eines Freundeskreises der Helmholtz-Schule als e.V. ist ein Zeichen, dass sich mittlerweile immer mehr ehemalige „Helmhöltzer“ positiv auf ihre Schulzeit rückbesinnen und eine Art Alumni-Netzwerk entstehen konnte. Nicht zuletzt brachte es der eigens aus Münster zum Festakt angereiste Schriftsteller Alexander Richter mit einem kurzen Statement auf den Punkt: „Die Art, wie sich die Schule jetzt präsentiert, hat erheblich dazu beigetragen, mein lang anhaltendes Mathe- und Physiktrauma zu überwinden.“ Richter verbindet damit ein Kompliment und seinen Dank an den inzwischen im Ruhestand befindlichen Rektor Dr. Dieter Rauchfuß. Rauchfuß hat sein Amt an Grit Steinbuch übergeben, bei der man die Schulentwicklung in guter Obhut wähnen darf.
Der Festakt selbst widerspiegelte die Verbundenheit vieler Ehemaliger und auch der Eltern, deren Kinder aktuell die Schule besuchen. Viele waren gekommen, manche mit Herzklopfen, auf jeden Fall mit Neugier. Nestorin unter den Anwesenden dürfte gewiss Brunhilde Weißmantel gewesen. Die frühere Mathematik- und Physiklehrerin, auch zeitweilig Leiterin des Schulinternats in der Potsdamer Höhenstraße, dürfte bis heute die Schul-Erinnerung so manches gestandenen „Edelholzes“ begleiten. Etwas unnahbar und streng, aber pädagogisch kompetent und geradlinig wohlmeinend ist auch sie – gewollt oder nicht – zu einer klassischen „Helmhöltzerin“ geworden. Ihr Erscheinen und ihr anhaltendes Interesse an der Schulentwicklung und ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern haben der Verbrückung der Generationen und der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme gutgetan. Mag sich das Bildungswesen – wie es auch im Vortrag innerhalb des Festakts zu erfahren war – didaktisch und inhaltlich weit nach vorn bewegt haben, so bleiben uns doch nach wie vor das alles überdauernde rätselhafte Ohmsche Gesetz oder die fürs wirkliche Leben unnötig anmutenden Logorhythmen und Winkelfunktionen. Und es bleibt ganz einfach der Wunsch nach Lehrerinnen und Lehrern mit Herz und hohem Berufungsgrad.
Der Festakt erfüllte dann in allen Belangen die Erwartungen. Ein Programm mit anspruchsvollen Musikdarbietungen, Vorträgen und Interviews unterstrich Niveau und Vielfalt an der Schule und gab Einblicke in die Entwicklung jener Einrichtung in der heutigen Kurfürstenstraße und über das heutige Bildungs- und Kulturangebot. Nicht umsonst ist die ehemalige EOS IV zur anerkannten Europa-Schule geworden, obwohl sie ja nicht nur auf unserem Kontinent, sondern auch jenseits des Atlantiks in Erscheinung tritt. So bedauerlich dann die kurzfristige Absage von Ministerin Johanna Wanka als Hauptrednerin für diesen Festakt für die Organisatoren und Besucher zunächst scheinen mochte, gaben doch die Interviews mit der aktuellen Rektorin Grit Steinbuch oder dem Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jacobs Würze und Information. 
Hat in diesen Tagen, in denen das Helmholtz-Gymnasium eine ganze Festwoche das Jubiläum eines 275-jährigen Bestehens beging, zum nächsten runden Datum vorausgedacht? In 25 Jahren wird es heißen: 300 Jahre Helmholtz-Schule, es ist das Jahr 2039, der Abiturienten-Jahrgang 1968 ist dann fast 90 Jahre alt. Es werden gewiss nicht mehr alle leben, aber jener Geist und jene Erinnerungen, die uns die Schulzeit in die Herzen gepflanzt hat, werden auf jeden Fall weiterbestehen. Helmhöltzer sind Edelhölzer, sie leben im Zeichen der Eule. Es ist das, was sie in ihrer Unterschiedlichkeit verbindet und auch in den kommenden Zeitläuften vereint und versöhnt.                 Winfried Taublitz 

Das Buch zum Jubiläum:
Dr. Dieter Rauchfuß: Tradition und Innovation,
298 Seiten, 13 Euro, keine ISBN
Zu beziehen bei: Helmholtz-Gymnasium Potsdam, Kurfürstenstraße
Buchhandlung „Internationales Buch“, Brandenburger Straße 41, Potsdam



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A u g u s t    2014

Vom Entstehenund Sterben eines Romans in der DDR

Über das Leben unddas Schicksal des Schriftstellers Erich Loest
Ein Gastkommentar von Dr. J.B. Bilke

Am27. Mai 2014 hielt Dr. Jörg Bernhard Bilke im DüsseldorferGerhart-Hauptmann-Haus einen von viel Mitgefühl und großer Sachkenntnisgeprägten Vortrag über den Schriftsteller Erich Loest, der wegen seines fortgeschrittenenKrankheitszustandes im vorigen Jahr im Alter von 87 Jahren seinem Leben einEnde gesetzt hatte, wobei Jörg Bilke zugleich auf sein eigenes Haftschicksalund seine jahrzehntelange freundschaftliche Verbindung mit Loest zurückkommenkonnte.
 

Dass Erich Loest seit Jahren ziemlichkrank war, das wusste man. Die sieben Zuchthausjahre in Bautzen 1957/64 wegen„konterrevolutionärer Gruppenbildung“ hatten an seiner Gesundheit gezehrt, zweiDrittel seines Magens waren ihm im Lauf der Zeit herausgeschnitten worden. DieArztbesuche und Krankenhausaufenthalte häuften sich.Noch in seinemvorletzten Roman „Sommergewitter“ von 2005 setzte er sich mit demArbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 auseinander, der in der DDR-Literatur sonstals „konterrevolutionärer Putschversuch“ denunziert wurde. Damals wussteich noch nicht, dass es in Ostberlin, Halle, Leipzig eine „antistalinistischeOpposition“ gegeben hatte, die über die Zukunft des Sozialismus und dieAbsetzung Walter Ulbrichts diskutiert hatte.Ein halbesJahrhundert später hat Erich Loest in seinem Buch „Prozesskosten“ (2007) seineErinnerungen an das Jahr 1956 aufgeschrieben. Im Herbst 1960erfuhr ich von Gerhard Zwerenz und seinem Buch „Ärgernisse von der Maas bis andie Memel“. Dieses Buch eines DDR-Flüchtlings, wühlte mich auf, zumal dortmehrmals auch Erich Loest, Günter Zehm und Hans Mayer erwähnt wurden. Als Zwerenzerfuhr, dass ich im September zur Leipziger Buchmesse fahren wollte, meinte er:„Wenn Sie Annelies Loest besuchen, dann grüßen Sie von mir. Erich kann, wenn erentlassen wird, bei uns wohnen, ich habe auch einen Verlag für ihn. Wenn Sieaus Leipzig zurück sind in Mainz und genügend Material beisammen haben, dannsollten Sie einen Artikel über Erich Loest schreiben.“Am 6. September1961 fuhr ich mit meinem Motorrad nach Leipzig, am 9. wurde ich auf demKarl-Marx-Platz verhaftet. Die Begründung des Haftrichters lautete: „Im Auftragdes Verräters Zwerenz suchte er die Frau des Konterrevolutionärs Loest auf.“ Am22. Januar 1962 wurde ich vom Bezirksgericht Leipzig zu dreieinhalb JahrenZuchthaus verurteilt. Nach mehreren Zwischenstationen traf ich am 2. September1962 im Zuchthaus Waldheim ein. Ich wurde am 25. August 1964 aus dem ZuchthausWaldheim freigekauft. Wir waren damals 800 DDR-Häftlinge, für die dieBundesregierung in Bonn 32 Millionen Westmark bezahlt hatte. Erich Loest wurdevier Wochen später, am 24. September, in die Oststraße 5 nach Leipzigentlassen. Es sollten noch 13 Jahre vergehen, bis wir uns gegenüber standen.Als ich im Herbst 1977 erfuhr, Erich Loest läse an der Universität in Osnabrück,war ich Redakteur bei der WELT in Bonn. Als ich dort den Saal betrat, lief dieLesung bereits. Es muss der Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“gewesen sein. Ein in jeder Beziehung, auch heute noch, aufregendes Buch über denLeipziger Werkzeugmacher Wolfgang Wülff, der sich aus Staatsverdrossenheitjedem politischen Anspruch verweigert, woran dann auch seine Ehe scheitert. Esist ein wunderbares, mit DDR-Realität gesättigtes Buch, das 95.000 potenzielleDDR-Leser in den Buchhandlungen vorbestellten, das aber anfangs nur in einerAuflage von 9000 Exemplaren erschien, und 1979 nochmals mit 10.000 Exemplaren.76.000 Leser gingen leer aus und versuchten dann, über Westverwandtschaft oderFreunde ein Exemplar der 1978 in Stuttgart erschienenen Westausgabe zubekommen. Einbeispielloser Vorgang: Über das Schicksal dieses Romans hat Erich Loest 1984,als er schon drei Jahre in Osnabrück lebte, ein Buch veröffentlicht „Der vierteZensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR“. Ein für dieGeschichte der DDR-Literatur ungemein wichtiges Dokument, weil man hier den Wegeines Manuskripts vom Schreibtisch des Autors durch alle Zensurinstanzen biszum Verkaufstisch in den Buchhandlungen nachverfolgen kann. Das Schicksaldieses Buches erfüllt den Leser noch nachträglich mit Zorn und Ingrimm. Hiersollte ein Autor, der bewiesen hatte, wie gut er schreiben konnte, ausmachtpolitischen Gründen entwürdigt und niedergemacht werden. Es gibt nurwenige Zeugnisse über den erniedrigenden Umgang mit Literatur im SED-Staat. Siegmar Fausthat mir 1976 in Lüneburg erzählt, wie er in der Papierfabrik von Heidenau,wohin er strafversetzt worden war, miterleben musste, wie aus Westpaketenbeschlagnahmte Literatur, Romane von Heinrich Böll und Siegfried Lenz, zu Pappeverarbeitet wurde. Aber zurück zuErich Loests Dokumentation „Der vierte Zensor“. Die 1984 in Köln erschienene Ausgabewar auch ein Produkt der Zensur, der Selbstzensur des Autors, der nochzahlreiche Freunde in Leipzig und anderswo hatte, die es zu schützen galt.Hätte man sie gekannt, wären sie verhaftet und wegen „Sammlung von Nachrichten“oder „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ vor Gericht gestellt worden. DieDDR hatte für jede Lebensäußerung ihrer Bürger Strafrechtsparagrafen. Kritik anDDR-Zuständen galt als „staatsfeindliche Hetze“ und wurde mit Zuchthausbestraft. Im Jahr 2003,als die Mauer längst gefallen war, erschien eine erweiterte Neuauflage desBuches „Der vierte Zensor“ mit neuem Untertitel „Es geht seinen Gang“. Zurück nachOsnabrück: Nach seiner Lesung im Herbst 1977 sprach mich Erich Loest an: „Dubist also der Unglücksrabe, der 1961 nach Leipzig gefahren ist?“ Ein Jahrspäter, ich arbeitete inzwischen bei INTER NATIONES, der Kulturabteilung desAuswärtigen Amtes, trafen wir uns in Bonn.
                                                                             Dr. Jörg Bernhard Bilke   


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O K T O B E R   2013

Zeitzeugenarbeit in NRW                   

Ein bisschenGruseln ließ sich nicht vermeiden
DerRedakteur der Freiheitsglocke Alexander Richter wurde im Oktober 2013 zu einem Vortrag in die Justizvollzugsanstaltvon Köln-Ossendorf eingeladen – die Resonanz war erstaunlich / von
Winfried Glaubitz

"Die Verwahrten haben heutzutage mehr Platz ,sie werden ausreichend verpflegt, sie haben die Möglichkeit des Kommunizierens, und ihnen sind die Medien zugänglich. All das ist den Gefangenen in der DDR kategorisch verweigert gewesen."

Mit gänzlich neuen Erfahrungen wartetedas Zeitzeugenprojekt der VOS in NRW im Oktober auf. Traten die Teilnehmer des Projekts bisher vornehmlich an Schulen oder studentischen Bildungseinrichtungenauf, so ergab sich für den 15. des Monats eine Anfrage aus derJustizvollzugsanstalt Köln- Ossendorf, einer Einrichtung, die am Rande der rheinländischen Metropole liegt und in der in den 1970er Jahren auch inhaftierte Mitglieder von terroristischen Gruppierungen verwahrt wurden.
   Wie viele und welche Art von Gefangenen aktuell in dieser JVA Strafen abzubüßen haben, war konkret nichtin Erfahrung zu bringen. Dies wäre als Information für das Zeitzeugenprojektauch nicht vorrangig gewesen. Von Bedeutung ist vielmehr die Tatsache, dass der Vollzug nicht nur der Verbüßung von Haftstrafen dient, so wie es einstmals als drastische Form für politisch und kriminell Verurteilte in der DDR galt, sondern dass Resozialisierung und Weiterbildung, sofern die Bereitschaft bei den Verwahrten vorhanden ist, perspektivisch die Grundanliegen sind.
   Innerhalb des Resozialisierungskonzepts erhalten die Häftlinge auch die Möglichkeit, am schulischen Unterricht teilzunehmen und Abschlüsse wie das Abitur zu erreichen. Der Aufwand, der hierfür seitens der JVA und auch der zuständigen Bildungseinrichtung betrieben wird, ist nicht eben gering. Müssen doch die entsprechenden Sicherheitsvorschriften für Bus-Transporte, Räumlichkeiten und Bewachungder Verwahrten eingehalten werden. Hierzu bedarf es geschulten, zuverlässigen Personals und hinreichender technischer Voraussetzungen.
  Vor allem wäre dieses Bildungsangebot nicht möglich, hätte nicht das Abendgymnasium Köln das Angebot gemacht, die lernwilligen Inhaftierten in sein Bildungsprogrammaufzunehmen und eine Abiturklasse für die JVA einzurichten. Somit wurde das Abendgymnasium für die Lehrveranstaltung der eigentliche Projektpartner des Zeitzeugenteams. Besonders hervorzuheben wäre dabei der Einsatz von Fachlehrerin Frau Silvia Rösgen-Tervooren, die sich sowohl um das Zustandekommen der Veranstaltung wie auch um die Teilnehmer aus der JVA mit Nachdruck bemüht.
   Dies durfte auchFg-Redakteur Alexander Richter erfahren, der auf Anforderung als Referent fürdie Unterrichtsstunde im Fach Geschichte/ Politik für eine Doppelstunde zum Vortrag über das Thema DDR-Verfolgung-Haft-Freikauf eingeladen worden war. Für Richter war dies zugleich eine Rückkehr an eine Stätte, die er – unter vielschlimmeren Bedingungen und aus heute unvorstellbaren Gründen – in der DDR als rechtloser Insasse hatten kennenlernen müssen. Ein bisschen Gruseln war daher nicht zu vermeiden, trotz der Gewissheit, den „Knast“ nach etwa zwei Stundenwieder verlassen zu können.
   Immerhin hatte vieles vom äußeren Erscheinungsbild durchaus Ähnlichkeit mit den Gebäudestrukturen eines DDR-Knastes, wobei zu berücksichtigen ist, dass beispielsweise das Zuchthaus Brandenburg noch vor der Zeit der Weimarer Republik errichtet wurde und hier unter der Herrschaft der SED keine baulichen Veränderungen zur Verbesserung der Haftbedingungen erfolgt waren. Im Gegenteil, wurden die Zellen in der DDR-Diktatur mit einer unzumutbaren Zahl von Häftlingen belegt. Dort, wo damals 36 Häftlinge auf engsten Raum gepfercht waren, haben in Brandenburg jetzt maximal zwei Verurteilte ihr Revier.
  Ungeachtetdessen, eingesperrt zu sein ist damals wie heute kein brauchbares Lebensgefühl. Und die schweren Eisentüren, die Fangnetze hinter den Geländern und die hallenden Schritte und Rufe in den unendlich lang scheinenden Fluren mindern die Lebensqualität beträchtlich. So gesehen gilt die alte Erkenntnis: Knast ist Knast.
   Inhaltlich sind die Verhältnisse allerdings völlig unterschiedlich. Der bundesdeutsche Rechtsstaat hat für Modernisierungen und für Möglichkeiten der Sozialisierung gesorgt. Dazu haben letztlich auch Gerichtsentscheidungen beigetragen – für die DDR undenkbar. Die Verwahrten haben mittlerweile mehr Platz, sie werden ausreichend verpflegt, sie haben die Möglichkeit des Kommunizierens, und ihnen sind die Medien zugänglich. All das ist denGefangenen in der DDR kategorisch verweigert gewesen. Es herrscht keine Kleiderordnung wie im Sozialismus, wo die Häftlinge schäbigste, ausgemusterte Uniformen, in denen gelbe Streifen eingelassen waren, und klobige Schuhe tragen mussten. Würde es all diese Modernisierungen nicht geben, hätte diese außergewöhnliche Unterrichtsstunde in der JVA Köln- Ossendorf nicht stattfindenkönnen.
   Wie muss sichjemand, der oder die keinerlei Kenntnis über die Reglungen im Strafvollzug hat,nun eine derartige Unterrichtstunde im Knast vorstellen? Wie kommt man als Besucherin ein solches Objekt hinein? Voraussetzung für das Betreten ist, dass man angemeldet ist und bei Erreichen des Objekts ein Anmeldeformular ausfüllt, das zusammen mit dem Ausweis abgeben werden muss.
   Es folgt ein kurzer Aufenthalt in der Schleuse, anschließend werden die elektronisch betriebenen Gegenstände wie Fotoapparat, Mobiltelefon oder Notebook in einem Schließfach verwahrt. Der nächste Schritt ist die Kontrolle des mitgeführten Handgepäcks. Dies geschieht ähnlich wie am Flughafen mittels Durchleuchtung. Fast gar nicht kontrolliert werden bzw. wurden die mitgeführten Bücher.
   Kann man alsogegebenenfalls verbotenen Lesestoff, etwa Hetzliteratur, in einem falschen Buchdeckel, einschmuggeln?
   Die Frage bleibt unbeantwortet. Hinter derEinlassschleuse erwarten einen die in der Anstalt tätigen Personen. In diesem Fall waren dies die Lehrerin und ein Wachbeauftragter (ohne Uniform). Nach dem Marsch durch endlose Flure und eine große Zwischenhalle erfolgte der Einlass in den Klassenraum, in dem nach und nach die Schüler eintrafen. Wobei anzuführen ist, dass es sich nicht nur (!) um männliche Häftlinge handelte, sondern der Abiturklasse auch Frauen angehören und somit eine Veranstaltung vor „gemischtem Publikum“ stattfand. Eine Überraschung, und doch gab es keine Bedenken. „Das Verhalten der Klasse war tadellos“, urteilte Richter nach dem Vortrag. „Es ist beeindruckend, dass die Verwahrten trotz der ansonsten vorgegebenen Geschlechtertrennung so fair und kameradschaftlich miteinander umgehen und sich auch während des Vortrags diszipliniert verhielten. Für DDR- Verhältnisse wäre das schwer denkbar gewesen.“ Beeindruckend war nicht nur das soziale Verhalten der Schülerinnen und Schüler. Auch das Frage- und Wissenspotenzial erwies sich als äußerst profund und war durch Kreativitätund geistige Frische gekennzeichnet. Es zeigte sich eine ernsthafte Einstellung zu den schulischen Aufgaben, aber auch eine qualitativ solide Vermittlung des Unterrichtsstoffes durch die Lehrkräfte war sichtbar. Ganz sicher hatten die inhaftierten Schülerinnen und Schüler ihre Chance, das Abitur nachzuholen, begriffen. Von jenem anderen DDR-Grundsatz „Knast stumpft ab“ war rein gar nichts zu spüren. Es wurde nach vielen Dingen gefragt: Politische Zusammenhänge, geschichtliche Allgemeinplätze, Haftbedingungen und vor allem Persönliches. Einige Antworten versetzten die Anwesenden dann zusehends ins Staunen. Die Beschwerlichkeiten, sich in der DDR-Haft in medizinische Behandlung zu begeben, die völlig fehlenden Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die Willkür-Behandlung durch das Wachpersonal, zu der auch offene Gewaltanwendung gehörte, sind nur einige Beispiele, die genannt wurden. Auch die Schilderung der DDR-Lebensläufe veranlassten die Hörer zum Staunen und Nachfragen. „In der DDR war in Sachen Bildung nichts dem Zufall überlassen, man hatte eigentlich keinen persönlichen Spielraum und wurde nach der Grundschule in einen weiterbildenden Schulzweig geschoben, der einem keineswegs liegen musste.“
   Und dann? Nach der Entlassung aus dem Knast? – Auch diese Fragen wurden gestellt. Die Antwort fiel vielleicht nicht so aus wie erwartet. „Nach der Ankunft im Westen überkam einen nicht unbedingt die Euphorie, die man vielleicht erwartet hätte. Vielmehr gab es ein seelisches Loch“, Fg-Redakteur Richter erinnerte sich mit bedenklicher Miene an jene Zeit, mit der er die Umstellung von der totalen Überwachung im Knast zur totalen Freiheit und Selbstverantwortlichkeit im Westen, in der Anonymität der Großstadt West-Berlin und nunmehr mit der Mauer – jetzt von der anderen Seite – im Blick, kennzeichnete.
   Auch die Frage, mit welcher Einstellung man eine mehrjährige Haftstrafe, wie sie die meisten hier zu verbüßen haben, durchstehen und was einem Kraft und Mut geben kann, wurde gestellt.
   Die Antwort hatte mehrere Facetten: Nicht aufgeben und an das Leben in der Freiheit denken, dasja irgendwann kommen wird. Und schon jetzt darauf achten, dass man nicht den Anschluss an die Gesellschaft verliert und möglichst genau über das Leben außerhalb der Gefängnismauern informiert bleiben – umso leichter wird es, nachder Entlassung aus der Haft in ein neues Leben zurückzufinden.  


