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literatur GEGEN Gewalt und Extremismus


Die nachfolgende kostenlose
Fortsetzungsreihe erfolgt aus dem Roman

SEIN ERSTES BUCH
von Alexander Richter-Kariger

erschienen 2011 im
firstminute Taschenbuchverlag
540 Seiten
© alle Rechte beim Verlag



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IV. TEIL

T O N Y A    001


Folge 44 vom 13. Mai 2020    

Tonyas Gleichmäßigkeit war beeindruckend. Und zugleich aufreizend.
   Wir würden uns doch niemals wiedersehen. Auch wir nicht. Machte ihr das nichts aus?
   Mir schon. Weil ich es unvorstellbar fand, jemanden, den man sehr mag, ziehen lassen zu müssen. Für immer. In eine ewig währende Unerreichbarkeit.
   Ich fragte sie nicht, ob sie darunter leide. In mir drehte sich sowieso so manches. In meinem Kopf, in meinen Gefühlen. Ich hätte, als ich in der Kapsel saß, um zur Erde zurückzukehren, einfach wieder herausspringen und mich vor den Monitor setzen mögen. Und immerzu schreien: „Papa, ich möchte dich noch einmal umarmen!“
   Und Tonya hätte ich auch gern umarmt. Ganz fest, und dabei hätte ich flüstern oder schreien mögen: „Bitte gib diese innig herzliche Umarmung an Ernesto weiter. An Papa. Und wenn es eben zehn Jahre dauert, ehe du ihn triffst. Oder hundert. Oder tausend.“
   Aber sie saß so unnahbar neben mir. Trotzdem ganz nah. Ich konnte ihre Aura eratmen. Und die wirkte auf mich wie vordem diese Stabilisatoren. Erzieherisch, beruhigend. Immerhin auch hilfreich.
   Sie begleitete mich den gesamten Weg, den wir gekommen waren, nun zurück.
   Sie behandelte mich freundlich wie zuvor, sie beantwortete meine Fragen, und sie sparte das Thema, das eigentlich für sie wichtig gewesen wäre, aus. Es sei denn, ich selbst schnitt es an, indem ich fragte: „Werdet ihr eine Art Ersatz für mich suchen? Für mich und Tineke? Werdet ihr ihn finden?“
   Sie verneinte. Sie sagte ernst: „Es gibt keinen Ersatz. Du weißt es. Die Besiedlung des neuen Planeten startet mit wenigen Menschen. Du hast die Besatzung des Raumkreuzers gesehen. Es sind nicht viele, die hinzukommen. Ob wir personell jemanden für dich hinzunehmen, wird vielleicht noch entschieden. Vielleicht mit ja. Du musst es nicht wissen.“
   Doch, ich hätte es schon gern gewusst. Sehr gern. Vieles hätte ich gern noch erfahren.
   Vieles, das mir nur als Mitreisendem zuteil geworden wäre. Etwa was aus jenem unterirdischen Raumfahrtbahnhof werden sollte. Als ich Tonya danach fragte, waren wir schon zurückgekehrt auf die Erde. Wir befanden uns noch Tausende Kilometer nordöstlich vom Ural. In eben diesem Raumfahrtbahnhof. „Werdet ihr dieses Objekt sprengen oder womöglich fluten?“
   Sie verneinte abermals. „Dieses Objekt wird komplett übergeben. Eine Raumfahrtbehörde aus Übersee hat Interesse gezeigt. Wir werden in den nächsten Wochen alle Daten löschen, alle Anlagen demontieren und die Infrastruktur neutralisieren. Das meiste werden die Computer erledigen. Sie sind einfach gründlich. Und sie werden, wenn sie diese Arbeit erledigt haben, sich selbst neutralisieren. Das Objekt wird bei der Übergabe steril sein. In allen Belangen und in allen Dimensionen. Es wird dann nicht den geringsten Hinweis auf unser Projekt oder auf Spuren unserer Arbeit geben. Auf Spuren von uns. Die Nachfolgebehörde wird ein eigenes Raumfahrtprogramm auflegen. Die neuen Nutzer werden auf dem Stand arbeiten, der allgemein als gegeben gilt. Erdumkreisungen und Mondflüge. Der Professor hat geschmunzelt, als er es hörte. Woran wir gearbeitet haben, auf welchem Niveau, und wohin wir gestartet sind, was wir in die Tat umsetzen, das wird nicht mal jemand ahnen. Zum Glück, denn jene Leute, die sich Forscher und Wissenschaftler nennen, müssten verzweifeln. Vermutlich wird kein Team auf dieses Niveau kommen. Nicht in tausend Jahren.“
   Ich trug jetzt wieder die Kleidung, in der ich Tinekes Wohnung verlassen hatte. Es verursachte mir ein seltsames Gefühl. Es verursachte Unwohlsein. Dieser leichte Raumanzug hatte vordem völlig für mich gereicht. In allen Situationen. Ich hatte weder gefroren noch geschwitzt. Ich hatte mich nicht eingeengt oder verloren gefühlt. Ich fragte Tonya, ob ich den Anzug nicht behalten könne. Zur Erinnerung oder zum Anziehen in Stunden der Sehnsucht und des Alleinseins.
   Sie verstand den Wunsch nicht. „Du hättest mit uns kommen und immer diesen Anzug tragen können. Er ist verschleißresistent. Er reinigt sich selbst. Während du ihn trägst. Er verhindert deine eigene Verunreinigung.“ Doch sie nahm den Wunsch ernst, sie bediente kurz die Tastatur und gab ihn als Frage weiter. Es war in der künstlichen Sprache. Ich war überrascht, weil ich alles, das sie sagte, verstand. Die Antwort verstand ich ebenfalls: Ja, ich durfte diesen Anzug behalten, es würde sich freilich kein Hinweis auf seine Herkunft mehr daran befinden. Steril, auch bezüglich seiner Herkunft, so sollte er sein.
   „Und die Sprache?“, fragte ich. „Ich habe eure neue Sprache immer noch im Kopf.“
   Tonya sah mich verständnislos an. „Dachtest du wirklich, wir verabreichen dir eine Gehirnwäsche? So wie in den Fantasy-Filmen, die du gesehen hast.“ Sie war ernst geblieben. „Du wirst die Sprache mit der Zeit vergessen. Es ist ja niemand da, mit dem du sie sprechen könntest. Und es wird sich niemand finden, der sie von dir lernen will.“  
   Ich überlegte, wer in Frage käme. Ich stieß auf Jonathan. Er war gutmütig, und wenn ihn etwas interessierte, fragte er nicht nach finanziellen Vorteilen und nicht nach dem Aufwand. Ich würde sie ihm beibringen und sie mit ihm sprechen können. Vielleicht. Sie sah mich irgendwie komisch an, als ich über Jonathan sprach. Ausweichend, verwirrt. Dann lachte sie auf einmal. „Wer weiß, ob Jonathan auf Dauer bei euch bleibt.“ Es klang aufgesetzt. Ich maß ihrem Verhalten keine Bedeutung bei. Ich sagte: „Du kannst ja doch herzhaft lachen. Endlich.“ Und: „Meinem Vater wird es guttun, wenn mal hin und wieder jemand in seiner Umgebung lacht.“ Sie sah trotz des Lachens noch immer verwirrt aus. Ich erklärte: „Ich bin froh, dass Ernesto dich gefunden hat und du bei ihm bleiben willst. Das heißt, erst musst du ihn ja erreichen.“  
„Ja“, erwiderte sie. Mehr nicht.  
„Ich werde oft an euch denken. Auch wenn du schon weit weg bist. Bei ihm. Wenn ihr zusammen seid.“ Mir wurde schwindelig. Meine Knie, sie schienen einknicken zu wollen. Ich gestand: „Eigentlich kann ich es nicht fassen.“   
   „Was?“, fragte sie.   
   „Alles, was ich erlebt habe. Oder nichts. Wie man’s halt ausdrückt.“ Ich fühlte, wie Tränen in mir aufstiegen. Und ich meinte, in ihren Augen auch welche zu sehen. Ja, wirklich, Tränen. Sie liefen auf einmal über ihre Wangen. In Bächen. 
   „Tonya“, staunte ich. Doch sie straffte sich. Sie lächelte. Über sich selbst. Wieder gekünstelt, aufgesetzt. „Darf mir eigentlich nicht passieren. Wo ich von Ebene Drei direkt auf Ebene Eins befördert werden soll. Und noch weiter.“ Ich hatte ein Taschentuch in meiner Hose. Es war zerknautscht und hatte ein paar Flecken. „Nimm’s mal“, bat ich. „Behalt’s mal. Eine Erinnerung. Auch für meinen Vater.“   
Sie griff danach, sie betrachtete es mit Scheu. „Unsere Kleidung hat keine Taschen und unsere Konstitution erfordert so etwas nicht. Ich lege es aber her und nehme es später mit. Es muss von den Computern gecheckt und steril gemacht werden.“ Ihre Miene war wieder ernst. „Wir haben so viele Erinnerungen an dich, Erasmus. Dein Vater hat mir vorher schon vieles erzählt.“ Vielleicht hätte sie noch etwas Sentimentales sagen wollen. Vielleicht: „Du und Tineke, er und ich, wir vier wären ein super Team geworden. In der neuen, schönen Welt.“    Die Mahnung, dass wir zum Flugzeug müssten, kam nun dazwischen. Dunkel erinnerte ich mich an den Flug über den Ural. Die Luftlöcher. Dies stand mir, uns nun abermals bevor.
    War es richtig, dass ich dachte: uns?  

„Der Computer hat deine Uhr bereits eingestellt. Dein Handy ist auch aktualisiert. Du solltest nachher die Mitteilungen durchsehen. Bestimmt hat jemand versucht, dich zu erreichen.“ Wir standen in der Schleuse des Flughafens. Beide hatten wir den Flug gut überstanden. Auch die Turbulenzen im Bereich des Ural-Gebirges. „Du bekommst einen Wagen mit verdunkelten Scheiben. Ich werde nicht weiter mitfahren. Das ist so festgelegt. Der Fahrer bringt dich allein in die Hauptstadt, in die Nähe von Tinekes Wohnung. Tineke wird gerade von der Arbeit zurückgekommen sein, wenn du an der Haustür klingelst. Du brauchst also nicht zu warten.“ Tonya sah ganz entspannt aus. „Übrigens findest du im Auto einen Blumenstrauß. Außerdem Pralinen. Und eine neue Sonnenbrille. Sehr damenhaft, sehr passend zu Tinekes Gesicht. Du hast alles gekauft. Sagst du ihr. Der Strauß ist übrigens in eueren Farben dekoriert. Rot, weiß und blau.“
   Ich nahm ihre Worte nicht auf. Nicht wirklich.
   „Bist du nicht auch irgendwie traurig?“, fragte ich. „Es ist unser Abschied, auf immer.“
   Sie schwieg. Sie blieb reglos. Sie umarmte mich. Nun doch. So fest und innig, wie ich es gewünscht hatte.
   Noch während sie mich losließ, spürte ich unter meinen Füßen eine Bewegung. Ein Laufband zog mich aus der Schleuse. Ich schaute nach unten, und ich schaute nach hinten, und als ich nach vorn schaute, befand ich mich bereits einen Meter von der Stelle entfernt, an der sie und ich gestanden hatten. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich noch ihr Gesicht, ihre Gestalt. Dann schob sich ein Wandsegment zwischen uns. Es ging so schnell, ich konnte nichts sagen, auch sie nicht.
   Es war gut so. 

