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Alexander Richter:  Zwischen den Welten
Elend und Glanz nach der Übersiedlung
Zweiter Band

Zu diesem Buch 

Es ist das Frühjahr 1985, Alexander Richter, der drei Jahre zuvor in der DDR zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt wurde, ist durch den Häftlingsfreikauf in die Bundesrepublik gekommen. Nach drei Tagen Aufenthalt im Aufnahmelager Gießen ist er nach West-Berlin gegangen, wo er im Schatten der Mauer versucht neue Wurzeln zu schlagen.

Doch der Neuanfang ist schwer. Einsamkeit, Fremdheit und vor allem die schweren psychischen Nachwirkungen der Haftjahre und der vorausgegangenen Verfolgung durch die Stasi lassen den Neuankömmling nur mühsam einen Zugang zu den Gewohnheiten und Gesetzmäßigkeiten der neuen Welt finden. Zu sehr lasten die Zwänge und Abläufe des vormaligen Lebens in der DDR auf ihm, als dass er hier im Westen ohne weiteres eine vergleichbare soziale Position finden und die alte Welt abschütteln kann.

Das vorliegende Buch ist die Fortsetzung der Übersiedlergeschichten, die Richter bereits in seinem Band „Eine Rose für die Deutschen – Elend und Glanz nach der Übersiedlung“ festgehalten hat. Auch hier hat er unbeschönigt von Enttäuschungen und Verweisungen, vom Nicht-Verstandenwerden und vom Nicht-Verstehen in der für ihn neuen Gesellschaft der Bundesrepu­blik berichtet. Doch er scheut sich auch nicht, von den eigenen Schwächen und Hemmnissen zu schreiben, die ihn in der neuen Welt immer wieder zurückwerfen: Die Selbstisolation, die Flucht aus der Gesellschaft und die fehlende Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen oder am Alltag teilzunehmen.

Der zweite Band der Übersiedlergeschichten steckt wie der erste voller Kraft, auch voller Neuigkeiten. Er schließt nahtlos zu den Erzählungen im ersten Band auf, ohne Wiederholungen oder Langwei­lig­keiten zu enthalten. Er birgt zudem einen Stoff, der uns im mittlerweile erreichten Stadium der neuen Einheit Deutschlands fremd und fern ist, zumal wir unseren geschichtlich interessierten Blick auf völlig andere Brennpunkte gerichtet haben. Und das gerade macht die Fortsetzung der Übersiedlergeschichten so spannend, aufschlussreich und nicht zuletzt auch wichtig.
                 Natascha Bruns
                 Münster, 2013




J O S E F  B E R K E M E I E R

Das Buch über eine "alte Zeit, in der man noch den "Krummstab brach"

Unterwegs in eine neue Zeit

Wie konnte ein normaler Knecht zum Ritter werden?  Wie gut war die „gute alte Zeit“? War es in einem Heidedorf wirklich so idyllisch, wie es im Film  „Grün ist die Heide“ dargestellt wird? Wie lebten die Menschen, was kostete eigentlich ein Pfund Zucker?
Diese und viele Fragen mehr stellte sich Josef Berkemeier aus Saerbeck nicht nur, er begab sich auf Spurensuche, sammelte Geschichten und Bilder  beantwortete sie auch und machte daraus ein interessantes hisotrisches Lesebuch. Es heißt „Unterwegs in eine neue Zeit“, und beschäftigt sich mit der Vergangenheit des nördlichen Münsterlandes. Schon das Titelbild, ein Heideweg, verrät: Hier wird ein Fenster lokaler Geschichte und Geschichten weit geöffnet. Es erschließt die Zeit zwischen 1775 und 1825. „Dieser historische Abschnitt ist deshalb besonders spannend, denn er umfasst die Blütezeit, aber auch  den Untergang des Fürstbistums Münster, symbolisiert durch den gebrochenen Krummstab“, erklärt der Autor, der auch im Saerbecker Heimatverein aktiv ist.
Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise. Wie lebten und arbeiteten die Menschen in Saerbeck? Der Leser wird zunächst über das Leben in einem Dorf im Münsterland vor 200 Jahren informiert. Er erfährt, dass die Menschen der Region im Frühjahr fürchterlich unter dem Haarrauch litten, einem vom Wind aus den Richtungen Norden und Westen herangetragenen Brandgeruch.

Von der schweren Arbeit gezeichnet übergab der Bauer seinem erstgeborenen Sohn seinen Hof. Dieser musste die Hofstelle vom Grundherrn neu erwerben.

Von den 1800 Einwohnern Saerbecks wohnte und arbeitete damals die Mehrheit in der Bauernschaft, nur rund 70 Familien lebten im Dorfkern. Im Mittelpunkt des Ortes lag die damals bereits betagte alte Kirche von 1526, unter deren Dach sich sowohl die weltliche als auch die geistliche Macht des Kirchspiels vereinigte.

Um 1800 stand in Saerbeck eine etwa 300 Jahre alte Kirche im spätgotischen Stil. Sie wurde 1896 abgerissen und gegen das heutige Gotteshaus ersetzt.

Die Struktur und Verwaltung des Fürstbistums wird als weiterer Themenschwerpunkt behandelt. Dabei wird Freiherr von Fürstenberg in den Mittelpunkt gestellt. Unter seiner Führung blühte das Münsterland wieder auf, nachdem es durch Kriegseinwirkung während des Siebenjährigen Krieges kurz vor einem Staatsbankrott gestanden hatte. Anschaulich wird dargestellt, dass die von Fürstenberg eingeleiteten Reformen selbst auf dem Dorf Einzug hielten.
Daran schließt sich eine ernüchternde Bestandsaufnahme der Landwirtschaft an. Es wird beschrieben, dass diese sich in einer Sackgasse befand. Der „ewige Roggenanbau“ hatte verheerende Schäden an der Natur verursacht. Bis auf Wallhecken gab es keinen Baumbestand mehr. Große Heideflächen drohten zu versanden.
Für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln nahmen Mühlen eine Schlüsselposition ein. Sie dürfen in einer Darstellung der Geschichte des 18. Und 19. Jahrhunderts nicht fehlen. Hierbei wird herausgearbeitet, dass Saerbeck aufgrund der günstigen Terrassenlage zur Ems über zwei Wassermühlen verfügte, von denen eine sogar ganzjährig den Mühlenbetrieb aufrecht erhalten konnte.

Beide Mühlen waren schon multifunktionsfähig. Sie wurden zusätzlich auch als Ölmühle und Knochenmühle verwendet. Eine dringend benötigte Bokemühle, die durch Wasser oder Wind angetrieben wurde, um Flachsfasern zu gewinnen, gab es noch nicht – also war in Saerbeck schwerste Handarbeit angesagt, um das stark nachgefragte Leinen herzustellen für den Export.

Warum war der Bedarf an einer so speziellen Mühle gegeben? Auch dieser Frage geht Josef Berkemeier nach: Und so erfährt der Leser, dass sich ab dem 17. Jahrhundert Holland an die Spitze der erfolgreichsten Handelsnationen gekämpft hatte. Etwa die Hälfte des gesamten Welthandels wurde damals von den Niederländern umgeschlagen. Die holländischen Seefahrer brauchten enorme Mengen an Leinen als Segeltuch für ihre Segelflotten, für wetterfeste Kleidung der Matrosen und als reißfestes Verpackungsmaterial für ihre Waren. So förderte die boomende niederländische Wirtschaft die Nachfrage nach Leinen auch im Münsterland. Durch die Möglichkeit, selbst hergestelltes Leinen zu verkaufen, bot sich für die nachgeborenen Söhne auf den hiesigen Bauernhöfen die Gelegenheit, eine eigene Existenz aufzubauen und eine Familie zu gründen. Das Heuerlingswesen, eine Spezialität im Münsterland und Emsland, konnte entstehen.

Heuerhäuser sind zu einem Bauernhof gehörende Wohngebäude für Bedienstete,

Die Zeitreise endet am Anfang des 19. Jahrhunderts: Das Fürstbistum Münster fiel dem napoleonischen Expansionsdrang zum Opfer, in dem es ab 1802 Preußen angegliedert wurde. Es blieb für die Preußen zunächst nur bei einer Stippvisite. Was sie aber in „preußischer Gründlichkeit“ hinterließen, war das „preußische Heberegister“, eine Aufstellung, die aus heutiger Sicht einen echten Glücksfall für die Geschichte des Dorfes darstellt.

Nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt übernahmen die Franzosen 1807 die Herrschaft über das Münsterland. Auch jetzt wurde wieder eine Inventur durchgeführt, die für das Buch ausgewertet werden konnte. Das französische Rechtssystem fand Einzug und damit auch die allgemeine Wehrpflicht. Hermann Anton Vogelpohl, ein Bauernsohn des Dorfes, musste den Dienst für den Kaiser der Franzosen antreten. Spannend wird die Lebensgeschichte dieses Mannes erzählt, der als Ritter von Vogelpohl aus dem Krieg zurückkehrte.

Die Szene zeigt, wie der Veteran Vogelpohl bei Soldaten in Münster mit seinem Ehrenkreuz Eindruck schindet.

1810 wurde Saerbeck Teil von Frankreich, um die Kontinentalsperre besser durchsetzen zu können.
Vier Jahre später kehrten die Preußen nach Westfalen zurück.
Diese Zeit wird anhand der Notizen des ersten Saerbecker Bürgermeisters, Anton Schlamann,  lebendig nachgezeichnet. Er war auch gleichzeitig der Mairie des Heidedorfes an der Ems.
Das Buch hat 187 Seiten kostet 12,95 €. Der Erlös aus dem Verkauf der Bücher ist für die Sanierung des Nordgiebels des Saerbecker Heimathauses bestimmt.




Alexander Richter:
Mosus und  Makarilla
Endzeitgeschichten (Neuerscheinung 2010)

Mirjam singt  

Die verstrahlte und von milchigem Licht getränkte Luft lag stickig wie ein randlos zäh klebriger Schleier über der ausgedörrten Ebene. Schon aus der Entfernung weniger Meter wurden die abgestorbenen Grasbüschel, die vielen dürr gesplitterten Stämme, die Gebäude- und Steintrümmer und die in letzter Not errichteten Hütten ebenso wie die weithin verstreuten blank gescheuerten Knochenskelette zu schemenhaften Silhouetten. Alles, das noch irgendwie existierte, war unwiderruflich vom starren Schein eines endlos währenden, unsichtbaren Todes berührt.
Außer Josef und dem Jungen gab es nur noch Anja. Die Löwin lag jetzt auf dem Rücken. Ohne es zu wollen, streckte sie die Hinterpfoten von sich und ruderte mit ihnen ungelenk in der Leere. Immer wieder versuchte sie, die Beine zu spreizen, doch eine weite Spreizung so wie bei Menschenfrauen gelang ihr nicht.
Josef wusste trotz der zehn oder zwölf Schritte, die Anja von ihm und dem Jungen entfernt lag, und trotz des milchigen Lichts, was die Löwin tat. Es war wegen der Geige. Er hatte sie angelegt und spielte. Die schluchzenden Töne seines Spiels hielten Anja auf Distanz, sie zwangen sie in eben diese ungewöhnliche Rückenlage.
Endlich machte Josef eine Pause. Er tastete in seinem Rucksack nach den Büchern. Er hätte gern gelesen. Die Gedichte. Vielleicht ein letztes Mal, denn noch gab es das Licht, mochte es auch trübe und seltsam dick sein, noch hatte er Kraft genug, ein Buch zu halten. Doch die Löwin drehte sich, da sie die Geigentöne nicht mehr hörte, sofort auf die Seite. Josef nahm ihre Bewegung vor allem am Geruch wahr. Streng und faulig wehte er zu ihm her. Er nahm die Geige und spielte wieder. Anja warf sich auf den Rücken zurück. Die Hinterpfoten ruderten widerwillig. Sie stieß kaum vernehmbar ein paar trocken gurgelnde Laute aus. Dann winselte und schluchzte sie im Tonfall der Geigentöne.
Das Winseln klang erbärmlich. Der Junge wurde davon wach. Seine großen Augen richteten sich sogleich auf Josef. Für Sekunden sah er erwartungsvoll und sogar ein bisschen glücklich aus. Schließlich begriff er alles. Er weinte tränenlos und bewegte den Mund. Doch die trockenen Lippen blieben lautlos. Josef steckte die Geige vorsichtig in den Rucksack. Er deutete auf den Beutel mit den Körnern. Der Junge machte ein ablehnendes Gesicht.




Kurt Müller:
Gestorben in Bdenweiler
Episoden aus Dichterleben / Neuerscheinung 2012 

Das Dorf B.
Über die westfälische Dichterin Annette von Droste-Hülshoff

Anfangs führte die Reise durch ebenes Gelände, nur unterbrochen von den Beckumer Bergen, eigentlich nur flache Hügel, die sich kaum gegen den Horizont abhoben. Später tauchte fern zur Linken die Hügelkette des Teutoburger Waldes auf. Sie dachte an den unglücklichen römischen Feldherrn Varus, der dort mitsamt seinen Legionen zugrunde ging.
Der vor wenigen Jahren elend gestorbene Dichter Christian Dietrich Grabbe hatte diesem Ereignis sein Drama „Die Hermannschlacht“ gewidmet. Ein eigenartiger Mensch, dieser Grabbe, der mit sich selbst und der Welt nicht zurechtkam. Sogar mit seinem Freund und Gönner Karl Leberecht Immermann hatte er sich letztendlich überworfen.
Je näher sie nach Paderborn kamen, umso waldreicher und interessanter wurde die Landschaft. Diese Wegstrecke war sie schon oft gefahren, doch immer wieder entdeckte sie etwas Neues.
Nördlich von hier befand sich das streng reformierte Lipperland, mit der Residenz Detmold. Dort waren ihr Dichterfreund Ferdinand Freiligrath und auch Grabbe geboren.
Ferdinand Freiligrath, der talentvolle Dichter, war auch mit Lewin Schücking befreundet. Er berechtigte zu großen Hoffnungen.
Ach, Lewin, dachte sie voller Wehmut.
Schnell verscheuchte sie diesen Gedanken und stellte sich vor, wie sie Bökendorf vorfinden würde. Wie gut dass sie der Obhut der Mutter für einige Zeit entrinnen kann. Entspannt lehnte sie sich zurück und richtete den Blick auf den Horizont, wo sich der Gebirgszug der Egge abzeichnete. Ja, diese Gegend hatte schon ihre Vorzüge bei aller Rückständigkeit. Verständlich, dass viele Gebildete es vorzogen, in die Metropolen zu gehen, wo sie ihre Talente besser einbringen konnten. Einer Frau, schon gar nicht einer adligen, stand es selten frei, einen solchen Weg einzuschlagen.
Die Reise führte an der Bischofsresidenz Paderborn vorbei und streifte fast das Fürstentum Lippe. In Lippspringe ließ sie anhalten und machte eine Pause am Quelltopf der Lippe. Wie lange, dachte sie, sprudelt schon diese Quelle, und sie wird auch noch sprudeln, wenn ich schon nicht mehr bin …
Es ging weiter ins gebirgige Westfalen, eine rückständige Gegend, wo der Aberglaube die irrwitzigsten Blüten trieb. Die Menschen lebten von und mit der Natur, die Landwirtschaft bestimmte ihr Leben, dazu kam der Wald. Vor allem in der Nähe der Weser kam der Holzwirtschaft große Bedeutung zu. Die Wälder besaß zum überwiegenden Teil der Adel. Holzdiebstähle waren an der Tagesordnung und wurden, wenn es nicht überhandnahm, kaum als Delikt wahrgenommen.
Im vorigen Jahrhundert hatte es Holzdiebstähle im großen Umfang gegeben. Dabei war ein Förster von den Holzdieben erschlagen worden. Ihr Onkel August von Haxthausen hatte vor vielen Jahren über diesen Kriminalfall geschrieben. Ob der Mord jemals restlos aufgeklärt wurde ist nicht bekannt.
Aber ein anderer Mordfall erregte damals großes Aufsehen. Ein übel beleumdeter junger Mann hatte im Brederwald unter einer Buche den Handelsjuden Soistmann Behrens erschlagen, weil er in aller Öffentlichkeit seine Schulden angemahnt hatte. An diese Ereignisse dachte Annette als sie sich ihrem Ziel dem Bökerhof näherte.
Es war später Nachmittag und sie wurde sicherlich schon von ihren Verwandten, die per Post seit Tagen von ihrem Kommen unterrichtet waren, erwartet.
In der Tat, die Dienerschaft stand vor der Freitreppe, die zum Schloss hinaufführte, um Annette einen gebührenden Empfang zu bereiten. Sie war sehr beliebt und alle Verwandten waren stolz auf sie. Es bedeutete immer auch Abwechslung im tristen Alltag auf dem Bökerhof, wenn sie anwesend war. Vor allem nach so langer Abwesenheit.
Das Freifräulein Annette ließ niemals Adelsstolz erkennen, wenn sie mit den einfachen Leuten sprach. Sie versuchte sogar, sich in die Redeweise der Menschen einzufinden, was ihr nach längerem Aufenthalt immer besser gelang.



Alexander Richter:
Stoppelfieber -Kurzgeschichten (Neuerscheinung 2011)

200 Seiten, 14,00 Euro

Der Marienkäfer 

Schlaks hatte sich gleich in sie verliebt. In Nadezda, die nach den Sommerferien in das Heim gekommen war, in die Gruppe der gleichaltrigen Mädchen, in dieselbe Klasse wie er, in einen der Schlafräume, die sich im anderen Flügel des ehemaligen Kasernengebäudes befanden. Doch er hatte es nicht gewagt, sich ihr zu nähern, sie anzusprechen. Kaum dass sie die ersten Tage und Nächte da war, hieß es: Sie ist hochnäsig, sie pfeift auf Jungen, und was die Mädchen angeht, so gibt sie sich auch nicht mit jeder ab. 

Schlaks hatte längst mitbekommen, wie andere Jungen, die mit ihr hatten gehen wollen, jämmerlich abgeblitzt waren. Nadezda war über sie und ihre plumpen Freundschaftsangebote hinweggegangen, als seien sie Luft. Warum sollte also gerade er, den die Mädchen ohnehin nicht sonderlich mochten und der sich ja selbst nicht einmal schön fand, bei ihr Glück haben? Doch dann kam nach den Herbstferien wie immer das große Schachturnier, bei dem sie ihm im Achtelfinale als Gegnerin zugelost wurde. Es wäre für ihn eigentlich eine Chance gewesen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr durch ein gutes, souveränes Spiel zu imponieren. Aber Schlaks brachte es nicht fertig, diese Chance wahrzunehmen. Aufgeregt und unkonzentriert saß er ihr am Brett gegenüber und schaute sie nicht einmal richtig an. Aus Angst. Oder aus Feigheit. Es kostete ihn, der seit Jahren zu den allerbesten Schachspielern des Heimes zählte, am Ende noch Mühe, gegen sie zu gewinnen. Und schon gar nicht wagte er es, sie um eine Verabredung zu bitten. Ein Spaziergang in der Abenddämmerung über das strengstens gesperrte Schießplatzgelände oder am Sonntagnachmittag, wenn endlich mal eine längere, zusammenhängende Freizeit war und der Filmvorführer in das Volkshaus in der Ortsmitte kam, gemeinsam mit ihr ins Kino zu gehen. Stattdessen war es ihm, als müsse er nach dem Spiel, nach seinem Sieg sofort weglaufen. Von ihr.

Vielleicht wäre zwischen ihm und ihr nie ein Wort gefallen, wenn sie am Ende des Spiels nicht die Initiative ergriffen und ganz plötzlich ihre Hand zu ihm hinübergestreckt und gesagt hätte: „Das war ein gutes Spiel. Von dir. Ich gratuliere. Ich glaube, ich hatte trotz deiner Zerstreutheit nicht die geringste Chance gegen dich. Bestimmt gewinnst du dieses Turnier. Ich drücke dir jedenfalls die Daumen und schau zu, wenn du die nächsten Runden spielst.“ Dabei lächelte sie ganz von Herzen freundlich und sah ihn zutiefst charmant an. Ja, charmant. Ja, zutiefst. Auch wenn er erst in diesem Moment begriff, was all diese Schriftsteller meinten, wenn sie in den Liebesromanen, die von den Zöglingen des Heimes heimlich herumgereicht und unter der Bettdecke gelesen wurden, solche phantastischen Worte benutzten.

Indessen, ihre Gunsterklärung wurde eine zu schwere Bürde für ihn. In der nächsten Runde des Schachturniers stellte er sich gegen einen unbedeutenden Gegner ausgesprochen ungeschickt an. Er war völlig nervös, denn er musste dauernd daran denken, dass sie auf sein Spiel sah, auf ihn und dass sie ihn nach einer Niederlage bestimmt hämisch auslachen würde. Umso mehr schämte er sich, als er bereits nach wenigen Zügen wirklich als Verlierer vom Brett gehen musste.

Dass ihm Nadezda nun noch ihre Gunst schenken würde, hielt er für ausgeschlossen. Aber zu seinem Erstaunen kam es dann ganz anders. Einige Tage später, es passierte nach dem Mittagessen, hatte sie sich ihm auf einmal genähert und sich umständlich und etwas unsicher bei ihm entschuldigt. Ja, entschuldigt. „Ich hätte dir nicht sagen dürfen, dass ich dir bei deinen nächsten Spielen zuschauen will, das hat dich nervös gemacht. Bestimmt bist du wegen mir ausgeschieden.“

Schlaks hatte da zum ersten Mal gemerkt, dass sie überhaupt nicht hochnäsig und eingebildet war. Sie kam ihm eher scheu und ein bisschen unbeholfen vor, und er fand sich in seiner Meinung bestätigt, dass sie sowieso nicht in dieses Heim passte; zu diesen Mädchen und Jungen, die alle aus der Umgebung stammten und deren Familienverhältnissen so völlig anders waren als die ihren. Es hatte ihn erleichtert, ermutigt.