Das Foto (© fmt Verlag/AR)zeigt die JVA Köln-Ossendorf
von außen. Innerhalb des Gebäudes konnte nicht
fotografiert werden.

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April 2013
Eisern, unnachgiebig, antikkommunistisch
Margaret Thatcher war als britische Premierministerin eine Klasse für sich
 

Sie war als Spitzenpolitikerin eigentlich nur für ihre Insel geeignet. Margaret Thatcher, die von 1979 bis 1990 britische Premierministerin war. Was sie vor allem kennzeichnete, waren ihre Selbstüberzeugtheit, die Durchsetzungskraft und die Eindimensionalität ihres Denkens und Handelns. Während sie wegen ihrer sozialen Härte im eigenen Land auf massive Kritik und Anfeindungen stieß, war sie in den Zeiten des Kalten Krieges und der Teilung der Welt in Ost und West ein Glücksfall für die Demokratien. Gleich dem zur selben Zeit wie sie regierenden US-Präsidenten Ronald Reagan war sie kompromisslos und angriffsbereit, wenn es gegen das von Moskau beherrschte „sozialistische Weltreich“ ging, und sie geizte hier nicht mit klaren Worten und Erklärungen zur Verteidigungsbereitschaft der gesamten westlichen Pfründen. Der prompte militärische Einsatz im Konflikt um die Falkland-Inseln bewies einmal mehr, dass sie ihren Worten durchaus Taten folgen lassen konnte. Egal, dass sie mit der strategischen Übersichtlichkeit und der politischen Intelligenz eines Ronald Reagan nicht mithalten konnte, war sie doch immer an seiner Seite, wenn es galt weitreichende Entscheidungen mitzutragen. Dass wir als Deutsche unsere Einheit eher den amerikanischen Spitzenpolitikern als der „Eisernen britischen Lady“ zu verdanken haben, ist indessen auch bekundet. Thatcher hatte in ihrer direkten Art unmissverständlich erklärt, dass sie sich nicht unbedingt ein wiedergeeinigtes Deutschland wünschte. Allerdings hatte sie da sowohl den mehrheitlichen Willen des deutschen Volkes und die nicht minder bemerkenswerte Durchsetzungskraft ihres deutschen Amtskollegen Helmut Kohl unterschätzt.     A. R. 

 Willst du eine Rede hören,
so gehe zu einem Mann.
Willst du Taten sehen,
dann gehe zu einer Frau
.
                    Margaret Thatcher


A P R I L    2 0 1 3

Französische und polnische Gäste sind sich einig: hoch interessant! NRW-Zeitzeugenprojekt erzielt mit Mauer-Ausstellung hohen Wirkungsgrad


 
Saerbeck (Westfalen) Für eine erhebliche Erweiterung des Wirkens des Zeitzeugen-Projekts der VOS in Nordrhein-Westfalen sorgte die Plakatausstellung „Die Mauer“, die aus insgesamt zwanzig Exponaten besteht und bereits seit Längerem im Foyer des Rathauses der Gemeinde Saerbeck in der Nähe von Münster zu sehen war. Wie bereits in früheren Fg- Ausgaben berichtet, wurde die Plakatsammlung durch das Zeitzeugen-Projekt als Eigenbesitz angeschafft und wird nun an Orten gezeigt, die eine möglichst breite Publikumswirksamkeit versprechen. Dies ist in Saerbeck, wo die Ausstellung nun zum dritten Mal gezeigt wurde, möglich, zumal in diesem Falle mehrere interessante Zeitzeugenveranstaltungen stattfanden, die jeweils vom Fg- Redakteur Alexander Richter gestaltet wurden. Nunmehr erreichten diese Veranstaltungen eine neue Qualität, indem nun auch intensiv ausländische Besuchergruppen einbezogen wurden.

So besuchte am 12. April 2013 eine aus 35 Jugendlichen, zwei Lehrerinnen und einer Übersetzerin bestehende Gruppe aus Osnabrück die Ausstellung und ließ sich vom Fg-Redakteur innerhalb zweier Sunden die Zusammenhänge und viele Details der deutschen Nachkriegsgeschichte erklären. Die Schautafeln, auf denen Abschnitte und Eckpunkte der Teilung Deutschlands dargestellt sind, boten dazu ein brauchbares Gerüst, das auch zu Fragen und Erläuterungen der Betrachter Gelegenheit gab und durch überaus authentische Antworten und Schilderungen des Vortragenden einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Unbedingt zu erwähnen wäre, dass es sich hier zum einen um Jugendliche des Berufsschulzentrums Osnabrück handelte, dem insgesamt etwa 3.000 Schülerinnen und Schüler angehören. Zum anderen gehörten der Gruppe polnische Jugendliche an, die im Rahmen eines zweimal pro Jahr betriebenen Jugend-Austauschprojekts aus der Stadt Rawicz angereist waren und sowohl den Ausführungen des Zeitzeugen zu seiner eigenen Erlebnissicht wie auch seinen Erklärungen hinsichtlich der Tafeltexte und der Fotos mit erstaunlichem Interesse folgten. Dass die Generationen, die nach 1990 geboren sind, die demokratische Freiheit, die zugleich mit der in Deutschland auch in Polen einzog, genießen können, ist für alle selbstverständlich. Wenig Informationen liegen indessen vor, mit welchem Leid und welcher Härte der heutige Zustand erkämpft werden musste, welche Opfer gebracht wurden. Richter erläuterte anschaulich die zahlreichen Arten, mit denen versucht wurde, die Mauer zu überwinden. Durch Tunnel, in Heißluftballons und Landwirtschaftsflugzeugen oder auf Luftmatratzen über die Wasserwege. Er schilderte, wie ein ehemaliger Mithäftling mit seiner Familie im Schlauchboote über die Ostsee flüchten wollte und außerhalb der Dreimeilenzone von einem Grenzboot abgefangen wurde. Im letzten Moment ließen die Flüchtlinge ihr mitgeführtes Gut, darunter 40.000 DDR-Mark, ins Wasser gleiten. Das Geld und alles andere waren verloren, für immer. Bei der Thematik der Mauertoten verweilte Richter etwas länger, wobei er den Fall des 17-jährigen Peter Fechter und den von Chris Gueffroy näher erläuterte. Fechter war 1962 zwischen den Grenzzäunen verblutet, nachdem er beim Übersteigen des Zaunes angeschossen worden war. Es wäre Zeit gewesen, ihn zu retten und sein Leben zu erhalten. Chris Gueffroy gilt als letztes Mordopfer an der Mauer. Er wurde im Februar 1989, obwohl er sich bereits gestellt hatte, von Schüssen der Grenzposten in den Rücken getroffen und starb. Auch dies – wie so viele andere – ein absolut unnötiger Tod.



Für die jungen Menschen, sowohl aus Deutschland wie aus Polen, war es unvorstellbar, in einer Diktatur aufwachsen zu müssen, keine Reise- und Meinungsfreiheit zu haben und immer die Furcht vor unsichtbarer Verfolgung haben zu müssen. Richter nannte als Beispiel die aus Polen stammenden Fußballspieler des Vereins Borussia Dortmund, die in Deutschland äußerst beliebt sind und andererseits den deutschen Fußball in Polen beliebt gemacht haben. Ein Einsatz von polnischen Spielern ist heute unkompliziert und ein normaler Vorgang. Das war zuzeiten der kommunistischen Diktaturen nicht so. Lobenswert auch das Interesse der initiierenden Lehrerinnen, die nun eine Weiterführung der hautnahen Geschichtslehrstunde planen und den Ankauf der Ausstellung seitens der Bildungseinrichtung selbst angedacht haben. Vorgesehen ist dann auch, die im Projekt tätigen Zeitzeugen einzubeziehen. Ebenfalls am 12. April veranstaltete Alexander Richter eine einstündige Führung durch die Mauerausstellung mit einer 27-köpfigen Reisegruppe aus dem französischen Ferriere. Dieser Ort ist durch eine Partnerschaft mit Saerbeck verbunden, wobei es regelmäßige gegenseitige Besuche gibt. Die Partnerschaft dient der Festigung des europäischen Gedankens und dem gegenseitigen Kennenlernen der Länder. So wurde von den französischen Gästen diesmal eine mehrtätige Ausflugstour nach Berlin unternommen, wo insbesondere die Geschichte der Teilung der Stadt und des Mauerfalls von vorrangigem Interesse war. Daher war die Führung durch die Ausstellung ein willkommen informatives Einleiten für die Betrachtungen vor Ort. Dies drückte sich auch im intensiven Interesse der Gäste aus, die trotz bereits vorhandener geschichtlich politischer Kenntnisse die Ausführungen des Fg-Redakteurs geradezu einsaugten und zur Erinnerung die einzelnen Tafeln fotografierten. In Frankreich erlebten die Menschen den Fall der Mauer mit großer Anteilnahme mit. Man weiß, was passierte, und man kennt die Gesichter von Honecker, Mielke und Krenz, die diese Ausstellung ebenfalls „zieren“. Mielke, den man doch wegen der Verfolgung politischer Gegner hätte aburteilen sollen, war wegen eines noch in der Weimarer Zeit begangenen Verbrechens (milde) verurteilt worden. Egon Krenz, abgehalfterter SED-Kronprinz, verbrachte eine angenehme Haftzeit mit Freigang, Laptop und Pressekontakten. Beide Führungen zeigten, welche Bedeutung das Zeitzeugenprojekt (nicht nur für Deutschland) hat und welche Möglichkeiten sich durch die Einbeziehung der Ausstellungexponate ergeben.                                                    Valerie Bosse



M Ä R Z  2013

Vor nunmehr dreißig Jahren im Sonderzug nach Pankow

Gitarren statt Knarren – der super Hit
„DDR-Oberindianer“ vom „Jodeltalent“ nach Strich und Faden vorgeführt 

Udo Lindenberg hatte das drauf: Er hat den Erich aus Pankow so richtig vorgeführt. Seine Schlagerzitate „Du schließt dich doch auch ein auf’m Klo und hörst heimlich Westradio“ oder „Hello Erich, kannst mich hör’n, hallo Honni hello“, die er vor nunmehr dreißig Jahren mit einem Sonderzug nach Pankow schickte, haben bis heute kein bisschen an Originalität und politischer Aussage verloren. Selten nämlich ist ein Staatsmann so leicht und frech vorgeführt worden wie der damalige SED-Chef Erich Honecker. Und das sowohl vor der eigenen Bevölkerung wie auch vor der internationalen Kulisse. So blieb dem Polit-Greis nichts anderes übrig, als das süßsaure Lächeln aufzusetzen, das diesen durchweg humorlosen Politiker zeit seines politischen Wirkens begleitete. Zugleich wurden seine Lippen noch schmaler als bisher, das ganze Gesicht glich einer Zitrone.
Für mich war es damals unmöglich, den „Sonderzug nach Pankow“ zu hören. Der fetzige Schlager erschien im Februar oder März 1983, als ich total abgeriegelt in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in der Potsdamer Lindenstraße dahinvegetierte. Ich wusste nicht mal, dass er existiert. So wie man von allen anderen Vorgängen im Land auch nichts erfahren durfte – man hatte ja nur das nd, das übrigens heute noch erscheint.
Ein halbes Jahr später kam der Sänger Udo Lindenberg nach Ost-Berlin in den Friedrichstadtpalast. Da war ich in Brandenburg im Zuchthaus. Auch das durfte ich nicht im TV mit ansehen. Erst heutigentags, wenn die Rückblicke laufen, sieht man den etwas eingeschüchterten Lindenberg auf der Bühne und im Publikum die ideologisch gedrillte FDJ-Kolonne, während die Ost-Polizisten und Stasi-Leute die wahren Fans abdrängen und attackieren.
Wenn ich den „Sonderzug“ heute im Radio höre, drehe ich auf jeden Fall die Lautstärke hoch.   A. R.