Folge 45 vom 14. Mai 2020  

Die Sonne tauchte die Häuserfassade mit ihren flach einfallenden Strahlen in ein mildes Licht. Das Laub der Straßenbäume war inzwischen rötlich gelb. Ein paar Tauben gurrten so aufgeregt, als würden meine Schritte ihr Abendgeflatter stören. Auf der Straße überholte mich jetzt die Limousine, die mich soeben an der vorletzten Kreuzung abgesetzt hatte. Die Scheiben im Fond waren nicht mehr verdunkelt, der Fahrer wirkte wie jeder andere Autofahrer in dieser Stadt auch.
   Ich wankte wie benommen über den Bürgersteig. Es waren geschlängelte Linien, in denen ich mich fortbewegte. Unwirklichkeit umgab mich, Unwirklichkeit war in mir. Ich erreichte die Haustür, ich stand dort und starrte wie durch einen dichten Nebelschleier auf das Schild mit Tinekes Namen. Ich brachte es nicht fertig, die Hand zu heben und den Knopf zu drücken. Erst als sich der Summer auch ohne mein Klingelzeichen meldete, stellte ich den Fuß gegen das Türblatt. Welch eine Kraft es mich kostete, um diesen schmalen Spalt zu öffnen, durch den ich in den Flur gelangen konnte. Welche Zeit es brauchte, um diese ein, zwei Schritte zu tun und dann das Geräusch zu hören, das das zurückschnappende Türschloss verursachte. Klack. Ich war drin, die Tür war zu. Vor mir die Treppe. Soundsoviele Stufen. Ich stand aber immer noch. Wie lange? Weiß nicht. Lange.
   „Hallo, warum kommst du nicht hoch? Hab doch durchs Fenster gesehen, dass du’s bist. Hab doch gewartet wie nur was.“ Tinekes Stimme sickerte für mich gerade noch hörbar durch das Treppenauge. Ich setzte Fuß vor Fuß, ich erklomm Stufe für Stufe. Als ich den Treppenabsatz vor ihrer Wohnungstür erreicht hatte, kam ich irgendwie nicht weiter. Egal, dass ich sie in der Türöffnung stehen und mich erwartungsvoll anschauen sah. Die Frau, die ich liebte.
   „Tineke“, flüsterte ich. „Bin wieder hier. Endlich.“
   Sie erschrak. Ihre Augen weiteten sich, der Mund öffnete sich mit seinen hübschen roten Lippen. „Himmels Willen.“ Schon im selben Moment stürzte sie auf mich zu. Sie unterlief mit ihrer rechten Schulter meine linke Achsel und zog, trug und schob mich über die Schwelle. Durch den Flur. In ihr Zimmer. Ich drückte ihr den riesigen Blumenstrauß und die Päckchen mit den Geschenken in die Hände. Dann saß ich in dem wunderschönen Sessel in ihrem Zimmer, musste, durfte, konnte die Beine hochlegen.
   „Hast du getrunken?“, fragte sie fast fassungslos. „Oder gekokst?“
   Ich schüttelte schwach den Kopf. „Erschöpfung“, erwiderte ich kläglich. „Bin total erledigt. Bin am Ende.“
   Sie starrte mich an. Entsetzt, erschrocken. „Ich verstehe dich nicht, Erasmus. Eben, als du vor der Tür standest und geredet hast, habe ich dich schon nicht verstanden. Es ist, als würdest du eine fremde Sprache sprechen. Was Afrikanisches. Oder Burmesisch. Kittakombolatinisch. Irgendwas, das hier keiner versteht. Ist das überhaupt eine Sprache?“
   Ich verdrehte die Augen. Welch ein Fauxpas, ich redete in Ernestos Neu-Sprache. Als wäre sie mir angeboren. War sie mir vielleicht angeboren? Gen-Übertragung? Ich musste nachdenken. Was hieß noch mal Erschöpfung?
   „Soll ich dir einen Kaffee kochen? Einen ganz starken. Löslichen. Pulverkaffee. Es geht ganz fix. In der Küche ist noch heißes Wasser.“
   Sie sauste schon los. Meine Gedanken schalteten jetzt um. Diese Wörter, Kaffee, Küche, heißes Wasser, es gab sie in der anderen Sprache nicht. Papa, umarmen, innig, herzlich. Und Erschöpfung. War denn irgendwann im Raumkreuzer so etwas wie Erschöpfung erwähnt worden? Es gab auch keinen Geruch von frischem Kaffee. Hatte es überhaupt einen Geruch gegeben in dem Raumkreuzer? „Steril, es muss von den Computern steril gemacht werden.“
   War es das?
   Wie das roch. Frischer Kaffee. Leben, Belebung. Ach, Tineke.   „Haben sie dir dort nicht mal eine Tasse Kaffee angeboten?“ Das klang besorgt, hilfsträchtig. Entsetzt. Taten- und rachedurstig. Mütterlich. Tineke, die Löwenmutti.
   Ich trank schnell, um keine Antwort geben zu müssen. Zu schnell trank ich und verbrannte mir die Zunge. Ich schimpfte. Es war wieder in der anderen Sprache.
   „Mensch, Mensch.“ Tineke zitterte. Sie hatte Tränen in den Augen. Schon wieder Tränen. „Ich würde dir ja was zur Beruhigung verabreichen. Oder zur Stärkung. Eine Tablette. Oder Tropfen. Aber so auf Verdacht, das geht nicht. Ich muss erst wissen, was los ist. Was sie dort, wo du warst, mit dir gemacht haben.“ Sie pustete in meine Kaffeetasse, damit sich der Inhalt abkühlte. „Vielleicht ist Kaffee aber tatsächlich besser.“
   Ich fasste die Tasse, zog sie nahe an mein Gesicht. Ich atmete tief den Duft ein. „Kaffee“, sagte ich andächtig. Es war nun wieder in unserer Sprache. Meiner, Tinekes. Ich kam mir vor wie Freitag, der von seinem Heilsbringer Robinson Crusoe allerlei neue Begriffe lernt.
   Danach nippte ich am Rand der Tasse. Ich schloss die Augen und ließ das Aroma tief in mich hineinströmen. Ich genoss es.
   „Das Beste wird sein, du schläfst.“ Obwohl ich die Augen geschlossen hatte, wusste ich, wie dicht sie an mich herangekommen war. An mein Gesicht, meinen Mund. „Ich nehme dir jetzt die Tasse aus der Hand und helfe dir aus deinen Sachen. Ist das OK?“
   Ich nickte schwach. Ich war so sehr froh, wieder zu Hause zu sein. Bei ihr.
   Sie zog mein Shirt über den Kopf, die Wäsche. Ich ließ es geschehen, streckte Arme und Beine vor, damit es leichter ging. Ihre Hände betasteten vorsichtig die Haut meiner Armbeugen, ich sah bei einem letzten Zwinkern, dass ihr Blick meinen Rücken absuchte. Als ich unter der Bettdecke lag, hörte ich sie sagen: „Ich wollte nur sicher gehen, dass du nicht irgendwo Einstiche oder frische Wundnarben hast. Blutentnahme, Drogen. Oder ob sie dich zur Organspende missbraucht haben. Ich kenne so einen Fall aus einem Film.“
   Ich schüttelte kraftlos den Kopf.
   Ich schlief.

Folge 46 vom 15. Mai 2020  

„Ich hab noch nie so wunderschöne Blumen bekommen. Vor allem, dass sie in unseren Lieblingsfarben dekoriert sind, das ist der absolute Knüller.“ Ich hörte ihre Stimme, sie klang ganz erfüllt. Ich hatte die Augen kurz geöffnet, schloss sie wieder, öffnete sie nun endgültig. Ich war auch jetzt benommen, umgeben von Unwirklichkeit. Nein, nicht ganz. Tineke, sie war wirklich. „Ich brauche dich“, sagte ich.
   Sie kniete neben dem Bett. Sie atmete tief. Es verursachte einen leichten Luftzug auf meinem Gesicht. „Möchtest du ein Frühstück?“, fragte sie. „Im Bett? Ich war beim Bäcker Brötchen holen. Knusprige Dinger.“
   Nein, ich wollte nicht im Bett frühstücken. Ich wollte sowieso auch nicht im Bett sein.
   „Wie spät ist es?“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Es ist noch nicht spät. Halb neun.“
   „Und welcher Tag?“
   „Wie, du weißt nicht, welcher Tag ist?“ Wie entsetzt sie aussah. „Samstag. Und du bist vorgestern zurückgekommen. Genau nach jenen vier Wochen, die du vorausgesagt hast. Und du hast fast anderthalb Tage geschlafen. Alle Achtung.“
   Ich schloss die Augen, nun doch noch mal. Ich sah den Monitor mit dem Gesicht meines Vaters. Papa. Und Tonya und Lurtz. Der Planet. Die neue Sprache. Ich erschrak. Ich starrte Tineke an. „Kannst du mich jetzt wieder verstehen? Die Sprache.“
   Sie nickte fest. „Was war los, wo hast du dieses Kauderwelsch aufgeschnappt?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Man könnte denken, du warst bei einem Stamm am Amazonas und nicht in der Rhön.“
   Ich verstand sie nicht. „Rhön?“
   Sie seufzte. „Wenn man schon diese fürchterliche Geheimniskrämerei betreibt, dann sollte man es richtig tun. Professionell. Jetzt habe ich also die Geschenke ausgepackt. Du hattest sie mir gegeben. Und naturgemäß habe ich vor Neugier gebrannt. Die leckeren Pralinen. Die Blumen sowieso. Ich war wirklich hin und weg. Aber dieser seltsame Zweiteiler, auf den ich zuletzt gestoßen bin. Mintfarbener Anzug, ohne Taschen, ohne Knopf und Reißverschluss. Sogar ohne Gummizug. Auch keine Hosenträger. Dieser komische synthetische Stoff, wo ich nicht gedacht habe, dass es so was gibt. Da klebte dieser Zettel drin: Besucher-Kleidungsstück der Rhön-Klinik Kantemus zur kühlen Ruhe in Bad … Um welchen Bade- oder Kurort es sich handelt, konnte ich nicht feststellen, das letzte Stück vom Zettel war abgerissen.“
   Ich musste lauthals lachen. So laut, dass es mich schüttelte. Als würde ich frieren.
   Tineke sah mich stumm an. Und stumpf. Ein bisschen Vorwurf. „Ich hab im Internet gesurft. Es gibt keine Klinik, die Kantemus heißt. Zur kühlen Ruhe, das schon gar nicht. Nicht in der Rhön und nicht im ganzen Land. Wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht.“ Sie seufzte besorgt. „OK, Erasmus, wir hatten vereinbart, dass du mir nicht sagen musst, wo du diese vier Wochen verbringst. Dann soll es halt dabei bleiben.“
   „Und die Sonnenbrille?“
   „Welche Sonnenbrille? Ach so, die.“ Sie erblühte sofort. „Die Sonnenbrille, die ist so was von super. Sie sitzt, als hätte man sie nach Maß für mich angefertigt. Wackelt nicht, rutscht nicht, ist nicht zu spüren. Und wie ich damit sehen kann, nicht zu glauben. Die Gläser passen sich an. Ans Licht und anscheinend sogar auf alle Entfernungen und auf alle angepeilten Objekte. Ich musste vorhin nicht mal zwinkern, als ich beim Bäcker war. Ich konnte die Zeitungs-Überschriften am Kiosk schon von weitem lesen. Sagenhaft. Es ist so ganz anders als der Zweiteiler.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Also, über den Zweiteiler komme ich nicht hinweg. Wie konntest du dieses Teil auftreiben? Doch wohl nicht in der Rhön.“
   Ich lachte abermals. Nicht mehr so heftig. Und ich sagte: „Der Zweiteiler war kein Geschenk für dich. Er lag einfach nur zwischen den anderen Sachen. Ich wollte ihn selbst behalten. Für mich. Als Erinnerung. Gelegentlich möchte ich ihn aber auch tragen.“ Ich atmete tief durch. „Wenn ich mich einigermaßen gesammelt habe, versuche ich, dir alles zu erzählen. Wo ich war, wen ich getroffen habe. Vielleicht kannst du begreifen, wie überrascht ich selbst von allem gewesen bin. Obwohl ich nicht weiß, ob es was bringt.“
   „Ob es was bringt? Du gehst also von vornherein davon aus, dass ich dir nicht glauben werde. Schlecht. Vielleicht solltest du es lieber aufschreiben. Und ich lese es.“
   „Und wirst du es dann glauben? Schwarz auf weiß.“
   „Wenn du sagst, dass es wahr ist. Ja.“
   „Und wenn ich von einer ganz unglaublichen Reise und noch unglaublicheren Begebenheiten schreibe? Von meinem Vater und von anderen Leuten?“
   Sie starrte mich an. Sie sah genervt aus. „Tu’s doch einfach. Ja? Und wenn nachher rauskommt, dass du doch nicht bei deinem Vater in irgendeiner Klinik warst, sondern dass du selbst in der ominösen Irrenanstalt Kantemus, die es allerdings gar nicht gibt, behandelt beziehungsweise nottherapiert wurdest und dabei deine kühle Ruhe gefunden hast, was immer das sein mag, dann werde ich das akzeptieren. Dann ist das deine Wahrheit. Eine Wahrheit. Und meine. So geschafft und verwirrt wie du zurückgekommen bist, ist es auf jeden Fall heftig gewesen.“
   „Vielleicht war ich in gar keiner Irrenanstalt und man hat mir den Zettel einfach in den Anzug gelegt? Rein geschmuggelt. Aus Gründen der Geheimhaltung, der Sicherheit. Zur Ablenkung vom wahren Sachverhalt.“
   „Dann bliebe immer noch der Anzug als solcher. Und ich will wirklich nicht gemein sein, mein Lieber, aber solch ein Kleidungsstück aufzutreiben, da hätte ich für meinen Teil schon mal Mühe. Da müssten dann schon richtig spezielle Sicherheitsleute am Werk gewesen sein. Nicht nur irgendwelche harmlosen kühlen Rhön-Ruhe-Polizisten. Und das Ganze letztlich nur, um so ein unbedeutendes Kind wie mich in die Irre zu führen?“ Sie kicherte plötzlich. „Schön, dass dein Humor nicht erloschen ist. Jerominus!“  

Ich fand die Idee nicht übel. Aufschreiben. Alles. Für mich. Ob ich es Tineke nachher zu lesen geben würde, musste ich jetzt noch nicht entscheiden. Eher nicht, das war abzusehen. Es würde in der berühmten Schublade, genau genommen in einem Unterordner auf meinem Laptop, landen. Zumindest fiel mir das Schreiben mit diesem Beschluss leichter.