Von nun an gab er seine Zurückhaltung mehr und mehr auf. Er bemühte sich um sie, wie unauffällig es zunächst auch geschehen mochte. In den Unterrichtspausen oder an den Schularbeitsnachmittagen hielt er sich möglichst oft in ihrer Nähe auf. Er unterhielt sich, oder er, weil er nicht immer Gesprächsthemen parat hatte, schwieg mit ihr. Er half ihr bei den Mathematikaufgaben und ließ sich dafür von ihr die Tonleiter, die er wohl nie in seinem Leben begreifen würde, erklären; oder er hörte geduldig zu, wie sie von einem gewissen Nijnski, einem unerhört begabten Balletttänzer, schwärmte und ihm gestand, einst so großartig wie er sein zu wollen.

Dann fing er an, ihr Geschenke zu machen. Zuerst einen Kugelschreiber, später ein Stück Kuchen, ein anderes Mal ein Kartenspiel. Bis sie ihm erklärte, dass man solche Dinge einem Mädchen nicht schenkte, dass sich ein Mädchen am ehesten über Blumen freue und es im Übrigen auch nicht gut war, wenn er sein bisschen Taschengeld für diesen Tand für sie ausgab.


Alexander Richter: 

Sein erstes Buch - Neuerscheinung, Roman, 540 Seiten, 19,90 Euro (zweite Auflage 2011)

Leseprobe:

Tineke und ich und die Plattensammlung.

Begonnen hatte es in der Bibliothek der Uni. Mit ihr, Tineke. Es war über mich gekommen wie ein schweres Sommergewitter. Es, damit meine ich sie, Tineke. Und die Liebe.

Da ich vom Studium her noch den Benutzerausweis für die Uni-Bibliothek hatte, ging ich hin und wieder dorthin, um in diesen und jenen Büchern nachzuschlagen. Eines Tages begegnete ich Tineke dort. Es war im Lesesaal, ich kämpfte mit einem dicken Wälzer über Sizilien. Ich wollte mir Notizen machen und hatte nicht genügend Schreibpapier dabei. Tineke saß neben mir, sie las in einer Gesetzblattsammlung über Arbeits- und Sozialrecht. Ich hatte sie zunächst nicht mal angeschaut und bat sie, immer noch ohne ihr ins Gesicht zu sehen, um ein paar Blätter, die sie mir anstandslos gab. Danach begann ich aus dem Buch den Ausschnitt einer Landkarte nachzuzeichnen. Ich zeichnete Straßen, markierte Städte, Bahnstationen und Flugplätze, schrieb mir die Namen von Museen und historischen Stätten heraus. Es machte sie neugierig. Sie fragte: „Promovierst du über Siziliens Straßennetz oder planst du dort einen Anschlag?“ Ich sah sie überrascht an und bemerkte, wie hübsch sie war. Mit ihren großen, lebendigen Augen, den hübsch geformten, roten Lippen und der braungebrannten Haut. Sie war schon Mitte zwanzig, wirkte aber immer noch wie ein Teenager. Vielleicht, weil sie die Haare noch lang und hinten zusammengebunden trug. Ich erwiderte: „Eher das Zweite. Darf natürlich niemand wissen. Außer dir. Sobald ich die Infrastruktur verinnerlicht habe, muss ich mir ein Buch mit Informationen über Sprengstoff, Munition und die Mafia ziehen. Das geht aber heute nicht. Die Gefahr, dass ich bei einer Sofort-Ausleihe damit Aufmerksamkeit erregen und mein Projekt entdeckt würde, wäre zu groß.“ Da ich beim Sprechen ernst geblieben war, schaute sie mich etwas verwirrt an. Ich sagte: „Du könntest mir behilflich sein, Kleine. Wenn ich mit meiner Zeichnung fertig bin und meine Fingerabdrücke von den Seiten abgewischt habe, stellst du dieses Buch unauffällig in das Regal zurück und verlässt noch unauffälliger die Bibliothek. Ich müsste dann heute Nacht hier nicht einsteigen und die dicke Schwarte vernichten.“ Ich zwinkerte ihr verbindlich zu. „Wenn du mehr über die Vorbereitungen erfahren willst, dann treffen wir uns gleich in der zweiten Querstraße seitlich des Bibliotheksgebäudes wieder. Hinter dem alten Hochhaus befindet sich im Hinterhof so ein düsteres Steh-Café. Ein idealer Ort zum Abtauchen und zum Austauschen von Informationen. Und man kann dort im Fall des Falles durch das Toilettenfenster verschwinden. Aber pass auf, dass dir niemand folgt.“

Nachdem sie ein paar Minuten später fort war, kapierte ich, dass ich mich ganz heftig in sie verliebt hatte. Ihre Stimme klang süß wie ein Musikinstrument in meinen Ohren nach. Sie hatte etwas helles Melodisches, das einem eine Gänsehaut machte. Mir. Ich dachte, hoffentlich hast du sie mit deinem ewig dummen Gelaber nicht verschreckt, verscheucht. Und ich musste mich zwingen, noch eine Weile im Lesesaal zu bleiben und ihr nicht stracks hinterherzulaufen. Dann jedoch rannte ich. Und ich betete in Gedanken, lieber Gott, lass sie bitte in das Café gegangen sein. Lass sie auf mich warten.

Ja, da stand sie an einem Eck-Board. Sie trug jetzt eine große Sonnenbrille, egal wie düster es im Café war. Sie wirkte damit wie ein Kind, das sich auf niedliche Art hatte maskieren wollen. Ich spendierte ihr von meinen letzten Euros einen Kaffee. Ich redete wieder normal, weil ich die Bekanntschaft mit ihr nicht aufs Spiel setzen wollte. Sie bedauerte das offenbar. „Täusche ich mich oder hast du die Pläne für den Anschlag inzwischen tatsächlich aufgegeben? Hat es womöglich was mit mir zu tun? Bin ich in deinen Augen ein Unsicherheitsfaktor? Wäre ja schade.“

Ich nickte. „Natürlich hat es was mit dir zu tun. Und ein Unsicherheitsfaktor bist du solange, bis ich alles über dich weiß, vorher könnte ich dich niemals in dieses höllische Projekt einweihen, geschweige denn dich daran beteiligen.“

„Ich heiße Tineke“, sagte sie gespielt kühl.

„Erasmus“, erwiderte ich.

„Ein Tarnname. Oder?“

Ich musste furchtbar laut lachen. Die wenigen Gäste starrten mich prompt an.

„Also, wenn du wirklich fest daran glaubst, dass du Erasmus heißt, dann heißt du entweder wirklich Erasmus oder du bist ein absoluter Profi im Untergrundkampf, dann hast du deine wahre Identität vor dir selbst hundert Pro verborgen oder sogar ganz abgeschafft. Das schaffen, soviel weiß sogar ich, die Wenigsten.“ Sie hob die große dunkle Brille an und schaute mir richtig tief in die Augen.

„Was wäre dir denn lieber?“, fragte ich.

„Ach“, sagte sie ohne zu zögern, „eigentlich finde ich beides interessant. Anderseits würde mir ein echter Erasmus reichen. Vollkommen.“

„Na gut“, entschied ich, „bis jetzt ist auch nichts passiert. Bis jetzt kann mich kein Staatsanwalt auf irgendwas festnageln. Es ist alles in meinem Kopf, sonst nirgends. Ich kann aus diesem Vorhaben sogar ohne Selbstanzeige aussteigen.“

„Hast du keine Komplizen?“

„Nur einen. Eine Frau. Sie hat zum Glück so gut wie keinerlei Informationen über die geplanten Anschläge. Deshalb steigt sie am besten mit mir zusammen aus. Wir bekommen ein gesichertes Zeugenschutzprogramm.“

Sie lachte. „Bin ich das?“ Und da ich nickte, fragte sie: „Wann beginnt dieses Programm?“

„Es kann gleich beginnen“, entgegnete ich. „Wir gehen ins Kino. Wir sehen uns einen Film deiner Wahl an. Du suchst dir eine filmische Gestalt heraus, die zu dir passt und die du gern sein möchtest, und ich sorge dafür, dass du ihre Identität bekommst.“

„Toll. Und du? Suche ich für dich eine dazugehörige Gestalt aus? Oder nimmst du einen anderen Film, und wir trennen uns?“

Da ich keine Antwort wusste, winkte sie ab. „Naja, es geht sowieso nicht. Ich hab in einer Stunde eine Aussprache in der Klinik. Da erfahre ich, ob und wie es mit mir weitergeht. Beruflich. Wenn ich Pech habe, lassen sie mich mit meinen Einwänden abblitzen, und alles bleibt wie vorher. Oder sie schieben mich noch weiter aufs Abstellgleis.“

Es ging um die Arbeitsbedingungen, um die Fortsetzung ihrer Facharztarbeit. Um das, was sie später als Stillstand bezeichnete. Aber davon wusste ich in diesem Augenblick noch nichts. Sie wirkte, als sie das sagte, geknickt, dennoch entschlossen. Ich versuchte sie aufzurichten, aufzumuntern: „Kann ich dir irgendwie helfen, vielleicht, indem ich vorher hingehe und das Volk aufmische?“

Sie schüttelte entschieden den Kopf. Sie lächelte nachsichtig. „Du magst zwar gut im Untergrundkampf sein, aber das Gespräch findet in der Station statt, auf der ich arbeite. Da liegen diverse medizinische Instrumente herum. Die OP-Bestecks beispielsweise. Diese Übermutter von einer Chefin würde mit ihrem Beschützerinnen-Instinkt vermutlich gleich mal davon Gebrauch machen. Dir gegenüber.“ Sie zog mit dem rechten Daumen eine imaginäre Linie vor der Stirn. „Weißt du, Erasmus, von welchem Instrument sich der Begriff skalpieren ableitet?“

Ein Skalpell, natürlich. Ein durchsichtiger Scherz, der nicht zu dem passte, was sie in dem Gespräch erwarten würde. Ich ahnte jetzt, dass die Lage für sie nicht allzu günstig war und verzichtete auf weitere Aufheiterungsversuche. Ich schlug also vor: „Können wir das jetzt nicht mal lassen, dieses blutrünstige Fabulieren? Oder kannst du mich ansonsten nicht akzeptieren?“

„Du bist schon akzeptiert. Mehr als das.“ Sie reichte mir die Hand. „Ich muss los. Wir treffen uns zur Abendvorstellung vor dem neuen Kinopalast.“

Ich hielt die Hand fest. „Gehen wir wirklich ins Kino? In diesen noblen Palast?“ Ich überrechnete in Gedanken den Inhalt meines Portemonnaies. Ich hatte noch … Nein, hatte ich nicht. Nicht mal mehr … O weh, oje.

„Interessierst du dich womöglich gar nicht für Filme?“

„Geht so“, antwortete ich. „Ich kenne eigentlich so ziemlich alle, das ist hauptsächlich mein Problem.“

„Hör mal“, schalt sie. „Heute ist Donnerstag, es sind in eben diesen Minuten etwa acht neue Streifen losgelassen worden. Einige wurden bis gestern synchronisiert. Sag, wann du die gesehen haben willst?“

Da ich schwieg, dachte sie plötzlich in die falscheste aller Richtungen. „Kann das sonst sein, dass du auf Knall und Fall was ganz anderes mit mir vorhast? So nach dem Motto Wir übergehen das Kino am besten gleich, und ich nehme dich mit in meine Bude und zeige dir meine Briefmarkensammlung.

Sie war nun fürchterlich gereizt. Vielleicht weniger wegen mir als wegen des bevorstehenden Gesprächs. Sie lief los, und ich rannte ihr hinterher. Ich schwor, dass ich keine Briefmarken sammelte, allerdings hätte ich einen riesigen Schatz alter Schallplatten. Diese stammten von meinem damals so sammelwütigen Vater. Früh-Erbstücke. Aus finanzieller Not hätte ich nun vor, mich von den Platten zu trennen. Ich sei gerade dabei, einen Käufer zu suchen. Ich würde es über eine Internet-Börse versuchen. Und in meine Wohnung, die so ziemlich die allerschlimmste Räuberhöhle in ganz Berlin sei, könne ich sie ohnehin nicht lassen.

Wir waren bereits ein Stück aus dieser zweiten Querstraße heraus, als sie entnervt den Kopf schüttelte. „Also Erasmus, die Story mit Sizilien habe ich ja problemlos kapiert. Das war auch echt lustig. Es hat mich prima von dem Gedanken an dieses verflixte Gespräch in der Klinik und meine miserablen Zukunftsaussichten abgelenkt. Aber was du mir jetzt vorgesetzt hast, das krieg ich nicht rein in meinen Kopf. Will ich so kurz vor diesem blöden Termin auch gar nicht reinkriegen. OK?“ Sie ließ mich stehen.

Ich starrte ihr entsetzt hinterher, dann rannte ich mehrere Stunden kopflos durch die Straßen. Ich dachte, das ist vorbei. Vergeigt, vertan, verschenkt. Die siehst du nie wieder. Nicht in dieser großen Metropole. Ich spürte einen tiefen Schmerz. Wo? Überall, am meisten in der Herzgegend.

Erst allmählich sammelten sich meine Gedanken und ich hoffte auf eine kleine Chance.

Ich ging in die Wohnung und öffnete die Schachtel mit der geheiligsten aller Reserven. Dort lagen fünfzig Piepen, die letzten. Dazu klemmte ich wahllos eine Langspielplatte unter den Arm. Ich hatte keine Ahnung, dass es die Scheibe mit unserem späteren Lieblingslied war. Butterfly, red, white and blue. Ich stand eine Ewigkeit vor diesem pompösen Filmpalast und überlegte, von welcher Brücke ich mich stürzen sollte, wenn sie mich versetzte. Tineke.

Da kam sie. Schon lange vor Vorstellungsbeginn. Sie hatte die riesige Sonnenbrille auf die Haare gesteckt und sah selbst aus wie ein Kinostar, eines von den ganz jungen Dingern. „Schön, dass du da bist“, sagte sie erstaunlich unbefangen, auch sichtlich befreit. Ich wollte ihr die Hand reichen und ihr die Geschichte mit der Briefmarkensammlung und der Kino-Einladung irgendwie erklären, wollte mich entschuldigen, da umfasste die ihre vorsichtig meinen Nacken. Sie kam mit ihrem Gesicht dicht an mich heran, und ich spürte für Sekunden ihre Wange an der meinen. Sie seufzte. „Na ja, ich habe jetzt mal zugebissen und denen die Meinung gesagt. Mal richtig heftig. Meine Gesprächspartner waren völlig perplex. Wahrscheinlich wird die Chefin niemals wieder mit mir reden. Nicht nur sie. Immerhin hat es mich erleichtert. Ich musste die ganze Zeit an dich denken. Erasmus! Das hat geholfen“, hörte ich sie sagen. Es klang tapfer und getröstet zugleich.

Ich brachte kein Wort heraus.

Sie sagte: „Lass uns jetzt da reingehen und einen Film ansehen. Das lenkt ab.“ Dann deutete sie auf die Platte, die ich mit Schraubstockgewalt unter meinen Arm geklemmt hielt. „Das Corpus Delicti?“

Ich nickte. „Eines von vielen.“

„Und wie viele gibt es von diesen scheußlichen Dingern?“

Ich hob die Hand und streckte fünf Finger aus.

„Fünfzig ? Fünfhundert? Oder etwa fünftausend?“

Ich räusperte mich. „Fünfhundert.“

Sie pfiff durch die Zähne und sagte: „Ich hab genau dreihundertfünfundachtzig Euro auf der Kante. Die kann ich dir geben. Pro forma nehme ich die Sammlung in Verwahrung. Du kannst sie ja jederzeit auslösen. Es wird kein Stück davon verschwinden. Dafür verlange ich lediglich, dass wir beide in das gleiche Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden.“

Sie fasste meine Hand, und wir gingen in die Halle des Filmpalastes. Sie wählte einen Film für uns aus, von dessen Titel und Inhalt ich nachher nichts mitbekam. An der Kasse zahlte sie und sagte: „Das ist jetzt eine Einladung von mir an dich. Denk also nicht, ich würde es mir vom Kaufpreis für die Platten abziehen.“



Hans Daßau

Wege durch Ostpreußen

 

Da stand ich nun mit meinen Sachen am Ufer, wie bestellt und nicht abgeholt. Ein großer Schatten von einem Mann fiel auf mich, der mehr als ein Kleiderdschrank war. Er sah mich mit seinen blauen, ostpreußischen Augen treuherzig an und sagte: „Na, Kleiner, wo geht die Reise hin. Kann ich Dir vielleicht behilflich sein?“

„Aber natürlich!“, entgegnete ich erleichtert. „Ich will nach Angerburg. Also zum Nord- oder Südbahnhof. Soll ja wohl nicht mehr weit sein! Oder?“

„Aber nein, junges Herrchen, dann lass uns man“, erwiderte er in ostpreuß­ischer Aussprache. Er nahm den schweren Schließkorb auf seine Schulter, als wenn es ein Schmuckköfferchen wäre, und dann zogen wir los. Er ging mit seinem Seemannsschritt voraus; ich mit dem unbe­quemen Klappbett und dem Geigenkasten hinterher. Bald blieb ich zurück, denn ich musste das unförmige Drahtgebilde von Zeit zu Zeit absetzen. Er verschwand bald aus meinen Augen. Als ich endlich die Eisenbahnbrücke erreicht, da schwenkte diese zur Seite, um einen großen Frachtdampfer durchzulassen. Nun stand ich da, meine Sachen waren am anderen Ufer verschwunden. „Mein Gott“, dachte ich, „was mache ich nun? Vielleicht siehst du deine Habseligkeiten nie wieder.“ In dem Schließkorb befand sich mein ganzes Hab und Gut. Gar nicht auszudenken, wenn dieser weg war. Die Minuten verstrichen, das Warten wurde zur Ewigkeit. Endlich war die Brücke wieder eingeschwenkt und ich hastete schwer bepackt zu den Bahnhöfen. Von meinem Zeug war weit und breit nichts zu sehen. Nachdem ich mich zu dem richtigen Bahnhof durchgefragt hatte, stand mein redlicher Ostpreuße schon am Gepäckschalter und nahm mich lächelnd in Empfang. Das Matterhorn, dass von meinem Herzen polterte, musste eigentlich den ganzen Bahnhof zum Beben bringen. „Herrchen, eine ganze Mark ist nun aber fällig!“, rief er mir zu. So gerne habe ich in meinem ganzen Leben keine Mark mehr ausgegeben wie diese. Von diesem Augenblick an war mir dieser Menschenschlag ans Herz gewachsen.

Nach vielen kurzen Unterbrechungen bin ich dann endlich am späten nachmittag in Kruglanken gelandet. Der Bahnhof liegt einsam hoch über dem Ort, von dem nur die zerschossene Kirchturmspitze zu sehen war. Von einem Fuhrwerk, das ich zuvor telefonisch bestellt hatte, war nichts zu sehen. Nach einer bangen Stunde kam ein Zweispänner, eine Art Kastenwagen mit einem jungen Kutscher an. Neben zwei Mehlsäcken landeten auch meine Habseligkeiten auf der Ladefläche, und ich bestieg den Sitz neben dem Rosslenker. Die Fahrt konnte beginnen!

Nach vielen kurzen Unterbrechungen bin ich dann endlich am späten nachmittag in Kruglanken gelandet. Der Bahnhof liegt einsam hoch über dem Ort, von dem nur die zerschossene Kirchturmspitze zu sehen war. Von einem Fuhrwerk, das ich zuvor telefonisch bestellt hatte, war nichts zu sehen. Nach einer bangen Stunde kam ein Zweispänner, eine Art Kastenwagen mit einem jungen Kutscher an. Neben zwei Mehlsäcken landeten auch meine Habseligkeiten auf der Ladefläche, und ich bestieg den Sitz neben dem Rosslenker. Die Fahrt konnte beginnen!

Nachdem wir den Ort, der vom Krieg gezeichnet war, durchfahren hatten, ging es durch die Seeenge von Gansenstein am Goldaper See entlang. Hier, an der schmalsten Stelle, lagen zwei ge­waltige Betonbunker, alte verwilderte Schützengräben und Drahtverhaue sagten mir, dass hier einmal die Front verlaufen war. Die Wagenfahrt in den Abend hinein empfand ich märchenhaft schön, der Himmel war ein Feuermeer, und so weit das Auge reichte, Wälder, nichts als Wälder. Der See lag da wie ein Silberspiegel. Masuren, das Land der tausend Seen ist doch ein schönes Fleckchen Erde! Gegen acht Kilometer mussten wir zurücklegen, da die Chaussee um das Dorf einen großen Bogen machte. Als man seinerzeit diese Straße baute, wurde auf die Güter, die das Land hergaben, größte Rücksicht genommen.

 


Die Glasperlenkette

Wie kommt es, dass man hier so über mich denkt? Warum habe ich das noch nicht vorher bemerkt? Bin ich vielleicht so? Wann bin ich dazu geworden?

Dieses Bild von mir kann ich als richtig hinnehmen, oder es auch einfach als unwichtig akzeptieren, aber mir wird klar, dass ich beides in keinem Fall will.

Auch ich habe die Möglichkeit, Lösungen zu finden. Und genau das werde ich jetzt anfangen zu tun.