 D E Z E M B E R   2012

Manchmal hab ich an der Grenze vor Anspannung gezittert
Fluchthilfe war ein Job, der Mut verlangte und einem vor allem nervlich alles abverlangte 

Ein Interview mit dem ehemaligen Fluchthelfer Hartmut Richter
, der während der Teilung Deutschlands 33 DDR-Bürger - Frauen, Kinder und Männer - auf dem Transitweg in den Westen geschleust hat und nach seiner Ergreifung zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Frage: Lieber Hartmut Richter, du bist als ganz junger Mensch unter ex­tremer Lebensgefahr aus der DDR geflüchtet. Wie und wo hattest du es versucht? 

Hartmut Richter: Ich habe es zweimal probiert. Der erste Fluchtversuch im Februar 1966 über die CSSR nach Österreich war gescheitert. Durch einen geheuchelten, reumütigen Brief an meine Eltern kam ich mit einer Bewährungsstrafe davon und musste anschließend noch mehr heucheln, Bekenntnisverpflichtungen abgeben, die Stiefel küssen, von denen man getreten wird.

Frage: Beim zweiten Mal hast du einen äußerst gefahrvollen Weg eingeschlagen Hast du später jemals darüber nachgedacht, dass das leichtsinnig und verantwortungslos gewesen sein könnte?

Hartmut Richter: Es war gleich wieder 1966, und zwar im August. Ich wusste trotz meiner Jugend, worauf ich mich eingelassen hatte. 

Frage: Später bist du zum Fluchthelfer geworden. Gefahr und Nervenkitzel dürften nicht geringer gewesen sein als bei der eigenen Flucht? 

Hartmut Richter: Ich wollte nach meiner eigenen gelungenen Flucht im August 1966 durch den Teltowkanal anderen Menschen auf ähnliche Weise aus der DDR heraus helfen, sah dies aber angesichts der Realität als zu gefährlich für Leib und Leben an.  

Frage: Als DDR-Flüchtling hättest du eigentlich nicht mehr in die DDR einreisen dürfen. Wann hat dich die DDR ausgebürgert,und wie war das für dich? 

Hartmut Richter: Als sich die DDR unter Honecker um Aufnahme in die UNO und somit um internationale Anerkennung bemühte, hat sie 1972 ehemalige Flüchtlinge aus der Staatsbürgerschaft, die ja wohl eher eine Leibeigenschaft war, per Amnestie entlassen. Mit Inkrafttreten des Transitabkommens 1972 änderte sich die Situation. Es bot sich auf einmal die Möglichkeit, Menschen ohne Gefahr an Leib und Leben aus der DDR herauszuhelfen. DDR-Bürger mussten nur unbemerkt in Kofferräume Transitreisender gelangen. Ich hätte mich damals gern im Kofferraum eines Transitreisenden versteckt, um nicht die lebensgefährliche Durchquerung des Teltow-Kanals auf mich nehmen zu müssen. 

Frage: Öffentlichen Meldungen zufolge hast du 33 Personen geschleust. Hast du immer die gleiche Methode angewandt, die gleichen Wege und dasselbe Fahrzeug genommen? 

Hartmut Richter: Die Aufnahmeorte habe ich stets gewechselt. Das gab mir etwas mehr Sicherheit.  

Frage: Wie starke Nerven musste jemand haben, der diesen risikoreichen Job gemacht hat? Bist du von Natur aus so belastbar oder hast du womöglich Beruhigungsmittel genommen? 

Hartmut Richter: Ich war fast immer total nervös, bevor ich die Flüchtlinge im Kofferraum hatte. Aber danach wurde es auch nicht viel besser. Um ruhig zu wirken, nahm ich tatsächlich manchmal Beruhigungsmittel und rauchte demonstrativ viel. 

Frage: Wie sehr haben die Leute, die du mitgenommen hast, gelitten? Dachtest du manchmal, dass einer an der Grenze schlapp macht und sich und dich verrät? 

Hartmut Richter: Die Flüchtlinge waren mitunter verständlicherweise noch nervöser als ich. Selbst innerlich nervös, musste ich ihnen jedoch gut zureden und sie quasi in Sicherheit wiegen. Im Teltowkanal hätten sie mich abknallen können. Da war ich aber nur für mich verantwortlich. Bei den Schleusungen habe ich auch für die anderen mitgelitten. Dafür haben wir uns nach geglückter Flucht aber gemeinsam unvorstellbar gefreut. Es war unglaublich, wie die Freudentränen bei allen geflossen sind.  

Frage: Wie bist du an die Fluchtwilligen gekommen? Hättest du noch mehr Leute schleusen können? 

Hartmut Richter: Das ergab sich einfach so, nachdem ich das Abweichen von der Transitstrecke erfolgreich getestet hatte. In West-Berlin kam man ja ständig mit Menschen zusammen, die Angehörige drüben hatten oder die eine Freundin oder einen Freund aus der DDR rausholen wollten. Der Ablauf musste dann schnell gehen. Hauptsächlich kam es auf die Instruktionen an,wann die Flüchtlinge zusteigen und wie sie sich zu verhalten hatten. Idealerweise brachte ein „DDR- Bürger“ den Flüchtling mit seinem Auto zum Aufnahmeort, und dann fand ein fliegender Wechsel statt. 

Frage: Gab es brenzlige Situationen ander Grenze, bei den Kontrollen, in denen du dir gesagt hast, wenn du diesmal durchkommen solltest, nimmst du keine Fluchthilfe mehr auf dich? 

.Hartmut Richter: Die gab es reichlich. Wenn zum Beispiel Kleinkinder im Kofferraum waren und die gerade dann unruhig wurden, als ich halten musste, um das Transitvisum vorzuzeigen. Mit Johnny Cash „I walk the line“ von Cassette über Autoradio abgespielt, versuchte ich Geräusche zu übertönen. Manchmal hab ich da vor höchster Anspannung gezittert und einmal auch in die Hosen gepinkelt.  

Frage: Als du beim letzten Schleusungsversuch gefasst wurdest, hast du deine Aktivitäten bereut? 

Hartmut Richter: Habe nur bereut, dass ich die Stasi unterschätzt hatte und geglaubt habe, dass sie mich nur in dem Moment erwischen könnten, wenn die Flüchtlinge in meinen Kofferraum steigen. An der Grenze hatte ich weniger damit gerechnet. 

Frage: Wie hast du deine Verhaftung erlebt?  

Hartmut Richter: Ich musste gegen meinen Willen in eine Garage am Grenzübergang Drewitz fahren. Sie ließen einen Schnüffelhund um das Auto laufen. Als der Hund dann auf den Kofferraum sprang, flog ich an die Wand, sie schlugen mir von hinten zwecks Untersuchung zwischen die Beine und ich schrie vor Schmerzen und auch vor Verzweiflung: „Schießt doch, ihr Verbrecher!“ Und das meinte ich auch so.  

Frage: Hattest du den Eindruck, dass dich die Grenzposten und die Stasi als Fluchthelfer besonders hart, mit besonderem Hass behandelt haben? 

Hartmut Richter: Mir waren die Büttel lieber, die mir ihre Ablehnung zeigten. Wer nicht an den Sieg des Sozialismus glaubte, war wohl aus deren Sicht auch ein minderwertiger Mensch. Bei halbwegs freundlichen Verabschiedungen nach den Vernehmungen oder irgendwelchen Gesprächen überlegte ich immer, was ich da überhaupt gesagt hatte.

Frage: Fünfzehn Jahre war die höchste Feststrafein der DDR. Aber bei der Schwere deines Verbrechens hätte es auch zu LL kommen können? 

Hartmut Richter: Es lag daran, dass die Höchststrafe für dieses schwere Verbrechen damals noch 15 Jahre betrug. Später konnte es auch LL - lebenslänglich - geben, das ist richtig. Ist aber wohl nie angewendet worden.

Frage: Hast du von Anfang an mit demFreikauf durch den Westen gerechnet bzw. darauf gehofft? 

Hartmut Richter: Ja, aber auch jene Flüchtlinge, die aus den Kofferräumen geholt wurden, konnten sicher sein, dass man sich imWesten um sie bemüht. 

Frage: Was hast du nach der Haftentlassung gemacht? 

Hartmut Richter: Ich habe mich in Menschenrechtsgesellschaften und Verbänden engagiert. 

Frage: Hattest du früher schon Kontaktzu anderen Fluchthelfern, habt ihr zusammen Aktionen geplant? 

Hartmut Richter: Einige habe ich im Auftrag von allerdings seriösen Fluchthelfern herausgeholt, die zuvor selbst Freunde, Verwandte herausgeholt hatten, selbst also nicht mehr tätig werden konnten. 

Frage: Wie blickst du heute auf alles zurück? Hat sich die Waghalsigkeit dieser höchst gefährlichen Aktionen gelohnt oder hätte dir nicht eine solide berufliche Karriere mehr bedeuten können? 

Hartmut Richter: „Der Mensch ist Produkt seiner Umwelt“, schrieb ein bärtiger Mensch, dessen Theorie zur Religion erhobenwurde. Wie ich heute alten Genossen nicht die Geschichtsdeutung überlassen möchte, wollte ich damals wenigstens einzelnen Menschen aus der Diktatur in die Freiheit verhelfen. Ich wollte mich damals als Sozialarbeiter ausbilden lassen, habe nach der Haftentlassung am 2. Oktober 1980 (Gandhis Geburtstag) eine Ausbildung als Industriekaufmann abgeschlossen. Titel habe ich nie angestrebt, besonders ehrgeizig war ich auch nie. Gearbeitet, um mir etwas leisten zukönnen, hab ich jedoch viel. 

Frage: Als vor nunmehr 23 Jahren die Mauer fiel, was waren deine Gedanken, was hast du am und nach dem 9. November als Erstes getan? 

Hartmut Richter: Da war mir klar, dass jetzt endlich der Anfang vom Ende des Ostblocks begonnen hatte, ich war überglücklich und feierte ohne zu schlafen die ganze Nacht. 

Frage: Wie siehst du die DDR im Rückblick heute? Hat ihre Existenz deiner Meinung nach irgendeinen Sinn gehabt? Hat sie die Schuld daran, dass dir so viele Jahre gestohlen wurden? 

Hartmut Richter: Jede Sieger-Macht hat nach dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland ihre Vorstellungen eines Staates in ihrer Zone kontrolliert umsetzen lassen. Das sogenannte realsozialistische, eigentlich sowjetimperialistische System – es muss demokratisch aussehen, wir müssen aber alles unter Kontrolle haben – hätte man über die alte Bundesrepublik stülpen können. Letzteres war lange meine große Befürchtung. Zum Glück kam es anders. 

Frage: Du tust sehr viel für die Aufarbeitung der Geschichte der Teilung. Arbeitest du damit auch deine eigene Flucht(-Helfer)-Geschichte auf? 

Hartmut Richter: Jede Führung durch Stasiknäste ist auch eine Aufarbeitung des jahrelang Verdrängten. Man sensibilisiert und erreicht doch mehr, als sich gegenseitig zu befehden. 

Interview wurde von Alexander Richter (nicht mit dem Interview-Partner verwandt) und Hugo Diederich geführt. Veröffentlicht in "Freiheitsglocke 721/ Oktober 2012


N o v e m b e r  2012

Zittern für den Weg in die Freiheit
Fluchthilfe – sie war umstritten, aber für viele DDR-Bürger als Weg in die Freiheit unverzichtbar

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande am 29. Oktober 2012 an 15 ehemalige Fluchthelfer aus der Bundesrepublik ist ein Anlass, sich noch einmal mit dem Thema Fluchthilfe für ehemalige DDR-Bürger auseinanderzusetzen. Denn egal, dass für manchen Historiker und auch für den heutigen „Normalbürger“ eher kommerzielle Motive im Vordergrund zu stehen scheinen, überwiegt doch das humanistische Anliegen dieser gefährlichen Aktionen, die quasi mit dem Mauerbau 1961 ihren Anfang nahmen. Immerhin ist vielen Menschen, die über die Transitstrecken oder durch einen Erdtunnel in den Westen gelangten, eine harte Zeit im DDR-Strafvollzug, die ein Ausreiseantrag hätte nach sich ziehen können, erspart geblieben, und manch einer konnte den Gedanken an eine lebensgefährliche Flucht über die Mauer verwerfen.
Ein wesentlicher Aspekt der Fluchthilfe-Aktionen ist auch die Tatsache, dass durch die vielen gelungenen „Schleusungen“ der Beweis erbracht wurde, dass das Grenzsystem der DDR nicht perfekt war und auch die Allmacht von Stasi und Grenzposten keine uneingeschränkte Wirkung hatten. 

Wer zu Zeiten der DDR das Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“ durchblätterte, dem fielen immer wieder kleinere, aber durchaus wirkungsvolle Meldungen auf, die sich mit dem Thema Fluchthelfer befassten. Gemeint waren Bundesbürger, die versuchten Menschen aus der DDR auf illegale Weise in den Westen zu schleusen. Neben den in ihrem Umfang erst Jahre nach dem Mauerfall umfassend bekannt gewordenen Tunnelbauten im Grenzbereich zu West-Berlin konzentrierte sich die Fluchthilfeszene in hohem Maße auf die Nutzung von PKW und Lastwagen. Entweder es wurden für diese Aktionen speziell präparierte Autos genutzt, die meist unter den Rücksitzen einen nach außen nicht sichtbaren Hohlraum hatten oder der Flüchtling stieg an einer unbeobachteten Stelle „einfach“ in den Kofferraum eines westdeutschen PKW und ließ sich darin über die Grenze bringen. Ein angenehmes und angstfreies „Reisen“ war ihr oder ihm freilich nicht beschert. 

Ausgefallene Ideen führten zum Erfolg

Auch mit manipulierten Pässen versuchten Flüchtlinge und ihre Helfer ihr Glück. Dies mochte sicher eine bequemere Form des Reisens gewesen sein, die Angst jedoch war auch hier mit im Spiel. Dass mitunter auch ausgefallene Praktiken zum Tragen kamen, bewies der fast legendäre Schweizer Fluchthilfe-Organisator Hans Ulrich Lenzlinger, der seit den 1960er Jahren von Zürich aus eine Fluchthelfer AG mit kommerziell arbeitender Basis betrieb. Lenzlinger hatte mehrere Leute, die für ihn (und die Flüchtlinge) im Einsatz waren, gegen – wie es heißt – gute Bezahlung angeheuert. In Zeitungsannonce warb er offen mit dem Angebot, gegen Bezahlung Menschen heimlich aus Ostdeutschland zu holen. Eine spektakuläre Schleusung gelang seiner Bande, indem eine junge Frau in einer eigens dafür gezimmerten Kiste in einem Raubtierkäfig gemeinsam mit einer Raubkatze in den Westen geschmuggelt wurde. Die Raubkatze war von einem DDR-Zoo an den Westen verkauft worden und musste dorthin transportiert werden. An der Grenze wagten sich die Posten nicht in den Käfig, sodass die Frau ungehindert in den Westen gelangen konnte.

Fünf Pistolenschüsse für den Bandenchef

Lenzlinger wollte nach eigenen Angaben mindestens 700 Menschen zur Flucht verholfen haben, die Stasi-Akten belegen höchstens ein Viertel davon. Immerhin war der Schweizer für das MfS bis zu seinem Tod ein wesentliches Zielobjekt, über das – wie man inzwischen erfahren kann – diverse Aktenbände angelegt wurden. Ob für den Tod, der den als großsprecherisch betriebenen Fluchthelfer-Boss im Jahr 1979 durch fünf Pistolenschüsse unverhofft ereilte, die Stasi verantwortlich war oder ob sich einer der Flüchtlinge der nachfolgenden Zahlungsverpflichtungen entledigen wollte, konnte bis heute nicht geklärt werden. Fest stand, dass sich die Fluchthelfer ihre humanitären Aktionen großzügig bezahlen ließen. Wie großzügig, darüber gibt es bis heute meist nur unklare Angaben. Immerhin hatte mancher Flüchtling für die Raten, die infolge der Bezahlung des Fluchthelfers im Westen nach der geglückten „Schleusung“ auf sie oder ihn zukamen, noch jahrelang zu kratzen. Es sei denn, es hatte sich vorab ein Gönner gefunden, der die Summe bereitwillig hinblätterte.
Dass man ein Risiko, mit dem die Gefahr einer hohen Haftstrafe verbunden war, nicht umsonst auf sich nehmen konnte, liegt nahe. Denn wer tatsächlich von den DDR-Grenzern gefasst wurde, für den war – auch wenn ihn die Bundesregierung vorzeitig aus der Haft freikaufte – der Neuanfang in einem bürgerlichen Leben nicht einfach. 

Fluchthilfe war immer Thema zu Zeiten der Teilung

Trotzdem war Fluchthilfe auch eine lukrative Tätigkeit. Für ein paar Stunden Angst und hohe Konzentration konnte man das verdienen, wofür sich ein Arbeiter oder Angestellter mehrere Jahre abschuften musste. Schon deswegen blieb sie ein wesentliches Thema im Schnittbereich der Teilung Deutschlands. Namen wie Lampl oder Mierendorf tauchten mehrfach im ND auf. Hier wurden sie als miese Chefs von „kriminellen Vereinigungen“ bezeichnet, und sie – andere Fluchthelfer ebenfalls – lebten im scheinbar sicheren Westen keineswegs ungefährlich. Anschläge, Drohungen und Einschüchterungsversuche waren häufig genug deren Begleiter. Das MfS tat alles, um diese schlimme Art von Staatsfeinden „unschädlich“ zu machen. Und wie schon erwähnt: Wer als Fluchtwilliger an einen kommerziellen Fluchthelfer geriet, für den ergaben sich mittunter jahrelange Ratenzahlungen als „kleines Dankeschön“ für den Weg in den Westen, die der Betreffende jenseits von Mauer und Stacheldraht zunächst nicht ernst genommen hatte. Letztlich war ein Neustart im Westen mit etlichen weiteren finanziellen Verpflichtungen schwer genug. 