Folge 47 vom 16. Mai 2020  

„Ich muss dir was gestehen“, sagte Tineke. „Ich habe mich für heute und morgen zum Dienst angemeldet. Nachmittagsschicht im Klinikum. Ich habe in der Zeit, in der du weg warst, auch an den Wochenenden gearbeitet. Nun haben sie mich in der Klinik auch für dieses Wochenende eingetragen. Das heißt, ich habe nicht widersprochen, als sie mich fragten, ob ich komme. Ich war mir irgendwie nicht sicher, dass du tatsächlich nach diesen angekündigten vier Wochen wieder da bist. Ich wollte nicht allein in der Wohnung sitzen. Und allein an die Küste wollte ich schon mal gar nicht fahren. Zu unserer Familie. Ich krieg dafür demnächst ganz viele Tage zusätzlich frei. Einen Teil davon werde ich für meine theoretischen Studien verwenden, den anderen verbringen wir als Pflicht-Urlaub an der Küste. Bist du einverstanden oder bist du sauer, weil ich mich so reinknie und weil ich gleich wieder arbeiten muss?“
   Wir saßen beim Frühstück, das eher ein Spätstück war. Es ging auf den Mittag zu.
   Nein, ich war nicht sauer. Vielleicht war es gut, dass sie nachher arbeiten ging. Ich fühlte mich mittlerweile besser, ich würde, wenn sie fort war, mit dem Schreiben beginnen. Es brodelte in mir. Die Bilder des Ausfluges wanderten als überdimensionale Gebilde von einer Hirnhälfte in die andere. Es war, als würden sie mit riesigen Füßen in mich hineintreten.
   Neben meinem Gedeck lagen Tinekes Geschenke. „Ich hab auch was für dich. Habe vor ein paar Tagen mein erstes neues Gehalt und dann noch eine ansehnliche Nachzahlung von der vorigen Stelle gekriegt.“ Sie strahlte gewaltig.
   „Ich weiß. Und du warst gleich einkaufen.“ Die Bemerkung rutschte mir einfach so raus.
   Sie sah mich erstaunt an. Das Erstaunen wandelte sich schnell in Empörung. „Nichts weißt du. Es sei denn, du hast in dieser Kantemus-Anstalt nebenbei einen Hellseher-Kurs absolviert. Dann wirst du ja auch wissen, was sich in den drei Päckchen befindet.“
   Ich dachte an Tinekes Telefongespräch mit Edward Erster. „Rotes Oberhemd, weißes T-Shirt und Blue Jeans.“ Ich musste meine gesamte Beherrschung aufbieten, um es nicht zu sagen. Red, white and blue. Vor allem, um noch überrascht auszusehen. Um mich zu freuen.
   Nein, als ich die Sachen sah, freute ich mich in der Tat. Sie hatte an mich gedacht, mit Liebe. Ich lenkte es in die scherzhafte Bahn. „Jetzt bist du mir endgültig auf die Schliche gekommen. Kantemus, das ist tatsächlich der Name eines Hellseher-Instituts. Leider haben sie dort keine Internetseite.“  
   „Ach. Hatte ich das nicht sowieso vermutet? Und das Kauderwelsch, das du gesprochen hast, heißt Kante-Musisch. Oder? Also, wenn es sich wirklich als geheime Sprache herausstellt, möchte ich sie auch unbedingt lernen. Zusammen mit dem Hellsehen. Am besten auch im Vier-Wochen-Crash-Kurs. Was muss ich dafür tun?“ 
   „Voraussetzung ist ein mintfarbener Anzug. Ein Zweiteiler. Ohne Taschen, ohne Knöpfe, ohne Reißverschluss, ohne Hosenträger. In den steigst du rein, und dann musst du dich damit vier Wochen versteckt halten. In der Rhön. Niemand darf dich sehen oder anrufen. Schon bist du drauf. Du kannst dieses Kante-Musisch sprechen, und das mit dem Hellsehen klappt auch mit der Zeit. Klar, die ersten Male geht es meist daneben, weil sich der Anzug an dich gewöhnen muss. Aber es gibt sich.“
   „Soll ich mal raten, wo es die Anzüge gibt?“  
   Ich setzte eine skeptische Miene auf.   
„Auch in der Rhön, oder?“Ich lachte laut. „Volltreffer. Leider ist die Rhön denn doch nicht so klein, als dass man den Anzug auf Anhieb im erstbesten Second hand findet. Genau genommen hat man nur alle zehn Jahre die Chance. Und zwar für vier Wochen.“   
    „Schade, ich hätte das gut für die Arbeit brauchen können. Mit diesem Hellsehen im Kantemus-Verfahren wäre es im Krankenhaus erheblich einfacher, Diagnosen zu erstellen.“ Sie seufzte. „Kann ich nicht deinen Anzug haben? Nur mal für heute.“      
   Ich zuckte die Achseln. „Warum nicht. Aber es wird nicht funktionieren. Mit der Sprache, mit den sicheren Diagnosen.“  
  „Schade. Dann probier jetzt wenigstens die Sachen an.“
  Ich zögerte. Hemd, Hose, T-Shirt. Red, white and blue.     
  „Was ist? Gefallen sie dir etwa nicht?“  

Nach dem Mittag brachte ich sie zur U-Bahn. Ich hatte das Bedürfnis, auf der Straße zu sein. Unter den Menschen, zu denen ich gehörte. Wie wacklig und durchgedreht ich auch war.
   Ich trug die neuen Sachen. Sie sahen gut aus, sie gefielen mir. Aber sie waren ungewohnt. Immer noch. Wegen des mintfarbenen Anzugs. Wegen der Leichtigkeit, mit der er sich hatte tragen lassen. Es kam mir vor, als bewege ich mich ungelenk, fremd. Als stoße ich dauernd irgendwo an. Ich sagte mir, es sei nicht wegen der neuen Sachen so. Eingewöhnen, rückgewöhnen, darauf kam es jetzt an.
   Tineke dagegen hüpfte neben mir. Sie sah glücklich aus. „Die Sachen stehen dir prima. Ich habe genau das Richtige für dich gefunden.“ Sie hatte sich in meinen rechten Arm gehakt. Es gab einen seltsamen Kontrast zwischen ihrer Leichtigkeit und meinen stolprigen Schritten. Ich meinte, sie würde es nicht bemerken. Doch als wir uns am Treppenschacht vor der U-Bahn-Station trennten, empfahl sie: „Geh mal jetzt nicht gleich nach Hause, geh mal lieber bisschen bummeln. Schaufenster, Kneipen, Kaufhäuser. Wenn du die Stadtluft schnupperst, verfliegt auch dein Kantemus-Trauma. Du läufst nämlich rum wie Falschgeld.“ Ehe ich fragen konnte, wie denn Falschgeld rumlaufe, umarmte sie mich heftig. „Pass auf, dass die Sachen sauber bleiben!“, mahnte sie. „Ich zieh nämlich heute Abend noch mal mit dir los. Mein Geld ist längst nicht alle.“ Und schon stürmte sie die Stufen hinunter. Bevor sie im Schacht verschwand, drehte sie sich um und winkte mir zu. Sie strahlte.
   Ihre Laune steckte mich zusehends an. Ich ging jetzt etwas sicherer, und ich nahm die Umgebung deutlicher wahr. Ich fühlte diese Benommenheit nicht mehr so stark. Ich lebte wieder, hier. Allerdings ging ich nicht bummeln, sondern zurück in die Wohnung. Erst mal.
   Passenderweise klingelte das Telefon. Ich stand gerade im Flur. Während ich nach dem Hörer griff, dachte ich an meinen Vater und an Tonya. Einer von beiden würde sich gleich melden. Eine. Interstellar oder schon intergalaktisch. Prompt würden wir uns in der künstlichen Sprache unterhalten. Kante-Musisch.
   Nicht doch. Es war Edward. „Wie geht’s dir, mein Junge?“
   Na gut, dachte ich, du wolltest ohnehin mit ihm sprechen. Du wolltest Geld von ihm. Kohle. Ich sagte es ihm, bevor er mir all diese Fragen stellen würde, die unumgänglich schienen. Ich sagte ihm, ich brauchte das Geld so was von dringend, dass es regelrecht pressiere. In einer halben Stunde. Es stünden dringende Einkäufe an. Ein neuer Laptop, eigentlich ein Notebook, neue Klamotten, mal schön mit Tineke ausgehen. Und Verlobungsringe. „Hast du nicht die Möglichkeit, einen Boten zu schicken? Zweitausend Piepen.“

Folge 48 vom 17. Mai 2020  

Er staunte, stotterte beinahe. Fiel in ein gedankliches Luftloch. Wie ich über dem Ural. Vergleichsweise. „Zweitausend hast du doch in deinem ganzen bisherigen Leben noch nicht bei mir geschnorrt. Aber immerhin, verloben, das ist gut.“
   „Naja“, krähte ich, „Geld schnorren, das hole ich jetzt nach. Ich will schreiben, da musst du mich dann sowieso finanziell unterstützen. Auf unbefristete Zeit. Aber nicht mit Almosen, sondern wie’s einem guten Schriftsteller zusteht. Üppig.“
   Er stöhnte wieder. Wieder wie ich über dem Ural. „Hattest du nicht die ganzen Monate über schon geschrieben?“ Und er fasste sich. „Willst du mir nicht erst mal erzählen, wie es gelaufen ist? Hattest du Kontakt zu Ernesto? Was macht er? Ist er wirklich –?“
   „Bitte, Edward! Bitte, lass mir Zeit. Dieser Ausflug, der hinter mir liegt, das ist genau das Thema, über das ich nun schreibe. Ich werde auf diese Weise hoffentlich besser mit den Erlebnissen fertig. Und mit den Ergebnissen. Und ich kann es vielleicht irgendwie erklären. Mir. Und Tineke. Wenn sie mir dann nicht glaubt, OK, dann bleibt’s halt. Es ist eben der Versuch.“
   „Und ich?“, maulte er. „Werde ich es auch lesen dürfen?“  
   „Na gut“, entschied ich zögernd. „Du darfst es auch lesen. Du hast ein Recht darauf. Aber bitte, stellt mir keine Fragen. Du nicht und nicht Tineke. Jetzt nicht. Und nachher.“  