Ich will nicht länger die Brave sein, die Gute, oh nein, ich will mir noch etwas Blaues vom Himmel holen, will es haben, selbst wenn ich es aus mir herausreißen müsste. Auch wenn es mir nicht die gewünschte Befriedigung gibt und ich unglücklich darüber werden sollte, so wird es doch mir selber und meinem Wunsch nach Veränderung mehr entsprechen, als diese unliebsame Rolle, die mir unbemerkt zugewachsen ist.

Auch wenn mir die guten und klugen Gedanken verloren gegangen sind, ein unbändiger, starker Wille treibt mich weiter. Ich will eine Lösung finden, eine Veränderung herbeiführen, koste es was es wolle.

Ich überlege zum hundertsten Male im Kreis, mache Pläne, verwerfe sie wieder, mache neue Pläne und verwerfe auch sie. Mein Kopf schmerzt vom Grübeln, die Stiche in der Herzgegend nehmen mir den Atem und pressen den Brustkorb zusammen. Ich werde ersticken.

Ich habe von Heinrich gelesen, einem Mann der ähnlich einem Eremit lebt, aber nach eigenen Gesetzen, in einem winzigen weit abgelegenen Haus in einem Steinbruch. Er wohnt in und mit der Natur, mitten im Ruhrgebiet, bei Unna. Er sagt, er hätte seine Ruhe gefunden. Jeder der ihn besucht und mit ihm spricht, glaubt ihm das.

Aber er brauchte viele Jahre, um dahin zu gelangen und ganz sicher, sagt er, ist nichts. Der Angst muss man sich stellen und meditieren. Erst einmal fünfundzwanzig Minuten still sitzen, die Augen schließen, die Gedanken beiseite schieben und sich konzentrieren.

Ich schließe die Augen. Die alte Wanduhr im Zimmer tickt plötzlich so unerträglich laut, dass es in den Ohren schmerzt. Das leere Haus knistert. Die Sonne bringt Bewegung in den Dachstuhl, es knackt und ächzt. Alles vertraute Geräusche, die jetzt die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lassen wollen.

Eine dicke Fliege ist durch einen Türspalt ins Zimmer geschlüpft und fliegt nun mit ihrem schweren Leib ununterbrochen gegen die Doppelglasscheibe, um ins Helle zu gelangen.

Bin ich wie diese Fliege eingesperrt, genarrt, unfähig, dort hinzugelangen, wohin ich mit aller Anstrengung will?

Ich stehe auf, gehe und packe die restlichen Sachen mit einem Elan in meinen Koffer, als ginge es darum, Kampfwerkzeuge zu verstauen. Ich spüre dabei, wie mich meine altvertraute Eigenschaft des Tuenmüssens ganz einnimmt. Diese unabänderliche, auf die ich keinen Einfluss habe. So manches Mal in meinem Leben hat sie eine Wendung herbeigebracht, wie unterschiedlich es auch ausgegangen ist.


Frank Dieckbreder

Die Gleichmachung

Ich folge diesem Weg, das Lied im Schädel, dessen Text ich nicht sprechen kann. Die Melodie summend, deren Vertrautheit mir fremd ist. Der Krieg ist aus, es ist vorbei. Ich folge diesem Weg. Links die Schlucht, rechts der Acker, das Schlachtfeld. Ich will Heim. Meine Füße gehorchen mir nicht. Ich bitte euch, bleibt stehen. Aber der Ruf schreit: anton! anton, alter => richte den Blick nicht weit. Sieh’ die Steine, stolpere nicht, strauchle nicht, das muß genügen. Nein, erinnere dich nicht, anton, vorwärts mit dir. Frage dich: Weißt du noch? und wisse nicht. Geh’, alter, geh’ weiter, du bist bald da. Die Hütte dort kenne ich. Aber nein, ich bin hier nie zuvor gewesen. Ich war immer auf der Wanderschaft, doch hier war ich nie. Vermutlich sind meine Wünsche zu bescheiden. Meine einzige Sehnsucht gilt der Ruhe; in einem Häuschen am Waldrand - vielleicht. Aber das paßt nicht zusammen mit dem, was noch in mir ist. Ich will keine Anforderungen nach Aufregungen erfüllen, ich bin langweilig. Packt eure Herzen und geht, solange es noch Zeit ist. Geht zaghaft ins Haus, Marschmusik bricht ab. Was soll ich sagen?, ich bin zu Hause?! Entdeckt Lore. Frau, lass’ dich küssen. Ja, der Tag war hart. Aber hier, seht das Brot, Kinder. Rasch, Emma, deck’ den Tisch, wir habens geschafft - was auch immer. Lore, lass’ uns die Kinder bald ins Bett schicken, dann haben wir hier Platz für uns. 


  
 

Sigrid Drechsler
Der Haß stirbt mit der Erinnerung

Ich hasse diese Sonne. Ich hasse diesen Tag, an dem die Sonne nicht scheinen dürfte, nicht nach meinem Empfinden. Sie strahlt heiß und erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel und nimmt keine Rücksicht, nimmt keinen Anteil an den Ereignissen, die mich zerwühlen.

Ich komme von einem Begräbnis. Ich bin fortgelaufen, ehe die Trauerfeierlichkeiten beendet waren, ich konnte es nicht mehr ertragen.

"Nimm dich doch zusammen", hatte mein neben mir stehender Kollege Klaus gesagt, als meine Tränen ungehemmt flossen.

Wir beide waren dienstlich auf diesem Begräbnis, in Forstdienstbekleidung. In Dienstbekleidung darf ich nicht weinen, nicht beim Klang der Jagdhörner mit ihrem „Jagd vorbei", nicht beim Widerhall der spärlichen Glocke.

Ich war dienstlich hier und mußte Haltung zeigen. Mein Herz war zu dieser Vergewaltigung nicht bereit, es ließ sich nicht zwingen.

Ich weinte um meinen Kommilitonen Martin Schulz.

Vor drei Wochen war ich auf seinem Polterabend gewesen. Die Schulkameraden, die bei der Grenzpolizei im Ort ihren Wehrdienst leisteten, waren auch alle zugegen. Es war ein lustiger Abend, Martins Polterabend, mit viel Liedern, Jagdsignalen, Wein und Lachen.

Martin ist vor drei Tagen erschossen worden, mitten in Deutschland, an einer Grenze.

Grundlos, aber genau gezielt und unumkehrbar.

Martin ist tot.

Ich lebe, stehe an seinem Grab unter der brennenden Sonne und sehe die Verzweiflung und den Schmerz seiner jungen Frau, deren Ehe reichlich vierzehn Tage gedauert hat. Mein Blick wandert von der kindlichen, verschleierten, schwarzen Gestalt zu den anderen Trauergästen.

Neben mir unbekannten Angehörigen erkenne ich Oberförster Freyer und seine kleine freundliche Frau. Sie darf weinen.

An der Längsseite des offenen Grabes drängt sich die sechsköpfige Gruppe der Schulfreunde in Grenzuniform, einander Halt gebend.

Wir alle besuchten vor vier fernen Jahren gemeinsam die Forstfachhochschule. Martin gehörte auch dazu. Er war der Fröhlichste von allen.

Martin ist tot.

Er liegt starr und kalt in diesem hölzernen Sarg, den man mit grünen Fichtenzweigen geschmückt hat. Grüne Zweige tragen Hoffnung. Worauf? Niemand wird je wieder Martins unwahrscheinlichen Geschichten lauschen können. Der Klang seiner Zither, der seine lebendigen Hände die frohen, frechen Lieder entlocken konnten, ist verstummt.

Sie sollten ihm die Zither mit ins Grab geben.

Verschwommen erkenne ich neben zwei anderen Grenzsoldaten Georg, doch seine braunen Augen halten meinem stummen Schrei nicht stand. Er schaut zu Boden, er weicht mir aus. Vielleicht ahnt er, daß ich ihn anklage. Ich sehe in ihm zur Stunde den Handlanger derer, die den Befehl zum Schießen erteilten.

„Fürchte dich vor den Gleichgültigen“, sagt ein altes Sprichwort, „sie verraten nicht, sie töten nicht, aber durch ihre schweigende Zustimmung gibt es auf der Welt Mord und Verrat“.

Georg gehört zu den Gleichgültigen.

Sie sagen, es wäre ein Unfall gewesen, aber es war kein Unfall. Bei einem Unfall löst sich die Kugel plötzlich, aus Versehen, oder sie ändert durch äußere Einflüsse ihren Lauf, oder es fällt jemand in ihre Flugbahn.

Hier war genau gezielt worden. Wissentlich genau gezielt und getötet worden.

Georg kommt mir sehr klein vor, als wolle er nicht zugegen sein. Natürlich muß er als Leutnant des Grenzkommandos Carolastein an der Trauerfeier teilnehmen. Er war Martins Vorgesetzter. In wenigen Wochen wäre Martin nach dreijähriger Dienstzeit bei den Grenztruppen "in Ehren" von ihm verabschiedet worden.

Sie haben die Fahne mitgebracht, die Fahne mit den DDR - Emblemen, Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Sie senken sie über das offene Grab. Die feierliche Geste stört mich, es liegt ein Widerspruch in dieser Ehrung. Meine Traurigkeit aber verwehrt, daß ich die Ursache der Unstimmigkeit erkenne. Dieser Tod und der stille Fahnengruß der Soldaten unter Georgs unendlich verlorenem Blick wollen nicht zueinander passen.

Ich weiß nicht, warum.

 

 
 

Ralf Jenders
Blaue Hoffnung

Narbenhimmel

Über uns allen
der Narbenhimmel
Die Wunde gerissen
mit stählender Waffe

Genäht das Blau
mit sanften Stichen, 
ging ein Schmerz zuvor
durch die Seele,
lenkte das Herz
den Verstand.

Stein der Weisen

Den
Stein der Weisen
findet ihr
(auch) nicht



in den

Schubladen,

in die

ihr mich steckt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Früchte der Eitelkeit

 

Wenn die

Eitelkeit

die Blüten

des Baumes

hervorbringt,

 

dessen

bittere Früchte

die Herzen

der Menschen

vergiften,

 

wird

die

Lüge

zur

Wahrheit.

 

 

Die Zeiten ändern sich!

 

Erst Ruhe

vor dem Sturm,

so war es gemeint

früher

 

Heute,

und sicherlich

richtig gedacht:

erst Sturm -

dann Ruhe!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joachim Specht

Koala heißt das Wappentier

 

VORSICHT GLAS! NICHT WERFEN! Der Aufkleber, der an einem Weidenkorb haftete, ließ den Zöllner an Whisky denken. Und gewiss wäre er weitergelaufen, hätte nicht sein Spürhund Tom, den er an der langen Leine führte, die seltsame Luftfracht beschnuppert. Der Korb stand zwischen Kisten und Fässern in der Lagerhalle des Flughafens Mackay. Noch in der Nacht sollte das Stückgut ausgeflogen werden. Der Hund, dessen Nase auf den süßlichen Geruch von CANABIS abgerichtet worden war, nieste heftig und gab ein unwilliges Knurren von sich. Indischer Hanf konnte im Korb nicht versteckt sein, denn dann hätte Tom an dem Frachtgut gekratzt und sich ungebärdig benommen. In diesem Falle ließ das Verhalten des Hundes auf alles mögliche schließen, nur nicht auf Rauschgift. Vorsichtshalber hob der Zöllner sein Sprechgerät an den Mund und gab eine Verdachtsmeldung durch. Eine plärrende Stimme antwortete und befahl ihm bei der Fracht zu bleiben, Kontrolleure des Zolls würden den Transportbrief der Charterfirma überprüfen.

Müde vom Nachtdienst hockte sich der Mann auf einen Stapel Mahagonifurnier und sah durch die offene Schiebetür hinüber zum Flugplatzterminal. Lichterglanz verdrängte die Dunkelheit, der farbige Schein spiegelte sich auf der nassen Landepiste wider. In wenigen Wochen begann hier die Touristensaison. Nördlich vom Wendekreis des Steinbocks schwärmten dann abenteuerlustige Urlauber aus Europa und Asien durch die Berge. In Nordqueensland galten Safarireisen durch den Regenwald und Bootsfahrten zum Großen Barrierenreff zu den Hauptattraktionen des Landes. Von all diesen Freuden profitierte kein Zöllner, es wäre denn, sein Spürhund half ihm, jene Waren aufzustöbern, deren Vertrieb auf der Verbotsliste von Queensland standen. Es passierte selten, dass ein Zöllner fündig wurde und ein Lob erhielt. Insgeheim hoffte der Mann, dass sein Hund sich geirrt hatte. Zollkontrollen nahmen viel Zeit in Anspruch, außerdem war bald Feierabend.

Aus der Dunkelheit rollte eine zweimotorige Maschine die Landebahn herauf. Der Pilot musste weit hinten aufgesetzt haben. Schnell verzog sich der Zöllner mit seinem Hund zwischen die hinteren Stückgüter. Irgendwas stimmte hier nicht. Gemächlich wendete die alte Dakota, bis sie auf der Grasnarbe vor der Schiebetür der Lagerhalle zum Stehen kam. Aus dem Einstieg klappte eine Steigleiter. Zwei Männer liefen auf die Halle zu, sie trugen Schrotflinten unter dem Arm. Der Zöllner begriff, solche Typen waren nicht ansprechbar, die drückten gleich ab. Vorsichtshalber hielt er seinem Hund die Schnauze zu. Von seinem Platz aus konnte er die beiden Männer gut beobachten. Zielbewusst traten sie in die dunkle Halle. Der Schein einer Stablampe erfasste den Korb. Behutsam, als handele es sich um Explosives, trugen sie die Fracht zur Maschine. Als sie den Korb in den Einstieg hievten, fiel etwas heraus. Sie schienen es nicht bemerkt zu haben, denn die Treppe wurde hochgezogen. Motorengebrumm, die Maschine holperte zur Piste, startete ins Dunkel, hob ab.

Jetzt erst öffnete der Zöllner den Karabinerhaken, sein Hund schoss davon. Helles Gewinsel. Dort, wo die Dakota gewendet hatte, lag ein länglicher Gegenstand, eine Flasche, sie war aus dem Korb gefallen. Im Schein der Stablampe entdeckte der Zöllner einen Vogel. Der Flaschenhals war mit Watte verschlossen. Kein Zweifel, das war illegaler Tiertransport. Er gab den Fund über Sprechfunk durch und machte sich auf den Weg zum Zollbüro.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Günter Löffler

Finale in Texas

 

Die ersten Frühaufsteher weckten mich. Ich drehte mich zur Wand um, fiel in einen flachen Schlaf, hörte verschwommen Stimmen, Schritte auf der Treppe, dem Holzfußoden, das Klappen der Türen. Ich war der Letzte, der zum Waschraum trottete, zur Baracke zurück, zum Speisesaal. Ohne zu schmecken, was ich aß, löffelte ich Cornflakes in Milch, würgte einen Bissen Brot mit Erdnußbutter hinter. Abwesend hob ich die Kaffeetasse, spülte nach. Ich verabschiedete mich von meinen Tischnachbarn und trat auf die breite Straße hinaus.

Endlos schleppten sich die Stunden.

Am Nachmittag verschwand ich mit Heron in dem Strom, der sich durch das hintere Tor auf den Sportplatz wälzte. Vor dem Spielfeld war­tete Ralph-Peter. Er grinste.

„Ich will mal nicht so sein“, raunte er uns zu. "Ich gebe euch selbstverständlich Schützenhilfe. Nachher hänge ich mir eure Sa­chen über den Arm und lege meine drüber. Im Sportzeug marschiere ich frisch, fromm, fröhlich, frei ins Lager zurück. Vermutlich fällt es gar nicht auf - und wenn doch, sage ich, ich hätte die Klamotten zufällig gefunden. Jemand könnte sie versehentlich lie­gen gelassen haben.“

Der Anpfiff kam. Das Spiel begann. Die ersten Szenen liefen stürmisch ab. Schuß, Pfosten, Abpraller, Schuß. Der Torwart hielt. In hohem Bogen flog der Ball, gestoppt, ein Kick, geköpft, die Stürmer rasten los. Erregtes Murmeln überall. Die Blicke folgten fasziniert, und dann aus vielen Kehlen: „Tooor...!“

Während der Pause hockten wir wie alle im Gras. Erst gegen Mitte der zweiten Halbzeit zogen wir uns hinter die letzten Zuschauerreihen zurück, wo wir, unsichtbar für die Posten auf den Türmen entlang des Zauns, der Lager und Sportplatz voneinander trennte, sitzend aus Hemd und Hose krochen. Dann standen wir auf, Heron und ich in makellosen neuen Sachen, Ralph-Peter, drei Garnituren überm Arm, in mit Rinso White gewaschenem Sportzeug, und Heron und ich, die Mütze auf dem Kopf, die Krawatte schicklich vor der Brust, zwei GIs, dienstfrei, von Neugier hergetrieben, vom lahmer werdenden Verlauf des Spiels enttäuscht, sich gemächlich in Richtung Niemandsland entfernend.

Niemandsland nannten wir den Teil des Terrains, der zwar innerhalb der Umzäunung, jedoch außerhalb des Fußballplatzes lag, ein unkultiviertes Gebiet, ursprünglich für Tennis, Kegeln, Baseball vorgesehen und aus irgendeinem Grund nicht planiert. Den Kriegsgefangenen war das Niemandsland tabu. Sie durften es höchstens in Begleitung eines Postens betreten, um aus einer kleinen, von Unkraut und niedrigem Gestrüpp umgebenen Grube Sand zu holen.

Dorthin bewegten wir uns ohne Hast, plauderten, gestikulierten, blieben stehen, drehten uns einander zu, setzten unseren Bummel fort. Ungelenk, Hoffnung im Herzen, Angst im Nacken, hatten wir ihn begonnen, aber da wir weder Aufmerksamkeit erregten noch zurückgepfiffen oder angerufen wurden, hörten wir zu schwitzen und zu zittern auf, und schließlich nahmen wir die bei den GIs beliebte Hockstellung ein, maßen uns in einer Art Murmelspiel mit drei Steinen, die hin und wieder abhanden kamen und durch Nach­schub aus der Grube ersetzt werden mußten.

Als vom Fußballplatz her der letzte Pfiff des Schiedsrichters ertönte, lagen wir nebeneinander im Sand, legten die Stirn auf die Unterarme, hielten den Atem an und lauschten, hörten aber nichts außer dem Klopfen des Herzens und dem Lärm der durchs Tor ins Lager strebenden Menge.

„Geschafft“, flüsterte mir Heron zu. "Keine Rufe, kein Getrampel, kein Waffenklicken, nichts. Und Ralph? Was meinst du, hält er dicht? Oder wird er uns verpfeifen? Haut er uns schändlich in die Pfanne?"

"Ich glaube nicht. Was hätte er davon? Er hat jetzt alles, was er braucht. Was will er mehr?“

 

 

 

 

 

Martina Liebermann

Die Perle von Madeira

 

"Kleines, bringst du mir bitte einen Kirschsaft?" rief es aus dem Wohnzimmer des Hotelapartments.

"Mutti, sag doch nicht immer Kleines zu mir. Deine Tochter ist inzwischen zwanzig, hat einen Abi-Abschluß und arbeitet seit zwei Jahren als Werbetexterin." Lachend reichte sie ihrer, mit 38 Jahren noch recht jugendlich wirkenden Mutter das Glas.

"Ach Katy, die Zeit vergeht so schnell, schneller als mir lieb ist, und außerdem bist du doch das einzige was mir geblieben ist."

"Ja, leider, Mami", entgegnete Katarina etwas zaghaft, um dann mutiger fortzufahren: "Ich muß ehrlich sagen, daß ich ein wenig Angst habe, wenn ich mir vorstelle, daß du mich vielleicht nicht loslassen kannst, wenn es mal soweit sein sollte. Ich meine, wenn es..."

"Du meinst, wenn es einen Mann für dich gibt, den du heiraten willst, um dann von mir wegzuziehen, womöglich in eine andere Stadt", kam es leicht gekränkt zurück.

Katarina wollte keinen Streit. Über dieses Thema war mit Solveig, ihrer Mutter, sowieso nicht zu reden. Schon in den letzter Monaten gab es häufig Diskussionen dieser Art, und immer endeten sie in Mißstimmung. Nein, keinen Streit, nicht hier im Urlaub auf Madeira, nicht hier zwischen diesen Palmen, den herrlich duftenden Blüten ringsum und dem nahen blauen Meer mit seinen tosenden Wellen.

Katarina ging auf ihre Mutter zu, legte den Arm um sie und sagte ruhig: "Mami, ich verstehe nur zu gut, daß du niemals allein leben möchtest. Aber es gäbe dieses Problem nicht, wenn du einen Partner an deiner Seite hättest. Und bei deinem Aussehen dürfte das doch nicht so schwierig sein. Du hast schon so viele Jahre nur mit mir Vorlieb genommen, eine Abwechslung würde dir gut tun."

Doch auf diesen Plauderton ging ihre Mutter nicht ein. Im Gegenteil. "Nein", erwiderte sie bestimmt, "einmal habe ich an die große Liebe geglaubt, vor einundzwanzig Jahren.“ Sie wandte sich ruckartig von ihrer Tochter ab, und schon im Gehen setzte sie verbittert hinzu: "Katarina, verliebe dich niemals in einen Künstler.“ Sie schlug die Tür hinter sich zu.

Mißmutig ließ sich die Tochter seitwärts in einen Sessel fallen, schwang die Beine über die Armlehne, angelte sich eine Praline aus der Schachtel vom Couchtisch und brummelte vor sich hin: „Ganz bestimmt nicht!“

Nicht ahnend, was dieser gerade von sich gegebene Gedanke noch für sie bedeuten sollte, nahm sich Katarina nach und nach die „Kummerkost“ vom Tisch und wippte dabei mit den Beinen. Sie war mit der Welt und sich schon wieder etwas zufriedener.