Fluchthilfe aus Hilfsbedürfnis und Freundschaft

Andererseits versuchten sich auch „Amateure“ als Helfer. Sie hatten ausschließlich humanistische Beweggründe und wollten ihre Verwandten oder Freunde in die Freiheit des Westens bringen, und das hatte nichts mit Bezahlung oder anderweitiger Verpflichtung zu tun. Zu den noch heute bekannten exemplarischen Fällen zählt der Versuch des Ibbenbürener Pfarrers Niemann, der eine dreißigjährige Frau im Kofferraum seines Audi in den Westen schmuggeln wollte und an der Grenze gestellt wurde. Niemann erhielt drei Jahre und neun Monate Haft.
Hartmut Richter, einer der mit dem Bundesorden geehrten ehemaligen Fluchthelfer, war 1966 selbst auf abenteuerliche Weise aus der DDR „getürmt“. Er hatte zunächst mehr Erfolg. Er brachte zahlreiche Menschen im Kofferraum versteckt in den Westen. Als ehemaliger DDR-Bürger hatte er einen gewissen „Heimvorteil“, denn er kannte sich gut im Straßennetz der DDR aus und verhalf später weiteren Leuten zur Flucht in die Freiheit. Richter stammte aus Glindow nahe bei Potsdam, er schwamm als 18-Jähriger durch den Teltowkanal, wobei er sich einer wohl damals kaum wahrgenommenen Gefahr aussetzte.
Ihm selbst spielte das Schicksal dann auf andere Weise bitter mit: Mit seiner Schwester und ihrem Verlobten wurde er im März 1975 am Grenzübergang Drewitz festgenommen. Zuvor hatte er 33 DDR-Bürgerinnen und Bürger im Kofferraum seines Autos in den Westen gebracht. 

Transitstrecken waren sehr geeignet

Für die Fluchthilfeaktionen in einem Autoversteck boten sich die Transitstrecken, die als Autobahn oder Landstraße von West-Berlin in das Bundesgebiet durch die DDR führten, am besten an. In Städten wie Nauen, durch die die F 5 führte, staute sich beispielsweise an Freitagnachmittagen der Verkehr oft kilometerweit, wodurch absolut unübersichtliche Situationen entstanden, in denen es zu „Kontaktaufnahmen“ zwischen Westdeutschen und DDR-Bürgern kommen konnte und sich auch „Schleusungen“ ungesehen einfädeln und abwickeln ließen.
Im Gegensatz dazu war die Landschaft der Mark Brandenburg wiederum so weitläufig, dass es für die Stasi nicht so leicht war, verdächtige Fahrzeuge – wenn diese hielten oder unerlaubt auf Nebenstrecken auswichen – ungesehen zu überwachen. Wenn man konkrete Absprachen getroffen hatte und nachher rasch handelte, ließ sich unter diesen Bedingungen ein Flüchtling schnell in einem PKW verstauen. Ebenso wurden Parkplätze auf Autobahnen der DDR genutzt.
Dies zeigt, wie wichtig, aber zugleich schwierig die Vorbereitung einer „Schleusungsaktion“ war. Die Planung und die Absprache über Termin und Ort wurde immer durch das Abhören von Telefonen und den Einsatz von IM gefährdet. Die Stasi versuchte mit allen Mitteln vorab Termine und Plätze herauszubekommen, an denen es zur Flucht kommen sollte. Verdächtige, zu denen auch legal „ausgereiste“ DDR-Bürger zählten, standen in der Überwachungsliste des MfS ohnehin weit oben. So konnten Schleusungen sowohl vor als auch während ihrer Ausführung zum Scheitern gebracht werden. Aber auch an den Grenzübergangsstellen, wo durch die DDR-Posten verschiedene technische Mittel – nicht zuletzt aus dem westlichen Ausland eingeführte Wärmekameras – eingesetzt wurden, kam es immer wieder zur Aufdeckung von Fluchthilfe-Aktionen. Die Szenen, die sich dabei abspielten und die Verhöre und Drohungen, mit denen anschließend vorgegangen wurde, waren tragisch und folgeträchtig. Auch vom „sozialistischen“ Ausland aus, insonderheit aus Ungarn, fanden Schleusungen statt.
Wiewohl die Fluchthelfer wie die Flüchtlinge ein hohes Risiko eingingen, ebbten doch die Versuche, Menschen in die Freiheit zu bringen nicht ab. Es gibt keine endgültigen Zahlen über gelungene „Schleusungen“, dennoch sind es viele Frauen, Männer und auch Kinder, die auf diese Weise illegal aus der DDR in die Freiheit kamen. Hartmut Richter, der heutigen tags aktiv an der Aufarbeitung der Geschichte der Teilung Deutschlands teilnimmt und in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Besucherinnen und Besucher durch die Räume führt, hat seinen Orden daher nicht umsonst bekommen. Immerhin, und das mag einerseits makaber erscheinen, war das Risiko, durch Schüsse oder Minen getötet oder schwer verletzt zu werden, bei Fluchthilfeaktionen weitaus geringer als bei dem Versuch, die Mauer im Grenzbereich zu überwinden. Dies belegt die Zahl der Mauertoten.
Die Haftstrafen, mit denen die DDR-Justiz auf vereitelte Fluchthilfeaktionen reagierte, waren mehr als empfindlich und trugen auch nicht nur symbolischen Charakter. Die Vernehmer der Stasi hatten sich schnell auf das Thema Fluchthilfe eingeschossen und brachten mit Spitzfindigkeiten, Drohungen, aber auch mit heuchlerischen Freilassungszusagen die Details zu vorausgegangenen Aktionen heraus. Fast immer kam es zu Urteilen mit zweistelligen Haftstrafen, wohingegen die Fluchtwilligen vergleichsweise „milde“ mit Strafen von 2 bis vier Jahren wegkamen.
Viele der verurteilten Fluchthelfer verbüßten ihre Strafe in der Vollzugsanstalt Berlin-Rummelsburg. So sie freigekauft wurden, wurden auch sie über das Abgangslager in Karl-Marx-Stadt abgeschoben.
Durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an 15 ehemalige Fluchthelfer am 29. Oktober 2012 durch Berlins Innensenator Henkel wurde die teils umstrittene Gruppierung der Fluchthelfer nun offiziell geehrt und respektiert. Zu den Geehrten gehören neben Hartmut Richter weiterhin Hasso Herschel, Dieter Hötger, Hubert Hohlbein, Ralph Kabisch, Klaus von Keussler, Achim Neumann, Ulrich Pfeifer, Achim Rudolph, Wolfhardt Schroedter, Peter Schulenburg, Harry Seidel, Jürgen Sonntag und Rudi. Die Ehrung fand jedoch auch stellvertretend für jene Fluchthelfer statt, die unbekannt blieben oder inzwischen verstorben sind. Hartmut Richter erklärt in seinem facebook-Auftritt, dass er sein Verdienstkreuz ausdrücklich auch den an der Grenze erschossenen Fluchthelfern Dieter Wohlfahrt, Heinz Jercha und Siegfried Noffke und den verstorbenen Fluchthelfern Detlef Girrmann, Dieter Thieme, Bodo Köhler, Reinhard Furrer, Christian Zobel, Egon Hartung, Siegfried Lonscher widmet. Richter, der übrigens nicht mit dem Chefredakteur der seit 150 monatlich erscheinenden Zeitschrift Freiheitsglocke verwandt ist, äußerte seine Genugtuung darüber, dass offenbar bei der Politik in Bezug auf die Fluchthelfer mittlerweile ein Umdenken stattgefunden hat und man sie nicht mehr – wie in den 1970er Jahren – als „Störenfriede der Annäherung“ bezeichnet.    A.R.

Hinweis: Bitte lesen Sie auch das Interview mit Hartmut Richter. 



März 2012
Am Ostseestrand ein Bauwerk steht
Der Koloss von Prora
Prora, wer hätte nicht schon von dem Monumentalbau auf der Insel Rügen gehört oder war sogar dort, um den zwischen 1935 und 1939 begonnenen und auch später nie ganz fertigstellten steinernen Koloss vor der Ostseeküste zu besichtigen. Prora, das ist eine umstrittene, aber auffällige, durchaus auch faszinierende Konstruktion, die bis heute ihresgleichen sucht und die, obzwar in der Nazi-Zeit als Massenurlaubsherberge vorgesehen, erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die DDR, zunächst durch deren Kasernierte Volkspolizei, später die Volksarmee, überhaupt genutzt wurde. 
Stationiert war in Prora zu DDR-Zeiten das MSR 29, das Motorisierte Schützenregiment 29. Es war eine von acht großen Armee-Einheiten, in der Wehrpflichtige ihre 18 Monate Grundwehrdienst versahen, und auch Offiziere und Unteroffiziere den „Dienst an der Waffe“ absolvierten.
Genutzt wurde das bis heute gigantisch anmutende Bauobjekt nach Gründung der DDR endlich auch für Erholungszwecke. Angehörige der DDR-Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee kamen hier im Sommer unter. Ihre Zahl erreichte jedoch nicht annähernd jene Dimensionen, die für das Riesenbauwerk ursprünglich im Dritten Reich im Rahmen der Ferienaktion „Kraft durch Freude“ vorgesehen war. 10.000 Gästezimmer so hieß es einst – sollten hergerichtet und damit das weltweit erste Objekt für den Massentourismus geschaffen werden.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren jedoch nicht mehr genügend Ressourcen für die Fertigstellung vorhanden, so dass der Weiterbau gestoppt wurde. Erst nach Ende des Krieges kam das Objekt, das sich in der unglaublichen Länge von 4,5 km und einer konstanten Entfernung von 150 m parallel zum Strand der Ostsee entlang zieht und heute unter Denkmalschutz steht, wenigstens teilweise zu seiner Bestimmung und wurde auch für Erholungszwecke genutzt.
Hauptsächlich jedoch wurde Prora – aufgrund seiner geografischen Lage (es liegt auf der Schmalen Heide) und seiner baulichen Voraussetzungen – wichtiger Militärstandort für die DDR und den Ostblock überhaupt.
Neben dem schon genannten Motorisierten Schützen Regiment wurden nach und nach immer mehr Einheiten stationiert. So gab es ab 1968 die gefürchtete Unteroffiziersschule „Erich Habersath“, das RAZ 40 (ein Raketenausbildungszentrum). Weiterhin befanden sich hier ab 1983 das PIBB (Pionierbaubataillon,) sowie bereits unter der Ulbricht-Regierung verschiedene Bataillone, die zur Ausbildung im militärischen Sanitätsbereich, zur Kraftfahrzeugschule und zum Panzerfahren eingerichtet waren. Ab 1960 existierte hier das FJB (Fallschirmjägerbataillon) „Willi Sänger“ und ab 1981 die OHS (Offiziershochschule) für ausländische Militärkader, "Otto Winzer“, die – aus Geheimhaltungsgründen einen Tarnnamen führte. Dieser Tarnname lautete passenderweise „Eintrittspreis“. Im gleichen Jahr 1981 wurde das Ausbildungsregiment Militärtransportwesen 15 (ARM TW-15" John Sieg“) gegründet, das den Tarnnamen „Dachziegel“ führte. Ebenso waren in Prora die sogenannten Spatensoldaten stationiert, die als Wehrdienstverweigerer natürlich – wenn schon nicht im Knast – so doch auf andere Weise kujoniert werden mussten und für ihre antimilitaristische Haltung zu büßen hatten. Hierüber kann man vieles in der Dokumentationsstelle, die vorerst in dem riesigen Trakt eingerichtet ist, nachlesen.
Keinen Tarnnamen trug hingegen das eingangs erwähnte MSR 29. Dieser Einheit wurde stattdessen im Jahr 1976 der Ehrenname Ernst Moritz Arndt verliehen. Wir erinnern uns diesbezüglich zweier stets aktueller Tatsachen. Erstens war es das Jahr 1976, als sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Protest gegen die Willkür der SED-Diktatur öffentlich in Zeitz anzündete und in dem der Liedermacher Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde. Zweitens machte der Name Ernst Moritz Arndt etwa zwanzig Jahre nach der Verleihung an das Schützen-Regiment in Prora noch einmal Schlagzeilen, weil den angeblich fortschrittlichen Köpfen im Land aufgefallen war, dass auch die Greifswalder Universität den Namen von „EMA“ trug. Nunmehr kramte man Arndts deutschnational geprägten Zitate aus der Schublade, die letztlich aus dem Kontext der zeitbedingten Ereignisse gerissen waren und die einem anderen Geschichtsbild als dem gegenwärtigen entsprungen sind. Die Universität Greifswald hat nach harter Auseinandersetzung den Namen von Ernst Moritz Arndt behalten. Das Motorisierte Schützenregiment nicht. Es ist von den Zeitläuften ebenso hinweggefegt worden wie die Armee der DDR und die DDR selbst. A.R.



Januar 2012
Sachlich und korrekt berichtet
Sportjournalist Herbert Fischer-Solms im Ruhestand

Wer Sportfan ist und wer die Berichterstattung solide und ohne unnötige Aufbauschung liebt, für den verbindet – nunmehr verband – sich vor allem ein Name mit den fairen, korrekten und unbestechlichen Kommentaren, Berichten und Interviews, die zu allem, was mit der Sportwelt zu tun hat und hatte, eine Aussage getroffen haben.
Herbert Fischer-Solms, Sportjournalist beim Deutschlandfunk war auch zu Zeiten seiner aktiven Rundfunklaufbahn eine Legende. Seine Berichte an den Sonntagabenden oder den Morgensendungen bei Deutschlandradio hoben sich – nicht selten gnadenlos – von den seichten Länderspiel-Halbzeit-Duetten mit Ex-Fußball-Stars und Promi-Reportern und von den ewig hohlen Befragungen verschwitzter Spieler oder den vor Pseudoweisheiten strotzenden Antworten von Trainern auf flutlichthellen Rasenflächen ab. Bei ihm bedurfte es keiner mundartgeprägter Bierseligkeit und keiner kabarettistischen Plattitüden. Seine Texte flossen so unbeirrt und unaufhaltsam daher, wie sich die Zeiger einer gut funktionierenden Schweizer Uhr drehen. Was er sagte, war überlegt und durchdacht, und niemals wäre jemand auf den Gedanken gekommen, dass sich dieser Mann an unzulässigen Nebeneinnahmen bereichert hätte oder bei der Betrachtung von Dopingskandalen oder eklatanten IM-Vorwürfen ehemaliger DDR-Sportler oder DDR-Trainer auch nur andeutungsweise einen Kompromiss eingegangen wäre.
Nun hat er – nach einer nahezu einzigartigen „Amtszeit“ von 38 Jahren – seinen Hut genommen und ist in den Ruhestand gewechselt. Es ist schade, denn es sind nicht mehr viele seines Standes, die so arbeiten, wie er es uns demonstriert hat: Nicht einfach im Stile der heuer oft verrufenen oder geschmähten „alten Schule“, sondern so, wie es gute Journalisten tun sollten. Nicht nur im Sport, sondern auch und gerade in der Politik, in der Kultur oder der Wirtschaft.
Herbert Fischer-Solms wurde im schlesischen Löbau (auf dem Gebiet der DDR) geboren, er verließ die DDR jedoch vor dem Mauerbau und verlor nie den kritischen Bezug zum „Arbeiter- und Bauernstaat“. Er bewies es bis über die Pensionierung hinaus, als er in würdiger Form viele von denen einlud, für die er gekämpft und sich eingesetzt hatte: Dopingopfer der DDR, andere Benachteiligte. Aber auch Anhänger, Freunde des ehrlichen Sports, der ehrlichen Berichterstattung. Er hat sich als Ort des gemeinsamen Abschieds den Point Alpha ausgesucht, einem der auffäligsten Plätze, an denen deutsche Geschichte dokumentiert ist, und eine Führung durch die Gedenkstätte organisiert.       A.R.
 