Edward Ersters Bank hatte dort eine große Filiale, wo sie die meisten anderen Banken auch hatten. Die noblen Banken. Und die noblen Anwälte und Makler. Ein Viertel, das einem Ghetto ähnelte. Weil ich erst nach dem richtigen Prachtbau, danach nach dem richtigen Eingang und zuletzt nach der richtigen geheimen Klingel suchen musste, wurden zwangsläufig zwei Security-Leute auf mich aufmerksam. Sie näherten sich mir mit beabsichtigter Auffälligkeit und flüsterten bei drohend vermutenden Blicken geheime Sätze in Mikrofone, die unter ihren Jacken steckten. Mich ansprechen oder mich nach meinen Papieren fragen durften sie nicht. Da hätten sie nämlich die amtliche Polizei rufen müssen.   
   Na gut, es summte schon, bevor sie sich herangeschleppt hatten. Ich durchlief zwei Flure, die durch klobige Glasschiebetüren abgetrennt waren. Die Türen öffneten sich bei meinem Erscheinen mit einem leicht nervenden Schleifgeräusch und schlossen sich, nachdem ich sie durchschritten hatte, auf dieselbe Weise. Über den Durchgängen befanden sich auffällig platzierte Kameras. Ich lächelte kurz in die Objektive und traf anschließend auf einen Typen mit Glatze und vergoldeten Eckzähnen. Er bemühte sich nicht minder auffällig als die Securities um mich. Allerdings auf die gegenteilige Art. Freundlich und unterwürfig. „Das ist hier ein bisschen wie auf einem Raumkreuzer“, behauptete er mit Blick auf die Monster von Schiebetürflügeln. „Man merkt quasi nicht, wie man durchgeschleust wird.“    Ich lachte, und er fühlte sich geschmeichelt. Ich dachte, was weißt du armes Hänschen schon von Raumkreuzern und geräuschlosen Schleusen? Und ich glaube, es war in der Sprache meines Vaters, in der ich das dachte. Die Sprache, von der Tineke und ich inzwischen herausbekommen hatten, dass sie vermutlich Kante-Musisch hieß.
   „Ich bin froh, dass Sie auch außerhalb der offiziellen Schalterzeiten für mich da sind“, bedankte ich mich freundlich-unverbindlich. „Ich brauche ziemlich dringend –.“
   Er fiel mir ins Wort. „Ich weiß schon. Fünftausend. Herr Dr. Erster hat vorhin angerufen. Na, da sind wir gern zu Diensten. Es gibt kaum jemanden, auf den wir uns mehr verlassen können. Wenn jemand kein Risiko für unser Unternehmen ist, dann Herr Dr. Erster. Und wir freuen uns, auch mal einen Nachfahren dieses hervorragenden Geschäftsmannes kennen zu lernen. Sie werden ja ganz sicher alle seine Projekte fortsetzen. Und Sie werden sicher auch so manches neue Projekt ins Leben rufen wollen. Gern sind wir bereit, auch für Sie in fester Verbindung in Aktion zu treten. Kapital- und Vermögensverwaltung, Invest-Beratungen, Immobilien, Kredit-An­gelegenheiten. Alles eben.“
   „Mal sehen“, deutete ich großzügig an und stopfte die Scheine in die Brusttasche meines roten Hemdes. „Im Moment läuft alles ziemlich gut. Kredite brauche ich nicht, und mein Vermögen verwaltet unser Senior mit. Bei Ihnen, wie ich also feststelle.“  

Einen Juwelier suchte ich mir ohne Edward Ersters Empfehlung aus. Es war ein Laden, der nicht direkt im obernobelsten Straßenzug lag, immerhin noch in einem noblen. In einer Seitenstraße. Juweliere mögen Diskretion. Wirklich? Ich hatte es in einer Zeitung gelesen. Wegen der eigenen Sicherheit. Und auch der Sicherheit der Kunden, und weil es dieser und jener Kunde beim Kauf von Schmuck lieber verschwiegen hat.
   „Es geht um Ringe!“, sagte ich leicht schüchtern, weil ich bislang mit Schmuckkäufen und Juwelieren so gut wie nichts zu tun gehabt hatte. Trotzdem, mit der dicken Marie in der Brusttasche und dem Ring, den ich vor etwa einer Stunde aus Tinekes Schatulle gemopst hatte, fühlte ich mich den selbst auferlegten jüngsten Pflichten und Bedürfnissen gewachsen. Egal, dass ich zunächst von oben bis unten kritisch gemustert wurde. Womöglich war ich jemand, der sich den Laden, wenn auch nicht sofort, gelegentlich vornehmen wollte. Krach-bum, her mit den Klunkern und dem Kleingeld; oder es gibt was auf die Rübe.
   Ich konkretisierte den Grund meines Kommens: „Genau genommen geht es um zwei Ringe. Einen für mich, einen für meine Freundin. Gold oder Platin. Und der Ring für meine Freundin sollte auf jeden Fall einen Brillanten haben. Nichts Gewöhnliches demnach. Nichts Billiges.“
   Und da mich der Juwelier skeptisch ansah, holte ich das Bündel Geldscheine aus der Hemdtasche. Barzahlung.
   Dies zum einen, zum anderen legte ich Tinekes Ring auf die Ladentheke. „Diese Größe soll der Ring für meine Freundin haben.“
   Sagte man Größe? Oder besser Weite? Oder Durchmesser?
   Es klappte schon. Der Juwelier legte mir eine Platte mit diversen Ringpaaren vor, und ich entschied mich ohne wesentliche Umstände für zwei wunderbare Exemplare. Einen davon mit Brilli und unauffälliger Musterung.  

Folge 49 vom 18. Mai 2020  

Aber eben: Tinekes Ringweite stimmte nicht. „Der ist deutlich größer als Ihr Muster.“ Der Juwelier sah mich zugleich hoffnungslos und sehr traurig an. Und als ich ihm sagte, ich hätte mal davon gehört, dass man Ringe mit ungemäßer Passform durchaus auch auf die richtige Weite bringen könne, seufzte er zutiefst, und es gesellte sich als dritte Komponente Mitleid in seinen Blick. Da wäre ich wahrlich keinem Gerücht aufgesessen, versicherte er mir. Ändern könne man Ringe schon, prinzipiell gar kein Problem. Nur nicht zu Zeiten wie diesen, an einem Samstagnachmittag.
   „Es soll doch aber eine Überraschung sein!“ Ich überlegte, ob ich dem Juwelier vielleicht mehrere hundert Euro zusätzlich anbieten sollte. Nein, besser nicht. Die Wahrheit war das bessere Argument. Meine Gefühle für Tineke, sie waren die Wahrheit. „Ich bin gerade erst von einer beeindruckenden Reise zurückgekommen. Und nun möchte ich mich verloben. Es würde meiner Freundin viel bedeuten. Und mir sowieso.“
   Ich sah, dass er wankte. Womöglich erwartete er, dass ich weiter auf ihn einredete, bis ich mich endlich in diversen Widersprüchen oder Übertreibungen verlor. Dann würde ihm die Ablehnung leichter fallen.
   Ich tat und sagte nichts, ich wartete, ich sah ihn an. Da seufzte er erneut, tiefer als vorher. Und er gab sich geschlagen. „Ausnahmsweise. In drei Stunden können Sie noch mal kommen. Bis dahin müsste der Ring fertig sein.“
   Ich erstrahlte spontan, denn ich sah für den Moment Tinekes Gesicht. „Jerominus, ich bin sprachlos.“ Ich erfühlte im Voraus ihre Umarmung. „Verlobt. Da kannst du ja jetzt sogar legal in meiner Wohnung übernachten.“
   Der Juwelier sah mich jedenfalls versonnen an. Er lächelte ein bisschen. Es mochte für ihn die Bestätigung sein, dass ich nicht gelogen hatte.
   Ich eilte weiter. Ich kaufte einen Laptop. Nein, Laptops hießen mittlerweile Notebooks. Das Notebook war mit diversen Extras ausgestattet. Die gönnte ich mir einfach. Und es war zum Mitnehmen. Rein in die Tasche, auspacken zu Hause.
   Ohne Anpassungserfordernisse wie bei einem Verlobungsring. Ohne Gefühlsoffenbarungen. So was war in den großen Kaufhäusern nicht üblich.
   Danach eilte ich heim. Ich packte das Arbeitsgerät aus, warf die sperrigen Verpackungen in den Flur und installierte, programmierte und datete up, dass es fast eine Freude war. Schließlich hatte ich den Ordner, den ich Tonya-001 nannte, für meine Story angelegt und das erste Textdokument geöffnet. Ich begann zu schreiben. Wirklich? 

Ich tat mich schwer. Immer wieder fing ich von vorn an, immer wieder löschte ich die zwölf oder zwanzig Zeilen, die vor mir als Einleitungsentwurf auf dem Bildschirm hin und her wanderten. Ich schimpfte, sprang auf, lief durch den Flur, setzte mich, begann erneut.
   Wo hatte die ungewöhnliche Reise angefangen? Lange schon, bevor ich mich über dem Ural oder in der halb unterirdischen Basisstation befand. Mit dem Blinden, mit Lurtz.
   War Lurtz denn wirklich blind? Hatte er nicht, je weiter er sich von der Erde entfernte, Sinnesmöglichkeiten entwickelt, die seine Blindheit ideal kompensierten und die wir als Erdmenschen gar nicht kannten?
   Ach, Lurtz.
   Ich schloss die Augen, ich sah mich noch einmal am Bahnhof stehen, um mich herum das katastrophenhafte Gerangel. Menschen, Geschiebe, Lautsprecherdurchsagen, Gemecker, Empörung, Wut. Und plötzlich die Berührung am rechten Ellenbogen. „Ein fürchterliches Chaos ist das.“ Der Gang zur schwarzen Limousine. Es fühlte sich wie ein Traum an.
   Ich nahm es gar nicht richtig wahr, dass ich plötzlich über die Situation in und um den Bahnhof schrieb. Farbig, kraftvoll, trotzdem nuanciert. Es rutschte einfach so dahin. Einfach so heraus. Schon saß ich mit Lurtz im Fond des großen Wagens, schon unterhielten wir uns. Und ehe ich es überhaupt realisierte, hatte ich die ersten Seiten des Berichts niedergeschrieben. Die Gespräche, die Eindrücke. Wie von selbst war es gekommen. Als Eingebung. Von draußen oder aus mir heraus? Von draußen doch wohl. Wirklich? Ich warf einen Blick zum Fenster, ich schaute hinauf in den Himmel und sagte: „Danke. Das hat jetzt echt geholfen.“ Tatsächlich glaubte ich fest daran, dass mir Tonya oder Ernesto oder auch Lurtz diese Eingebung geschenkt hatte. Egal wie. Von dort oben, aus der Ferne unseres sicher getarnten Raumkreuzers, der sich alsbald auf intergalaktischen Kurs begeben würde.
   Aber im selben Moment klingelte auch die Uhr, die ich mir im Computer eingestellt hatte. Zeitlimit. Drei Stunden waren rum, ich musste unbedingt zurück in die City. Die Ringe, die Verlobung. „Tineke, du wirst staunen“, prophezeite ich und vergluckste ein Lachen. Und: „Tineke, ich bin glücklich.“
   Und ich war glücklich. Ich sah glücklich aus, als ich durch die Straßen sauste, keine Frage. So glücklich, auf dass mich der Juwelier sehr freundlich anlächelte und mir, nachdem ich bezahlt und die Ringe eingesteckt hatte, eine lange Fortdauer des Glücks mit meiner Verlobten wünschte. Ja, er schenkte mir sogar ein Fläschchen, schön verpackt, das so lustig gluckerte. Er sagte: „Dann soll das frohe Ereignis wohl heute noch stattfinden.“ Und: „Ich bin jetzt selbst froh, dass ich den Ring für Ihre künftige Verlobte entgegen sonstigen Gepflogenheiten oder Grundsätzen noch rasch passend gemacht habe. Glück färbt ab. Es ist der beste Baustein, den man sich im Leben wünschen kann. Egal, wenn der andere, der finanzielle Baustein derzeit etwas wackelt. Heute gehe ich jedenfalls beschwingter als sonst nach Hause.“
   Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und fragte ihn, wie und wo und wann ich Tineke den Ring am günstigsten überreichte. Was ich sagen sollte, ob überhaupt etwas. Er wusste es nicht. „Ganz so viele Verlobungen hat es in meinem Leben nicht gegeben. Eigentlich keine. Meine Frau, mit der ich immer noch zusammen bin, wollte gleich geheiratet werden.“ Er kratzte sich leicht verlegen. „Um bei der Wahrheit zu bleiben. Sie musste geheiratet werden. Unsere Tochter könnte es bestätigen. Und dabei stehen wir kurz vor der Silbernen.“  