Währenddessen überlegte sich Solveig, ob sie auf ihr Zimmer gehen oder besser einen Spaziergang unterneh­men sollte. Sie entschied sich für letzteres und bereute ihre Wahl nicht. Die Luft war gut, und die See mit den stärker gewordenen Wellen wirkte imposant. Der warme, kräftige Wind trieb ihr dann sogar Tränen in die Augen, Tränen, die ihr guttaten. Ihr Kopf war so voller Gedanken, daß sie dachte, etwas loswerden zu müssen. "Verliebe dich nie in einen Künstler!" rief sie und fühlte um so mehr die Verbitterung von einst in ihrem Herzen. Solveig erinnerte sich nur zu gut an damals. Gerade 18 Jahre, verliebte sie sich Hals über Kopf in einen Pianisten mit Namen Rudolf Radowski, von den Freunden Rudi genannt. Solveig besuchte wochenlang jedes seiner Konzerte, schwärmte ihren Freundinnen von Rudi vor und war überglücklich, als sie endlich eine Einladung zum Abendessen erhielt.

 !


Frank Dieckbreder

Die Wasserfalle

 

Was, wenn ich mich irre? Dessen ist nicht so! Es muß sein, daß ich die letzte Erkenntnis erkannt habe, Heimat. Die Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat ist Einsamkeit. Auf der Suche nach Zugehörigkeit, finde ich mich im Kollektiv der Einsamen und genieße den Plural. Meine Kommunikation ist der Monolog nach innen und außen. Jeden Morgen stehe ich auf, um die Frage meiner Existenz endgültig zu beantworten. Abends stelle ich erschöpft fest, es nicht geschafft zu haben und schlafe mit dem glücklichen Gedanken ein, auch morgen zu scheitern. So bleibt die Frage, ob meine Literatur meine Literatur ist. Auf die Kastanie, meinen Lieblingsbaum, bewege ich mich zu, dann bin ich unter ihr und lasse sie hinter mir, ich habe sie verlassen. Auf die Literatur, das Theater, bewege ich mich nicht zu, ich agiere im Innen, immer, bewußt und unbewußt. Und doch ist es Mittel und Zweck, nicht alles. Was uns verbindet ist nicht das Sein, sondern das Gewesensein.

Ich bin

Du bist

Sie ist

Er ist

Wir alle werden gewesen sein. Es ist nicht wahr, daß noch jemand ist. Gewesensein definiert sich nicht über Sein. Und dann muß ich mich fragen, ob ich bereit bin es dafür zu tun? Was wird aus dem was ich bin, gewesen seiend, werde ich noch sein? Ich begreife das Jenseits als nicht tangierend. Doch was ist mein Hier ohne mich? Ungefragt seien zu müssen, nicht zu dürfen, nicht jetzt wenn ich schreibe, nicht jetzt wenn ich lebe.? Zu sein bedeutet nicht zu sein, im Sein. Eines Tages gehöre ich zum Kreis jener die gewesen sind und sie werden mir sagen, daß ich nicht gewesen bin, ein ewiger Sprung von den Seienden zu den Seienden, bei denen ich immer nur als Gewesenseiender verstanden werde, ich bin keine Gegenwart. Meine Heimat ist dort, wo das Meer ans Ufer tritt. Aber warum tue ich es dann nicht, frage ich mich sie fragend, während ich versuche, aus einer unangezündeten Zigarette Freiheit in meine Lungen zu pressen. Ich habe keine Angst zu verrecken, möge doch der Körper enden, wie der Geist lebte. Wofür,? kann ich wirklich etwas für mich tun? Ist es möglich, durch mich für mich zu gehen? Hindert mich die Liebe auch hier? Es gibt einen Unterschied zwischen literarischem Beweis und Wirklichkeit.

Er nahm seinen Tabak aus der Tasche und begann eine Zigarette zu drehen. Dabei ließ er die im Werden begriffene so leicht zwischen den Fingern spielen, daß es nicht den Eindruck des Nervösen machte. Das Feuer wurde von ihm mit einem Streichholz entfacht. Dabei glitt der Kopf derart langsam über die Seite der Schachtel, aus der es gekommen war, daß das Holz erst im dritten Versuch Feuer fing, in einem verbrauchten Zustand, daß mit einem Erfolg nicht mehr zu rechnen war, vergessen als es brannte und durch ein Heben der Hand und Senken des Kopfes sich auf das zur Vernichtung Entstandene übertrug. Seine Züge waren derart, daß alles in ihm blieb, ... sicher ist ihm schwindlig geworden. Die Schritte waren langsam, aber fest. Die Absperrung ist an dieser Stelle nicht so konstruiert, daß sie einen wirklich Willigen abhält. In einer Ecke wetteten zwei, ob er es tut oder nicht. Der Betrag ist nicht bekannt, nur wer gewonnen hat. Die Zigarette hatte bereits viel von sich verloren und noch immer war nichts von ihr aus ihm zurückgekehrt ... Beim Aufprall hat er mit sich einen Passanten erschlagen, um den sich gekümmert wurde. Jemand sagte, daß Selbstmörder immer Egoisten sind, niemand bemerkte, daß sich ein sanfter, metamorpher Nebel aus ihm befreite. Nur eine Verkäuferin dachte laut: Wer raucht denn hier? Der Tumult dauerte ziemlich genau zwanzig Minuten, jetzt ist es vorbei.

Was bleibt ist: Er hat sich umgebracht. Nur das Gewesensein hat Anspruch auf Ewigkeit, doch hierzu keine Antwort mit Worten.

Dies ist mein Bewußtsein, daß jeder Moment verloren ist, die Wirklichkeit ist unantastbar. Das Dort ist unerreichbar, stets hier. Was bleibt ist die Sehnsucht der unerfüllten Sehnsucht, nicht zu erlangen, es gibt keine Sehnsucht, ich lüge wie immer. Mein Schreiben ist das Verständnis von Sprache im Moment, dabei sehne ich mich nach Erkenntnis. Mein Schreiben, mein nie endendes Schreiben, unabhängig vom Stift, ist meine Unfähigkeit, den Moment sich selbst zu überlassen. Bin ich deshalb politisch? Möge jeder seinen Weg gehen, möge ihn jeder ohne mich gehen, ich trampel ja auch nicht auf fremden Pfaden, ich bin nur Theater. Kein Schmerz ist gerechtfertigt, doch keine Angst ist unbegründet. Ich dachte, wenn ich weit hinausschwimme, werde ich ertrinken oder neues Land entdecken; Wasser benetzt meine Füße. Angst ist nicht ertrinken, Angst ist nicht das Neue, nur die Wiederholung, als läge der Sinn im Vorgegebenen, Heimkehr ist inkonsequent. Wenn sich die Wahrheit auch im Wort erhält, ist sie nicht weniger vergessen, sinnlose Kindheit, das Leben ein Konglomerat aus Unmöglichkeiten. Mancher der schwieg hatte viel zu sagen, Zögern bei jedem Wort, Sein ist Stottern. Darf ich mich nicht irren? Wenn die Metapher funktioniert, ist es dann nicht egal ob sie stimmt? Die Überlegenheit der anderen hemmt mein Schreiben. Überlegenheit ist Überschreitung der nichtexistierenden Gleichheit, das reicht soeben zum Mut. Ich, der ich die Helligkeit nur als Farbe ertrage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alexander Richter

Helmhöltzer sind Edelhölzer

 

Ich war in der sechsten Klasse, als ich beschloß, Jeans zu besitzen.

   Sechste Klasse, das hieß, dieses Dreibuchstabenland und ich, wir befanden uns im dreizehnten Lebensjahr. Man schrieb 1962. Von den Beatles und den Rolling stones wußte noch keiner was, und die Langhaartracht als weltanschauliches oder einfaches Modebekenntnis des Mannes lag noch vor uns. Bürstenfrisuren, umgangssprachlich Igel, galten neben künstlich aufgepepten Schmalztollen als in. Wobei man weiß, daß man damals auch nicht von in und out und so weiter redete. Statt der später unabdinglichen Schlaghosen favorisierte man die irgendwann auch wiederkehrenden Röhrenmodelle. Jugendliche, die vom Aussehen und Benehmen her nicht mit den Idealen des Staates konform gingen, beschimpfte man in jener Zeit noch als Halbstarke, später änderte sich die Titulierung in Beatle. Die Seite der Autoritären hatte noch die totale Macht in den Händen und Gesetzbüchern, was soviel bedeutete, daß Lehrer oder andere erzieherisch tätige Personen ihre Schüler von der Schule nach Hause schicken durften, weil sie mit besagten Igelfrisuren zum Unterricht gekommen waren oder im Sichtbereich der Schule geraucht hatten. Und sie durften Eltern blaue Warnbriefe schicken, weil deren Kinder Kaugummi gekaut oder albernerweise Reklame aus dem Westfernsehen nach geplappert hatten.

   Für Jeans, nicht selten auch mit Nietenhosen synonymisiert, sah es schon mal gar nicht gut aus. Sie vergegenständlichten die Haltung des Staatsfeindes wie kaum ein anderes Requisit. Wer sie trug, trug mit ihnen eine andere Weltanschauung zur Schau. Jeans vor allem, die die Aufschrift Levi Strauss trugen.

   Und da wollte ich hingehen und welche besitzen. Ich, der beste Schüler der Klasse, ausgestattet mit einem rundum makellosen Ruf. Ganz klar, daß mir Old man einen Vogel zeigte. "Du sollst mal zur Oberschule und danach studieren." Eine Perspektive, die mit, so ich mich richtig erninnere, seit der ersten Klasse unaufhörlich vorgebetet wurde.

   "Ich bin auch zufrieden, wenn's keine Levi's sind."

   Er winkte ab. Woher sollte einer wie er, der fast ein Jahrzehnt in der Wehrmachtsuniform europäische Kriegserde aufgewühlt und danach in russischer Gefangenschaft dahingeschmachtet hatte, den Unterschied zwischen Levi's, Wrangler oder Lee kennen? Den kannte ich ja noch nicht mal.

   "Ich zieh sie ja nicht zur Schule an", kündigte ich entschlossen an.

   Das brachte mich ein Stück voran. Old man lenkte ein und nannte seine Forderungen: "Aber auf keinen Fall kommen mir welche mit einem Schild ins Haus. Und wenn doch, muß es ab. Und Nieten dürfen auch nicht dran sein. Er kotzte ein bißchen seine Verachtung durch die Gegend. "So ein Quatsch überhaupt, Hosen mit Nieten herzustellen. Und mit dem Firmenschild nach außen. Ein Schild gehört in den Bund!"

   Ich nahm mir den Schreibblock aus dem Unterteil der Wohnzimmervitrine und setzte mich an den Eßtisch.

   Old man hatte mich sofort durchschaut. "Schreibste etwa schon?"

   Ich reagierte erst einmal nicht. Bis ich bei dem Wort Jeans angekommen war und nicht weiterkonnte. Also fragte ich zurück: "Hast du 'ne Ahnung, wie man das schreibt, Jeans?" Er glotzte mich an, dann sagte er: "Am besten schreibst du Jenkins." Ich staunte, denn ich war immer davon ausgegangen, daß Old man in seinen acht Jahren schlesischer Volksschule an Sprachkenntnissen bestenfalls das Hochdeutsche vermittelt bekommen hatte. "Aber denk dran", mahnte er, "Oma kann kein Englisch. Und von Jeans hat sie in ihren siebzig Jahren ganz bestimmt noch nichts gehört. Du mußt ihr also dazuschreiben, wie man das ausspricht. Und du mußt ihr erklären, wie diese Hosen aussehen!"

 

   Der Brief ging ab, und ich wartete. Normal dauerte es knapp zwei Wochen, bis Großmutter die Sachen schickte, die wir uns außer der Reihe bestellten. Das andere, das man so zum Leben brauchte, kam ja ohne ausdrückliche Bestellung ein- oder zweimal im Monat. Kaffee, der vor allem, Margarine, Kondensmilch in Büchsen, Schokoladen, Knorrsuppen, Köllnflocken, Zigaretten de Marke Lux. Hin und wieder meinte Großmutter dann aber, ihre freiwillig übernommene Versorgungspflicht erweitern zu müssen, und so bescherte sie uns unaufgefordert Gegenstände, die eher den Charakter einer Aussteuer besaßen. Eine komplette Bettumrandung fürs Schlafzimmer, Besteck, Geschirr, Wolldecken, Fahrradzubehör, Staubsauger, Bettwäsche, Kofferradios.

   Das Paket mit den Jeans traf gleichzeitig mit einem Brief ein. Um die Spannung zu erhöhen, wurde zunächst der Brief geöffnet. Großmutter schrieb einige Neuigkeiten aus ihrem Kaff, das in der Nähe von Neustadt - ich weiß bis heute nicht, welchen Zusatz dieses Neustadt trägt - lag und etwa 300 Seelen beherbergte. Der Pfarrer war mal wieder zu Besuch gewesen, und ein neuer Arzt war jetzt für das Dorf zuständig. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft hatte in der Kreisfiliale einer Bank angefangen. Weil er sich aber nicht entsprechend deodorierte, was sie jedoch anders umschrieb, denn das mit den Deodoranten kam erst rund fünf Jahre später auf, prophezeiten Großmutter und die meisten anderen Dorfbewohner ihm keine sonderlich guten Aufstiegschancen. Von Jeans schrieb sie nichts, nicht mal was von Jenkins. Doch darauf gab ich nicht viel, zig Sachen waren schon ohne Ankündigung eingetroffen.

   Und richtig, bereits das Inhaltsverzeichnis des Paketes nährte neue Hoffnungen. Unter der mir bis heute nicht ganz verständlichen Floskel Geschenksendung keine Handelsware waren die üblichen Lebensmittelposionen aufgeführt. Margarine und so weiter. Und zum Schluß: Eine Arbeitshose, blau. Das sind sie, dachte, wußte ich. Und in der Tat, sie waren's. Old man konstatierte noch: "Arbeitshose, das hat sie geschrieben, um beim Zoll keinen Verdacht zu erregen", und Mutter durchsuchte noch eben die Taschen jener Arbeitshose, ob nicht womöglich irgendwo ein westlicher Geldschein steckte. Danach lagen sie auf dem weißen Küchentisch. Blue jeans mit gelben Reißverschlüssen über den Gesäßtaschen, Dreifachnähten an den äußeren Beinseiten und mit Nieten über den Koppelschlaufen. Allerdings: Sie hatten kein Schild, was zwar meinen Besitzerstolz ein wenig beeinträchtigte, jedoch erheblich zu Old mans Beruhigung beitrug. Außerdem waren sie wie fast alle Hosen, die in meinem Leben irgendwie eine Rolle gespielt haben, zu lang.

   Nun gut, es gab diese alten Tretschwungnähmaschinen und geschickte Mütter. Und so hatte mein neues Beinkleid am nächsten Morgen die richtige Paßform. Nichts konnte mich davon abhalten, sie gleich zur Schule anzuziehen. Schon gar nicht Old mans ohnehin wirkungslose Warnung: "Du setzt mit diesen affigen Hosen deine ganze Zukunft aufs Spiel." Vielleicht daß er bereits ahnte, diese Jeans waren das Startzeichen für eine Entwicklung, die man in seiner Generation nicht mehr verstand.

   Nun denn, was interessierte mich meine Zukunft. Da ich jetzt Jeans trug, interessierte mich der angefangene Tag.

   Klar, als ich nach dem Betreten der Schule am Fenster des Lehrerzimmers vorbeimarschierte, bemerkte ich drinnen schon ein paar lange Hälse. Egal. Die Resonanz, die ich gleich darauf in meiner Klasse erzielte, machte die kurzzeitige Bedenklichkeit vergessen. Die Mitschüler umstanden mich und staunten. Sie zählten die Nieten und die Nähte, und fast alle schrieben sich die Firmenmarke auf, um sich bei der eigenen Westverwandtschaft die gleiche Sorte Jeans zu bestellen. Dann ertönte die Schulglocke. Unterricht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alexander Richter
Zuchthaus Brandenburg

An diesem 3. August des Jahres 1983 war es kalt und regnerisch. Doch das Frösteln, das Frieren, das mich immer wieder packte, hatte weniger mit dem Wetter zu tun. Ich lief zwischen den beiden in Zivil gekleideten Stasi-Hauptmännern über einen Betonweg. Die Mauern, Wände und Sperren, die sich rechts und links befanden, nahm ich nur unbewusst wahr. Mein Gang war eiernd und steif, und meine Augen mussten sich erst wieder an das Tageslicht gewöhnen. Mehr als eine Stunde hatte ich in der kleinen, dunklen Kabine des Kleintransporters B 1000 gehockt. Rücken und Knie krumm, die mit Handschellen gefesselten Gelenke zwischen den Beinen, totale Finsternis und kaum Luft zum Atmen.

Brandenburg, das Zuchthaus.

Irgendwo öffnete sich eine große eiserne Tür, ein Leutnant in schwarzer Uniform begrüßte meine Begleiter von der Stasi mit einem stummen Nicken, und gleich darauf befanden wir uns im Innern eines Gebäudes, von dem ich später erfuhr, dass man es Zugang nannte. Ein Stasi-Mann und der Leutnant verschwanden, um die Formalitäten für meine Übergabe zu erledigen. Ich blieb mit diesem hochschultrigen Kerl in einem kahlen Flur zurück. Wir warteten schweigend - wie auch sonst. Als Stasi-Offizier unterhielt man sich nicht mit Verbrechern. Und wenn man als Verbrecher in einer ebensolchen Situation eine Frage stellte, wurde dieselbe glatt überhört oder mit einer schroffen Bemerkung als unerlaubt bezeichnet. Lediglich jener Vernehmer, mit dem ich es in der U-Haft fast ein Jahr zu tun gehabt hatte, war an diesem Morgen vor der Abfahrt gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Braun gebrannt und erholt sah er aus. Er schüttelte mir die Hand und wünschte mir, dass ich den harten Weg, den ich vor mir hätte, gut überstünde.

Welchen Weg? Den durchs Zuchthaus? Oder den Weg in den Westen? Ich hatte ihn nicht gefragt. Fast ein Jahr lang hatte er versucht, mir die Übersiedlung auszureden. Nicht nur er. Auch sein Vorgesetzter und mein Rechtsanwalt. Ich wurde, was ja ein Leichtes war, ausgebremst und ausgekontert, wo es nur ging. Abgeschnitten von der Umwelt und allen Informationsmöglichkeiten, hingehalten, belogen. Ich hatte dem Mann auf seine Wünsche nichts erwidert. Egal, dass sich hinter ihnen so etwas wie Ehrlichkeit verbarg. Ich hatte keine Gefühle für ihn. Keine freundschaftlichen, aber auch keine feindseligen. Und ich hatte am Ende keiner Vernehmung jemals das Bedürfnis gehabt, mit ihm, seinem Vorgesetzten oder einem der Schließer zu tauschen. Sie in meine Zelle, ich in ihre kleine Freiheit.

Der Leutnant und der zweite Stasi-Mann kamen wieder. Der Hochschultrige, der bei mir geblieben war, trat einen Schritt zurück, damit der Leutnant, zum Zeichen der vollzogenen Übernahme, seinen Platz an meiner Seite einnehmen konnte. Gesprochener Worte bedurfte es nicht. Erst als die beiden Stasi-Leute die Eisentür fast erreicht hatten und ich meine immer noch zusammengeschlossenen Unterarme demonstrativ anhob, rief der Leutnant den beiden hinterher: „Was ist mit der Acht?“ Beide blieben ruckartig stehen. „Das wär‘ was geworden“, murmelte der Hochschultrige, „kommen zurück und lassen die Handschellen da.“ Er zog ohne Eile das Schlüsselbund, das mit einer Kette irgendwo im Jackenfutter verhakt war, hervor und suchte den zu den Handschellen gehörenden Schlüssel heraus. Dann steckte er den Schlüsselbart in die Schlossöffnung, die sich zwischen den beiden Edelstahlreifen befand und drehte ihn herum. Es knackte ein bisschen, und die Acht öffnete ihre beiden Kreise. Ich bemühte mich, die Erleichterung, die ich empfand, nicht zu zeigen. Nur verstohlen besah ich die geröteten Gelenke. So fest wie an diesem Tag hatten die Handschellen noch nie gesessen. Und ich hatte sie in den elf Monaten U-Haft weiß Gott nicht selten tragen müssen.

Der Knast begann. Das Zuchthaus. Oder wie hätte man es ausdrücken sollen? Die Stasi-Offiziere hatten das Gebäude verlassen, und es war vielleicht das einzige Mal in meinem Leben, dass ich wünschte, von ihnen mitgenommen zu werden, der einzige Augenblick in meiner gesamten, auch der späteren Haftzeit, dass ich dieses oft unterbreitete Angebot, in die Ost-Freiheit zurückkehren zu können, angenommen hätte. Als Zuchthäusler war man nichts, nicht mal ein Stück Dreck, zumal als politisch Verurteilter. Ich fühlte mich so einsam und schwindelig, so beschissen wie nie zuvor im Leben. Ich sehnte mich auf einmal nach der unüberwindbaren Isolation des Stasi-Knastes. An den ereignislosen Tagesablauf, die qualvollen Nächte in stickiger Luft und unter ständiger Beobachtung. Warum ließen sie mich diese verdammten restlichen fünf Jahre bis zur Abschiebung in den Westen nicht auch in der U-Haft zubringen? In den paar Quadratmetern Zelle? Unselbständig und in unterwürfiger Abhängigkeit wie ein Tier im Zoo?