 

Auch die Tochter wurde ein Opfer des unberechenbaren Tyrannen
Lana Peters geborene Swetlana Stalina starb im Alter von 85 Jahren in den USA

Es ist wahrlich keine Neuigkeit, dass es Kinder von mächtigen Vätern im Leben schwerer haben, als man meint. Vor allem wenn diese Väter dominant und grausam sind und an ihren Händen das Blut und das Weh von Millionen Menschen kleben. Lana Peters war die Tochter eines der größten Monster des vorigen Jahrhunderts. Mehrmals wechselte sie ihren Namen, ihren Wohnort und auch ihren Partner.
Geboren als Svetlana Stalina, war sie die Tochter von Wissariono­witsch Dschugaschwili, der sich zum eigenen Ruhme und zum eigenen Markenzeichen den Namen Josef Stalin gab und 1953 hilflos in einem seiner Dienstzimmer verendete. Stalins Grausamkeiten an großen Teilen der eigenen Bevölkerung, selbst der eigenen engsten Genossen, und an vielen (vermeintlichen) Gegnern sind hinreichend bekannt. Die Grausamkeiten, die er gegenüber seiner Familie vollbrachte, sind hingegen meist als zweitrangige Untaten verbucht worden. Und doch muss der Druck, den der „Stählerne“ auf seine nächsten Angehörigen ausgeübt hat, nicht minder gewaltig gewesen sein.
Stalins Frau beging Selbstmord, die Tochter, die sich später nach dem Mädchennamen der Mutter Swetlana Allilujewa nannte, sagte sich vom Vater los, nachdem dieser sie als Kind und als Teenager mit krankhafter Herrschsucht überwacht hatte. Letztlich nutzte sie eine Reise nach Indien, um von dort um politisches Asyl für die USA zu ersuchen, welches sie bekam. Fortan kämpfte sie den harten Kampf gegen die traumatischen Belastungen, die „Väterchen“ Stalin bei ihr hinterlassen hatte. Sie veröffentlichte zwei Bücher, in denen sie kompromisslos mit dem Regime ihres Vaters abrechnete und mit denen sie erstaunliche Bestseller erzielte.
Doch der Reichtum, der ihr durch den Verkauf der Bücher zufloss, zerrann so kläglich wie ihr ganzes Leben. Sie pendelte zwischen den USA und Großbritannien, ließ sich zurück in die Sowjetunion locken, probierte es später im befreiten Russland und kehrte in die USA zurück, wo sie mit 85 Jahren an Krebs starb und bis zuletzt nicht wirklich glücklich war.
Ein Stalin-Opfer, auch sie.
                                             A.R., Dezember 2011




Dezember 2011
Neue und beharrlichere Strategien an der Castor-Front
Gemäßigte und „freie Radikale“ mischen und inszenieren nach geübten Rezepten mit, wenn es darum geht, erloschen scheinende Brandstellen zu schüren 

Eigentlich hatte man gedacht, die Proteste gegen die Castor-Transporte sind nun erledigt oder zumindest von friedlichen Formen abgelöst worden. Der Ausstieg aus der Atomenergie-Herstellung ist inzwischen beschlossen, und selbst die geistig nicht ganz so fitten Bürgerinnen und Bürger dürften begriffen haben, dass Deutschland langfristig kein nukleares Material mehr herstellen wird. Egal, dass die atomare Gefahr deswegen nicht geringer wird, da ein Teil unserer unmittelbaren Nachbarländer ihr Potenzial zur Atomstromerzeugung eher erhöhen wird, anstatt dem deutschen Ausstiegsbeschluss zu folgen.
Irgendwo allerdings muss nun jener atomare Müll, der noch vorhanden und für den Deutschland verantwortlich ist, aber gelagert werden, und dies muss gründlich geschehen, denn die Zerfallszeiten sind hoch, und es werden unzählbare Generationen sein, die durch ihn gefährdet werden könnten.
Ob man sich auf Zwischen- oder Endlager festlegt, steht freilich noch nicht fest. Also wird nach wie vor ein großer Teil des Restmülls im Wendland, in Gorleben gelagert. Und dies geschieht nun schon seit Jahrzehnten, und es hat bisher nicht nur friedliche Proteste gegeben. Immerhin wird es nach Meinung vieler Mitmenschen nicht einfach nur zum Ärgernis oder zum Skandal, sondern es bietet für einige Leute auch den Anlass, wahre Schlachten und Kämpfe zu inszenieren, und zwar vor laufenden Fernsehkameras.
Das Wendland, Gorleben ist in Sachen Anti- Atomkraft-Protesten die Region, in der es traditionsgemäß schon immer besonders heiß hergeht. Es ist, wollte man den keineswegs abwegigen Vergleich zu einem Schlachtfeld ziehen, der Brennpunkt, an dem die feindlichen Fronten besonders heftig aufeinanderprallen. Wie einst am Kriegsschauplatz Seelower Höhen wissen die einen, sie werden diesen Transport nicht aufhalten können, aber sie stemmen sich trotzdem mit allen Mitteln gegen den anrollenden Zug.
Die Bilder, die wir seit Jahrzehnten aus den Medien kennen – die Wenigsten von uns werden vor Ort gewesen sein oder sich gar in die Kämpfe gemischt haben –, sind Horror und unvermeidbarer Kult in einem. Wem danach ist, der kann hierherfahren und getrost und weitgehend ungestraft sein Mütchen kühlen, denn es geht – wacker und vermummt – Mann gegen Mann oder Mann gegen Frau, und die eingesetzten Mittel und Methoden des Kampfes sind keineswegs bescheiden und bewegen sich – wie die Bilder zeigen – eigentlich kaum noch im Rahmen irgendwelcher Konventionen. Am Ende wird aufgerechnet, wer die meisten Verletzten aufweisen kann und wer es schaffte, am längsten ein Stück Gleis in Beton verewigt zu haben oder wer sich rühmen kann, die meisten Stunden an den eiskalten Stahlschienen angekettet gewesen zu sein. Und: Was man dem Gegner an erlittenen Wundmalen vorwirft, dient zugleich als Nachweis eigenen Einsatzes und persönlicher Kampfeshärte.
Dies alles ist nicht schlechthin ein Irrsinn, den unsereiner irgendwie nicht verstehen würde, zumal ja auch Unsummen verausgabt werden, die man beispielsweise für die Suche nach einer endgültigen Lösung einsetzen könnte. Aber da es sich nun mal um einen Fronteinsatz handelt, spielen Geld und menschliche Substanz wohl keine wesentliche Rolle.
Nimmt man die ortsansässigen Landwirte und Anwohner aus, die inzwischen freilich auch an willkommener Prominenz und Auffälligkeit gewonnen haben, so werden hier letztlich die Kampfstrukturen unserer bundesdeutschen Parteien ersichtlich. Die Seite der Regierungskoalition zum einen, deren Erfolg es am Ende jeder Schlacht sein muss, die Castor-Behälter mit dem Gefahrengut möglichst reibungslos und ohne Zeitverlust an sein Ziel zu geleiten und die Bastionen und Hindernisse, die das Gefolge der Oppositionsparteien in den Weg stellen, zu überwinden.
Nein, man sollte nicht sagen, es ist wie beim Halma oder Mensch-Ärger-dich nicht, es geht ja bloß darum, wer zuerst eintrifft, zum Schluss lachen ja doch alle und reichen sich die Hände. Gorleben, das ist Realität, Regeln gelten hier nur bedingt, vor allem kann niemand darauf pochen, dass sie eingehalten werden.
Man könnte jedoch mal ganz naiv fragen: Warum wird nicht auf den Polizeieinsatz verzichtet, warum lässt man die Gemäßigten und die freien Radikalen, die Betonierer und die Schotterer nicht ungehindert gewähren? Was würde passieren, wenn keine Polizei- oder Räumtrupps kämen und die Strecke freiräumten? Was würde man sagen, wenn der Zug dort stehenbliebe, wo er an sein betoniertes Ziel stößt oder unter ihm die Schienen wegsacken, weil man den Schotter abgegraben hat? Oder wenn er entgleiste? Würden die heißblütigen Stürmer die freie Bahn nutzen und vielleicht auch die Castor-Behälter zertrümmern, so dass Radioaktivität austräte und das Umfeld samt diesen Wütigen verseuchte? Hätten dann auch Die Bullen die Schuld, weil sie keinen der Aktionisten zurückgedrängt hatten? Oder die Regierung, weil sie keine Schutzmaßnahmen angeordnet hatte? Wenn die Situation nicht so schon bedenklich wäre, könnte man grinsen und tatsächlich fordern: Klar, lasst die Chaoten nach Belieben drauf- und reinhauen, mal gucken, wie sie gucken, wenn sie nachher strahlen.
So jedoch ist es hauptsächlich Claudia Roth von den Grünen, zu denen – dem Namen nach – auch Bündnis 90 gehört, die strahlt. Rein äußerlich und vielleicht von Gewohnheit her. Nicht wesentlich anders womöglich, als wenn sie auf dem Nockerberg sitzt und sich vom Bruder Barnabas wohlwollend mit Spott berieseln lässt. Wobei man fast annehmen möchte, dass ihr das Ertragen der Barnabas’schen Karnevals- Verunglimpfungen leichter fällt als das ewige Wiederholen der Anti-Atomkraft-Parolen. Oder doch nicht?
Für viele Bürgerinnen und Bürger dieses Landes ist es indessen nicht so leicht zu ertragen oder zu verstehen, welchen Sinn Brände, Gewaltattacken und Angriffe auf Polizisten haben sollen, wenn man sich zuvor zu friedlichen Protesten bekannt hat. Aber damit lebt man hier inzwischen ja seit Jahrzehnten.       A.R.

 

 



Die Piraten sind nun „an Bord“
Seit den Wahlen zum Berliner Senat ist die Parteienlandschaft wieder etwas interessanter 

Mit den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wurden im sogenannten super Wahljahr für 2011 die Wählerinnen und Wähler letztmalig zu den Urnen gerufen. Wer etwas von Politik versteht (oder auch nicht), durfte die Ergebnisse, Trends und Aussichten gleich vor dem Fernsehbildschirm beklatschen. Neben dem Absturz der FDP hat vor allem der Aufstieg der Piraten für Gesprächsstoff gesorgt. Wie einst die Grünen – damals noch ohne Phantom-Partner Bündnis 90/ Neues Forum – wurden auch sie lange belächelt, nicht ernst genommen und als nicht wählbar bezeichnet. Nun hat die Sturm-Enterung stattgefunden, der Senat, die Berlinerinnen und Berliner, die Bürgerinnen und Bürger im übrigen Land müssen, dürfen, wollen mit der neuen Partei leben. Vorerst jedenfalls, denn selbst mehrere Wochen nach der Wahl wissen viele Menschen nicht, welche Ziele diese Partei sich wirklich stellt und welchem politischen Flügel sie zustrebt.
Fast neun Prozent der abgegebenen Stimmen bekommen zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Und dies ganz legal, ohne bei den Wählerinnen und Wählern Umwelt-, Kriegs- oder Sozialängste anzuzetteln. Auch nicht, indem sie sich aus Prinzipienreiterei mit dem Neubau eines kleinen Stücks Autobahn wichtig tun. Das imponiert, das brachte und bringt Sympathien und weckt Hoffnungen, wenn man auch nicht genau weiß, worauf.
Und das zeigt, dass in Deutschland der Wunsch nach etwas Neuem da ist. Mag es auch nach wie vor einen sanften Hauch von Abenteuerlichkeit und ungefährlicher Ungewissheit aufweisen, wenn neue, schwer definierbare Gruppierungen ins politische Leben eintreten. Mal wieder in Latzhose oder mit wildem Bart und nun sogar mit dem freibeuterischen Piratentuch; heutzutage ist das wahrlich kein Grund, sich zu entrüsten. Ein frischer Wind, der von maßvollen Änderungen, aber auch von brauchbaren gesellschaftliche Reformen und Erneuerungen kündet, täte uns schließlich allen gut. Egal, wenn er den etablierten Politikerinnen und Politikern diesmal nicht entgegenweht, sondern sie vielmehr von hinten antreibt. Immerhin besinnen wir uns zugleich darauf, dass wir mit Angela Merkel und Frank Steinmeier die politischen Airbags haben, die unsere Regierungsflotte bei den schlimmsten Bruchlandungen abfangen und nachher die Schuld am Versagen anderer übernehmen müssen.
Andererseits ist bei den Bürgerinnen und Bürgern der Wunsch nach Sicherheit und Transparenz im Internet spürbar vorhanden. Und dafür stehen diese Piraten. Wer kennt sich in dem neuen Medium schon wirklich aus, wer übernimmt für dieses Medium Verantwortung? Wenig weiß man nämlich, was von politischer Seite getan wird, um das rasante Wachsen des digitalen Universums zu beherrschen.
Dennoch muss auch die andere Frage erlaubt sein: Werden diese Piraten als Abgeordnete, als Politiker überhaupt arbeiten können? Bislang fehlen konkrete Aussagen zu vielen gesamtgesellschaftsbezogenen politischen Themen. Innen- und Außenpolitik, Soziales, Bildung, Finanzen. Längerfristig kann es nicht akzeptabel sein, dass wir Fraktionen in den Abgeordnetenhäusern zu sitzen haben, die sich nur auf einzelne Sparten beziehen oder als chronische Gegengewichte zu lösungsorientierten Fraktionen existieren.
Doch erst mal tun die Neuen, die Piraten, unserer Parteien-Landschaft einfach insofern gut, als dass es sie gibt. Die Blöcke sind in Bewegung geraten. Stimmen wurden neu verteilt. Die Piraten haben sie bei anderen Parteien erbeutet, sie haben auch einen Teil der bisherigen Nichtwähler mobilisieren können. Sie haben der Linken Langeweile ebenso wie der Grünen Besserwisserei und der Schwarzen Schwerhörigkeit getrotzt. Alles wurde – unverhofft – durchgeschüttelt. Digital und analog. Die Pfründen der Stimmen können nun nicht mehr einfach zwischen den großen Parteien hin und zurück geschoben werden. Man wird weiter abgeben müssen, an diese neue Kraft. Vielleicht wird in zwei Jahren nicht nur die eine Partei aus dem Bundestag verschwinden. Man muss nicht fragen, welche noch.
Was viele sagen, stimmt: Eine neue Generation ist mit diesen Piraten aufmarschiert. So gesehen ist ihr Erscheinen, ihr Eintritt in die Mündigkeit also auch ein polit-biologischer Prozess, eine Gesetzmäßigkeit. Laut Marx produziert jede Gesellschaftsordnung ihren eigenen Totengräber. Wenn das auch für Parteien gilt, steht derselbe mit Spaten und Spitzhacke nun bei jenen vor der Tür, die sich immerzu für besonders fortschrittlich ausgeben und die realiter nicht mal nur auf der Stelle treten, sondern rückwärts gehen.
Es heißt, die Piraten verkörpern die Computer- und Internetgeneration. Rein thematisch und als Einstiegsthema mag das nicht falsch sein. Aber man sollte bei uns in Deutschland auch den nationalen Aspekt sehen. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung unseres Landes erkennen wir immer noch die Blöcke von Ossis und Wessis. Sie stehen sich nicht etwa feindlich gegenüber, aber es gibt sie einfach, die „in den alten“ und „die in den neuen Bundesländern“. Sie wissen im Grunde nicht so recht etwas miteinander anzufangen, weil sie sich in vier Jahrzehnten auseinandergelebt haben und weil ihre Wurzeln in die Zeit der Teilung zurückführen. Die Piraten sehen nicht aus, als hätten sie ein Teilungssyndrom, als würden sie nach Ost und West klassifizieren oder isolierte politische Systeme heraufbeschwören. Sie wirken gesamtdeutsch. Auch unbelastet, unbefangen. Egal dass auch sie nicht an der Aufarbeitung der Geschichte vorbeikommen werden. Nicht gleich, nicht jetzt, aber spätestens wenn die sogenannten Etablierten das Gespenst des Totengräbers erkannt haben und dann nach Koalitionspartnern oder Zweckverbündeten suchen. Mal sehen, wann das sein wird und ob die Piraten dann noch Piraten sein werden oder ob aus ihnen schlichtweg Binnenfischer mit zugeteilten Fangquoten und mit standesgemäßem Rentenanspruch geworden sind.                A. R.
 



Der Bahnhof zur Freiheit
Zwischen 1964 und 1989 wurden durch die Bun­des­regierung 33.755 politische Gefangene auf dem Weg des sogenannten Häftlingsfreikaufs für Devisen aus der DDR-Haft freige­kauft.
Wer für diese Zahl bürgt, lässt sich nicht unbedingt feststellen, zumal die Behörden der DDR im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder kriminelle Häftlinge unter die Freikaufkandidaten gemischt hat und sich erst im Westen herausstellte, dass es sich nicht um politische Gefangene handelte. Festzustellen bleibt jedoch, dass die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zur letzten Station für fast alle freigekauften Häftlinge wurde. Aus diesem Grund fand dort am 13. August 2011 anlässlich der 50-jährigen Wiederkehr des Mauerbaus eine Gedenkveranstaltung statt.