Folge 50 vom 19. Mai 2020 

Als ich wieder auf der Straße lief, schnapperte mein Handy. Tineke. Das Display verriet es. „Du, ich habe vergessen, dir was zu sagen, was vielleicht wichtig ist. Ich habe doch zwischendurch die Limousine in die Villa deines Onkels gebracht. Nicht dass du dich wunderst, weil jetzt nur noch die Klapper-Kiste von Jonathan bei uns auf der Straße steht.“ Sie machte eine Pause, und irgendwie bemerkte ich gedankenverloren: „Ja, ich weiß. Du hast sie auf seinem Grundstück in der Garage abgestellt.“ Und genau darüber regte sie sich auf. „Wieso sagst du ‚Ja, ich weiß’? Wo du überhaupt nicht dabei warst, Erasmus Erster, genannt Jerominus, du kannst davon also nichts wissen, denn du warst in der Rhön. Und trotzdem triffst du solche seltsamen Aussagen.“ Sie machte eine bedeutungsvolle, belehrende Pause, und ich stotterte entschuldigend: „Na eben. Ich tu mal wieder so, als könne ich aus der Ferne in deine Wohnung, in dein Leben sehen.“ Sie lachte schon wieder. „Zum Glück kannst du’s nicht. Alles musst du ja nun auch nicht wissen, was ich so treibe oder erzähle. Oder dass ich hin und wieder heimlich eine andere Identität annehme.“
   Ich bekräftigte die Aussage. „Recht hast du.“ Und ich meinte das sogar ehrlich.
  „Also, es war so: Ich bringe die Limousine dorthin, wo dein Onkel sein Schlösschen hat, und ich rede noch kurz mit der Haushälterin, eine ausgesprochen zahnbehaarte Tusse übrigens, und diese gibt mir einen Zettel, auf dem der Name, die Adresse und die Telefonnummer von dieser Helene stehen. Sie war zweimal dort gewesen, ohne Edward anzutreffen und der gestrengen Hauswächterin das Versteck deines Onkels entlocken zu können. Daher hat sie den Zettel dort gelassen. Mit der Bitte um Rückmeldung.“ Da ich nichts sagte, fragte sie plötzlich: „Du weißt aber, wer das ist? Helene.“
   Tatsächlich musste ich erst nachdenken. Hatte sie mit der Raumfahrt zu tun? Mit dem Küstenort? Die Oma. Nein, die hieß Henriette.
   Helene?
   „Sie ist keine von deinen Tante-Musen aus der Kantemus-Klinik in der Rhön. Oder hattest du das gehofft? Sie ist eine Bekanntschaft deines Onkels Edward Erster aus der Schweiz. Die Dame mit dem kaputten Auto, die bei einem Verlag gearbeitet hat. Edward hatte ihr anscheinend seine Adresse gegeben. Und natürlich dein Manuskript. Zur Begutachtung. Ich dachte, das würde dich interessieren. Es könnte ja sein, dass sie wegen dir Kontakt mit Edward aufnehmen wollte. Oder will. Wegen deines ersten Buches. Vielleicht will sie auch wegen Edward mit dir Kontakt aufnehmen. Dann solltest du das ausnutzen und ihr dein Manuskript aufdrücken. In Richtung Veröffentlichung.“ Sie schwieg einige Sekunden, um abzuwarten, wie ich reagierte. Aber ich sagte nur: „Ach ja. Helene.“
   Daher stichelte sie ein bisschen: „Du könntest sie anrufen.“
   Ja, ich könnte. „Ich bin mir nicht so sicher, ob ich das will. In der jetzigen Situation. Verstehst du?“
   „Nein.“ Es klang ungeduldig, unleidlich. Hart klang es. „Du hattest ewig das Ziel einer Buchveröffentlichung. Dafür hast du auf so ziemlich alle Annehmlichkeiten verzichtet, auf die man in der heutigen Zeit verzichten kann. Außer auf mich. Und nun, wo sich ein konkreter Weg auftun könnte, kneifst du plötzlich. Da ist für mich ein Knick in der Logik.“
   Ich schüttelte den Kopf, was sie natürlich nicht sehen konnte. „Ich kneife nicht. Ich bin mir nur nicht mehr sicher.“
   „Naja“, erwiderte sie. Das klang nachdenklich, aber auch verstehend. „Ich will dich natürlich nicht drängen. Es ist deine Entscheidung und deine Verantwortung. Ein Buch zu veröffentlichen, ist schließlich mehr als einmal einkaufen zu gehen oder ein gebrauchtes Fahrrad zu ersteigern. Mich würde jetzt allerdings interessieren, ob du das Schreiben dann ganz aufgibst.“   „Nein. Weißt doch, dass ich über meine Reise schreibe. Dazu drängt’s mich immer mehr. Richtig von innen heraus.“
   „Soll das etwa ein Buch werden? Die Reisebeschreibung?“
   „Nee, glaub ich nicht. Aber es hilft mir. Und dir sowieso. Ich fühle es ganz stark.“
   Sie kicherte leise. Es klang gut. „Wenn es mir sowieso hilft, dann ist das OK. Dann mach’s. Hilfe kann ich immer brauchen. Vor allem, wenn sie von den Leuten kommt, die ich diesbezüglich nicht auf dem Schirm habe.“ Im Hintergrund redete jemand. Sie brach das Gespräch ab: „Bis später, mein Lieber. Ich muss jetzt die Skalpelle schärfen und jede Menge Tupfer sterilisieren. Es stehen noch zwei fette Not-OPs an.“ Sie kicherte abermals. „Ach ja: Und achte schön drauf, dass deine Sachen nicht schmutzig werden. Weißt schon, es bleibt dabei: Ich zieh heute noch mit dir um die Häuser.“  

Fünf nach neun meldete sie sich wieder. „He, ich bin total geschafft.“
   Ich schwieg. Ich musste mich erst von meinem Text lösen. Ich hatte in den letzten Stunden intensiv daran gearbeitet und war gut vorangekommen. Ich steckte total tief drin. Ich dachte jedoch, es wird richtig sein, jetzt aufzuhören oder eine Pause zu machen.
   Vor allem: sich zu verloben.
   „He, was ist? Warum sagst du nichts?“
   „Ich war noch in meine Reisebeschreibung vertieft.“
   „Du träumst von der Rhön, und ich maloche hier wie nur was. Also, hör für heute mit deiner Reisebeschreibung auf und kümmere dich mal lieber um mich. Wir treffen uns in einer Dreiviertelstunde im Hickory Top. Der Tisch ist auf den Namen Erster bestellt. Das war meine Initiative. Das Menü stellst du dann zusammen.“ Ich dachte, sie hätte das Gespräch damit beendet, aber sie sagte noch: „Und lass dir mal schön ordentlich was einfallen, um mich in Stimmung zu bringen.“
   Ich versprach es, ich hatte einen guten Grund. Ich steckte das Kästchen mit den Ringen ein, sortierte dreihundert Piepen in mein Portemonnaie. Und ab ging’s.

Folge 51 vom 20. Mai 2020  

Wir trafen direkt vor dem Eingang des Hickory Top aufeinander. Der Zufall hatte uns zur selben Zeit ankommen lassen. Sie hatte die neue Sonnenbrille auf das Haar gesteckt; trotz der Dunkelheit. Sie lachte und umarmte mich. Ihre Hände rochen ein wenig nach Desinfektionsmittel, aber ihre Wange war so glatt und anschmiegsam, auf dass ich sie am liebsten lange festgehalten hätte. Tineke. „Denk dran“, sagte sie, „der Herr betritt das Restaurant vor der Dame, damit sie vor aufdringlichen Blicken geschützt ist.“
   Ich bedachte es. Ich ging voraus, ließ mir den Tisch zuweisen und saß ihr gegenüber. In den Gläsern der Sonnenbrille spiegelte sich das Licht der gedämpft leuchtende Wandlüster. Ich assoziierte flüchtig das Funkeln von ganz, ganz fernen Himmelskörpern. Ich lächelte, sie bemerkte es. Sie nahm die Sonnenbrille, die sie eben noch auf ihr Haar gesteckt hatte, herunter. Sie drehte sie hin und her und steckte sie sorgfältig in ein Futteral. Sie sagte: „Das wäre denn auch der einzige Grund, dich irgendwann noch mal in die Rhön zu schicken.“
   „Was?“, fragte ich dümmlich. 
  „Diese wunderbare Brille, mein lieber Jerominus, was denn sonst? Deine Kante-Muss-Tussen doch wohl nicht?“ Ich ging nicht auf die Bemerkung ein, wiewohl ich von der Sonnenbrille ebenso fasziniert war. Von deren Fähigkeiten. Ein Rätsel und ein Wunder, was für eines.
   „Wäre es nicht möglich, mir jeden Tag so was Tolles zu schenken? Heute zum Beispiel? Na gut, nicht jeden Tag. Einmal in der Woche reicht. Dieses eine Mal die Woche müsste demnach gerade heute sein.“ Sie sah verschmitzt aus.
   Ich fasste mit der Hand an meine Hemdtasche. Dort steckte jetzt das Kästchen mit den Ringen. Ich zögerte jedoch. Es war noch zu früh. Es war nicht feierlich genug. Noch nicht. Ich redete mich heraus. „Von meiner nächsten Rhön-Tour bringe ich dir wieder was mit. Für heute habe ich eine andere Überraschung. Nichts in der Art einer Sonnenbrille. Oder doch. Es hat auch Rundungen.“
   „Oh!“ Ihr Blick folgte meiner Hand. Die Augen leuchteten.
   Der Kellner kam, wir bestellten Wein, wir tranken, wir bestellten Essen, wobei sie sagte: „Für mich nur vegetarisch, nachdem im Krankenhaus dauernd Blut geflossen ist.“ Wir lachten immerzu. Ihre Erschöpfung legte sich zusehends. Sie sagte: „Seit ich mit dir zusammen bin, geht’s mir wieder echt gut.“
   „Ja“, erwiderte ich, „mir auch.“
   Wir lachten lauter. Einige Leute drehten sich um. An anderen Tischen wurde mitgelacht. Wir prosteten uns und anderen zu. Ich beugte mich zu ihr über den Tisch, wir küssten uns. Es war schön, romantisch war es, jung war es. Herrlich.
   „Und die Überraschung, die mit den Rundungen, wann verrätst du sie?“, fragte sie unvermittelt.
   Ich zögerte wieder. Ich kündigte an: „Ich habe mir vorgenommen, sie um Mitternacht herauszulassen. Ist das OK?“
   Sie sah auf die Uhr. Es war halb elf. „Kann ich nicht die Zeiger vorstellen? Anderthalb Stunden. Ich stelle sie auch zur wirklichen Mitternacht zurück.“
   „Das ist bestenfalls zulässig, wenn es die Uhren-Zentrale in Hantschuloko noch vor elf Uhr erfährt. Dann bringen sie es in den chinesischen Nachrichten, so dass mindestens fünfzig Prozent der Menschheit die Chance haben, ihre Uhr ebenfalls vorzustellen und ebenfalls eine Überraschung zu erleben.“
   „Meinst du das Hantschuloko in China oder das in Schwaben?“
   „Ich meine das Hantschuloko in China. Natürlich. Das schwäbische Hantschuloko hat einen Bindestrich in der Mitte. Es spricht sich auch leicht anders aus. Sie sprechen in Schwaben das T als D und das U stark verlängert: Hannn­d­schuuh-Loko. Ist aber völlig bedeutungslos, denn dort ist um diese Zeit schon strenge Nachtruhe. Die Leute sind abends furchtbar müde. Sie haben den ganzen Tag über gerackert.“
   „Aber in China schlafen sie nicht, weil sie schon wieder wach sind. Man kann solche Überraschungen also jetzt noch bekommen? Solche, wie ich sie bereitet kriege.“  
   „In China selbst schon mal gar nicht. Für Chinesen sind solche Überraschungen nicht erschwinglich. Und der Brauch, der sich damit verbindet, ist dort bedeutungslos. Es ist eher europäisch, sehr zwischenmenschlich.“  
   „Für junge Leute, nicht wahr? Für Paare. Wegen der Rundungen.“ Ich nickte. Ich wusste, dass sie der Lösung nahe war. Wohl von Anfang an.
   Sie sah mich konzentriert an. Schon sagte sie es: „Ist der Brauch nicht sowieso die Vorstufe zu einem anderen wichtigen Schritt? Insbesondere für Paare.“
   „Jeder Brauch ist die Vorstufe für einen Schritt. Egal, ob für Paare oder Fußballmannschaften oder den gemischten Doppelvierer mit Steuerfrau im Rudern.“ 
   „Glaub ich nicht, dass sich Fußballer das schenken, woran ich denke. Obwohl ja Bälle auch rund sind.“ Sie kicherte, es zog eine merkliche Aufregung in ihr Wesen. „Und diese Ruderinnen und Ruderer, dass die sich damit beglücken, also, nein. Kann ich mir nicht vorstellen. Da bliebe dann sowieso die Steuerfrau ausgegrenzt. Als Fünfte.“ Ich nickte wieder, ich gab mich mürrisch. Es würde gleich keine Überraschung mehr sein.
   Sie sah mich an, sie besann sich, sie redete klug, tröstend. „Ich werde nicht weiter fragen. Nicht vor Mitternacht. Und das mit Hantschuloko lasse ich ebenfalls bleiben. Ich will die Uhr gar nicht vorstellen. Die ganze Welt käme durcheinander. Vor allem China. Aber ich werde mich freuen, wenn es so weit ist. Ich freue mich jetzt schon. Wahnsinnig.“ Ihre Augen funkelten voller Leben. Sie schwärmte: „Und ich bin ganz stolz auf dich. Du kennst so viele Orte auf dieser Welt. In der Rhön, in China. Und überall kennen sie dich. In den kühlen Kliniken, in den fernen Uhrenzentralen. Gibt’s eigentlich einen Zusammenhang zwischen beiden?“
   „Meines Wissens gibt es in China auch eine Rhön. “
   „Ah!“, sie jauchzte überrascht auf, und so ziemlich alle Leute im Hickory Top drehten sich zu uns um. „Das genau ist die Lösung. In China gibt es einen Landstrich, der heißt Rhi-He-Oin, was dort als Rhön ausgesprochen wird. Und genau in diesem Landstrich liegt Hantschuloko. Die Uhrenzentrale.“
   Sie sah mich beglückt an. Wir schwiegen, wir stießen an. Wir tranken.
   „Hast du eigentlich schon einen Doktor-Titel?“, fragte ich in die Pause hinein. Prompt fragte sie zurück: „Würdest du mich lieber mit oder lieber ohne heiraten. Falls du mich eines Tages tatsächlich heiraten willst.“
   „Natürlich mit. Ich könnte den Titel dann ja auch führen. Zumindest würde er auf unserem gemeinsamen Türschild stehen.“ Ich gab mich ernst. „Aber es ist müßig, darüber zu diskutieren. Heiraten. Wir sind ja nicht mal verlobt.“
   Sie nickte und stellte sich traurig. „Wer weiß, ob wir das jemals sein werden.“
   Ich konnte das Lachen nicht unterdrücken. Ich wusste es sehr genau: „Jedenfalls nicht mehr heute. Den Anruf in Hantschuloko hast du jetzt jedenfalls verpasst.“  