„So“, sagte der Leutnant in Schwarz, und es war seinerseits die einzige verbale Wahrnehmung meiner Person an diesem und allen anderen Tagen. Ein Kopfnicken, mit dem er mich in Richtung Gebäudeinneres wies. Eine stabile Gittertür. Aufgeschlossen und wieder verriegelt. Ich war also endgültig drin, eingefahren, wie es im Knasterjargon hieß. Ich stand im Keller vor der nächsten volleisernen Tür. Neben mir dieser Leutnant, der ohne mich zu beachten die Tür öffnete und dahinter verschwand. Für die wenigen Augenblicke, da die Tür offen gestanden hatte, sah ich, was mich erwartete, wer. Eine Horde Häftlinge, offenbar gerade erst eingetroffen, war zum Einkleiden angetreten. Und ich sollte nun ebenfalls eingekleidet werden. Erst noch stand ich aber in diesem Kellerflur, allein, und ich dachte, dass es das gibt, wo sie einen in der Stasi-U-Haft keine Zehntelsekunde aus den Augen gelassen hatten. Wenn ich jetzt zu fliehen versuchte, was dann? Fliehen, wie und wohin? Diese Mauern und Gittertüren wären nicht mal zu überwinden gewesen, wenn man mir eine Feile und ein Seil in die Hände gedrückt und gesagt hätte: „Los, hau ab!“

Irgendwann wurde die Tür aufgerissen, und die Horde stürmte ins Freie. Laut und wild, in lausige Klamotten gekleidet. Gleich der Erste von den vielleicht Zwölfen wurde auf mich aufmerksam. „Biste Selbststeller?“, johlte er. Die anderen umringten mich neugierig. „Oder kommste mit Nachschlach?“

 

Theres Essmann
Das Gewicht der Berührung


Hinter mir und vor mir
Das
habe ich hinter mir
immer eine Wiese
im Oktober im Gras sitzen
Blätter wie gestrandete Schmetterlinge
noch so viele
habe ich vor
mir

Entpuppungen
Ergebnis

Den Stein
so oft
gewendet
bis das lichtscheue
Leben darunter
entflohn
jetzt ist es
gleich
welche Seite
 

Mit der Bereitschaft des Baumes
Augen Blick
Mein Glücksbaum
treibt seine Blüten
wann er will
an Ästen hängen keine
Kalenderblätter
und die wenigsten seiner Blüten
sind die Erfüllung einer Knospe
sie füllen sich nur
mit meinem Augen Blick
doch wenn ich wegschaue
gerade jetzt
regnen sie leer in den Fluss
bunte Schiffchen ohne Ladung
verschenkter Raum
auf dem Weg
in mein fahles Land
am Ende der Reise
was lösche ich


Sprachlos II

Durchnässt
vom Regenguss
meiner Worte
stehen wir
doch ich möchte
dir sagen
dass
durch das Loch
in den Wolkenmassen
meiner Gedanken
dahinter
das unaussprechliche
Blau
meines Himmels
nur wie  

Günter Löffler

Weschke junior in der Klemme

 

Sonntagmorgen. Urlaub. Endlich. Zum Auftakt war Bernd Weschke nach Potsdam gefahren. Schloss und Park Sanssouci kannte er bereits. Er wollte mehr von der Stadt und ihrer Umgebung sehen. Sein Polo stand in der Reparaturwerkstatt. Er hatte die S-Bahn nach Wannsee genommen. Dort war er in den Bus zur Glienicker Brücke umgestiegen. Er sah Babelsberg, den Neuen Garten, Cecilienhof. Im ehemaligen KGB-Gebiet bedrückten ihn verlassene Häuser, zerbro­chene Fensterscheiben, Spuren der Gewalt, Verfall. Er lief den Pfingstberg hinauf und ergötzte sich am Anblick der Havel, der Pfaueninsel, der Ruinen des Belvedere. Er suchte Nikolskoje in der Ferne, als die Landschaft hinter dem Schleier eines Frühjahrs­schauers verschwand. Mit aufgestülpter Kapuze flüchtete er stadtwärts. Ehe er die Nikolaikirche erreichte, blinzelte die Sonne. Danach goss es in Strömen. In das Rauschen des Regens mischte sich plötzlich der Hall von Schritten. Lederne Absätze, dachte er, möglicherweise beschlagen. S-Bahn nehmen oder unterstellen und abwarten? Das Geräusch interessierte ihn zunächst nicht weiter. Erst als er schneller lief und sich die Schritte gleichermaßen beschleu­nigten, wurde er stutzig. Er ging gemächlich, begann zu trödeln. Er schlenderte. Die Schritte verlangsamten sich. Witzig, dachte er be­lustigt und experimentierte noch ein wenig. Wenn er Tempo zulegte, hallte es eiliger hinter ihm. Sobald er zu bummeln anfing, verlän­gerte sich die Pause zwischen den Schritten. Immer stärker regte sich die Neugier. Schließlich blieb er stehen, spähte über die Schulter und bemerkte einen Mann, der gleichfalls Halt gemacht hatte. Ein schwarzes Köfferchen an die Brust drückte und den Kopf mit der Ledermütze senkte, das Gesicht zur Fahrbahn gekehrt, als ob er den platzenden Tropfen zuschauen wollte. Hinter ihm standen zwei Gestalten in Jeans und rosa Anoraks, die Kapuzen fest zugeschnürt.

Gespannt ging Bernd weiter. Wieder hörte er die Schritte, bald langsamer, bald schneller, stets auf seine Geschwindigkeit abge­stimmt. Paranoid, dachte er zornig. Allmählich verstärkte sich der Eindruck, verfolgt zu werden.

Am Brauhausberg war seine Geduld erschöpft. Er kehrte um und musterte ungeniert den Mann, der geduldig wie ein Hündchen vor dem Bordstein wartete. Er war hohlwangig und hatte ein kantiges, fahles Gesicht. Etwas abseits standen die mit den Anoraks.

Bernd lief den Brauhausberg hinauf. Beim Tor des Landtags überzeugte er sich, dass der Hohlwangige nachgekommen war. „Was sollen die Possen?“, fragte er ungehalten. „Wollen Sie mich ärgern, oder wünschen Sie ein Autogramm?“

„Nix wjunschen, nix wollen“, antwortete der Hohlwangige sanft.

„Dann bleiben Sie mir gefälligst vom Halse! Lassen Sie mich in Ruhe! Ihre Aufdringlichkeit widert mich an“, fügte er hinzu, indem er den Weg zum Bahnhof einschlug. Das hätte ich mir schenken kön­nen, dachte er, als er das Klacken hörte. Er löste einen Fahrschein und setzte sich in den Zug nach Ahrensfelde. Der Fremde folgte ihm wie ein Schatten. Er nahm schräg gegenüber Platz, zog die Schirm­mütze vom Kopf, schüttelte das Regenwasser ab und stülpte sie wie­der auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Guido Dahl / Angelika Scho

Nächtebuchnotiz um 1.35 Uhr

 

 

Held

 

 

Die Not

in dir

macht dich

bescheiden

 

angekommen

mit leeren Händen

bist du

anspruchsvoll

neu

 

 

 

 

Winterbaum

 

 

Das verlassene Nest

eine Almosenschale

 

in der sammelt der Baum

das Blaue vom Himmel herunter

verwandelt zu federleichtem Kristall

 

und bettelt so

nach der Vogelmutter

die dem Winter

den Tod schenkt

 

und wärmt das Zerbrechliche

 

Taktstock der Stille

 

 

Holunder

und ausgeblühter Ginster

Klatschmohn und Mais

dazwischen blau am Teiche

eine Libelle

Taktstock der Stille

 

deine Hand sucht

Begegnung

mit mir

der Erde an den Füßen

den Augen-Blick

in sich schließt

 

Bäume, Felder, Horizont

ein Schloss

auf deiner Schulter die Hand

nicht so schwer

berühre

ich dich

 

und weiß

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glanz

Im hinteren Sarntal/Südtirol

 

 

Der Engel in dir

fand es wieder

 

bis in dein innerstes Licht

sprachen dir Bäume noch zu

ihre Poesie

 

und fielen Blumen

dem Himmel

ins Blau

lächelte ein Berg dir

eine Lawine Purpur

in den Augenblick

 

es sang ein See

Glanz

ohne Ufer

 

du fandest

wieder

den Engel in dir

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joachim Specht

Der lange Weg des Filmvorführers

 

Mein Name ist Peter Webb, ich bin fast vierzig Jahre alt, von Beruf Lehrer und stamme aus Grafton. Zeitweise nannte ich mich Webster, weil ich untertauchen mußte. Aber mit der Identität eines Toten kommt man nicht weit. Ich hätte es auch als Schicksal bezeichnen können, aber das klingt zu simpel, schließlich bin ich am Scheitern meiner gutbezahlten Laufbahn an einem Gymnasium selbst schuld. Ich habe meine Story, die in Grafton beginnt und an der Zapfstelle von Repton endet, aufgeschrieben, weil ich hoffe, daß sie mein Freund Lary Higman eines Tages veröffentlicht. Sie soll junge Leute abschrecken, sich unbedingt als Helden aufspielen zu wollen. Ich weiß, von was ich spreche, habe lange genug als Soldat den Krieg kennen gelernt. Lieber feige leben als tapfer sterben - klingt mies. Aber wenn‘s ans Sterben geht, sieht die Sache anders aus. Jedenfalls weiß ich heute, daß ich nicht zum Helden tauge. Meine Erlebnisse notiere ich der Reihe nach, damit keine Unklarheiten entstehen. Im Dichten war ich noch nie gut; deshalb will ich korrekt bleiben: Wie eine Figur von Brecht - halbgebildet, aber in der Sache genau. Die Erfahrung der letzten Monate läßt sich auf einen Nenner bringen: Zorn und Neugierde sind schlechte Wegbegleiter. Es kommt immer drauf an, wozu man Informationen verwen­det. Richter Adams aus Lismore gab mir einen guten Rat: „Merken Sie sich, Webb, viermal W. Wer sagt es, wie sagt er es, wann sagt er es und wo sagt er es. Wenn Sie über den Knastdirektor einen üblen Witz machen, gibt‘s ein Jahr drauf. Reißt Bob Hope, der Spaßmacher von Hollywood, den gleichen Kalauer, wird ihm ein Vertrag angeboten. Klar?“

 

Eigentlich war es immer der gleiche Traum, der mich nach Mitternacht aus dem Schlaf riß. Ich fühlte Schweiß auf der Stirn, rang nach Luft, versuchte zu sprechen. Es mißlang, weil meine Glieder gelähmt waren. Irgendwer packte mich an der Schulter, zerrte mich hoch. Später lag ich eingeklemmt zwischen zwei Kumpels auf einem Karren, der durch nasses Unterholz geschoben wurde. Detonationen, Geschrei in der Ferne, Kinderweinen, schrill und Napalmgestank. Mücken sangen ihr eintöniges Lied. Endlich konnte ich Arme und Beine bewegen, der Krampf ließ nach. In der fahrbaren Duschkabine kam ich wieder zu mir, wusch mir mit einer Desinfektionslösung die Haare. Auf der Zunge spürte ich beißenden Geschmack, wie Chillie. Neue Kleidung wurde verteilt. Ein junger Feldarzt untersuchte uns von oben bis unten. Anschließend mußte ich Formulare unterschreiben und erhielt einen Inhalierspray ausgehändigt. Der Druckbehälter paßte bequem in die Hosentasche, wie ein Feuerzeug. „Früh und abends zwei Stöße, sonst nur wenn die Luft knapp wird.“ Tags darauf fehlte einer meiner Kameraden, bei ihm hatte die Spraydose versagt. Es wurde erzählt, er sei auf dem Weg nach Gong Hoa ins Armeehospital. Der Captain hatte unseren Zug aufgeteilt. Ich gehörte zu denen, die Ende 1968 heimfahren durften. Zwei Winkel zierten meine Ärmel, ich nannte mich Corporal des Royal Australian Regiments. Auf der linken Brustseite klebten drei bunte Qrdensbändchen, und in der Hosentasche steckte der Spray. Ein Andenken, das mich ständig begleiten sollte.

Seit ich als Lehrer die beiden letzten Klassen, die zum Abitur führten, unterrichtete, bewohnte ich einen kleinen Bungalow in der Oxlysiedlung. Meine Schüler wollten mal studieren, sie wußten von meinem gesundheitlichen Trouble, und ich machte keinen Hehl aus meinem Einsatz im Dschungel. Was ich allerdings für mich behielt, war meine damalige Begeisterung, die mich bewogen hatte, frei­willig in den Krieg zu ziehen. Über diese Kurzsichtigkeit wußten nicht viele Genaueres. Und mein Direktor, Archie Spencer, hielt anständigerweise den Mund.

Als ich aus Sydney den Termin vom Gesundheitsamt er­hielt, kam ich der Aufforderung sofort nach. Der Lungenspezialist Walter Miller war mir bekannt, seine Untersuchungsmethode ein oft geübtes Zeremoniell: Im Labor Blut und Urin abgeben, große Toraxaufnahme, EKG aufzeichnen, Pusten in diverse Druck- und Meßkolben, Puls messen, Gewichtsprobe, ein warmer Händedruck, das war‘s.

Am Kings Cross traf ich mich mit Pamela, die sich einen Tag freigenommen hatte. Wir ließen uns von der Fähre zum Taronga Zoopark übersetzen. Dort konnte man schön bummeln. Meine Freundin war ein spätes Mädchen, Ende der Zwanziger, wählerisch im Umgang mit Männern. Meine Footballkumpels lehnten ihre reservierte Art ab. Trotzdem war ich bei Pamela geblieben, nicht nur, weil sie im Bett bequem war, sie überließ einfach alles mir, sondern weil ihr Vater Ronald zu den Honoratioren der Stadt zählte. Der kleine quirlige Mann hatte mal als Maurer angefangen, heute nahm die Firma Jiggen Bauaufträge von der Regierung entgegen. Von Liebe und ähnlichen Leidenschaften war zwi­schen Pamela und mir nie viel gesprochen worden. Es ging ja auch so.

Mit ihrem Toyota Sport kam sie einmal in der Woche zu mir. Sie stellte sich unter die Dusche, währenddessen ich ihr einen Drink mixte und die Vorhänge zuzog. Von meinen Nachbarn gegenüber der Straße wußte ich, daß sie regelmäßig zur Uhr schauten. Ohne ihre Neugier hätte mir was gefehlt. Pamela übersah das Klatschvolk, das war Plebs, schlechte Luft. Für die Nachbarn galten wir als verlobt.

Hin und wieder luden mich Pamelas Eltern zu einer Gartenparty ein. Ich war der Peter, der eben mal reinschaute und wieder ging, eine Art Vorzeigefreund, Sportlehrer in den besten Jahren, Footballspieler, den Jason Peel in der Presse einen Hansdampf in allen Gassen nannte - bis er nach Vietnam verschifft wurde ...

Drei Wochen später passierte es.

 

 

 

 

 

 

 

 David Daudrich

Der zweiten Hauptsatz der

ThermodynamikAus der Geschichte

Bekanntermaßen hat die Wissenschaft von der Thermodynamik eine lange, mit Unebenheiten gepflasterte Geschichte hinter sich. Entdeckt wurde sie etwa zeitgleich mit der Dampfmaschine. Auf eines der wichtigsten Gesetze dieser Wissenschaft - den zweiten Hauptsatz - wurden damals die Wissenschaftler Rudolf Clausius und William Thomson durch die Dampfmaschine gestoßen. Beide schlugen sie eigenständige Formulierungen vor, und so enthielt der Neuling bereits während seiner Geburt gleich zwei verschiedene Gesichter. Ein Wettbewerb, der bis heute noch kein Ende gefunden hat. Damit begann eine vom Menschen ausgelöste Odyssee durch den Dschungel der Naturgesetze. Und somit kann das Gesetz von der Thermodynamik heute viele Hundert Formulierungen und Auslegungen Aufweisen.

Die meisten damaligen Wissenschaftler erkannten den geheimnisvollen und eigenartigen zweiten Hauptsatz nur widerwillig an. Wie in solchen Fällen üblich, waren die konservativ eingestellten Wissenschaftler gegen diese Neuheit in der Thermodynamik. Andere waren fortschrittlich eingestellt. Dennoch konnten sie das neue Gesetz nicht annehmen.  Seine Herausforderungen waren unverkennbar. Sie ließen sich nicht mit den eigenen Vorstellungen von den Prozessen der Natur vereinbaren und wurden deswegen ebenfalls kategorisch abgelehnt. Doch sie konnten gegen dieses Gesetz keine überzeugenden Argumente vorbringen, da diese tief in den Prozessen der Natur verborgen liegen. Noch heute sind sie schwer zu verstehen.  Zwangsläufig nahm die Zahl der Kritiker mit der Zeit ab, bis es schließlich keine mehr gab.

Eine wichtige Rolle bei der Eliminierung der Gegner spielte auch die Tatsache, dass man sich an die Existenz des zweiten Hauptsatze und seine geheimnisvolle Entropie gewöhnte. Dadurch konnten die Ergebnisse der Untersuchungen und Beobachtungen der Naturprozesse, die in den Rahmen des zweiten Hauptsatzes nicht hineinpassen wollten, auch nicht mehr anerkannt werden. Arbeiten mit entsprechenden Ergebnissen, wurden und werden immer noch abgelehnt und ohne Begründung für ungültig erklärt. Als Folge wird heute in der Natur nur dasjenige erlaubt, was mit dem zweiten Hauptsatz übereinstimmt. Es gibt deswegen nur wenige Wissenschaftler, die den Mut besitzen, den zweiten Hauptsatz an den ihm in der Natur gebührenden Platz zu setzen. Neue Theorien entstehen, neue Bereiche der Natur werden erforscht, neue natürliche Vorgänge wie auch schöpferische Prozesse, die beharrlich in den Rahmen des zweiten Hauptsatzes nicht hineinpassen wollen, werden von ihnen untersucht. Doch alles was den zweiten Hauptsatz angeht, wird unverändert auf dem alten Niveau gehalten. Es wird alles unternommen, die alte Einstellung zu konservieren und dem zweiten Hauptsatz nach wie vor alle Prozesse der Natur ohne Ausnahme zuzubilligen.   

Der zweite Hauptsatz beschäftigt sich hauptsächlich mit einfachen, zerstörerischen Prozessen der Natur, die leicht zu verstehen sind. Man kann sie ohne Schwierigkeiten überprüfen, da es der Mensch im alltäglichen Leben überall mit ihnen zu tun hat. Reale, komplizierte Entwicklungsprozesse der Natur, die einen Antipoden zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik darstellen, sind äußerst schwer oder bislang noch gar nicht zu verstehen. Sie existieren tatsächlich und sind in der Natur nicht weniger verbreitet. Doch bis heute kann man sie im Labor und in der Natur entweder noch gar nicht oder nur teilweise überprüfen. Diese Prozesse wirken dem zweiten Hauptsatz entgegen und widersprechen ihm, was jedoch nur schwer nachweisbar ist. Dies vor allem ist der Grund, warum sich in der Wissenschaft der zweite Hauptsatz der Thermodynamik so schnell entwickeln und verwurzeln konnte. Die entgegengerichteten, schöpferischen Prozesse, ohne die es in dieser Welt aufgrund ihrer Milliarden Jahre langen Geschichte überhaupt nichts mehr gebe (auch den Menschen nicht!), werden weitestgehend ignoriert. Obwohl sie existieren, werden sie vom Menschen nicht anerkannt. Diese komplizierten Prozesse der Entwicklung in der Natur werden vom Menschen gezwungen, sich dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu unterwerfen. Wir haben diese beiden Kosmischen Zeitstrahlen, einen, der zu Abbau und Unordnung, und den anderen, der zu Fortschritt und zunehmender Organisation zu führen scheint. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler erkannt, dass Materie und Energie eine eigene Fähigkeit zur Selbstorganisation besitzen, die in allen naturwissenschaftlichen Forschungsgebieten zu Tage tritt, nicht nur in der Biologie. Ich halte das für sehr bedeutsam. Wir erkennen wieder, was wir "das Wunder des Lebens" nennen können - die Fähigkeit lebender Organismen, ihre Komplexität und Organisation zu steigern -, und sind verblüfft. Aber diese selbst - organisierenden Prozesse finden wir auch in Systemen, die als unbelebt angesehen werden, und diese Selbst - Organisation ist  Gegenstand multidisziplinärer Forschungen mit vielen Praktischen Anwendungsmöglichkeiten. (Davies, 2001, S. 51) 

Die künstlich entstandene und heute allgemein anerkannte Asymmetrie, die allen natürlichen Prozessen vom zweiten Hauptsatz zugeschrieben wird, führte unvermeidlich zu großen Schwierigkeiten im Leben des Menschen auf dieser Erde. Besonders auffällig ist dabei die mit dem zweiten Hauptsatz verbundene verschwenderische Tätigkeit des Menschen bei der Energiegewinnung, die Umweltverschmutzung, die naturfeindliche Vermehrung seiner eigenen Spezies, der eigensüchtiger Umgang mit der Tier- und Pflanzenwelt, die Zerstörung seiner Gesundheit durch Tabak, Alkohol und andere Drogen.  Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik erkennt alleine diese zerstörerischen Prozesse an, und der Mensch folgt brav diesem Gesetz, ohne auf die Zukunft seiner Art Rücksicht zu nehmen. Würden wir die komplizierten, schöpferischen Prozesse der Natur gut verstehen dann bräuchten wir auf die Forderungen des zweiten Hauptsatzes weniger Rücksicht nehmen und könnten sie uns zunutze machen. Wir bekämen dann vielleicht auch die Möglichkeit, uns um die Zukunft zu sorgen und ein mit der Natur im Einklang befindliches Leben zu führen. Und auch die Natur würde sich dabei bestimmt nicht abwenden, sondern uns behilflich sein. Schließlich hat ja die Natur, nicht der Mensch auf dieser Welt das Sagen. Der Mensch ist lediglich bemüht die Natur zu verstehen und er macht dabei so manches falsch. 
 