Auf dem Kaßberg, jenem geschichtsträchtigen Ort in Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt), befand sich während der DDR-Zeit eine besondere Untersuchungshaftan­stalt des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie unterschied sich von den übrigen Stasi-Gefängnissen, die es in den anderen Bezirksstädten der DDR und in Berlin gab, in einem wesentlichen Punkt: Hier in Karl-Marx-Stadt war der „Bahnhof“, von dem die politischen Gefangenen der DDR in die Bundesrepublik verschickt bzw. abgeschoben wurden. Diese Abschiebung, die über die bis heute geheimnisumwitterte Freikaufpraxis ablief.
Freikauf hieß, man musste sich in der DDR in Haft befunden haben und von einem der dortigen Gerichte „rechtmäßig“ verurteilt worden sein, damit man auf Initiative der Bundesrepublik vorzeitig entlassen bzw. abgeschoben werden konnte – nämlich in den Westen.
Dass es diesen Freikauf von Bürgerinnen und Bürgern des Arbeiter- und Bauernstaates nur aus der Haft heraus gab, hatte zwei wesentliche Gründe. Zum einen geschah es wegen der Abschreckung gegenüber der DDR-Bevölkerung (trotz der Einnahmen an Devisen bzw. den Gegenwerten in Form von Waren hätte die DDR die Ausreisenden lieber im Lande behalten. Schließlich handelte es sich fast immer um qualifizierte Hoch- und Fachschulabsolventen sowie um gut ausgebildete Facharbeiter). Zum anderen wollte man dem Westen verdeutlichen, dass man keine DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger einfach so aus dem Land „herauskaufen“ konnte, auch nicht für harte Währung (obwohl es in Wahrheit denn doch so war).
Für den Freikauf kamen nur Verurteilungen nach ausgesuchten „Strafdelikten“ in Frage. Republikflucht, Verbindungsaufnahme, Staatsfeindliche Hetze. Verurteilungen, die im Zusammenhang mit Gewaltanwendungen erfolgten, wurden nicht für das Freikaufprogramm berücksichtigt. Dennoch wurden auch Häftlinge freigekauft, die vordergründig kriminell waren. Immer wieder kam es vor, dass Einbrecher, sogenannte Asoziale oder sogar Mörder im Angesicht der Ausweglosigkeit ihrer Situation auf die Grenze zumarschierten, um vielleicht in den Westen zu gelangen. Wenn sie von den Grenzposten gefasst wurden, erhielten sie neben ihrem eigentlichen Verfahren noch eine Anklage wegen Versuchter Republikflucht. Mit etwas Glück und mit der Ahnungslosigkeit der Bundesrepublik konnten sie dann in den Vorzug des Freikaufprogramms gelangen.
Das heißt, ganz so ahnungslos war man beim Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen in Bonn nachher doch nicht mehr. Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel, seitens der DDR für die organisatorische Abwicklung der Freikäufe zuständig, prüfte die meisten Fälle sehr genau. Und wer nicht auf seine Liste kam, der hatte auch keine Chance freigekauft zu werden …
Die Häftlinge, von denen sich manche über Jahre, andere nur ein paar Monate im Strafvollzug befunden hatten, wurden aus den verschiedenen Vollzugsanstalten (z. B. Bautzen, Cottbus, Naumburg oder Zuchthaus Brandenburg,) in Sammeltransporten auf Planenlastwagen nach Karl-Marx-Stadt auf den Kaßberg gebracht und anschließend den behördlichen Ritualen, die für das legale Verlassen der DDR notwendig waren, unterworfen. Dazu gehörten Verfügungserklärungen über möglicherweise noch vorhandenes Eigentum (Immobilien, Sparguthaben, selbst Haustiere). Alles, was man besaß, musste auf Angehörige übertragen werden. Niemand durfte in den Westen ausreisen, der noch irgendwo ein Grundstück, ein Häuschen oder ein Sparbuch hatte. Regelungen über Unterhaltszahlungen mussten getroffen werden. Auch der Aufenthalt der leiblichen Angehörigen (gemeint sind die eigenen Kinder, die bei der Inhaftierung beider Elternteile meist in ein Heim gegeben wurden) musste hier unter oft schmerzlichen Bedingungen geklärt werden. Und man musste den Namen und die Adresse von Personen angeben, bei denen man in der Bundesrepublik zu bleiben gedachte.
Wer seine Verhältnisse nicht in Ordnung hatte und sie auch nicht in Ordnung bringen konnte, war zu monatelangen Wartezeiten in den engen Zellen der U-Haft verdammt, und er wurde im ungünstigen Fall zu guter Letzt zurückgeschickt – in den Strafvollzug, um den Rest seiner Strafe zu verbüßen.
Und das Wichtigste: Die für den Freikauf bestimmten Häftlinge mussten ihren Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft ausfüllen. Ein Akt, den man nur allzu gern ausführte.
Zu den „Formalitäten“ gehörte auch, dass man noch einmal zu einem Gespräch mit einem Stasi-Offizier gerufen wurde. Ganz „zwanglos“ wurde versucht, die Ausreisewilligen durch Gespräche und Versprechungen oder auch noch durch Erpressung vom Vorhaben der Ausreise abzuhalten – doch eigentlich immer ohne Erfolg.
Die Aufenthaltsdauer in dieser „Stätte“ betrug bei „reibungslosem“ zwei Wochen. Dabei war die erste Woche geprägt von Erschöpfung und Schlaf. In der zweiten Woche stellten sich Unruhe und Ungewissheit ein. Eine fürchterliche Ereignislosigkeit herrschte in den Zellen. Schlaflosigkeit über mehrere Nächte. Es wurde nicht viel geredet. Höchstens: „Wohin, zu wem gehst du, was willst du machen …?“ Ansonsten bewegte jede und jeden die Frage: Bin ich wirklich beim nächsten Transport dabei?
Eine Informationsquelle für den Ablauf der behördlichen Schritte hatte man allerdings: Auf die Unterseite eines Hockers hatten frühere Ausreiser bereits geschrieben, was vom ersten bis zum letzten Tag an jeweiligen Prozeduren stattfand. Das half und gab einen gewissen Rahmen. Es linderte auch die Unruhe, die Ungewissheit.
Fast unbedeutend in dieser Zeit: einmal am Tag die Freistunde. Zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten mit sieben männlichen Noch-Häftlingen, Mitgefangenen, in einer Freihofzelle, wie man sie schon aus der früheren U-Haft her kannte. Im Kreis gehen. Einsachtzig mal zwei Meter. Die Enge, die schwere Eisentür, die Maschendrahtabdeckung oberhalb der Mauern, der Wachtposten direkt darüber auf dem Laufsteg, das Redeverbot, der raue, kahle Wandputz, die abgenutzten Lumpen auf dem Körper, das ständige Laufen im Kreis, Regen, Schnee oder pralle Sonne – es machte einem hier nichts mehr aus. Es ging ja in den Westen. Hoffentlich.
Zuletzt überschlugen sich die Ereignisse. Abreise, Ausreise.
Duschen, Knast-Lumpen abgeben, Zivilsachen empfangen – und plötzlich wieder warten, diesmal in einer Zwischenzelle, wieder acht Häftlinge auf engstem Raum. Endlich in den Hof, wo die Busse standen. Rechtsanwalt Dr. Vogel, der DDR-Vermittler zwischen Ost und West, mit einer kurzen Ansprache.
Wer heute behauptet, er hätte in diesen Minuten, beim Anblick der bundesdeutschen Reisebusse, beim Einsteigen, nicht gewaltiges Herzklopfen und vielleicht weiche Knie gehabt, der sagt ganz gewiss nicht die Wahrheit.
Die letzten Stunden auf dem Gebiet der DDR vergingen wie im Rausch. Die Fahrt durch das graue Karl-Marx-Stadt, die Autobahn, der Grenzkontrollpunkt – mit freier Durchfahrt –, lauter Jubel und dann der Westen, der Weg nach Gießen.
Und danach?                          A. R.



Nachsatz: In der Literatur ist wenig über die letzten Tage der Freikauf-Häftlinge in der Karl-Marx-Städter U-Haft bekannt. Wenig auch wurde über das Elend geschrieben, das die Ankömmlinge nach der Ankunft im Westen oft genug überkam. Für Interessenten ist empfehlenswert: „Eine Rose für die Deutschen – Elend und Glanz nach der Übersiedlung“. Der firstminute-Verlag verfügt noch über einige Restexemplare der Auflage aus dem Jahr 1996. Eine Zweitauflage ist in 2012 vorgesehen. 



Auch dritte Plätze können wertvoll sein
Die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen endete (für Deutschland) anders als erwartet 



Schon Tage bevor die Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Deutschland begann, konnte man in der deutschen Hauptstadt Berlin jene in riesigen Lettern präsentierte Parole lesen, in denen den Passanten und den Autofahrern unmissverständlich klar gemacht wurde, dass die deutsche Damen-Fußball-Nationalmannschaft den Weltmeistertitel 2011 holen würde. Über einen dritten Platz, wie ihn im Jahr 2010 die männlichen Kollegen um Kapitän Philip Lahm erarbeitet hatten, machte man sich offenkundig und fern jeden Realitätssinns lustig.
Pech gehabt, den Mund zu voll genommen. Kläglich und vor allem schmählich ausgeschieden. Wobei der dritte Platz, der Bundestrainerin Sylvia Neid am Ende noch hätte rehabilitieren können, für dieses Team viel weiter entfernt lag als im Jahr zuvor der Welttitel bei den Männern.


Über die Ursachen für das vorzeitige Ausscheiden ist nachher längst nicht so umfassend diskutiert und gejammert worden wie nach den einstigen WM-Pleiten der deutschen Männermannschaften. War es, weil man Frauen einfach schneller verzeihen kann oder weil der Damenfußball vielleicht doch noch nicht die Bedeutung unter den Fans hat wie der selbige Männersport?
Letzteres ist auszuschließen. Die Begeisterung für das Fußballspiel der Frauen blieb ungebrochen. Schweden, Japan und vor allem die USA betrieben mit ihrem technisch ausgereiften Spiel, mit ihrem sportlichen Kampfgeist und mit taktischen Varianten, die von offenem Angriffsspiel geprägt waren, mehr Werbung für den Damenfußball als es die monumentalen Poster vor der WM in Berlin und anderen Städten vermocht hatten. Die Fans, die nach der Viertelfinalniederlage an jenem düsteren Samstagabend das Stadion von Wolfsburg recht verstimmt verließen, und auch jene, die die Niederlage an den Fernsehbildschirmen verfolgt hatten, suchten sich neue Favoriten, für die sie bis ins Endspiel die Daumen drückten. Ein Endspiel übrigens, dessen Qualität und Spannung das Männerfinale aus dem Vorjahr ebenso um Längen übertraf wie die praktizierte sportliche Fairness.
Ist es also ein Wunder, dass mancher Deutsche, der vormals Fan der eigenen Damen-Nationalelf war, nach diesem kolossalen Finale einfach konstatierte: „Wir haben die deutsche Mannschaft eigentlich gar nicht mehr vermisst!“
Vermisst hat man hingegen die Erklärungen, die tiefgehenden Analysen und die selbstkritischen Antworten auf Fragen, die nach dem frühzeitigen Ausscheiden der Deutschen immer wieder gestellt wurden. Wieso spielte die Mannschaft ohne jede wirkliche Inspiration? Warum wurde der Konflikt mit der Spielführerin Birgit Prinz nicht schon vor dem Turnier entschärft? Weshalb kam eine erfahrene und spritzige Spielerin wie Ariane Hingst nicht in die Startelf?



Ausgewichen wurde aber vor allem der Hauptfrage: Wie nun weiter?
Die Bundestrainerin und auch die aus dem Turnier geworfenen Spielerinnen waren während des Endspiels auf der Tribüne zu sehen. Heftig wurden da die Ausgleichstore bejubelt, die die Japanerinnen gegen die US-Spielerinnen erzielten. So, als hätte man niemals selbst am Turnier teilgenommen.
Natürlich, es ist schön, wenn sich Zuschauerinnen freuen, wenn sie jubeln und sich eine der Finalmannschaften als Favoritin wählen. Wäre es aber nicht angemessener, sportlicher, dass die gastgebende Mannschaft mit ihren Sympathien nach außen hin Neutralität bewahrt? Die Bundestrainerin sowieso?
Trotz allem ist der Frauenfußball in Deutschland, in der Welt überhaupt nach dieser WM erst recht interessant geworden. Dazu hat die Atmosphäre beigetragen, die allgemeine Begeisterung. Weniger das Spiel der deutschen Mannschaft. Man konnte sehen, dass ganze Familien in die Stadien kamen, ganze fröhliche Fan-Gruppen verbreiteten eine wunderbare Stimmung.
Diese WM hat Spaß gemacht, sie wurde von den Ausrichtern professionell, dennoch freundlich präsentiert. Ganz sicher werden sich die Stadien weiter füllen, es finden nun bald die Qualifikationsspiele für die Damen-EM statt. Wenn der DFB für die Ausrichtung familienfreundliche Anstoßzeiten festlegen kann, wird dies ganz sicher ein gutes Publikum anlocken und an die erlebte WM-Stimmung anschließen.


Was wir in sportlicher Hinsicht von der deutschen Nationalmannschaft zu erwarten haben, bleibt offen. Ganz sicher werden sich die Zuschauer auch über dritte Plätze bei großen Turnieren freuen. Und dies ganz besonders, wenn dem großartige sportliche Leistungen und weniger unangebrachte Überheblichkeit vorausgegangen sind.
                                   A. R., Juli 2011  




Der Magnetismus des steinerne Kopfes und die steinernen Ansichten
Ein Besuch auf dem Londoner Highgate Friedhof am Grabmal von Karl Marx und eine Betrachtung zur Geschichte und zur Gegenwart des Marxismus