Folge 52 vom 21. Mai 2020  

An Mitternacht verlobten wir uns. Ich legte das Kästchen mit den Ringen pünktlich auf den Tisch. Sie hatte nun nicht mehr danach gefragt. Absichtlich nicht.
   Wir gossen Sekt ein und stießen an, nachdem wir uns die Ringe gegenseitig aufgesteckt hatten. Es war schön und feierlich. Sie sah wunderbar glücklich aus. Obwohl sie es vorausgesehen, gewusst hatte. Tatsächlich sagte sie: „Fortan kannst du in meiner Wohnung übernachten, ohne dass öffentliche Stellen etwas dagegen haben können. Mit dem Türschild werden wir allerdings noch warten. Dafür bräuchten wir eine Ausnahmegenehmigung: Erasmus und Tineke, Erster und Tollwin. So wie ich gehört habe, gibt’s die Ausnahmegenehmigungen nur in der Uhren-Zentrale. In Hantschuloko. Sie haben dort auch eine Türschild-Zentrale.“
   „Ich könnte hinfahren und sie vor Ort ausfertigen und beglaubigen lassen. Die Mitarbeiter sind dort bestechlich.“
   „Schon gut. Wir wollen uns, nachdem wir nun verlobt sind, nicht auf neue Weise strafbar machen. Und uns auch nicht gleich wieder trennen.“ Wir saßen bereits im letzten Autobus. Oder war es der erste? Sie zog mich am Ohr. „Ich weiß inzwischen, dass es diese Kantemus-Klinik tatsächlich gibt. Sie liegt auf einem Klosterberg in der Rhön. Unserer Rhön, nicht der chinesischen. Dort werden Wunderheilungen vollbracht. Ein Kellner aus dem Hickory Top hat es mir verraten. Er ist dort gewesen und hat sich von einer schweren Krankheit heilen lassen. Er war gelähmt, und man musste ihn mit einem Handwagen hinaufziehen. Klinik-Mitarbeiter in Mönchskutten hätten das getan. Sie hätten solche Sonnenbrillen getragen, wie ich sie habe. Und weißt du, was er noch gesagt hat? Er hat gesagt, die Mönche waren gar keine Mönche, sondern Nonnen.“
   Ich lächelte still.
   „Rrr.“ Sie kniff mich in den Arm. Sie lächelte ebenfalls. Sie sagte: „Zum Glück bist du ja nicht mit einer Mönchskutte heimgekehrt, sondern mit diesem Prachtstück. Einem mintfarbenen Zweiteiler.“ Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und schloss die Augen.
   Dann landete der Bus an unserer Haltestelle, wir kehrten heim. Wir hielten unsere Finger mit den Verlobungsringen hoch, als wir durch die Haustür gingen, und Tineke schaltete im Flur das Licht ein. Sie rief vorsichtig: „Ab heute geht es ziemlich legal zu zwischen mir und Doktor Jerominus. Wer es nicht glaubt, der möge die Verlobungsring-Zentrale in Hantschuloko anrufen. Aber nicht mit dem Hantschuloko in Schwaben verwechseln. Das spricht sich Hanndschuh-Loko aus. Und dort herrscht auch sehr oft Nachtruhe, weil die Leute so fürchterlich rackern.“ In der obersten Etage wurde eine Tür geöffnet. Ein verschlafenes Gesicht tauchte über dem Treppenauge auf. „Oje, nicht doch“, flüsterte Tineke. Sie öffnete rasch die Wohnungstür und zog mich hinter sich her. Hinein in den Flur.  

Wir hatten nur ein paar Stunden geschlafen, als dieses fürchterliche Geräusch durch die Wohnung schepperte. Oder nannte man es Klingeln?
   Das Telefon.
   Warum hatten wir es nicht in den Kühlschrank gestopft? Ich. Oder einen sanfteren Ton eingestellt. Meisengezwitscher.
   Tineke war mit einem Satz aus dem Bett. Ich fühlte ein Dröhnen in meinem Kopf, und zugleich fühlte ich die Leere, die Tineke neben mir hinterließ. Allein im Bett. Erasmus, genannt Doktor Jerominus, der falsche Arzt im mintfarbenen Zweiteiler.
   Sie redete. Ihre Stimme war gedämpft und unaufgeregt. Ich verstand nur den letzten Satz, den sie sagte: „Ist doch selbstverständlich, ich komme. In knapp einer Stunde bin ich da.“
   Ich hörte die elektrische Zahnbürste eindringlich brummen und das Duschwasser rauschen. Danach war Tineke an meinem Bett. Sie flüsterte aufgeregt: „Ich muss umgehend in die Klinik. In der Chirurgischen sind zwei Ärzte ausgefallen. Der Chefarzt hat ausdrücklich drauf bestanden, dass ich! geholt werde. Nun geht’s für mich prompt in die Vollen, was heißt, ich werde mehrere Stunden am OP-Tisch stehen. Hauptverantwortlich. Juchhu. Eine super Chance.“ Sie hielt mir die Hand mit dem beringten Finger vor die Augen. „Guck mal, mein Lieber! Frisch verlobt, ich bin ganz glücklich.“ Ich deutete ein Nicken an und schloss die Augen wieder.
   Ich fühlte eine maßlose Erschöpfung. Kopf- und sonstige Schmerzen. Von der letzten Nacht, vom Alkohol, von allem. Vor allem von meiner Tour in den interstellaren Raum.
   Ich war doch dort gewesen? Oder war ich tatsächlich in Hantschuloko? Vielleicht in jenem mit den zwei N? Oder in dieser Kantemus-Klinik bei den Mönchsnonnen. Im Rhön-Kloster. Hatten sie mich mit einer Rakete den Berg hoch geschafft oder war ich im Handwagen gezogen worden?
   „Wenn ich weg bin, hast du Zeit, an deinem Text zu arbeiten“, sagte Tineke. „Das wolltest du doch sowieso.“ Sie streichelte meinen Kopf. „Aber nicht, dass du mir wieder stiften gehst. In die Rhön oder ins Kloster nach China. Oder zu guter Letzt noch ins Weltall. Eine zweite Sonnenbrille brauche ich nämlich nicht.“
   Ich versuchte die Augen wieder zu öffnen. Weltall, Sonnenbrille? Hatte ich in der letzten Nacht etwas von der Reise verraten? Ernesto, Tonya, Lurtz. Nein, ich hatte es nicht. Ich kriegte die Lider dennoch nicht hoch. Ich konnte nicht fragen, wie sie das meinte: Weltall.
   Und Tineke hatte die Wohnung ja auch schon verlassen. Ich hörte kurze Zeit später durch das offene Fenster, wie von der Straße her die Melodie gepfiffen wurde.
   Unser Lied. Red, white and blue. Tineke.  

Der Tag lag wie ein dumpfgrauer Schleier über mir. Nein, umgekehrt. Ich lag den Tag über wie unter einem dumpf­grauen Schleier. Er drohte mich zu erdrücken. Der Schleier, der Tag. Ich mich selbst. Ich konnte nicht mehr einschlafen, brachte es aber auch nicht fertig aufzustehen. Nur mal kurz zur Toilette und durch das Fenster geschaut. Wolken, leichte Schauer, Wind, der irgendwelche Papierfetzen und frühgelben Blätter vor sich hertrieb. Trübheit. Mir war, als würde ich auf etwas warten. Auf was?
   Tineke meldete sich erst am sehr späten Nachmittag. „Bin total platt.“ 

Folge 53 vom 22. Mai 2020

Ich murmelte ein paar Worte, die ich selbst nicht verstand.
Sie entschuldigte sich. „Ich störe dich, oder? Du hast grad ’nen guten Lauf beim Schreiben und darfst nicht abgelenkt werden, oder?“ Sie stöhnte. „Mann, diese OPs heute, die haben’s voll in sich. Zwei echt komplizierte Trümmerbrüche. Hier verbinden sich handwerkliche Fertigkeiten mit künstlerischem Geschick. Du, das haben wir sauber hingekriegt. Ich. Der Patient wird demnächst besser laufen können als vor seinem Unfall.“
   Ich setzte mich auf. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen. Tineke rackerte aus Leibeskräften, den zweiten Tag an diesem Wochenende, und ich lungerte hier herum. In ihrer Wohnung auch noch. Wie ein Assi. Nein, Assi war ein affiges Wort, man benutzte es besser nicht. Es gab keine Assis.
   „Tust mir leid“, sagte ich.
   „Ich muss dir nicht leid tun“, widersprach sie vehement. „Ich hab mir diesen Job schließlich selbst ausgesucht. Ich will ja was leisten. Unbedingt. Egal, wenn ich an meine Leistungsgrenzen stoßen sollte. Es ist schließlich mein Ziel, eine gute Ärztin zu sein, und meinen Facharzt zu schaffen. Und ich bin echt froh, dass ich überhaupt hier arbeiten darf. So interstationär. Und dann noch zwei von den großartigen Ärzten aus dieser Station ausgefallen, womit kein Mensch gerechnet hat und wodurch prompt ich zum Zuge komme. Als vollwertige Kraft. Du, ich muss ja wirklich dankbar sein. Dabei weiß ich noch nicht mal, wem.“
   In mich kam jetzt wieder Leben. Ich hätte ihr die Antwort geben können: mir; und Tonya und Lurtz und meinem Vater und … Natürlich sagte ich es nicht. Ich fragte stattdessen: „Was ist denn mit den beiden festen Ärzten, sind sie tot?“
   Sie kicherte trotz aller Erschöpfung. „Schwarzmaler. Es heißt, der eine hatte im Urlaub an der Atlantikküste ’nen Badeunfall, muss in irgendwas Giftiges oder Giftendes getreten sein und ist dann von den Wellen tüchtig gebeutelt worden. Mehrere Knochenbrüche, mehrere Gips- und Wickelverbände. Vor allem auch noch eine nicht indizierbare Schädelfraktur. Bettruhe total für diesen Kollegen. Der kommt jedenfalls so schnell nicht zurück. Der andere hat’s besser getroffen. Er hat überraschend ein Angebot als Schiffsarzt gekriegt. Auf ’nem richtigen Traumschiff. Mit ’ner schneeweißen Uniform und blaugelben Schulterstücken, ganz schnieke. Er ist von einem Tag auf den andern hier abgehauen. Es heißt, er sei schon auf See. Schon bei den Kanaren.“
   Ich lächelte. Nun doch. Der Schleier über diesem Tag, über mir, lichtete sich.
   „Was ist?“, fragte sie. „Ja, ich weiß, dass es unglaublich klingt. Fast wie ein Märchen. Aber es ist wahr.“
   „Ich glaub dir, dass es wahr ist“, versicherte ich. Ich stand auf, lief mit dem Telefon ein bisschen umher. „Und man soll sowieso nicht immerzu fragen, warum dieses und jenes passiert. Wenn einem das Schicksal gute Karten in die Hand drückt, dann soll man sie möglichst nicht zurückgeben.“
   „Danke, Erasmus“, hauchte sie. Es klang sanft und froh. Und zuversichtlich.