 

  

 

 

 

 Joachim Specht

G‘ DAY

 

Anfang der Fünfziger war ich in Hamburg arbeitslos geworden. Da ich mit meinen einundzwanzig Jahren nicht in die endlose Schar der Arbeitslosen eingeordnet werden wollte, beschloss ich, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Meine eigentliche Heimat, die DDR, hatte mir einen Studienplatz verweigert. Handwerker zählten nicht zum lupenreinen Proletariat. Mit den hiesigen Raffkes aber, deren Monokultur darin bestand, aus Geld wieder Geld zu machen, hatte ich mich auch nicht anfreunden können. Da es noch keinen Mittelweg zwischen diesen Lebensordnungen gab, glaubte ich, ein gerechteres Dasein am Ende der Welt zu finden. Auf dem 5. Kontinent hatte es noch nie Krieg ge­geben, starke Gewerkschaften sorgten für die Interessen kleiner Leute, jedenfalls las ich das mal bei Egon Kisch. Nun suchte die australische Regierung Arbeitskräfte, die willig waren, Bauarbeiten durchzuführen, für die sich in Australien keine „Freiwilligen“ fanden. Das Land sei zu dünn besiedelt. In New South Wales sollten Telegraphenleitungen durch‘s Landesinnere gezogen werden, Victoria plante einen Staudammbau, Snowy Mountain Scheme genannt, und Südaustralien gedachte die Eisenbahnspur von 3 Fuß - 6 Zoll auf 5 Fuß - 3 Zoll zu verbreitern. Ich entschied mich für die letzte Quälerei, weil im Werbeprospekt der South Australian Railways vermerkt war, dass die Angestellten und Arbeiter des Unternehmens Freifahrscheine und Reisevergünstigungen auch für andere staatliche Linien bereit halte. Die wahren Zusammenhänge begriff ich erst an Ort und Stelle. Mit den Dienstjahren verlängerte sich die Urlaubszeit, (vorausgesetzt die Gesellschaft existierte noch), Neueinwanderer mussten mit vierzehn Tagen vorlieb nehmen.

Die Hürden der Einreiseformalitäten, die mir der Emigration Officer Mister J. M. McKanzie im Altonaer Arbeitsamt überreichte, meisterte ich mit Bravour. Der Laufzettel ließ mich bei der Polizei, dem Finanz- und Steueramt vorstellig werden. Glücklich händigte ich dem rundlichen Australier meine Papiere aus, da kam der Tiefschlag: „Da Sie noch keine einundzwanzig Jahre alt sind„“ übersetzte die Dolmetscherin, „benötigen Sie bis zum Tag der Ausreise die Zusage vom Elternhaus, beglaubigt von einem Notar.“ Was nun? Das Jahr 1951 näherte sich dem Ende. In der Bäckerei beim Stange in Barmbeck, wo ich schwarz arbeitete, herrschte Hochbetrieb. Der Meister gab mir vierundzwanzig Stunden frei, dann musste die lei­dige Angelegenheit erledigt sein. Meine Eltern kannten einen Anwalt, der begriff um was es ging. Kurz vor Weih­nachten setzte ich mich in den Bus, der zur Grenze fuhr. Geduckt hechelte ich über die Demarkationslinie, stieg in Marienborn in den Zug nach Magdeburg und von dort nach Dessau. Meine Mutter drückte mir das Schriftstück in die Hand und sagte nur: „Fahr mit Gott.“ Dann war ich wieder unterwegs. Im Morgengrauen überquerte ich die Grenze, kletterte in „Rammelmanns“ Bus. Am Nachmittag überreichte ich in Altona Mr. McKanzie das gewünschte Papier. Ich vergesse nie die Miene des Rundgesichts als die Dolmetscherin die Zeilen übersetzte. „Well, good boy, you get a permit.“ Mein Gott war ich damals glück­lich. Die ganze Nacht durch füllte ich beim Stange Pfann­kuchen mit der Marmeladenspritze und dachte nur: Die Australier lassen mich rein, sie geben mir einen Job.

  


Günter Löffler
Tappen im Dunkeln

Krankengymnasten fallen weder vom Himmel, noch werden sie geboren. Sie sind wie die Vertreter jeder Berufsgruppe einerseits durch ihre Erbanlagen programmiert, andererseits Produkt bestimmter Umwelteinflüsse, Entwicklungsbedingungen, besonderer Umstände.

Als ich das Licht der Welt erblickte, wusste niemand, dass ich einmal Physiotherapeut werden würde. Mein Interesse an Heilkunde musste sich allmählich entwickeln. Doch die Anlage zum Kleinunternehmer mochte bereits vorhanden sein. Ich vermute das deshalb, weil ein Blick auf meinen Familienstammbaum den Schluss zulässt, dass sie mir im Blut lag, weshalb ich es kaum verwunderlich finde, wenn ich heute eine eigene Praxis besitze. Einer meiner Vorfahren mütterlicherseits, Fleischermeister Friedrich Börner, war Pächter des Gasthofs "Zum Fichtelberg" in Oberwiesenthal; ein anderer führte am selben Ort eine florierende Wirtschaft; der Sohn von Friedrich, Oscar Börner, bot in seinem gut gehenden Geschäft Fleisch- und Wurstwaren in Chemnitz an, und Urgroßvater Oscar Schmerler besaß in Böhmen das Gut Swina - um nur einige Beispiele zu nennen.

Sodann väterlicherseits: Der Vater meines Großvaters war der Lohnfuhrwerkbesitzer Carl Löffler im schlesischen Reichenbach, der Vater meiner Großmutter Klempnermeister August Weschke in Köthen, wo er in der großen Werkstatt auf dem Hof seines Grundstücks mit Zirkel, Blechschere und glühenden Lötkolben hantierte, während seine Frau Emma in dem Laden zur Straße hinaus durchgebrannte Pfannen und Kochtöpfe zum Flicken entgegennahm und Gasstrümpfe, Dochte und Petroleum verkaufte. Ja, und der Sprößling des erwähnten Fuhrwerkunternehmers, ebenfalls ein Carl Löffler, also einer meiner Großväter, betrieb mit seiner Ehefrau Margarete geborene Weschke ein gut gehendes Kolonialwarengeschäft in Thale, später einen Großhandel von Lebens- und Genußmitteln in Burg bei Magdeburg, dem allerdings eine kurze Lebensdauer beschieden war, weil ihm ein Unfall mit seinem Kabriolett, einem Pkw Adler, ein jähes Ende bereitete. Eines Tages verlor der Chauffeur die Kontrolle über den Wagen. Das Auto geriet auf die Gegenseite der Landstraße und prallte auf einen Steinhaufen. Der Fahrer wurde durch die Wucht des Aufpralls auf den Acker geschleudert und überstand den Sturz unbeschadet, mein Großvater erlitt mehrere Quetschungen, Prellungen, Knochenbrüche, und ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Da die Versicherungsgesellschaften zahlungsunfähig waren, hatte er den Sachschaden selber zu tragen, obendrein die Behandlungskosten. Geschäftlich war es der Anfang vom Ende, der Pleite. Das Aus.

Dreiunddreißig Jahre später betrat ich den Schauplatz der Welt. Bei meinen Eltern herrschte Sonnenschein, wenngleich nicht annähernd so überschwenglich gefeiert wurde wie seinerzeit bei der Ankunft meines Vaters. Damals hatten meine Großeltern sogar geflaggt, in der Presse stolz "die Geburt eines kräftigen Jungen" bekanntgegeben, und unter den zahlreichen Glückwunschkarten, die eingegangen waren, befand sich eine, die "dem kleinen Günter ein donnerndes Hoch" zuteil werden ließ. Nein, der Empfang für mich fiel weitaus nüchterner aus. Immerhin aber waren Vater und Mutter froh, die Familie komplettiert zu haben, und auch meine fünf Jahre ältere Schwester Susanne freute sich zunächst über ihr Brüderlein. Doch ihre Freude war von kurzer Dauer. Ich landete mit Ernährungsstörungen im Krankenhaus, wo sie mich an jedem Besuchstag durch die Fensterscheibe besichtigen durfte, was sie höchst langweilig fand.

  

Kurt Müller
Emmerichs Erben
 
An der Spitze des Zuges gingen die führenden Funktionäre. Der Novemberwind zerrte die letzten Blätter von den mickrigen Bäumen, die den Straßenrand säumten. Die Genossen Funktionäre hatten die für diesen Anlaß gebotenen Leichenbittermienen aufgesetzt. Viele von ihnen hatten gegen die Menschen gekämpft, an deren Gräbern sie heute Kränze niederlegen würden. Sie alle, die hier gingen, mit ihren Kränzen und Blumengebinden, waren Meister im Verdrängen. Die Untermenschen von einst waren für sie zu Helden der Sowjetunion avanciert. Im Straßenschmutz ein weißer Fleck, die Blüte von einem Kranz. Nicht lange und der Schuh eines Genossen zertrat die weiße Herrlichkeit.

Im Hinterkopf hatten die Marschierer schon den Empfang in der sowjetischen Garnison, das Gelage mit Wodka, Krimsekt und Kaviar. Das war der gemütliche Teil des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Zuerst jedoch mußten die Helden geehrt werden, die armen Schweine.

Am Eingang des Friedhofs spielte eine sowjetische Militärkapelle den russischen Trauermarsch.

Vor einem frischem Grab an der Hauptallee stand ein alter Mann. Er hatte die Hände gefaltet, sein schütteres weißes Haar war vom Regen durchnäßt. Der Mann hatte einen Menschen verloren – die Gefährtin vieler Jahre? Tochter, Sohn? Seine Lippen bewegten sich. Was betete er?

Kaum einer beachtete den alten Mann, auch er schien die vielen Leute nicht zu bemerken. Sein Gesicht war tränennaß, der Hut, aus seinen Händen geglitten, lag unbeachtet vor ihm.

Vor dem Obelisken mit den kyrillischen Schriftzeichen spielte eine zweite Militärkapelle. Die jungen Gesichter der Soldaten drückten keinerlei Regung aus, sie spielten; Trauermusik. Sorgfältig wurden die Kränze niedergelegt, Schleifen zurechtgerückt; ein letzter Blick auf den fünfzackigen Stern, der den Obelisken zierte. Der Akt war beendet - der Vorhang fiel - die Leichenbittermiene wurde abgesetzt, Pause vor dem nächsten Akt - .

Am frischen Grab stand der alte Mann im Gebet.

Die Menge verlor sich rasch auf dem großen Friedhof. Die Militärkapellen spielten Trauermusik.

 
  

Sven Hadon
Das Ende der Fahnenstange
 Das Machwerk DDR

Was man macht und was man lieber nicht macht, wußten die meisten DDR-Bürger lange Zeit sehr genau.

Daher machten sie irgendwie alle mit. Wenn auch die

Machenschaften der Mächtigen hinreichend bekannt waren, so meinte doch die überwiegende Mehrheit, da könne man nichts machen.

Man konnte ja machen, was man wollte, wenn man nicht machte, was man mußte, machte man es sich nur selbst schwer.

Motto: Mach mit, mach‘s nach, mach‘s besser ohne Widerrede.

So machten sich dann auch die wenigsten einen „Kopf“. Sie ließen die Mächtigen machen und vertrauten darauf, daß die das schon machen würden.

Man täuschte sich - mächtig. Die Macht des Volkes war nichts als Mache, die Mächtigen die gemachten Leute und die nicht mitmachten, machten sich davon.

Mit der Wende machten alle kehrt. Nun machte fast jeder auf Opposition. Die Mitmacher waren plötzlich die Schrittmacher und machten deutlich, was zu machen ist.

Fazit: Von den einen will keiner was gemacht haben, keiner war Macher, keiner nur Werkzeug, allenfalls Werkzeugmacher und da machte man nur seine Arbeit. Von den anderen machen jetzt alle den Mund auf, weil sie es endlich dürfen, obwohl sie es nun nicht mehr bräuchten. Als sie nicht durften, aber mußten, machten sie es nicht, sondern sich in die Hose.

Und da mußten sie gar nicht...

  

 Menschen-(G)affen

Das Erkennen
aus den Augen verloren.
Nur noch Guck-Löcher
zwischen den Ohren
- zum Glotze glotzen
oder Schauen schauen.
Unter den Brauen
gebrochene Linsen,
Negativ-Bilder
gingen in die Binsen.
Die Sinnesorgane nur
augen-scheinliche Registratur
mit vorgegebenem Horizont.
Nur Rüberschielen gekonnt
wie Gier-Raffen.
Blicke wie Waffen
ließen sich nicht blicken,
nur Tarnbrillen-Optiken.
Diese Blind-Schleichen-Gattung,
sie feierte Seh-Bestattung.

 

David Daudrich
In Sibirien half uns nur noch Gott

Alle meine Vorfahren waren Bauern und wohnten auf dem Lande. Und obwohl die wenigsten von ihnen eine Schule besuchen konnten, gab es fast keine Analphabeten. Der Unterricht im Lesen und Schreiben zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen. Auch die Musik spielte eine große Rolle. In den meisten Familien wurde gesungen und musiziert. Fast alle hatten Hausbibliotheken, und es wurde viel gelesen. Einer meiner Großonkel studierte in Odessa Medizin, schrieb Bücher und war am Anfang dieses Jahrhunderts ein bekannter Arzt.

Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen und lernten zu Hause Deutsch zu lesen und zu schreiben. Schon erwachsen und verheiratet, mußten sie noch Russisch lernen. Für meinen Vater verband sich damit die Gelegenheit, bis zur Rente als Buchalter zu arbeiten. Auch bei meinen Eltern wurde musiziert und gelesen. Es gab eine Geige, eine Gitarre, ein Violoncello und eine Zimmerorgel - und jede Menge Bücher.

Bis zum Anfang des Krieges wurden ausschließlich deutsche Lieder gesungen. Für mich war es immer ein Feiertag, wenn in unserer großen Stube die Dorfbewohner unter Vaters Leitung neue Lieder repetierten und ich im kleinen Nachbarzimmer zuhören konnte. Es schien mir, als ob ich in diesen Stunden im Himmel wäre. Vater war der Dirigent des Kirchenchores, und nach der Zerstörung der Kirche leitete er ab 1937 das Orchester unserer Kolchose.

Im Sommer 1936, schon zum dritten Mal in kurzer Zeit, verlor mein Großvater sein Hab und Gut. Unsere Dorfbewohner, die nicht auf der Arbeit waren, standen traurig dabei. Viele konnten ihre Tränen nicht verbergen. Aus den russischen Nachbardörfern waren Interessenten und Schaulustige angereist gekommen. Diesmal stand Genosse Siemens, ein Deutscher aus dem Nachbardorf, auf einem großen, niedrigen Kasten und versteigerte alles, was sich Großvater durch harte Arbeit geschaffen hatte. Vieles hatte er schon früher verloren. Seine Pferde, die Kühe und anderes Vieh gehörten seit mehreren Jahren der Kolchose. Die Agrarmaschinen lagen im Kolchoshof und rosteten. Einige wurden bereits zur Ersatzteilgewinnung ausgeschlachtet. Die Zwangskollektivierung hatte in den dreißiger Jahren angefangen. Die Bauern wurden sämtlich enteignet. Pferde, Kühe und anderes Vieh wurden beschlagnahmt und in den Kolchoshof gebracht. Pflüge, Mähbinder und alle anderen Agrarmaschinen ebenfalls. Alle Bauern des Dorfes, des ganzen Landes waren davon betroffen. Und nun traf es Großvater auch noch allein, eine Erinnerung, die mich für immer schmerzlich verfolgen wird. Selbst sein Wohnhaus, mit allem, was sich darin befand, wurde versteigert. Er, Großmutter und die restliche Familie, zu der vier Kinder gehörten, wurden in einer kleinen Erdhütte am Rande des eigenen Hofes einquartiert. Nur ganz wenig Sachen hatte man ihnen gelassen. Einige Sachen, an denen er besonders hing, Bücher oder Haushaltsgeräte, kauften die Nachbarn und Verwandten, um es später seiner Familie zurückzugeben. 


David Daudrich
Menschenleben spielten keine Rolle

Schon unter Gorbatschow wurde geschätzt, dass seit Lenin in Russland insgesamt 110 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Dazu kommt der Raubbau an der Natur, durch den gigantische Flächen ursprünglichster Landschaft vernichtet, verseucht oder vergiftet wurden.. Das ist der Preis jenes sozialistischen Experiments der Marxisten.

Fälschlicherweise wird auch heute noch oft behauptet, dass die sozialistische Schreckensherrschaft durch individuelle Fehler oder diktatorischen Größenwahn einzelner Herrscher zustande kam. Doch selbst wenn es nicht an dem wäre, wenn weniger als 110 Millionen Menschenleben geopfert worden wären, wenn man nicht so viele Wälder, Seen, Flüsse, Meere mit Atom- und giftigen Chemieabfällen verseucht hätte wenn es kein Tscheljabinsk oder Tschernobyl gäbe, und keine Flüsse und Meere (Amu - Darja, Syr - Darja, Asowmeer) verschwunden wären oder kein Arsenal von gefährlichen und veralteten Chemie- und Atomwaffen in Bunkern überall auf einer gigantischen Fläche zerstreut sein würde und keine verschrottete Atomflotte auf dem Grund des Meeres läge, müsste sich die Menschheit noch lange anstrengen, um die negativen Folgen der sozialistischen Planwirtschaft zu beseitigen. Diese fleißigen, unschuldigen Menschen der ehemaligen Sowjetunion werden noch lange an den Folgen des gescheiterten Experimentes zu leiden haben. Die Umweltkatastrophe der riesigen UdSSR ist so gewaltig, dass man sie mit keinem anderen Land vergleichen kann.

Der Mensch ist das Wichtigste auf dieser Welt. So meinen wir. Alles andere ist wie speziell für den Menschen geschaffen. Auch die Bibel ist dieser Meinung. Doch wie gehen wir wirklich mit uns um? Haben Menschenwürde und –leben überhaupt einen Wert? In den Berichten über Militäraktionen liest man die Zahl der gefallenen Soldaten und die Zahl der tödlich verwundeten Zivilisten. Das Zweite regt besonders auf. Man staunt und jammert, weil unschuldige Menschen ums Leben kamen. Aber welche Schuld haben schon die Soldaten? Oft werden sie als bösartig und gemein hingestellt, und in manchen Ländern sind sie noch heute nicht mehr als Kanonenfutter. Warum darf ein Diktator ungestört Menschen in den Tod schicken, ohne dass man das als Mord bezeichnet? So ein Unmensch gilt nicht als Mörder, sondern als Politiker. Wenn in den USA ein Mörder hingerichtet wird, dann protestiert die Welt. Wenn ein Diktator Tausenden von Menschen, die nichts Böses getan haben, das Leben nimmt, so nimmt man das hin. Welch eine Heuchelei!

Die massenhafte Menschenvernichtung war einer der wichtigsten Bestandteile der Sozialisten beim Aufbau ihrer Diktatur. Schon Marx und Engels setzten für die Revolution die Gewalt, also auch Menschenleben voraus. Sie legten den theoretischen Grundstein für einen blutigen Weg zum Sozialismus: Die Weltvernunft zählt die Opfer nicht, die an ihren Straßen liegen (!). Oder: Der Krieg der Armen gegen die Reichen wird der blutigste Krieg aller Kriege sein, die irgendwann von den Menschen geführt wurden. F. Engels2, S.264 Gewalt war und ist immer das Zeichen der Revolutionen, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Wobei letztere wie heute bei den Linken, Rechten, zwischen manchen Gläubigen und anderen Fanatikern als Straßenschlachten beginnen. Sie haben selten eine theoretische Vorlage, die den Akteuren unmenschliches Verhalten vorgab. Auch das Rot als Symbol des Blutes ist heute noch als Kampffarbe aktuell.


Alexander Richter:
Femitakel – sieben satirische Erzählungen nach der deutschen Einheit

 Eines Morgens nimmt die Tragikkomödie also ihren Lauf. Ich stehe in der U-Bahn Richtung Berlin und atme nach dem vorausgegangenen Spurt über Treppen und Bahnsteig endlich nicht mehr ganz so schwer, da merke ich, daß die Ju­gendlichen, die wie immer schon alle Sitzplätze im Abteil belegt haben, heute ungekannt friedlich sind. Keine Pöbeleien, keine Schlägereien, nicht mal Provokationssex. Ich überfliege die Über­schriften auf der Bild-Zeitung meines Haltestan­gennachbarn. Nichts. Kein Aids-Toter, kein be­sonders schwerer Crash mit geklauten Autos, kein Begrüßungsgeld für Neugeborene, auch kein bankrotter Zirkusdirektor, der sich vor Ver­zweiflung seinen Raubtieren zum Fraß vorge­worfen hat. Aber mir fällt plötzlich auf, daß ich mich mal wieder im Mittelpunkt ihres Interesses befinde. Nein, keine abfälligen Bemerkungen, die sie machen. Tomatenficker, dreimal gelifteter Faltenrock oder so. Sie reden heute kaum und wenn doch, dann ungewohnt leise. Aber ich weiß es genau: Über mich. Affengeiles Hotten­tottentittenattentat und solche absurden Flos­keln. Und ihre Blicke umkreisen meinen Kopf. Als hätte ich einen Heiligenschein, und sie wüßten gern, wie man den erlangen könnte. Verunsichert betrachte ich aus den Augenwin­keln meine Kleidung. Alles ist in Ordnung. Ich starre eine Weile auf die Rückseite der besag­ten Zeitung, um mich nunmehr durch Meldungen über künstliche Busen, krebskranke Promis und deren uneheliche Kinder sowie über Ablöse­summen für Fußballprofis abzulenken. Doch der Zeitungsbesitzer faltet irgendwann unsere ge­meinsame Lektüre zusammen und steigt an der Station, bei der sich das Arbeitsamt befindet, aus. Während die Bahn noch hält, höre ich den Anführer jener schrägen Clique, den sie seiner riesigen dunklen Nase wegen Schäferhund nennen, sagen:  "Eh, Paula, nimm mal deine Beene von Sitz, denn kann der Zopp sich neben dir hinsetzen." Die Angesprochene scheint zu zögern, doch dann siegt ihre Bequemlichkeit über den mäßigen Wissensdurst. "Du tickst wohl nich?"