Was wäre die Welt ohne Marx? Hätte es ohne den Philosophen und Kapitalismus-Forscher, den akribisch vorgehenden Ökonomie-Wissenschaftler keinen Kom­munismus gegeben? Wären Lenin oder Mao dann unbekannte, einfache, wirkungslose Leute geworden, und hätte die Welt dann auch keine Diktatoren wie Hitler oder Stalin erlebt?
Es ist müßig, solche Fragen zu stellen. Es hat Marx gegeben, seine vielen Aufsätze, Artikel, seine Bücher, die – gemeinsam mit den Schriften des Manufaktur- Kapitalisten Friedrich Engels – die stattliche Zahl von 42 Bänden (mit Doppel- bzw. Dreifachbänden und Ergänzungsband) umfassen. Und nicht zuletzt weil es die sogenannte Sammlung MEW – Marx- Engels-Werke – gibt, ist dieser Marx keineswegs tot, sondern lebt er in den Gedanken und Lebensanschauungen nicht mal weniger Zeitgenossen weiter. Bei uns in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Erde. – Wiewohl sicherlich kaum ein Prozent der bekennenden Marxisten überhaupt einen wesentlichen Kontakt zu den Schriften von Karl Marx hatte.
Und natürlich lebt Marx nicht nur in den Gedanken, sondern er wurde im Zuge blinder Anbetung zahllose Male vergegenständlicht. Noch und noch wurden kantige Büsten in Stein getrieben, Fotos mit seinem fürchterlich revolutionären Konterfei gerahmt und in jedweder Partei-Spelunke angebracht, Fahnen mit seinem markant gestalteten Profil wurden geschwenkt und zwar ensembliert mit Engels, Lenin, aber auch mit Stalin oder mit Mao.
Und natürlich: Ungezählt jene unverwüstlichen Benamungen, mit denen man zu Zeiten des Sozialismus sich selbst und dem bärtigen Irrwisch zweifelhafte Ehre anzutun meinte. Die Karl-Marx-Werke, die Karl-Marx-Straßen, der Karl-Marx-Orden, die Karl-Marx-Kollektive. Ein Götzenkult, der angesichts der gewohnheitsmäßigen Intensität seines Gebrauchs schon niemandem in den sozialistischen Parteizentralen mehr auffiel, geschweige denn peinlich war.
Seit 1990 wurde die zum absurden Kult gewordene Anbetung zumindest in ihrer verordneten Breite gestoppt. Obschon oft widerwillig akzeptiert, mussten die meisten der steinernen Kolosse weichen, verschwanden die Fotos, Parolen und die Fahnen sowieso aus dem Bild der Öffentlichkeit.
Dennoch gab und gibt es gegen solche Bereinigungen auch immer wieder Widerstand. So wird heuer vor allem vehement protestiert, wenn es um die Tilgung der Marx-Straßen geht. Wo immer sich ein Kommunismus-Verdrossener aufrafft, die Beibehaltung des Straßennamens Karl Marx anzuprangern, erstehen prompt hinreichend viele Gegenstimmen, um die Beibehaltung desselben zu fordern. Marx gehört zu unserer Vergangenheit, heißt es; und das soll zugleich aussagen: Er muss auch unsere Zukunft sein, wenn er die Gegenwart schon nicht mehr bestimmen, wenn er ihr keine Gewalt antun kann.
Was an steinerner Nachbildung geblieben ist und gewiss bleiben wird, lässt sich insbesondere in London auf dem Friedhof erkunden, und zwar auf dem Ostflügel des Highgate Cementery, den man nach einer nicht ganz problemlosen, dafür abwechslungsreichen Tour mit der U-Bahn, dem Bus und zuletzt zu Fuß erreicht.
Auf dem Highgate Cemetary befinden sich die sterblichen Überreste des großen Denkers, hier erwartet die Besucherin und den Besucher jener riesige „Stein-Nüschel“, wie wir ihn beispielsweise in Chemnitz sahen, das einstmals als Stadt den Namen des Karl Marx trug.
Karl Marx, der lange in London gelebt hat, wurde auf dem hiesigen Friedhof am 17. März 1883 bestattet. Der zunächst eher unbedeutend gewählte Platz wurde 1954 auf Geheiß britischer Kommunisten geändert. Marx sollte sichtbarer und würdiger beigesetzt werden. Man brachte die Gebeine dorthin, wo wir sie heute noch finden und wohin mittlerweile zahlreiche Touristinnen und Touristen strömen. Beigesetzt am selben Platz sind auch Marx' Ehefrau Jenny (geborene von Westphalen) und Tochter Eleanor. Das Grab von Marx wird in allen wichtigen Reiseführern genannt, es ist auf dem Friedhof ausgeschildert. Und es ist auf diesem Friedhof die Attraktion schlechthin, mögen die Briten auch heute noch so konservativ wie zu Marx‘ Lebzeiten sein und so etwas wie Kommunismus oder Sozialismus für ihre Insel strikt ablehnen. Der Eintritt auf dem Friedhof ist noch erträglich, er beträgt in etwa 1,50 Euro, ebenso schlicht ist das Informationsmaterial. Einfache Faltblätter mit Lageplan und Aufzählung weiterer „Friedhof-Promis“, deren Bekanntheit jedoch weit hinter der des berühmten Deutschen zurücksteht.
Das Grab selbst ist im Verhältnis zu den anderen Grabstätten pompös und auffällig, wenn auch nicht eben grandios. Es gleicht vor allem dem Stil, mit dem in der einstigen DDR die angebliche Unvergänglichkeit des Kommunismus-Begründers und seiner Werke dokumentiert wurde: zu Stein gewordene Unerbittlichkeit – im Denken wie auch im Handeln, immer mit dem Untersatz versehen: selbst denken und eigene Meinung bilden verboten! Passend zum Steinkopf der schwere Granitsockel, der die Kopfbüste trägt, unverwüstlich dagegen die Inschrift: Die Philosophen haben die Welt bisher nur unterschiedlich interpretiert, es kommt vielmehr darauf an, sie zu verändern – ein Zitat aus den Marx’schen Thesen über Ludwig Feuerbach. 
Sollte man nicht hinzufügen, dass bislang sämtliche Modelle, die nach gesellschaftlichen Änderungen im Sinne dieses Zitats trachteten, missglückt sind und dass an den Händen so vieler selbst ernannter Marxisten Blut klebt und deren Wirken mit schreiendem Unrecht verbunden ist? Oder wäre es besser, diese Weisheit in die Grabsteine von Lenin, Mao oder anderen Diktatoren zu meißeln? Sollte man hinzufügen: Wer die Welt verändern will, sollte das ohne Gewalt tun, dann würden wir keine Diktaturen brauchen.
 Die Leute, die hier auftauchen, kommen aus unterschiedlichen Ländern. Manche legen am Fuß des Sockels Blumen ab. Rote Nelken, was sonst. Was die meisten Besucher eint, ist die sichtliche Inbrunst, mit der sie das Grab betrachten und den Marx’schen Leitsatz lesen. Sie stehen vor dem Areal, das wie ein schmuckes Gärtchen um den Granitsockel, auf dem der finster blickende Kopf thront, und lesen die Inschriften mit andächtiger Miene. Es ist Ehrfurcht, die sie beim Anblick des von steinerner Mähne und Bart umrahmten ehrfurchtheischenden Gesichts befallen. Es ist ein tiefgreifendes Gefühl für sie, hier gewesen zu sein. Weil sie Marx verehren, weil er für sie noch immer der großer Vordenker für eine freiere und menschliche Gesellschaftsform ist.
Fragt man die Leute dann, ob sie auch von dem Leid wissen, das der Kommunismus, der sich stets auf Marx beruft, über Generationen von Völkern gebracht hat, von den Gulags, den Todesurteilen gegen Unschuldige, von dem Hass und der Blindheit, die er säte, so erntet man verständnislose, wenn nicht gar feindselige Blicke. Am Marxismus selbst hätten solche Erscheinungen nicht gelegen. Die Ideen des Marxismus sind gut, nein, nicht nur gut, sondern genial und einzigartig. Die Lehren und Erkenntnisse von Marx sind nur falsch angewandt worden, heißt es. Gerade auf die heutige Zeit sind sie zutreffender denn je. Dass solche Äußerungen von Naivität und Oberflächlichkeit zeugen könnten, wollen die Besucher nicht hören. Wenn man sie nach den Inhalten der Marx’schen Schriften fragt, winken sie ab oder antworten mit Phrasen. Marx hatte die Idee, den Armen zu helfen, die linken Parteien sind dabei, dies durchzusetzen.
Man kann den Leuten nicht erklären, dass das nicht stimmt. Marx hat die Armen zutiefst verachtet. Für ihn zählte nur jenes reine Proletariat, das es heute - als "doppeltfreier Lohnarbeiter" - gar nicht mehr gibt, als akzeptable, revolutionäre Kraft. Die Menschen, die in Deutschland in den Hartz IV-Sektor fallen, sind bei ihm die Pauper. Er bezichtigt sie der Prinzipienlosigkeit. Marx' Lehre macht solche Parteien, die sich heute auf ihn berufen, ohne das Werk zu kennen, wenig glaubwürdig. Von diesen Parteien meint man nicht mehr, als den alten anmaßenden Slogan zu hören, der einstmals auf großen Transparenten auf Fabriktoren und Fassaden prangte: Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.
Wer liest heutzutage überhaupt noch Marx? Und wer, wenn er ihn wirklich liest, will behaupten, dass er ihn versteht? So verschachtelt und umständlich sich der Mann in seinen Werken ausdrückt. Allein „Das Kapital“ ist eine so schwere Kost, die man nicht mit einem einfachen Lesen verarbeiten kann.
Aber das ist der Trend: Links sein, Marxist sein – der Anstrich allein reicht schon. Auch heute noch. Und sei es, dass man ihn sich mit einem Besuch an der Grabstätte des Kommunismus-Begründers erbeutet.  Übrigens hat auch die vormalige First Lady Raissa Gorbatschowa der inzwischen aufgelösten UdSSR eher ein geringes Interesse am Besuch der Grabstätte des großen Kommunismus-Theoretikers gezeigt. Wie der Spiegel in einer Ausgabe in den 1980er-Jahren berichtet, hat sich Frau Raissa während eines einjährigen Aufenthalts in London mehr für die Modegeschäfte der britischen Metropole als für das Marx-Mal interessiert. Kurze Zeit später wurde Ehemann Michail Erster Sekretär der KPdSU und Vorsitzender des Obersten Sowjet. Und nach einigen Jahren zerfiel der gesamte, sich auf Marx berufende Staatenblock wie ein Kartenhaus zusammen. Lag es an Marx oder an denen, die sich auf ihn beriefen?
          A. R.          



Geschichtsrückblick: 3. Mai 1971

Der Mann mit dem Spitzbart, der Peinlichste, den wir je hatten
Vor vierzig Jahren wurde der Staatsratsvorsitzende Ulbricht abgesägt

Am 3. Mai 1971, also vor vierzig Jahren, trat nach mehr als zwanzig Jahren Funktionärstätigkeit der bis dato bestimmende SED-Politiker auf – angeblich – eigenen Wunsch zurück. Walter Ulbricht, von Beruf Stellmacher, von Gesinnung her Kommunist und als Politiker zum einen unbeholfene Marionette Moskaus, zum anderen skrupelloser Schurke, wenn es darum ging, echte oder vermeintliche Staatsfeinde aufs Äußerste zu bestrafen, wenn es darauf ankam, die eigene Bevölkerung einzusperren, zu verdummen und im eigenen Interesse unmündig zu halten.
Es hat im wahrlich turbulenten Mitteleuropa des zwanzigsten Jahrhunderts wohl keinen mit einer solchen Machtfülle ausgestatteten Politiker gegeben, der sich gleich Ulbricht selbst der Lächerlichkeit preisgab. Keiner war an Gestik, in Rhetorik und mit Umgangsformen so arm und ungeschliffen wie der erste Staatsratsvorsitzende jenes Arbeiter- und Bauernstaates namens DDR. Über keinen kursierten derart bissig böse Witze im „eigenen“ Volk wie über den Mann, den sie Spitzbart oder Walterchen nannten, der selbst jedoch keinen Funken offenen Humors besaß und der die noch so harmlose Veralberung seiner Person, die letztlich nichts weiter als die Darstellung seines Spiegelbildes war, gnadenlos mit Todesstrafe, Haft und Erziehung büßen ließ. Zu Ulbrichts markanten Entscheidungen gehört der Bau der Mauer im Jahre 1961. Sicherlich war dies ein Schritt, der nicht ohne Moskaus Rückendeckung und ohne das aktive Mittun der übrigen Politbüro-Akteure, insbesondere Erich Honeckers, realisierbar gewesen wäre. Und doch gebührt Ulbricht die Verantwortung für Einführung dieser bis dahin einmaligen Grenzanlage der Neuzeit. Vor allem die Art, die sich durch die brutale Anwendung von Schusswaffen gegen eigene Bürger darstellt, die Errichtung von Minengürteln und die Bestrafung von ertappten „Grenzverletzern“, waren inhuman und undemokratisch.
Auch innenpolitisch war Ulbricht unfähig, Flexibilität zu zeigen. Alles, was über seinen Verstand hinaus ging, und das war viel, wurde als kapitalistisch, faschistisch und natürlich militaristisch abgewürgt. Mit dem berüchtigten 11. Plenum zur Mitte der 1960er-Jahre erlahmte die noch vorhandene Kreativität einzelner Künstler, ordnete sich der offizielle Unterhaltungstrend endgültig der starrköpfigen Denkweise des sowjethörigen Sachsen unter. Ein politischer Autismus, der wahrlich schmerzte. Die gesamte DDR eine LPG vom Typ null.
Ungeachtet seiner banalen Ausstrahlung versuchte Ulbricht, vor dem Volk populär zu sein. Er turnte mit breiten Hosenträgern und Überhüfthosen auf dem Sportfest, er kaute vor Kameras im Kreise gedungen freundlicher Arbeiter mit seiner Fistelstimme hohle Politphrasen durch und tauschte mit Nikita und später mit Leonid feuchte Bruderküsse aus, deren Anblick uns heute noch schaudern lässt. Nicht zuletzt schreckte der oberste DDR-Repräsentant davor zurück, von sich selbst Briefmarken drucken zu lassen. Eine ganze Serie davon durchzieht die 1960er-Jahre. Vom Wert á 5 Pfennig bis zu einer DDR-Mark. Ob man wollte oder nicht, musste man vor dem Versenden eines Briefes die Rückfront des Staatsratsvorsitzenden belecken. Der Geschmack blieb so fade wie die Politik dieses Unglücksboten einer eigentlich so schwungvoll starten wollenden Arbeiterbewegung. Vielleicht war das trotz der vielen mit Ulbrichts Regentschaft verbundenen Repressalien und Opfer gut so, denn ein etwas geschmeidigerer, ein nur ein bisschen sympathischer daher kommender Agitator hätte in jenen Jahren den von Anbeginn zum Bankrott verurteilten Kommunismus glaubhafter und verheißungsvoller verkauft und die Menschen wären ihm auf den Leim gegangen. Keineswegs eine gute Vision.
So jedoch hatte die DDR ihren Ulbricht, und so ziemlich jeder Mensch mit gereiftem Menschenverstand inner- und außerhalb von Mauer und Stacheldraht wusste, woran man war. Mit der DDR, mit dem Sozialismus und mit den „teuren und teuersten“ Genossen.
Man kann übrigens nicht behaupten, dass Ulbrichts Abgang und sein Ende, das drei Jahre später kam, in irgendeiner Art glorreich oder gar beneidenswert gewesen wären. Am 3. Mai 1971 musste der Spitzbart „auf eigenen Wunsch“ zurücktreten. Es war das sang- und klanglose Ende einer für diesen Typus Mensch letztlich einmaligen Politiker-Karriere. Rücktritt, abgewählt, gefeuert, abgeschwiegen. Irgendwann die Frage: Ulbricht, wer, bitte schön, soll das gewesen sein? 
 Dass er dann 1973 im unpassenden Moment starb, vervollständigte die Bedeutungslosigkeit, in die er nach dem Abschiedstritt gefallen war. Die Weltfestspiele der Jugend, nach denen sein Nachfolger und Erb-Feind Honecker so gierig gedürstet hatte, ließen weder Platz für Trauer noch für eine Würdigung, was der lebenden Politriege keineswegs ungelegen kam. Der eine Tyrann war tot, der andere lebte und feierte mit der Weltjugend im einstigen Walter-Ulbricht-Stadion in der Berliner Chausseestraße. Aber das Schicksal hielt sich an jenem Erich nicht minder schadlos als an seinem Vorgänger: 1989, Degradierung, Demütigung und das gar noch vor laufenden Kameras. Später umher gestoßen, umhergeirrt, vor Gericht gezerrt und von den eigenen Mitläufern geschmäht und gemieden. Der Sündenbock der Partei. Schließlich der Tod in der Fremde.
Das sind, das waren sie, die Ulbrichts, die Honeckers. Neue von dieser Sorte brauchen, wollen wir nicht.                 A.R., Mai 2011

Drei Jahre Knast gab es allein für diesen Ulbricht-Witz: Walterchen hat das rechte Ohr verloren. Er hatte es auf die Schienen gelegt, um zu horchen, ob endlich ein Zug mit Zwiebeln kommt.

Kommentar/Zusatz zum vorausgegangenen Text: 

Ulbricht war nicht nur in den 1960er-Jahren auf Briefmarken
Auch nach seinem Tode wurden noch Ulbricht-Marken gedruckt 
"... Eine ganze Serie davon durchzieht die 1960er-Jahre. Vom Wert a 5 Pfennig bis zu einer DDR-Mark..."
Etwas richtiger müsste es heißen: Eine ganze Serie durchzieht die 1960er- und 1970er-Jahre. Vom Wert a 5 Pfennige bis zu einer 2 DDR-Mark; insgesamt 15 Pfennig und 7 Markwerte.
Darüber hinaus Sondermarken mit seinem Konterfei. Der Ein-Mark-Wert im Kleinformat erschien 1970, der 35-Pfennig-Wert 1971 und zu seinem Tode (1973) eine 20-Pfennig-Marke.
Insgesamt erschienen sogar vier Ein- und drei Zwei (jeweils mit M, DM und MDN)-Werte.
Benno K. 

Anm. d. Red.: Die Aussage dieses Teils des Beitrages betraf die Tatsache, dass Ulbrichts Personenkult so weit ging, dass er bereits zu Lebzeiten Briefmarken von sich drucken ließ. Auch Betriebe und Sportanlagen trugen seinen Namen. So gab es in der Berliner Chausseestraße das Walter-Ulbricht-Stadion, in dem vor allem Leichtathletik-Wettkämpfe stattfanden, und im heutigen Sachsen-Anhalt existierte mit den Leuna-Werken Walter Ulbricht der größte Chemiebetrieb der DDR. Hier waren etwa 30.000 Menschen beschäftigt, die Produkte wurden in mehr als vierzig Länder exportiert. Das komplett abgeriegelte Werksgelände umfasste eine Fläche von sieben mal drei Kilometern. Es hatte bis 1945 dem Chemiegiganten IG Farben gehört. Nach Ausschlachtung im Zuge der Reparationsleistungen durch die Sowjetunion wurde es 1954 der DDR übergeben. Die schädlichen Umwelteinflüsse, die insbesondere durch die Verarbeitung von Erdöl entstanden, verhalfen dem Werk zu einem schlechten Ruf. Nach 1990 entspann sich um das Werk ein Korruptionsskandal, der bis heute nicht als aufgeklärt gilt. Inzwischen wurde es in die Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH überführt.
Der Ergänzung halber sei angemerkt, dass auch in der DDR-Ära Marken vom Leuna Werk gedruckt wurden, auf denen der Name Walter Ulbricht aufgeführt wurde. Auch dies ist eine nicht eben schleichende Form des Personenkults, an dem sich seinerzeit offenbar kaum jemand störte.


Januar 2011

Ein Literaturhaus für Westfalen, das geht auch digital?
Ja. Es heißt (formell) Digitale Literatur-Ambulanz für Westfalen.
Es bekommt aber den Kurz-Namen DIGLITANZ

Als Modell stelle ich einen Auszug aus der Verfahrensweise in meiner Literatur-Praxis vor, wo ich in Arzt-Manier eingereichte Manuskripte „versorge“.