Tineke rackerte weiter mit einem riesigen Arbeitspensum. Tag für Tag. Wenn sie abends kam, war es fast zehn, und morgens zog sie in der erbärmlichsten Frühe wieder los. Sie wirkte trotzdem locker und aufgeweckt und zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen. „Es macht tierisch Spaß“, betonte sie in den wenigen Minuten, die wir abends gemeinsam hatten. Und: „Ich bin gut drauf, ich entwickle mich immer besser. Vor allem bekomme ich immer mehr Selbständigkeit und mehr Freiraum. Du glaubst nicht, wie dankbar ich dem Professor bin. Meinem wunderbaren Kurz-Franzl.“
   Ich hingegen erlebte zähe Tage. Tagschichten, die sich weiterhin wie dumpfe Schichten, nicht mehr nur wie Schleier, auf mir stapelten. Die Lockerheit, mit der sich Tineke die neue Welt erschloss, fehlte mir oft genug. Ich saß und schrieb quälend langsam. Starrte immer wieder durch die Fensterscheiben auf die Straße, zum Himmel, starrte dann den Bildschirm an. Und schrieb wenig. Wenig Gutes.
   War es so etwas wie ein Kosmos-Kater? Die Nachwirkung des Raumfluges.
   Auf jeden Fall: Mir fehlte jemand. Mir fehlte etwas. Tineke? Tonya? Das All, die intergalaktische Perspektive. Oder einfach das Leben, das für mich nur diesen Namen trug: Tineke.
   Also eine Art Phantom-Depression.  

An einem der nächsten Tage, raffte ich mich morgens zeitig genug auf, um mit meiner Verlobten zu frühstücken, in Wirklichkeit jedoch, um mit ihr reden zu können. Doch den Hauptteil der Unterhaltung bestritt sie. Dieser Hauptteil hieß Arbeit. „Gestern mussten wir so einen riesigen schwarzen Fleck entfernen. Ich. Ein malignes Melanom. Hautkrebs.“ Sie deutete mit Daumen und Zeigefinger eine Fläche mit dem Durchmesser von mindestens drei Zentimetern an. „Hier vorn am Backenknochen, schon gefährlich dicht am Auge. Und nur bei örtlicher Betäubung.“ Sie sah mich eindringlich an, und obwohl mir flau wurde, nickte ich pseudo-interessiert und bewundernd, wobei die Bewunderung echt war.
   „Mein Chefarzt hat mir die Umrisse für den Schnitt auf der Haut aufgezeichnet, und dann musste ich loslegen. Es war nicht mal für einen erfahrenen Chirurgen eine leichte OP. Weil keiner wusste, wie weit sich die Tumorzellen ausgebreitet hatten.“ Sie sah so besorgt aus, als sei ein sehr naher Verwandter betroffen. „Wir müssen jetzt erst abwarten, zu welchen Ergebnissen das Labor bei den Gewebeproben kommt. Dann erst können wir die Wunde schließen. Die Patientin hat ziemlich gestöhnt. Und ich mit. Der Befund ist frühestens in drei Tagen da. Dieses Warten, ich sag dir, das nervt.“
   Ich stöhnte ebenfalls, nach innen. Ich legte meinen Toast auf den Teller zurück.

Folge 54 vom 23. Mai 2020  

„Du bist neuerdings so still“, sagte sie. „Kommst du mit deiner Story nicht voran?“ Sie biss in ihr Brot, kaute flink, trank Kaffee. „Du, Erasmus, also wenn es dir zu viel Mühe macht, diese Story zu schreiben, dann lass es doch. Vor allem, wenn du meinst, du musst das wegen mir schreiben. Ich stecke jetzt so tief in meiner Arbeit, dass deine Vier-Wochen-Reise für mich kein Thema mehr ist. Da bin ich von ab.“
   Sie war davon ab. Ich schaute traurig. Sie nahm es nicht wahr. Sie stand schon auf, biss eben noch mal in ihren Toast. „Ich würde auch meinen, du solltest dich besser mit deinem sizilianischen Buch befassen. Das war fertig, das fanden fast alle gut, das könntest du anbieten. Dann hättest du einen sichtbaren Abschnitt hinter dir. Hättest etwas Fertiges vorzuweisen. Ich leg dir mal den Zettel mit Helenes Adresse raus.“ Sie wartete nicht auf meine Antwort, meine Reaktion. Sie drehte mir schon den Rücken zu. „Ich putze eben noch Zähne, dann bin ich auch schon verschwunden. Es geht heute in aller Frühe mit einer Koloskopie los. Eine Darmspiegelung. Mit hohem Befund. Die Sonde wird bis zum Dünndarm hinauf geführt. Das ziehe ich im Alleingang durch. Schon, weil der Kollege Chefarzt gelegentlich gern ein bisschen länger schläft. Du, ich freu mich richtig drauf. Aber eben, ich muss pünktlich sein, die Patientin durfte seit gestern nichts essen, nur eine trübe Flüssigkeit trinken. Drei Liter. Brr.“ Sie drehte sich wieder zu mir um, sie lächelte. „Bist du wenigstens stolz auf mich?“   
   Ich nickte, ich lächelte ebenfalls. Ich sah freundlich aus. Ich war besorgt. Irgendwie. Stolz war ich auch, natürlich.  
Als sie fort war, kroch ich wieder ins Bett. Ich wusste nichts mit mir anzufangen. Obwohl ich stolz auf Tineke war, war ich auch enttäuscht. Sie schwamm in einem Meer der beruflichen Erfüllung, und mich hatte sie an Land zurückgelassen. Mit einem Manuskript, das ich wegen ihr angefangen hatte. Es war ihr gleichgültig geworden.
   Ich auch?
   Ich döste und grübelte. Und nachdem ich aufgestanden war und am Notebook saß, um weiter zu schreiben, kriegte ich keine Zeile zustande. Das heißt, ich wusste im Grunde sehr genau, wie ich meinen Text hätte fortsetzen sollen. Selbst die Worte und Sätze lauerten in meinem Hirn. Ich hätte sie abrufen und niederschreiben können.
   Lohnte sich das denn noch?
   Wenn es Tineke nicht interessierte. Darmspiegelungen und schwarze Flecken hatten Vorrang. Melanome, Koloskopien.
   Wie deprimierend. Ich stand auf, zog mir eine Jacke an und schlenderte durch die Straßen. Es nieselte, es war kühl. Das passte zu meiner Stimmung. Ich schaute ewig auf den Boden und ging ohne Ziel durch die Häuserschluchten. Jetzt hasste ich die Großstadt wieder. Nein, es war kein Hass, nur Unwohlsein, Missfallen. Fremdheit. Diese Anonymität, zugleich die vielen Menschen.  
   Nach einer halben Stunde landete ich vor dem Bahnhof. Es hatte so kommen müssen. Ich stand eine Weile vor dem Eingang. Ich schaute auf die riesigen Reklameflächen oberhalb des Eingangs, die verlockende Fernreisen und wunderbarste Kosmetikartikel anpriesen. Unter einer bunt abgebildeten Hautcremedose wurde versprochen: Schönheit wie für tausend Jahre. Was wisst ihr schon, was tausend Jahre sind, wo man tausend Jahre und viel mehr lebt, ohne eure lächerliche Creme, dachte ich. Ich lächelte mitleidig und wünschte mir, die Situation jenes denkwürdigen Tages möge sich wiederholen. Alle Züge stehen still. Würde sie sich wiederholen?
   Ich lauschte, ob denn die Geräusche abfahrender Bahnen zu hören waren und ob nicht womöglich jene bedeutungsvolle Ansage erneut erklang: „Achtung!, kompletter Zugausfall, Schienenersatzverkehr wird vorbereitet … Bitte haben Sie gegebenenfalls etwas Geduld!“
   Nein, nichts. Die Züge fuhren, sie wurden wie üblich angesagt.
   Ich ging gelangweilt von der vorderen Halle durch die Haupt- und danach durch mehrere Seitenpassagen dieses riesigen Bahnhofs. Ich lauerte. Herrschte da nicht irgendwie ein bisschen eine eigentlich starke Unruhe? Waren da nicht gewaltig sich hinwälzende Menschenströme in der Entstehung? Und stieß mich nicht erwartet unerwartet ein blinder Mann an und sagte etwas zu mir? „Wir hängen hier total fest.“
   Nein. Das Leben verlief in seinen gefügten Bahnen. Kein Chaos, keine Katastrophenstimmung. Ein ganz normales Leben an einem ganz normalen Tag. In dieser Hauptstadt. Auch wenn ich einen Passanten im Vorbeigehen schimpfen hörte: „Das wär’s noch, wieder so ’nen beschissenen Tag wie vor gut vier Wochen: Kein Zug fährt, kein Taxi zu kriegen; und dann das Vorstellungsgespräch, auf das du seit drei Monaten gelauert hast. Du kannst nicht hinfahren, kriegst nicht mal eine Verbindung übers Handy. Peng, aus und geplatzt. Und du kannst nichts dafür.“
   Bei anderen läuft’s demnach auch nicht ständig rund, dachte ich. Kleiner Trost.
   Ich verließ den Bahnhof. Ich trank in einer Seitenstraße in einer Konditorei am Stehtisch einen heißen Kaffee und kaufte später einem Gauch die Obdachlosenzeitung ab. Eine Mitleidaktion. Oder Gewohnheit. Ich dachte an die vielen Monate, die ich in der Hinterhofhöhle zugebracht hatte. Der Eremit, der Asket. Der Sizilianer. „Möchtest du da wieder hin?“, hörte ich mich fragen. Ich schüttelte den Kopf und antwortete mir selbst: „Nöh.“ Eine Frau, die mit ihrem Hund vor einem Baum stand, blickte mich interessiert an. „Nöh, du bist jetzt mit der schönsten Frau von Berlin zusammen“, sagte ich absichtlich laut und machte mich davon. „Nicht nur von Berlin, von Europa.“
   Ich schlenderte zurück in die Wohnung. Ich schaltete das Notebook ein. Ich überlegte, ob ich von dem Stick, den ich in einem Schränkchen verwahrte, die Datei mit der sizilianischen Story auf die Festplatte ziehen sollte. Noch mal lesen, kleine Korrekturen, Format einrichten. Und ausdrucken. Tinekes Empfehlung. Fast fertig. Oder sogar ganz?

Folge 55 vom 24. Mai 2020  

Es war eine Verlockung. Ich hätte mich mit Helene in Verbindung setzen und es abschließen können. Der vierstellige Betrag im niederen Bereich. Dr. Edward Erster, reicher Onkel. Mein erstes Buch.
   Nein. Ich hatte mir die Niederschrift meiner Erlebnisse in dem Raumkreuzer in den Kopf gesetzt. Es hatte für Tineke sein sollen. Für Edward. Genauso für mich.
   Ich hatte eine Idee. Diese Story, sollte sie jemals veröffentlicht werden, würde mit einer Widmung beginnen. Für T. und für E. sollte vor dem Text stehen. Viel sagend und viel deutbar. Allerdings: im Moment eher unwichtig.
   Ich öffnete die Textdatei, die ich auf dem Notebook angelegt hatte. Sie hieß Tonya genau wie der Datei-Ordner und trug ebenso die Endnummer 001. 001 bedeutete aktuellste Fassung. Ich suchte die Stelle, an der ich aufgehört hatte zu schreiben. Es hatte mit der Aufnahme in der Basisstation zu tun gehabt. Die Beschreibung der Wandsegmente, des Kleiderwechsels. Die Gespräche, mein Staunen. Ich ergänzte, korrigierte und schrieb weiter. Ich schrieb unkonzentriert, holprig. Ich dachte nebenher an Obdachlosenblätter und an eine Koloskopie am frühen Morgen. Hoher Befund. Und an ein malignes Melanom, das weiträumig entfernt worden war. Bitte nicht bei mir, dachte ich. Drei Tage dauerte es, bis die Ergebnisse aus dem Labor eingetroffen sein würden.
   Und ich dachte an Bahnhöfe. Ich blätterte die Datei zurück. Ich las, was ich über das Blockade-Chaos geschrieben hatte. Ich verglich es mit den Eindrücken des heutigen Morgens und fühlte mich plötzlich in die Situation jenes Morgens versetzt. Als der Stillstand und das Chaos herrschten und mich ein blinder Mann namens Lurtz ansprach. Ich sah auf einmal eine mich geradezu erdrückende Schreiblaune heraufziehen. Ergänzungen, Einschübe, ganze Textpassagen.
   Es lief gut, auf einmal doch.  