   Sekunden später wird die Tür des Abteils, die sich eben geschlossen hat, gewaltsam wieder aufgerissen und ein Bursche mit steilem weiß­blauen Hahnenkamm stürmt ins Abteil. Fast blind springt er dahin, wo jene Paula ihre Beine hat. Gejohle setzt ein, und die Stimmung im Ab­teil ist wie an den anderen Tagen auch.

 


 

Tim Nathan Nerl
eins – eine mathematische Erzählung

Draußen war der Wind inzwischen zu einem Sturm gewor­den. Er zerrte an seinen Haaren, seinen Klei­dern, an ihm. Doch auch so war er bereits sofort nach dem Verlassen des "Vesuvo" von eben diesem vollständig getrennt, der Sturm riß jedwede von in­nen kommenden Geräusche mit sich weg.

   Als er am Stadtpark vorbeikam, hielt er kurz an. Bei aller Dunkelheit zeichnete sich dennoch ein ein­zelner großer Baum von der nächtlichen Schwärze ab. Schutzlos war er der Natur ausgeliefert, die ihm ihre ganze unsichtbare Kraft entgegenwarf und die ihn mit seinem mächtigen Stamm dennoch nur zu ei­nem leichten Schwanken bringen konnte, lediglich die wenigen jungen, noch dünnen und elastischen Äste am Rande wurden wie wild umhergepeitscht, blieben aber wiederum fest in einem dickeren Ast verankert, wür­den nach dem Sturm noch immer die­selbe Lage haben wie zuvor. Alles, nicht nur Luft drang auf den Baum ein, auch herumliegendes Pa­pier, Staub, sogar abgerissene Äste schleuderte ihm die Natur, Jagdtrophäen gleich, entgegen, doch ver­geblich: Der Baum wiegte sich in seinem ruhigen Takt, blieb, wo er war. Und selbst, wenn es dem Sturm einmal gelang, ihm einen kleineren Ast zu ent­reißen, so be­deutete es für den Baum keine Verän­derung, da es sich oh­nehin nur um einen toten, ab­gestorbenen Ast gehandelt hatte. Letztendlich aber gab es für ihn auch gar keine an­dere Wahl, entwe­der er blieb, wo er verwurzelt war und hingehörte, oder, wenn er diese Position nicht halten konnte und vom Sturm ausgerissen wurde, er starb. Seba­stian war wie gebannt; das ruhige Wiegen des Baumes ge­wann immer mehr nicht nur den Charakter von Stolz und Würde, sondern vor allem eine schier un­glaubliche Erha­benheit: Dieser Baum schien dem Sturm ewig trotzen zu können. Und kurz bevor Se­bastian sich wieder nach vorn zur Straße hin wende­te, um seinen Heimweg fortzusetzen, kam es ihm ei­nen Moment lang so vor, als würde nicht der Sturm den Baum bewegen, sondern der Baum die Luft, die er trotz ihrer Masse in seiner Erhabenheit und mit seinen noch jungen, elastischen Ästen wie mit Peit­schen zum Sturm trieb. 

  

Alexander Richter:
Wattepudelrollversuch

Gereimte Gemeinheiten und feine Gereimtheiten - der Autor Alexander Richter knüpft in seinem siebten Buch an die Traditionen der großen satirischen Dichter Morgenstern, Ringelnatz und Wilhelm Busch an. Anspruchsvolle Phantastereien gehen mit der skurrilen Wertung von Gegenwartserscheinungen einher -  alles in professioneller Versform und immer mit einem Augenzwinkern, aber nie ohne Schmun­zel- oder Lacheffekt.

Wattepudelrollversuch

Es standen zur Debatte:
ein Spitz, ein Dackel und ein Pudel aus Watte
Und mit kleinen weißen Stäben
 stand ein Forscher noch daneben
Ferner ab stand von der Gruppe
ein dicker Mops, der schlürfte Suppe

Erster Teil vom Protokoll:
Der Forscher dreht den Spitz zur Roll'
Er drehte ihn am weißen Stab
was jedoch nicht viel ergab
da der Spitz zwar rollend lachte
Doch die Rolle spitz und bübisch machte
Der Forscher schrieb in den Bericht:
erfunden Spitzes Bubengesicht

Im zweiten Teil vom Forschprojekt
wird der Dackel dann erschreckt
Forscher dreht auch den zum Bündel
wringt ihn später wie 'ne Windel
Doch was er damit bezweckt
steht ja nicht im Forschprojekt
Dennoch trägt er sauber ein:
erfunden heut' das Dackelbein

 Dritter Teil vom Tagebuch:
Wattepudelrollversuch
Drehen, wringen, Stab gestochen
strecken, staunen, Stab zerbrochen
Forscher stellt verdrießlich fest:
Watte großer Mist für Test.
Dann bekennt er unumwunden:
Diesmal leider nichts erfunden

Nächster Teil vom Protokoll:
Er weiß nicht, was er forschen soll
Forscher sucht verzweifelt wild
führt auch schließlich was im Schild
wählt sich jetzt als Forschobjekt
Mopsen, dem die Suppe schmeckt

Im Bericht als viertes steht:
Mopsen heut' zur Roll' gedreht
läßt sich drehen leicht und schlicht
- leider hält die Rolle nicht
Erst wenn's Stäbchen man verwendet
ist der Test mit Lob vollendet

Forscher ist nun mächtig stolz
Möpschen, Rolle, Stab aus Holz
Schreibt sich ein ins Protokoll:
erfunden nunmehr Mops als Roll'
Allerdings blieb unentdeckt
Der Name für dies Rollobjekt

  

Joachim Specht
Weltenbummler und Dessauer Erfolgsautor

CAPRICORN
 ABENTEUER UNTERM KREUZ DES SÜDENS

Die Sonne ist höher geklettert, und sein Arbeitsplatz flimmert grell unter ihren knallenden Strahlen. Harry greift zur Lötlampe, sie ist erloschen, er wird neu aufpumpen müssen. Doch jäh hält er inne, ein erstickter Schrei - er wagt keine Bewegung zu machen. Um die im Mittagslicht funkelnde Lötlampe windet sich ein dunkelglänzendes Band, dessen Ende schlapp über den Winkeleisenrahmen herabhängt und im Gestrüpp verschwindet. Der rötlich geschuppte Kopf der Schlange scheint auf den Jungen zuzugleiten, dabei verändert sich ihr armstarker Körper nicht einen Zoll breit. Flachgedrückt wie ein alter Gummischlauch, fast leblos, liegt der Wurm vor ihm, und dennoch läuft Harry ein Schauer über den Rücken, als sich der kleine Kopf leicht zurückzieht, am Halsansatz Falten bildet und die feine spitze Zunge aufgeregt zu flackern beginnt. Ich muß so stehenbleiben und darf mich nicht rühren, denkt der Junge. Er fühlt, wie ihn die Sonne langsam röstet, kleine Bäche salzigen Angstschweißes rinnen in die Augen, Ameisen und Käferchen kitzeln die Waden. Vor den Ohren und Nasenlöchern singen Mücken und Fliegen; sie sind eben ausgeschlüpft und stürzen sich gierig auf ihr hilfloses Opfer. Harry bewegt keinen Muskel, er steht wie angewurzelt, wie versteinert, er starrt gebannt auf das geschuppte, braunrot züngelnde Etwas, an dem wie Stecknadelköpfe zwei erbarmungslose schwarzmattierte Perlenaugen sitzen, die ihn scharf zu beobachten scheinen.
 

Joachim Specht:
Australian Cowboy
Sonnenaufgang. Mein Ziel war ein Hügel, der hinter kleineren Berg­ketten am Horizont rostrot erglänzte. Diesmal kam ich schneller vor­an. Die ganze Gegend war flach und mit niederem Buschwerk über­wachsen.
Ich mußte einen breiten Creek durchqueren. Auch hier kein Was­ser. Ausgetrocknet.
Die Mittagshitze trieb mich unter ein Gebüsch. Der zweite Le­bens­retter kam zwischen die Zähne, meine Gedanken konnte ich trotzdem nicht mehr konzentrieren.
Immer wieder sah ich Wasser. Fiebernd trank ich in tiefen Zü­gen. Dabei war das Luftschnappen gar nicht gut. Es trocknete die Kehle nur noch mehr aus.
Am Abend erreichte ich, zu Tode erschöpft, den Fuß des roten Ber­ges. Nicht ein Halm wuchs auf ihm. Glatter roter Fels.
Eisenerz?
Rechts lagen mehrere Hügel, während die linke Seite Flachland zeigte. Ich beschloß, links entlangzugehen.
Die dritte Nacht brach herein. Eine abgespaltene Steinplatte diente mir als Lager. Ich kroch hinauf und legte mich auf den Bauch. Mir war elend zumute. Ohne die Kaugummis wäre ich wahrscheinlich längst erstickt.
Wo waren die anderen vom Camp? Bestimmt hatten sie nicht nach mir gesucht. Bei dem Gedanken an ihre Schadenfreude heulte ich vor Wut und Schmerz. Von dieser Bande hatte ich nichts zu erwarten.
Kameraden? Nein. Einer war schlimmer als der andere.
Ein kräftiger Windstoß trieb mich hoch. Ich fror vor Durst und Fie­ber. Da entdeckte ich dicht über dem Horizont ganz eigen­tümliche Sterne. Sie flackerten in einem merkwürdig bunten Licht. Langsam schaltete mein ermattetes Gehirn. Feuer!
Irgendwer mußte dort campen. Ich rutschte wieder von meinem Fels­vorsprung herunter und torkelte los. Eine unheimliche Energie trieb mich vorwärts. Ich wollte nicht umkommen, nicht hier.
Kaum hatte ich mich in Bewegung gesetzt, stürzte ich hin. Ich rap­pelte mich wieder hoch, fiel erneut, kam nur noch kriechend weiter. Ein mühseliges Vorwärtskommen, das einige Stunden gedauert ha­ben mußte.
Endlich waren die Lichtpunkte nicht mehr so fern. Ich biß die Zähne zusammen, keuchte. Mein linker Fuß wurde zum Blei­klum­pen. Er schleifte hinter mir her wie die Eisenkugel eines Sträflings. Weiter, immer weiter. Bis es einfach nicht mehr ging.
Dabei waren die Lichter schon ganz nah. Deutlich sah ich das Flackern des Feuers. ich versuchte zu schreien, aber es gelang gerade ein hilfloses Gurgeln. Mit dem Knüppel schlug ich auf den Boden. Hörte mich den niemand?
Nein. Nochmals raffte ich mich auf, taumelte einige Schritte, stürzte wieder hin. Lag.
Vorbei, dachte ich. Vor meinen Augen verschwammen die Lichter zu Nebel. Ein feuriges Rad drehte sich am Himmel. Hatte ich die Au­gen offen oder geschlossen?

   

Kurt Müller:

Der Ochse im Schlepiener See
Neben Reiten und Fischen stand die Jagd in Ostpreußen auf einem der obersten Ränge bei den Freizeitbeschäfti­gungen. Es soll allerdings auch Wilddieberei gegeben haben, das wurde aber nicht so streng genommen wie etwa in Bayern oder Tirol. Man sah es und guckte weg, nach dem Motto nichts se­hen, nichts hören, nichts re­den... Letzteres war ei­ne beson­ders ausgeprägte Eigen­schaft bei den Menschen in dieser Landschaft !

Bubritzki aus Sayden hatte die Berechtigung zum Ja­gen, und er tat es gern. Nun braucht man aber dafür gute Au­gen, und die hatte Bubritzki zu seinem Leidwesen nicht mehr. Trotzdem konnte er es nicht lassen, immer wieder auf die Jagd zu gehen. Die Gefahr, aus Versehen auf einen Menschen zu schießen, bestand seiner Mei­nung nach nicht. Er trug eine starke Brille, die der Augenarzt in Lyck ihm ver­schrieben hatte. Nun war ein Arztbesuch immer mit Kosten verbunden, denn eine Krankenkasse hatten die Bauern nicht. So schob Bubritzki den Kauf neuer Brillen­gläser immer weiter auf, obwohl seine Sehkraft merklich nachließ. „Was ich sehen will, sehe ich noch alle mal!“, ar­gumentierte er.

Eines Tages packte ihn wieder das Jagdfieber, er sagte zu seiner Frau: "Ich hab mal wieder so richtig Appetit auf Hasenbraten. Weißt du was, ich gehe und schieße ei­nen."

In der Abenddämmerung ging er mit der Flinte über dem Rücken aus dem Haus. Er war in guter Stimmung und si­cher, daß ihm bald ein Hase vor die Büchse kommen würde. Aber als ob es sich unter den Hasen herumge­spro­chen hätte - 'Bubritzki ist unterwegs' -, kam ihm kei­ner vor die Flinte.

Das verdroß ihn derart, daß er sich sagte: 'Ohne einen Ha­sen gehst du nicht nach Hause, und wenn es Stunden dauert!'

Endlich sprang vor ihm ein Hase auf, aber der war so schnell in einem Busch verschwunden, daß er die Flinte erst gar nicht hoch hob.

Es sind also doch Hasen da, sagte er sich voller Hoff­nung auf eine erfolgreiche Jagd.

Unterdessen brach die Dunkelheit herein, schneller als Bu­britzki lieb war. Die Sonne war schon untergegangen, nur ein leichtes flammendes Rot erhellte noch fern den Ho­rizont; es wurde merklich kühler.

Bubritzki ging um einen Waldzipfel herum, der in das Feld hineinragte. Aus unerfindlichen Gründen hatte man die Bäume stehenlassen, sie behinderten unnötig die Feldarbeit. Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er im Feld einen Hasen erblickte, der ruhig dasaß und offenbar nur auf ihn ge­wartet hatte. Ruhig, ohne Hast, nahm er die Flinte hoch und schoß. Der Hase rührte sich nicht -! Verdutzt schoß Bubritzki noch einmal auf den Ha­sen, - wieder nichts an Bewegung. Ganz verwirrt ging er in die Richtung des Tieres. Als er nahe genug heran war, erkannte er, daß er statt eines Hasen den Pflug erlegen wollte, der im Feld stand. Jetzt konnte er sich auch den metallischen Klang er­klären, den er bei seinem zweiten Schuß gehört hatte.

Resigniert brach er seinen Jagdausflug ab; ich werde mir wohl doch eine stärkere Brille anschaffen müssen, dachte er.

Zu Hause schlachtete er ein Kaninchen: „Stallhase ist besser als gar nichts in der Pfanne", sagte er zu seiner Frau, „und entfernt verwandt sind sie schließlich auch.“

 
 

 Ralph  Jenders:
Die Ewigkeit des Augenblicks
Der Zug fuhr bedächtig an. Aus dem Abteilfenster sehend, konnte ich grasüberwachsene Gleise und verfallene Bahnhofsanlagen erkennen. Eine lange Reise stand mir bevor.
Ich suchte nach dem Buch, das ich mir für diese Fahrt eingesteckt hatte, als die Abteiltür geöffnet wurde und eine Frau hereintrat. Sie mochte etwa in meinem Alter gewesen sein. Freundlich grüßte sie und nahm Platz. 

Sie haben eine lange Fahrt vor sich? fragte sie mich und lächelte. Einige Stunden wird es wohl dauern, erwiderte ich. Sie nickte und sah aus dem Fenster. Draußen raste die Landschaft vorüber. Häuser, Straßen, Autos, Äcker, Wiesen, Wälder und Menschen. Dazu trommelten die Waggons einen monotonen Rhythmus auf die Gleise. Wie der Schlag des Herzens, dachte ich. 
Sie schaute zu mir herüber. Es hat etwas Beruhigendes und Beängstigendes zugleich, dieses Geräusch, sagte sie plötzlich und war dabei ganz ernst. Schrecklich der Gedanke, fuhr sie fort, daß, wenn wir angekommen sind, Stille sein wird. Eine tiefe Ruhe. Um uns herum werden sich Menschen drängen, es wird viel Lärm sein. In uns jedoch werden wir Ruhe haben, und wir werden wissen, daß wir am Ende unserer Reise sind. Diese Vorstellung allein macht mir Angst, und ich bekomme eine Gänse­haut. 
Zug fahren macht Ihnen Angst? fragte ich unsicher. Das ist es nicht, entgegnete sie, solange wir fahren, fühle ich mich sicher. Es ist die Ungewißheit. Die Frage nach dem Danach. Wissen Sie, ich glaube an Gott, aber es hilft mir nicht weiter. Das Ziel vor Augen, fahre ich Tag für Tag mit dem Zug und weiß doch nie, ob ich dort ankommen werde. Ich kaufe mir einen Fahrschein, bezahle dafür und eine Maschine druckt Anfang und Ende meiner Reise. Anfangs beruhigt es mich. Mit der Zeit kommen mir jedoch Zweifel. Alles scheint so einfach, so leicht, so klar. Sitze ich dann im Abteil, so wie ich jetzt Ihnen gegenüber sitze, beginne ich mich zu ängstigen. Verstehen Sie was ich meine? fragte sie hilfesuchend. Ich weiß nicht recht, entgegnete ich ihr, sie sollten es mir erklären. Sie schien abwesend in diesem Moment und blickte stumm zum Fenster hinaus.

Ich mußte eingeschlafen sein. Stunden schienen vergangen, als mich ein kräftiges Rucken weckte. Der Zug fuhr bedächtig an. Aus dem Abteilfenster sehend, konnte ich grasüberwachsene Gleise und verfallene Bahnhofsanlagen erkennen. Eine lange Reise stand mir bevor.

     

Alexander Richter:
Das bittersüße Leben vor dem Knast - Eine Stasi-Urlaubsgeschichte ohne Happyend

Etwa drei Stunden später beantwortete sich die Frage von selbst. Wir kehrten in die Wirklichkeit des Dreibuchstabenlandes zurück, was hieß, daß wir in einem Café in Bodenstedt Lottis nachträgliche Geburtstagsrunde abfeiern wollten. Meine Laune sackte beim Anblick der Warteformation voll auf den Nullpunkt. Ein Block von sieben oder acht Zweier- bis Dreiergliedern, die sich, wie sich innerhalb der nächsten Stunde herausstellte, im Zeitlupentempo auf den Eingang zu bewegten. Wie immer, wenn ich diese fürchterlichen Schlangen sah, die im Volksmund lakonisch „sozialistische Wartegemeinschaften“ genannt wurden, wünschte ich mich auf der Stelle an irgendeinen anderen Fleck dieser Erde. Einen Fleck, an dem man auf nichts warten mußte.