„Passenderweise fällt mir in dem Augenblick und an eben dem Ort auf, dass auch ich eine „Praxis“ führe. Eine, die der Behandlung von Literatur dient. Zum einen führe ich an Manuskripten Schönheitsoperationen durch, wozu auch das Absaugen literarischen Fetts gehört; zum anderen wird bei den Manuskripten, die über meinen Tisch gehen, gründlich diagnostiziert und notfalls amputiert. Gelegentlich gebe ich sogar mal Sterbehilfe oder verfüge eine Abtreibung – für manche Texte ist es einfach besser, wenn sie das Licht der Welt gar nicht erst erblicken. Die betreffenden schreibwilligen Patienten erkläre ich höflich, aber unmissverständlich für unheilbar. Anderen wiederum kann ich durch teils schmerzhafte Eingriffe wenigstens etwas Linderung verschaffen. Leider fallen bei mir die Honorare bescheidener aus als bei den meisten Ärzten.“

Auszug aus:
„Saerbecker Plätze – Tagesaufzeichnungen aus meiner Literatur-Praxis“

Eine solche Literatur-Praxis halte ich auch als große „Westfälische Literatur-Ambulanz“ für möglich. Hier kann man Manuskripte online einreichen und nach kurzer Begutachtung können sie an die zuständigen „Facharzt-Lektoren“ geleitet werden. Dort erfahren sie durch qualifizierte Lektoren bzw. erfahrene Literaturärzte eine kompetente Behandlung.
Dies hat folgende Vorteile: optimale Zeiteinteilung, unkomplizierte Zuordnung zur Bearbeitung, Unterstützung bei der Erstellung eines Exposés und digitale Weiterleitung zwecks Verlagsvermittlung. Geldeinsparung sowieso, keine riesige Immobilie.
Für die Ausschreibung von Lesungen könnten interessierte Autorinnen und Autoren Manuskript-Auszüge ebenfalls digital einreichen und bewerten lassen.
Die Ambulanz bekäme bei mir den Namen: Diglitanz (Abkürzung für Digitale Literatur-Ambulanz). Sie wäre Tag und Nacht geöffnet - auch an (katholischen) Feiertagen und während des Karnevals.
Saerbeck am 19. Januar 2011                   

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Januar 2010 NACHRUF auf Dr. David Daudrich

Vordenker für das Wirbelkraftwerk verstorben 

Im Alter von 81 Jahren verstarb im Dezember 2009 der Wissenschaftler und Geschichtsautor Dr. David Daudrich.
Daudrich wurde 1928 als Nachfahre russlanddeutscher Einwanderer in der Nähe der sibirischen Stadt Omsk geboren und wuchs in der Zeit der stalinistischen Diktatur auf. Bereits als Jugendlicher erlitt er die Repressalien des Sowjet-System, als er nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion die Schule abbrechen und unter kaum vorstellbaren Bedingungen für die Kolchose arbeiten musste.
Nach dem Krieg erlitt er wie alle Russlanddeutschen unter der Hass-Herrschaft Stalins erhebliche Nachteile und konnte nur durch seine enorme Begabung sowie durch Hartnäckigkeit und große Entbehrungen eine Schule und später ein Studium abschließen.
Daudrich promovierte mehrfach und machte als wissenschaftliches Multitalent durch zahlreiche technische Erfindungen und Patent-Anmeldungen auf sich aufmerksam, er trat aber auch mit dem zweiteiligen russischsprachigen Werk „Der sibirische Garten und die Gesundheit“ in die Öffentlichkeit. Bis zur Berentung arbeitete er in der sowjetischen Raumfahrt, kam jedoch wegen seiner Deutschstämmigkeit nie in die ganz hohen Positionen. Besonders hart traf ihn 1972 der Tod seines Sohnes, der die Zwänge des Sowjetsystems nicht mehr ertragen konnte und daher freiwillig aus dem Leben schied. Daudrich litt bis zuletzt an diesem Schicksalsschlag.
Nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems siedelte Daudrich nach Deutschland, das er als seine Heimat ansah, über und fasste seine Erfahrungen und Forschungsergebnisse in mehreren Büchern, die sämtlich im Firstminute Verlag sprachlich überarbeitet und veröffentlicht wurden, zusammen.
Während er in den autobiografischen Werken „In Sibirien half uns nur noch Gott“ und „Menschenleben spielten keine Rolle“ einen geschichtlichen Rückblick auf mehrere Jahrzehnte Sowjet-Imperium und das Leben der Russlanddeutschen gibt, beschreibt er in seinen wissenschaftlichen Werken sehr verständlich die Entstehung und die Existenz von Planetensystemen und setzt sich in einem anderen Werk mit den Fehldeutungen des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik – einer bis heute umstrittenen Thematik – auseinander.
Als wissenschaftliches Hauptwerk hinterlässt er die Forschungsergebnisse aus seinen Untersuchungen zu Wirbelstürmen und den Möglichkeiten, aus ihnen Energie zu gewinnen. In seinem Buch „Der tropische Wirbelsturm und das Wirbelkraftwerk“ zeigt er anhand der Analyse verschiedener Formen der Wirbelstürme auf, wie man diese „zähmen“ und für die Menschheit nutzbar machen kann. Der Aufwand dafür ist minimal, Rohstoffe werden fast gar nicht benötigt. Und auch die Angst vor Wirbelstürmen wird für den Leser geringer, da Daudrich ihn in seinen Betrachtungen als „Lebewesen“ behandelt.
David Daudrich war es nicht vergönnt, den Bau eines solchen Kraftwerkes mitzuerleben. Sämtliche Bemühungen, bei Politikern, Wirtschaftsmanagern oder anderen Wissenschaftlern Unterstützung zu finden, waren zum Scheitern verurteilt. Die Befürworter und Vertreter anderer Energiearten erwiesen sich als zu starke Gegenmacht. Er starb – entkräftet von einem entbehrungsreichen Leben – in einem Seniorenheim in Seeheim-Jugenheim. Das Werk, das er hinterlässt, wird jedoch Bestand haben, seine Lebensleistung war keineswegs umsonst.       
              Alexander Richter, 28. Februar 2010                           

                                 
Weiter Angaben über Leben und Werk von Dr. David Daudrich finden Sie in unseren Web-Rubriken  

 

12. Oktober 2009

20 Jahre friedliche Revolution 

Ich war eine halbe Woche in Leipzig. Die Gedenkfeier zur Montagsdemo vom 9. Oktober 1989 und das Friedensgebet haben mich gelockt. Hans-Dietrich Genscher, früherer Außenminister, und Harald Ringstorff, als amtierender Bundesratspräsident, waren die Hauptredner. 5.000 Menschen formten mit Kerzen in der Nacht eine große 89.

Die Montagsdemo vom 9. Oktober 1989 gilt als der entscheidende Durchbruch für jenen „friedlich stürmischen“ Herbst. Bereits am Nachmittag hielten sich 70.000 Menschen in der Innenstadt und in den Kirchen auf. Es sollen auch zahlreiche SED-Leute darunter gewesen sein. Man erkannte sie, weil sie während des Gottesdienstes nicht mitsangen und nicht beteten. Sie blieben, wie wir heute wissen, wirkungslos. Vor der Demonstration versuchten Polizei und Stasi mit den Initiatoren der Friedensbewegung einen Deal zu erreichen: Die Innenstadt sollte frei bleiben von Demonstranten. Welch ein Hohn. Natürlich ging niemand darauf ein.

Neun Tage nach dieser Demonstration trat SED-Chef Honecker zurück. Seine eigenen Genossen verpassten ihm einen Fußtritt.


Oktober 2009 - 03

Gegen 11.00 Uhr unterbreche ich meine Schreibaktivitäten und fahre zu einem der vier Supermärkte einkaufen. Ich brauche dies und das und noch einige andere Sachen. Als ich über den Parkplatz gehe, um mir einen Einkaufswagen zu schnappen, lacht mich ein großer, freundlicher Mann an. Ich denke, das könnte, müsste, sollte kein anderer als ein gewisser Bernhard Sowieso aus meinem ganz lange zurückliegenden Polnisch-Kurs in Emsdetten sein. Also bin ich ganz unbefangen und lache zurück. Der Mann streckt mir die Hand entgegen. Ich ergreife diese und sage: „Dich hab ich ja lange nicht gesehen.“ Er nickt und freut sich. Ich wieder: „Wollte dich schon immer mal angerufen und in mein Office eingeladen haben. Dann kam’s aber nicht dazu. Übrigens, immer wenn ich Liesel oder Ernst treffe, reden wir auch über dich.“

Er freut sich noch mehr und erwidert: „Schön, wenn jemand an mich denkt.“

Ich dann: „Und du schreibst jetzt grandiose Theaterstücke, die auch aufgeführt werden, wie man in der Zeitung liest?!“

Da schüttelt er etwas ratlos den Kopf, und wir kapieren beide: Eine Verwechslung, ganz klar. Bin jetzt unverhohlen ratlos und – was Wunder – peinlich berührt und frage: „Demnach sind Sie wohl gar nicht der, den ich in Ihnen sehe? Bernhard aus Isendorf?“

Er schüttelt den Kopf, bleibt aber freundlich und gesteht: „Ich bin hier der Pastor.“

Ich erschrecke und denke: wie unangenehm. Ich frage mich, wie man sich in einer solchen Situation aus der Affäre zieht? Man entschuldigt sich und erklärt so allerlei. Ich jedenfalls mache es so.                                                                                                                   Aus "Saerbecker Plätze - Tagesaufzeichnungen aus meiner Literatur-Praxis                                                                                               Alexander Richter, 2009


Das Thema Sommerzeit -zweimal im Jahr

Sommerzeit-Tragödie

O, du letzte Nacht im Märzen
hast mir kurzen Schlaf beschert
wenig ist mir heut' zum Scherzen
denn mein Kopf wiegt unerhört

Ach, du schöne lange Stunde
die mein Wecker eher geigt
kaum noch tröstet mich die Kunde
daß der Tag sich früher neigt

Weh dir, schönes Sonnenwetter
das ich nicht mehr voll genieß
damals war das Sonnen netter
Sommerzeit macht vieles mies

Doch ich geb mich nicht betroffen
mach' mein Tagewerk ganz brav
auf September kann ich hoffen
auf die Stunde Zusatzschlaf

Aus: Wattepudelrollversuch -
 Gereimte Gemeinheiten und feine Gereimtheiten
Alexander Richter, 1997




Held 

Die Not
in dir
macht dich
bescheiden

angekommen
mit leeren Händen
bist du
anspruchsvoll
neu  

Aus Guido Dahl/Angelika Scho: Nächtebuchnotiz um 1.35 Uhr



Das Thema  Ostern:

Saerbeck morgens, ziemlich früh  
 
Am Ostersonntag bin ich schon in aller Frühe mit dem Fahrrad von Emsdetten nach Saerbeck unterwegs. „Vom Eise befreit“ – wer kennt das nicht, es ist das Standardgedicht der deutschen Laienrezitatoren. Es geht mir zwar durch den Kopf, aber lassen wir das jetzt mal, das Thema „Faust I“ mündet bei mir zumeist in eine boshafte Lästerei. Schon weil mich die einstmals gültigen Rahmenlehrpläne nebst einer konservativ gestrengen Deutsch-Lehrerin aus Oberschlesien zum Auswendiglernen diverser Passagen verpflichteten. Und nun: Ich unternehme an diesem Morgen eine Osterfahrradtour und keinen Osterspaziergang. Man, also ich, muss schließlich irgendwann wieder zurück sein; wegen des vegetarischen Osterbratens. Und da ist man mit dem Fahrrad einfach schneller und auch hungriger ...

Stattdessen erlaube ich mir mal einen anderen Einschub.

Ich weiß nicht, ob mich schon mal jemand beobachtet hat, aber es ist ja so, dass ich regelmäßig jogge. Gelegentlich befinde ich mich dabei auch zwischen Saerbeck und Emsdetten, was aber nur die halbe Wahrheit, weil eben auch nur die halbe Strecke ist. Genau genommen jogge ich von Emsdetten nach Emsdetten. Und dabei führt mich mein Weg über Saerbeck. Noch genauer heißt das: Ich verlasse Emsdetten über Austum, passiere Hembergen, passiere Saerbeck und steuere dann entlang der Autostraße nach Emsdetten zurück. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer das sind. Vielleicht … In Zeiteinheiten brauche ich knapp zwei Stunden. Dass ich mir dabei eine Pause gönne oder gar irgendwo einkehre, womöglich noch ins Arthaus gehe, darf allerdings keiner glauben. Das geht wegen der dann erlahmenden Laufbereitschaft und der hohen Gefahr des Auskühlens schon mal nicht. Im Übrigen möchte man eine solche Distanz, so man sie begonnen hat, auch ohne Zwischenstopp hinter sich bringen.

Warum ich diesen Einschub geschrieben habe, wo er doch nichts mit Ostern und nur peripher mit Saerbeck zu tun hat?

Es ist wegen der Landschaft. Ich mag dieses Stück zwischen Saerbeck und Emsdetten unheimlich gern. Die Wiesen, die Bauernhöfe, Bäume, Pferde. Es ist eine friedliche Weite. Gar nicht mal spektakulär und einmalig, dennoch ist da alles drin, was mich freut und mich entspannt. Und wenn ich mit dem Rad fahre, genieße ich die Landschaft am intensivsten. Aus dem Auto ist das, wie ich’s schon mal beschrieb, wegen der allgemeinen Raserei nicht so möglich. Und beim Joggen stecken einem nachher schon die gelaufenen Kilometer in den Knochen.

Übrigens versuche ich jedes Mal auszukundschaften, wo wohl die Flurgrenze zwischen Emsdetten und Saerbeck verläuft. Ich werde jedoch immer abgelenkt. An diesem Sonntag ist es der Kirchturm. Irgendwann taucht er am Horizont direkt über der Straße auf. Kurz darauf verschwindet er wieder, weil sich die Straße durch diverse Kurven schlängeln muss und die Baumkronen ohnehin den Blick verdecken. Aber es erinnert mich an das alte Prinzip, nach dem früher Dörfer und Städte angelegt wurden. Die Straße musste auf die Kirche zulaufen. Ich kenne das von solchen kleinen Städten wie Pritzwalk, Kyritz, Neuruppin oder Wittstock, die vor zwanzig Jahren noch finstere DDR-Provinz waren. Man fühlte sich, wenn man so direkt auf den Kirchturm zufuhr, zurückversetzt in die Zeit Fontanes. Da dachte ich oft: Einmal diese Wanderungen machen, wie sie Fontane gemacht hat. Und auch heutzutage habe ich diesen Wunsch noch nicht abgelegt …
 
Nun bin ich also in Richtung Saerbeck unterwegs. Mit dem Fahrrad. An diesem Ostermorgen fahren wenig Autos. Wir haben außerdem Sommerzeit, in der Nacht ist die Uhr eine Stunde vorgestellt worden. Nicht jeder steckt das ohne weiteres weg. Bei den meisten Zeitgenossen streikt der Bio-Rhythmus.

Nein, nicht bei allen. Im Garten des Kirchheimes sehe ich zu dieser frühen Stunde, es mag noch nicht mal acht Uhr sein, eine gut gelaunte Morgengesellschaft. Zwanzig Leute, noch mehr vielleicht. Jemand macht ein Foto von der Gruppe, so dass ich zunächst auf eine „Hochzeiterei“ oder etwas Ähnliches tippe. Erst ein paar Tage später erfahre ich, es ist die Kirchengemeinde gewesen. Sehr familiär. So familiär, auf dass man von mir keine Notiz nimmt.

Ich fahre daher meine übliche Runde. Zunächst in die Einkaufsstraße. Am Buchladen befindet sich der Glaskasten, wo die Zeitungsausgabe ausgestellt ist. Ich war am Vortag ziemlich ausführlich vorgestellt worden. Jetzt prangt mir der Artikel hinter Glas entgegen. Mit einem ziemlich großen Foto von Herrn Alex …

Nun mal rasch weiter, denke ich. Womöglich kommt doch noch jemand und sieht dich hier stehen. Nachher heißt’s: „Der kann sich gar nicht satt sehen an seinem eigenen Foto.“


Alexander Richter : Saerbecker Fenster- Impressionen eines Jahres             Originalausgabe  2005, first minute Taschenbuchverlag
ISBN  978-3-932805, 170 S., 11,90 Euro



Thema Landschaften und Träume

Landschaft III

am ende
des weges

liegt der anfang
in weiter ferne

             Ralph Jenders (unveröffentlicht)

 

 

Traum

der schnee
fällt zart auf
deine brüste
 
meine küsse
wärmen
dein gesicht
 
ein wind
bricht in
das weiß
 
verweht die küsse
zerbricht den traum

                      Ralph Jenders (unveröffentlicht)
 
 

Das Thema Irrungen: 

Verirrt 
 
Auf der alljährlichen weiten Reise verlor die kleine Schwalbe die Schar ihrer Gefährtinnen und Gefährten.

Sie verirrte sich, ohne es zu merken.

Anstatt in den warmen Süden flog sie weiter und weiter in Richtung Norden. Sie hatte geglaubt, die herbstlich abgeernteten Weizenfelder wären ein Fluss und das dunkel wogende Meer wäre der unendlich weite Horizont.

In den strahlenden Sternen erkannte sie die beginnende Morgendämmerung, und die im Mondlicht schimmernden Gletscherspalten schenkten ihr die Hoffnung, auch allein das Ziel ihrer Reise zu erreichen.
 
Aber als ihre Flügel im kalten Schneesturm schwer wurden, verlor sie ihre Kraft und sank immer tiefer. Die feinen Eissplitter, die sich schließlich in ihr müdes Herz bohrten, ließen sie den Irrtum zu spät erkennen. 
 
        Sonja Rabaza, 02. 03. 2009 (unveröffentlicht)  Sonja Rabaza  
 








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