Nun gut, gegen Lottis Spendierordnung und Alberts Schlemmersucht wuchs nirgends ein Kraut. Nicht mal die Kellnerin des Cafés verfügte über ein solches. Egal, daß sie uns, rein formationsmäßig, trennte. Zum Zeitpunkt unseres Einlaß’ war nun mal kein Vierertisch verfügbar. Also wies die gewichtig strenge Dame Corinna samt Eltern drei Plätze an einem Vierertisch zu, während ich mich auf einen freien Platz bei drei anderen Leuten setzen durfte. Keine Frage, es wäre naheliegend gewesen, daß jene Einzelperson, die bei Corinna und ihren Eltern am Tisch saß, meinen Platz in der fremden Umgebung einnahm und ich dafür ihren; und es mangelte ja auch keineswegs an deren Bereitschaft, aber die Kellnerin sah es nicht so. „Das bringt meine ganze Ordnung durcheinander. Können Sie sich ja sonst mal hinstellen und kassieren!“ Und: „Unser Kuchen schmeckt an allen Plätzen!“ Letztere Äußerung traf freilich nur bedingt zu, so angegoren und matschig wie die Stachelbeertorte bis in ihr tiefstes Inneres war, hätte sie vermutlich auf keinem anderen Platz besser geschmeckt. Egal, ich paßte mich der Lage an und knüpfte, wie das im Rahmen der gastronomischen Verhältnisse des Dreibuchstabenlandes üblich war, schnell mit meinen Tischgefährten, einer vor zehn Minuten eben so grausam auseinandergerissenen Camping-Familie aus Oschatz, Kontakt, wobei sich alsbald herausstellte, daß wir einen gemeinsamen Bekannten hatten: Ex-Kommilitone Kessel, mit dem ich, bevor er wegen seines rapide nach unten führenden Leistungsgefälles nach den ersten drei Hauptprüfungen im zweiten Studienjahr geext worden war, so manches Bierchen in den Kneipen am Berliner Hackeschen Markt verkostet hatte. Die Welt war eben klein und jene des Dreibuchstabenlandes noch dazu sehr zentralistisch. Immerhin nahm unsere Unterhaltung eine derart angeregte Form an, daß ich zunächst gar nicht bemerkte, wie der vierte Platz an Corinnas Tisch frei wurde. Lottis Rufe wurden schließlich unüberhörbar, und so stellte ich schon mal mein leeres Geschirr zusammen und beauftragte die Oschatzer mit der Weiterleitung eines Grußes an besagten Kommilitonen. Leider umsonst, denn wiewohl das Oschatzer Trio meine Zuversicht mit leiser Skepsis kommentierte, schlug ich diese in den Wind und wurde erst durch das resolute Auftreten der Kellnerin auf den Boden der Tatsachen, was hieß auf meinen Platz bei den Oschatzern, zurückgeholt: „Wozu Sie jetzt wohl noch den Tisch wechseln müssen?! Hier kann sich nicht jeder einfach hinsetzen, wohin er will! Bißchen Ordnung darf ja wohl sein! Sonst können Sie sich ja mal hinstellen und...!“ Ich blieb also bei meinen drei Tischleuten und sah zu, wie an Corinnas Tisch der vierte Teil einer soeben eintretenden Familie Platz nahm. So war das nun mal, und die Oschatzer hatten ganz recht, wenn sie kaum hörbar kommentierten, daß es mit den Zusammenführungen in diesem Land nicht so einfach sei, auf mancherlei Ebene. Einen Kontext meinerseits verkniff ich mir allerdings: Mit wem man da wirklich an einem Tisch war, einem zivil gekleideten Offizier jedweder Gattung oder einem potentiellen oder gar praktizierenden Dissidenten, das war keinem Menschen ins Gesicht geschrieben.
 Unter anderem rezensiert in: FAZ


Joachim Specht:
Knalltrauma
Erfindung und Verderben der SM 70 Selbstschussanlagen
Erzählung nach Tatsachen, 180 Seiten, 14,90 Euro, erschienen in 2005
Als Oswald Pfannstiel aus der Narkose erwachte, hatte er tausend Fragen. Die Ärzte hatten seine Wunden versorgt, jetzt lag er in einem Einzelzimmer. Nur langsam kehrte er in die Gegenwart zurück, versuchte sich zu erinnern. Wie hatte der Unfall passieren können? Es würde nicht lange dauern und die ersten Frager saßen an seinem Bett. Und so, wie er seine Kollegen aus dem Betrieb kannte, würde jeder versuchen, eine Mitschuld abzustreiten. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich das abgespielt, eine fürchterliche Detonation ... Wie in Trunkenheit war er zum Telefon gestolpert und hatte um Hilfe gerufen. Die beiden Männer, die vor ihm gelaufen waren, die gab es nicht mehr. Schindler war verschwunden, und Flurmanns Körper fehlten die Beine, ein blutiger Torso ... Dann hatte sich die Tür des SMH-Wagens geschlossen. Das Gebäude 20108 würde Oswald nicht mehr vergessen.
Die Zimmertür öffnete sich. Tilo. Der Junge bewegte seine Lippen, stellte Fragen. Komisch, dachte Oswald, er hörte nichts. Der Junge setzte sich auf die Bettkante, wollte vermutlich wissen, wie es ihm ging. Oswald griff sich an die Ohren, versuchte, laut zu antworten. Eine Schwester kam ins Zimmer. Sie legte den Finger an die Lippen und reichte ihm einen Schreibblock. Oswald entzifferte: KNALLTRAUMA. Bitte nicht schreien. Im Laufe der Zeit hebt sich der Hörverlust auf.

Pfannstiel schloss die Augen, schüttelte den Kopf. In seinem Hirn war nur dumpfes Rauschen. Wie aus weiter Ferne glaubte er Tilo fragen zu hören. Natürlich wollte der Junge wissen, was denn passiert sei. Aber solange der Betriebsdirektor keine Auskunftserlaubnis einräumte, musste Oswald schweigen. Es hatte eben einen Knall gegeben, eine kräftige Explosion, das kam in jeder Munitionsfabrik mal vor, es würde nie hundertprozentig zu verhindern sein. Er schlug die Augen auf. „Bringt mir mal was zu trinken mit, ich verdurste bei dieser Hitze. Vielleicht kann ich morgen wieder hören. Über alles andere sprechen wir später. Grüß mir die Karin, sie soll sich keine Sorgen machen. Bis auf die paar Kratzer bin ich in Ordnung. Und wenn euch jemand fragt – alles halb so schlimm, komme nächste Woche raus, klar?“
“Klar“, erwiderte Tilo und glaubte, von seinem Vater verstanden worden zu sein.



Tetxprobe:
Die Geheimnisse von Kapen" - Joachim Specht, Alexander Richter, Gerhard Pix

Ein Vorwort von Joachim Specht

„Keine Auskunft“, waren die stereotypen Worte gewesen, mit denen mir am 11. März 1991 der Zweite Geschäfts­führer der damals zuständigen Firma in seinem Büro im Beisein seines Rechtsanwalts die Sinnlosigkeit aller weiteren Fragen zum Thema Kapen zu verstehen gab. Ich verließ daraufhin die verschwiegene Stätte, fasste aber dennoch den Vorsatz, bei der Aufklärung der Undurchsichtigkeiten um die einstige Heeresmunitionsanstalt und das spätere VEB Chemiewerk Kapen nicht locker zu lassen. Ich befragte Leute, machte interessante „Spaziergänge“ und sammelte Fotos. Dabei stieß ich auf Informationen, die nicht nur mein Wissen zufriedenstellten, sondern fand Personen, die buchstäblich darauf brannten, ihre Erinnerungen an das Kapener Werk loszuwerden.

So konnte ich schon wenig später im „Dessauer Kalender“, einer Jahreszeitschrift des hiesigen Stadtarchivs, einen Beitrag veröffentlichen, der mittlerweile von Militärhistorikern eingesehen wird. Ich selbst schlage dort immer noch nach, weil die Präzision des Textes einen raschen Überblick ermöglicht.

Mit meinem im gleichen Milieu angesiedelten Roman „Knalltrauma“, für den ich in Sachsen-Anhalt keinen Verleger fand, schaffte ich dann den Durchbruch. Ganz offensichtlich war die Angst vor der einstmals allgewaltig scheinenden Staatssicherheit einer großen Neugierde gewichen. Außer Einladungen zu Literaturveranstaltungen erhielt ich von freundlichen Zeitgenossen weiteres verwertbares Material. Aus einer Vielzahl von Informationen gelang es mir, nach umfangreichen Auswertungen eine ausführliche Dokumentation zusammenzustellen, die ich in meinem Hausverlag unter dem Titel „Die Erblast von Kapen“ veröffentlichte. Das Buch erreichte schnell eine zweite Auflage – ein nicht eben alltäglicher Erfolg in der heutigen Bücherwelt.

Mit dem vorliegenden dritten Band zum Thema Heeresmunitionsanstalt/Chemiewerk Kapen werden nun weitere Zusammenhänge und Details zur einstigen Heeresmunitionsanstalt und zum VEB Chemiewerk offengelegt. Ich weiß von vielen Lesern, dass sie zu gern einmal wissen möchten, wie es denn in der „Giftküche“ und der „Waffenschmiede“ im Oranienbaumer Forst, über die so viel gemunkelt wurde, in Wirklichkeit aussah. Während der DDR-Zeit wagte man nicht laut über das geheimnisumwobene Objekt hinter Betonmauern und Stacheldraht zu sprechen. Und auch ich war kurz nach dem Fall der Mauer der einzige Reporter, der die Übergabe der russischen Garnison an das Deutsche Bundesvermögensamt mitverfolgte. Auch damals ging es noch geheimnisvoll zu. Dies ist bis heute unverändert.

Die Zufahrtswege sind nun sämtlich mit Betonsperren verstellt, gelegentlich trifft man auf einen Wachposten. Der Zutritt ist – nicht nur wegen kontaminierten Erdbodens – nicht erlaubt.

Bei einer meiner Lesungen traf ich auf Gerhard Pix. Der junge Mann hatte eine stattliche Sammlung von Fotos vorzuweisen, die bisher niemand kannte. Und er hat – genau wie ich – Informationen über Kapen gesammelt. Seine Fotos stellen einen wichtigen Grundstock für das vorliegende Buch dar. Das gleiche gilt für die Textbeiträge, mit denen der Schriftsteller Alexander Richter diesem Buch auch eine inhaltliche Struktur und die äußere Fassung gegeben hat.

Mit diesem dritten Band über „Die Geheimnisse von Kapen“ wird nun vieles transparent, was man vorher vielleicht nicht mal ahnen konnte. Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser daher eine spannende Unterhaltung. 
Joachim Specht
Dessau, April 2009

 
Textprobe:
Unsere gemeinsamen Leiden im Frühjahr

Anfang April setzten bei mir ziemlich abrupt wieder diese Beschwerden ein. Müdigkeit, Kopfschmerzen, schlechte Stimmung und all so was. Als ob ich - wenn auch unerhört früh und ohne jede sonstige körperliche Vorwarnung - vor dem Einsetzen der Wechseljahre stünde. Ich hatte über diese Symptome eine Fernsehsendung gesehen und ging nun kurz entschlossen zum Hausarzt. Aber der schüttelte während der halbminütigen Konsultation den Kopf und verhinderte durch eine eindeutige Geste, dass ich mein Hemd aufknöpfte, um mich abhören zu lassen. „In Ihrem Alter ist das unwahrscheinlich.“ Und ehe ich überhaupt nachrechnen konnte, wie alt ich inzwischen war, hielt ich bereits seine frisch gewaschene Hand in der meinen. „Wie­dersehn.“ Ganz kurz nur zögerte er. „Ich kann mit Ihnen natürlich auch einen Voll­check machen. Müssten Sie aber einen Sonderschein von Ihrer Kasse bringen. Oder Sie zahlen privat.“

Ich lächelte unverbindlich und erhob mich. Während der Viertelstunde, die ich dann an der Annahme zusah, wie die Arzthelferin meine Daten von der Kassenkarte auf ihren Computer übertrug, überschlug ich sorgfältig meine Monatsbeiträge aus den letzten fünf Jahren. Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich statt der regelmäßigen Beitragsabbuchungen sicherlich zwei neue Luxusautos und ein oder zwei Einfamilienhäuser hätte abzahlen können. Wo ich die Krankenkasse ja kaum in Anspruch nehme. Aber wir Versicherten sind eine Solidargemeinschaft, und deshalb unterstütze ich gern die Kureinrichtungen und Taxifahrer, die mit den Krankenkassen und Arztpraxen bewährt gut zusammenarbeiten. Bekanntlich geht es denen längst nicht mehr so hervorragend wie in den legendären goldenen Zeiten.

Natürlich hat ein bedeutender Mensch wie ich selbst Ärzte und Wissenschaftler in seinem Freundeskreis. Die sind mir denn auch so innig verbunden, die würden mich, sollte ich mir das wünschen, jeden Tag umsonst untersuchen. Nicht im Halbminutentakt, sondern mit Vollcheck. Und das natürlich gratis. Nur, jeden Tag, das wünschte ich nicht. Vor allem war mir immer daran gelegen, das Private vom Gesundheitlichen zu trennen. Etwa nach der Devise: Bier ist hier und Arzt ist dort.

Und doch wollte ich eine Erklärung für meinen Zustand.

Ich wandte mich zunächst an einen der beiden Dentisten, mit denen ich einmal pro Woche in die schwäbische Kaltsauna gehe. Sein Name ist Leo, und das passt gut zu seinem kräftigen Gebiss. Leo maß meine Gehirn- und Nackenströme und klopfte die Beißerchen gründlich ab. „Keine Überelektrizität im Feinnervbereich, keine Leichengiftverseuchung oder auffällige Amalganaggressivitäten und auch keine Abnormitäten bei der Speichelverflüssigung.“ Er drückte einen Knopf am gefürchteten Zahnarztstuhl, und langsam kehrte ich aus dem Kopfstand in die normale Sitzhaltung zurück. „Geh doch mal zu Tilo.“

Ich erschrak ein bisschen. Mit Tilo und noch zwei anderen, einem Schwachsalzwasserichthyologen und einer Linkshandbratschistin, habe ich mich zu einem SC zusammengeschlossen. Kein Sport-, sondern ein ShopperClub. Einmal pro Woche treffen wir uns im Stadtzentrum zum Bummeln und Einkaufen. Klamotten, Haushaltsgegenstände, Kitsch, Krempel und Kunst – all so was. Oder wir sitzen im Café und wälzen gemeinsam Versandhauskataloge. Das ist echt cool oder, um es modisch auszudrücken, heftig beziehungsweise heftig. Normal treffen wir uns mittwochs. Es sei denn, Tilo muss außerplanmäßig zu einer Entbindung. Dann disponieren wir entweder auf den langen Donnerstag, oder wir hängen die versäumte Zeit am folgenden Mittwoch dran.

Tilo ist, man kann es erraten, Gynäkologe. Einer der besten seines Fachs, was verschiedene exzentrische Anwandlungen beim Shop­pen oder dem dazugehörenden Teenehmen entschuldigt. Er kauft nur schwarze Klamotten, wahrscheinlich weil er sich damit rein äußerlich von seinem Gedokter am besten abgrenzen kann. Und der Tee muss bei ihm genau drei Minuten und dreiunddreißig Sekunden gezogen haben.

Überhaupt, diese Korrektheit. Tilo nimmt ja in der Sprechstunde nicht mal einen guten Freund außer der Reihe dran. Muss alles seine Ordnung haben. Erst mal an die Annahme und die affige Befragung der Dateikraft über sich ergehen lassen. In voller Lautstärke, versteht sich: „Wievielter Monat? Wann die letzte Regel gehabt? Wie lange die Pille genommen? Pilze oder Schuppenflechte? Starke Hämorrhoidenbeschwerden?“

Bisschen heiß wird einem da schon. Und da passt’s noch wunderbar, wenn einen die Tipp-und Ex-Tusse von ihrem Computer aus blöde anglotzt und fragt: „Haben Sie diese Hitzewallungen etwa öfter?“ Im Wartezimmer werden sie jedenfalls gleich aufmerksam. Da starren einen diese dickbäuchigen Muttis in spe ebenso an wie die frisch entbundenen, die sich einen Gummiring unter den Hintern quetschen, weil sie noch nicht so richtig sitzen können. Kenn ich, weiß ich alles. War ja selbst mehrfach als Entbindungsbeistand im Einsatz.

Bei Tilo muss man da einfach durch. Man sitzt und hört mit gedrosseltem Atem den Gesprächen über üble Blasensprünge, Schwangerschaftsspezialstützschlüpfer mit bauchseitiger Korsettverstärkung und rapide gewachsene Oberweiten zu.

Alles wegen Tilo.

Der behandelt einen dann in der Sprechstunde noch nicht mal als Freund. Man ist medizinisches Objekt, Patient. „Ausziehen, hinlegen, Mund auf ... Achtung, nicht erschrecken, kaltes Gelee für Ultraschall aufm Bauch ... Seit wann haben Sie diese Beschwerden?“

Ehrlich gesagt, ich bereute mein Kommen, wenngleich ich beschloss, gleich nachher in der Kirche eine teure Kerze anzuzünden, um dem hochgeschätzten Herrgott zu danken, dass er mich nun nicht noch als Frau zwischen diese hemmungslosen Mitbürger gesteckt hatte.

„Ja“, sagte Tilo, als ich schließlich wieder angezogen vor ihm saß, „die Sache bei dir ist wahrscheinlich eine andere.“

Das war schon mal recht vielversprechend, zumal er mich nun doch endlich als treuen Mitshopper identifiziert hatte und du sagte. Er reichte mir einen Kamm, denn mein dichtes, feuerrotes Kraushaar reizt ihn seit eh. „Ja, die Sache ist die-. Äh, du hast dein Hemd schief zugeknöpft.“

Ich unterwarf mich abermals seinem Korrektheitswahn, richtete die Hemdmittelleiste entsprechend den geltenden Normen aus und nahm gerade Sitzhaltung ein.

„Hormone sind in Ordnung. Für dein Alter sogar erstaunlich gut. Zyklus und das stimmt auch. Ziemlich genau übrigens. Für mich gibt’s eigentlich nur eine Erklärung. Für mich bist du ein Opfer der Sommerzeit. Du hast Schwierigkeiten mit der Umstellung der Uhr. Das ist dein Problem.“

Wenn mir die Sache nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich erwidert, dass ich höchstens zehn Minuten brauchte, um den kleinen Zeiger der Uhr um eine Ziffer voranzubringen. Also verschonte ich Tilo lieber mit diesem dünn-dämlichen Spaß. Ich ging in mich und aus der Praxis. Und in Gedanken durchquerte ich die Monate März und April der letzten sechs Jahrzehnte und fand heraus: Tilo hatte Recht.

Es gibt Leute, die mit ihren Problemen gut leben können, wenn sie über dieselben präzise informiert sind. Und es gibt welche, die nur mit ihren Problemen klar kommen, wenn sie nichts davon wissen. Diesbezüglich bin ich ein Mulatte. Man nehme folgendes Beispiel: Ich wäre Millionär, aber ich wüsste nicht, wie ich mein Geld unter die Leute bringen kann. Himmel, ich würde daran kaputtgehen.

Das Gegenteil: Ich wäre ein armer Teufel mit drei Cent in der Hosentasche, und ich wüsste, dass ich für die paar Kröten nicht mal eine Büchse billigsten Bieres kriege. Auch das wäre hart, aber ertragbar.

Doch ich will nicht philosophieren. Zum Glück war ich gesund und litt lediglich unter dem Umstellungsproblem jener staatlicherseits verordneten Sommerzeit.

Das heißt, das Problem betraf nicht nur mich. Es gehörte offenbar zur Erbmasse, denn die Kinder litten nicht minder unter der Umstellung der Uhrzeit. Die waren stocksauer. „Was soll diese Scheiße? Welcher Trottel hat sich das denn wieder ausgedacht?“ Ein typischer Montagmorgen im frühen April.

Nachdem die letzte Frage verhallt war und die wütend geworfenen Latschen nur die Türblätter getroffen hatten, konnte ich die Zimmer wieder betreten. Ich tischte die Ausrede auf, die ich für alle schwierigen Fragen bereit halte: „Der Bundeskanzler hat das zu verantworten. Kein anderer.“

Damit war ich aber längst nicht aus dem Schneider. „Warum wählst du so eine Nachtjacke?“, hieß es mürrisch. „Wähl den ja nicht noch mal.“

Ich blieb gelassen, obschon kleinlaut. Und ich versuchte nachzurechnen, wie oft die Kanzler seit Einführung der Sommerzeit nun schon gewechselt hatten. Doch das war ohnehin müßig.

„Der Gesundheitsminister müsste sich dafür einsetzen, dass dieser Quatsch für Kinder nicht gilt. Eine Art erweitertes Jugendschutzgesetz muss eingeführt werden. Und zwar sofort.“

„Wieso Kinder?“, fragte ich etwas hämisch. „Kinder gehen abends nicht in die Disko, veranstalten keine Partys, verbrauchen keine fünzig Euro Taschengeld pro Woche, meiden Zigaretten und Alkohol und übernachten nicht ohne Erlaubnis bei Leuten, die ihre Eltern nicht kennen. Außerdem verursachen sie keine dreistelligen Telefonrechnungen, lassen nicht sechs Mal pro Woche den Pizza-Service antanzen und üben freiwillig Klavier, Tuba oder Fagott.“

Statt einer Rechtfertigung kam eine Gegenfrage: „Wem nützt die vorgestellte Stunde überhaupt?“

Was sollte unsereiner darauf anbringen? Vielleicht jenes fadenscheinige Argument von der ursprünglich geplanten und dann noch nicht eingetretenen Energieeinsparung?

Nein, das akzeptierten sie nicht. „Wenn es zu keiner Einsparung kommt, kann man doch die normale Zeit lassen.“

Weil ich nicht antwortete, schlussfolgerten sie: „Also liegt’s doch am Kanzler. Wahrscheinlich merkt der noch nicht mal was von der Umstellung. Bei dem kommt ja morgens keiner ans Bett und nervt: ‚Aufstehhhhhn. Schule geht gleich lohhhs.‘“

Immerhin, derartige Debatten haben auch einen positiven Aspekt, den man nun wirklich nicht unterschätzen darf. Diskussionsfreude und Aufgebrachtheit wirken muntermachend. Es dauerte nicht lange, dann fand sich die Mannschaft in der Küche ein. Frühstück. Die Themen, wenn auch nicht die Stimmung, wechselten.

„Wer hat meine Sportseite?“

„Wer schmiert denn hier so dick Butter auf mein Brot?“

„Wer hat diesen Kack-Sender im Radio eingestellt?“

„Warum ist meine Schultasche noch nicht gepackt?“

Und: „Au Backe, hab ja vergessen, meine Mathe-Hausaufgaben zu machen! Muss ich noch bei irgendwem abschreiben.“

Als dann endlich alle aus dem Haus waren, setzte ich mich sofort an meinen Computer. Es war diesmal keine wissenschaftliche Arbeit, die ich verfasste, auch kein literarischer Bestseller. Nein, ich schrieb eine Protestnote in Sachen Sommerzeit. Gerichtet war sie an den Bundeskanzler. Und egal, dass ich eigentlich keine Hoffnungen hegte, er würde sich für die Abschaffung der Zeitumstellung einsetzen, wollte ich doch wenigstens herausbekommen, ob er wirklich mitgekriegt hatte, dass seit ein paar Tagen die Uhren im Lande wieder einmal anders gingen. 

Aus: Alexander Richter - Blue Tambourin - Unglaublich ehrliche Geschichten erschienen 2004, 210 Seiten, 11,90 €