Tineke rief am Mittag an. Ihre Stimmung klang euphorisch. „Du glaubst nicht, was heute los ist. Was wir zu tun haben. Ich. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie gut mir alles gelingt.“
   Doch, doch, ich konnte es mir vorstellen.
   „Ich hab kaum Zeit, mal eine Pause zu machen.“ Sie atmete tief durch. „Aber deswegen rufe ich nicht an. Mir ist eingefallen, dass du ja gar nichts zu essen hast. Nimm dir also zwanzig oder fünfzig Euro aus meiner Geheimlade und hol dir was Schönes. Oder setz dich irgendwo rein. Bestell dir was Schnuckeliges. Ich komme auf so viele bezahlte Überstunden, dass das wirklich drin sitzt.“ Sie machte eine Pause. Dann sagte sie leise: „Ich muss dir noch was sagen, Erasmus. Du, heute Morgen, das war falsch, was ich da von mir gegeben habe. Die Story über deine Reise. Nach Kantemus. Oder nach Hantschuloko. Ich bin nach wie vor daran interessiert. Sehr sogar. Ich war nur wegen der Arbeit völlig anders programmiert. Ich glaube, ich muss mich für diese Äußerung entschuldigen. Wo ich dich überhaupt erst animiert habe, darüber zu schreiben.“ Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, ich schwieg. Daher fragte sie besorgt: „Bist du sauer? Du, es tut mir leid, in echt.“ Sie schwieg ebenfalls, und es wirkte verunsichert. Dann bat sie: „Komm, sag doch was!“
   Ich antwortete. Ich verneinte. Nein, sauer war ich bestimmt nicht. Jetzt nicht mehr. Ich war froh und dankbar. Ich brauchte sie, ihren Zuspruch, ihre Unterstützung. Ich wartete einige Sekunden, dann schloss ich das Gespräch, indem ich zu ihr sagte: „Ich bin froh, dass es dich gibt, Tineke. Ich brauche dich. Sehr.“
   „Ich dich auch“, sagte sie leise und machte die Leitung zu.  

Abends fuhr ich mit der Bahn zu ihrer Klinik und holte sie ab. Wir liefen gemeinsam zur U-Bahn-Station. Sie sah müde aus. Nun doch. Sie gähnte. Sie sagte: „Morgen fange ich später an. Um halb elf. Wir schlafen aus. Freust du dich?“
   Nein, nicht so richtig. Mich bewegte eine andere Frage: „Und das Wochenende, das mal wieder naht? Was ist mit der Tour zu deiner Oma, zu Edward und Jonathan? Alle warten.“
   Sie wischte sich verlegen über das Gesicht. „Ich weiß, es war versprochen. Aber es geht nicht. Ich habe fest zugesagt, Dienst zu machen. Bis zum Sonntagabend.“ Sie seufzte. „Ja, es ist gemein. Und egoistisch. Vielleicht warten sie, vielleicht bilden wir uns das auch nur ein und sie machen was Eigenes. Natürlich, Jonathan hat mit meiner Großmutter jede Menge zu tun. Aber ob sich dein Onkel langweilt, das weiß man nicht. Er wäre sonst schon lange hier, in Berlin. Ich traue ihm zu, dass er irgendwas angefangen hat.“
   Ich staunte. „Hat er denn was angedeutet?“
   Sie schüttelte den Kopf. „Es ist eine Vermutung.“ Sie zögerte. „Allerdings müsste dieses und jenes im Haus und im Garten gemacht werden.“
   Ich winkte ab. „Das Haus bleibt auch stehen, wenn du nicht da bist.“ Ich dachte an Tonya und Ernesto. Ich lächelte und sagte sogar: „Es steht alles unter einem guten Stern. Einem sehr guten, wenn du mich fragst. Und du ganz besonders.“
   Sie umarmte mich lange. „Vielleicht bist du dieser gute Stern.“   Nein, ich war es nicht. Davon war ich überzeugt.
   „Wir fahren, sobald du frei kriegst. Und wir machen es auf andere Weise wieder gut“, versprach ich. Ich dachte an die Widmung, die ich der Geschichte voranstellen wollte. Für T. und für E. Warum nicht auch noch und für J.; naja und für H. Das H. stand für Henriette. Und nicht auch noch ein L.? Schließlich spielte Lurtz eine nicht minder wichtige Rolle.

Folge 56 vom 25 Mai 2020  

Im Zug rückte Tineke dicht an mich heran und fasste nach meiner Hand. Ihr Kopf lehnte an meiner Schulter. Die Atemzüge gingen gleichmäßig, ihr Körper folgte den schlingernden Bewegungen der Bahn. Sie war sofort eingeschlafen, und ich zögerte, sie nach zwanzig Minuten Fahrt an unserer Station zu wecken. Nein, sie erwachte schon. Sie gähnte wieder. Sie sagte mit trockener Stimme. „Neuerdings schlafe ich in der Bahn. Manchmal richtig fest. Aber ich habe noch nie das Aussteigen verpasst. Ich habe den Streckenverlauf quasi im Gehirn abgespeichert. Station für Station. Mein innerer Wecker meldet sich, wenn ich aussteigen muss.“
   Als wir die Wohnung erreicht hatten, siegte ihre Müdigkeit endgültig. „Ich leg mich kurz hin, dann dusch ich und danach essen wir ganz gemütlich und unterhalten uns.“ Sie lag auf dem Bett. Und sie schlief prompt ein. Ich zog ihr die Schuhe aus und deckte sie zu. Nicht mal das Telefon konnte sie mit der Klingelmelodie wecken. Edward Erster. Seine Handy-Nummer erschien auf dem Display. Dr. EE. Ich nahm das Gespräch nicht an. Ich mochte nicht mit meinem Onkel sprechen. Nicht jetzt. Ich mutmaßte Vorwürfe, Klagen, Ärgerlichkeit. Jedoch konnte ich nicht vermeiden, dass ich seine Ansage für den Anrufaufzeichner mithörte. „Erasmus, mein Junge. Wie weit bist du mit deiner Geschichte? Du weißt schon, der Bericht über das Treffen mit … ihm.“ Sonst war nichts. Nicht die eigentlich unvermeidbare Frage, ob und wann wir mal wieder kommen würden, oder der Vorwurf, wir würden ihn, den Weltmann, mit Jonathan und Henriette in der regnerischen Provinz versauern lassen.
   Ein gutes Zeichen?
   Ich rief gleich am nächsten Morgen zurück. Tineke schlief noch, sie sollte vom Gespräch nichts mitbekommen. Und ich hoffte, er würde vielleicht im Bad sein oder beim Frühstück, auf jeden Fall nicht in der Nähe des Telefons. Ich würde ihm etwas auf seinen Anrufaufzeichner sprechen, und gut.
   Nein. Edward hatte sich schon voll in diesen Tag hineingekniet. Seine Stimme sprühte von Unternehmungsgeist. „Hast richtig Glück, dass du mich erwischst. Bin nämlich verabredet. Mit …, erzähle ich dir später. Wie geht’s, wann kommt ihr?“ So kannte ich ihn von seiner früheren Arbeit her. Der Boss, der ganz große.
   Ich druckste. „Es geht gut. Aber … wir … Naja, Tineke hat in der Klinik zu tun. Teils mehr als zwölf Stunden. Sie hatte einen super Start. Sie nimmt nach diesen wenigen Wochen quasi die Stelle einer vollwertigen Ärztin ein. Das ist ein Glücksfall, absolut, und es zeigt, was sie kann. Aber der Job kostet Kraft. Sie muss sogar an den Wochenenden in die Klinik. Daher hat sie kaum Zeit, und sie kriegt halt nur frei, um kurz zum Schlafen in die Wohnung zu kommen … Übrigens“, ich zögerte, doch dann sagte ich es, „wir sind verlobt.“
   Er pfiff kurz durch die Zähne. „Glückwunsch“, sagte er und schwenkte sofort um. „Also ihr kommt nicht an diesem Wochenende.“ Er wirkte kein bisschen beleidigt oder enttäuscht. „Wenn Tineke auf der Arbeit voll einschlägt, dann muss sie das jetzt durchziehen. Dann solltet ihr vorerst dort bleiben. Du auch, damit du dich um sie kümmern kannst. Als ihr Verlobter hast du entsprechende Verpflichtungen. Nicht, dass sie uns zusammenbricht. Und du hast ja dadurch Zeit, an deiner Story zu schreiben.“ Er schnaufte irgendwie und redete mühsam verhalten mit jemandem in seiner Umgebung. Unzweifelhaft waren es Anweisungen, die er gab. Schließlich sagte er: „Ich muss Schluss machen, Junge. Bis später.“
   Ich atmete gewaltig auf. Ich musste kein schlechtes Gewissen haben. Gleich würde ich es Tineke erzählen. Nicht gleich, sie schlief noch so schön. Ich flitzte los, um Brötchen zu holen. Ich setzte die Kaffeemaschine in Betrieb. Ich deckte den Tisch. Ich klapperte absichtlich mit dem Geschirr und dem Besteck. Davon wurde sie wach. Und ich war nicht sonderlich überrascht, als sie auf einmal im Flur stand. Verschlafen, verwirrt, verlegen. „Es riecht so verführerisch, und ich schlafe ewig lange“, sagte sie. „Der frische Kaffee, die Brötchen.“ Sie dehnte sich, sie sah gut aus. Sie umarmte mich leicht. Sie sagte mit einem Blick auf die Uhr: „So schön wie es ist, ganz so viel Zeit habe ich gar nicht. Die Arbeit ruft bald. Und ins Bad muss ich auch noch.“ Sie duschte bei nur angelehnter Tür, sie rubbelte und föhnte sich, sie machte sich an verschiedenen Cremedosen zu schaffen. Und endlich saß sie am Tisch.
   Wir frühstückten.
   Ich erkundigte mich nach den Arbeitsaufgaben des Tages. Standen abermals Koloskopien oder diesmal eine Gastroskopie auf dem Plan? Melanome extrahieren? Amputationen?
   Sie biss tapfer in eine Brötchenoberhälfte und beschloss kauend: „Ich schätze mal, in mancher Hinsicht ist das nicht appetitlich, immer diesen chirurgischen Kram anhören zu müssen. Also lassen wir das mal. Außerdem bist heute du dran. Erzähl mal, wie weit du mit der Story über deine sagenhafte Reise bist. Was ist denn schon alles passiert? Ich komme mir echt egoistisch vor, wenn du immerzu bei mir zuhören musst und du darfst selbst nichts sagen.“
   Ich? Ohne dass ich es gewollt hatte, fiel mein Visier nach unten.
   „Hallo Jerominus, nicht eingeschnappt sein. Ich möchte einfach mal wissen, was du schon geschrieben hast. Nur mal so als Abriss.“
   Ich weigerte mich, eine Auskunft zu geben. Weil ich an der ersten Fassung schrieb und daher garantiert noch diverse Korrekturen vornehmen musste. „Besser, du liest es, wenn es fertig ist. Sonst wäre dir die Spannung genommen.“   
   Sie lächelte schlau. Und freundlich. Und mutig. „Es mag zwar nicht so aussehen, und ich habe gestern ja auch ganz was anderes behauptet, aber ich bin super gespannt, was du mir demnächst zu lesen geben wirst. Weil ich davon ausgehe, dass es sich trotz aller fast kuriosen Begleitumstände um die Schilderung von irgendwie wahren Begebenheiten handelt.“  

Folge 57 vom 26. Mai 2020  

Ich fuhr mit der U-Bahn mit zu ihrer Klinik. Ich begleitete sie noch ein Stück durch die Flure und Treppengänge. Bis sie stehen blieb und mich festhielt. „Bis hierher und nicht weiter. Hier beginnt das Reich der schneidenden Kunst.“ Sie küsste mich. Jemand sagte im Vorbeigehen „Guten Morgen, so lässt sich’s leben.“ Tineke kicherte und flüsterte: „Unser oberster Boss. Professor Kurz.“ Ich griente ihm hinterher.
   Kurz-Franzl, das waren maximal ein Meter und sechzig Zentimeter Körpergröße, wovon ungefähr ein Viertel die Region Kopf und Hals ausmachte.
   Tineke küsste mich noch einmal und kündigte an: „Es wird heute wieder spät.“ Danach musste sie in die Krankenstation, hinter deren Glastür der oberste Chefarzt verschwunden war.
   Und ich? Ich stand da und kratzte meinen Scheitel.
   Fahr nach Hause und schreib die Story weiter, befahl ich mir. Immerhin warten mindestens zwei Menschen mit großer Spannung auf deine Ergüsse. Tineke und Edward. Oder drei? Jonathan. Oder vier? Henriette. Vier Leute, das ist schon ein Bestseller kleineren Formats, dachte ich. Ich kicherte so harmlos listig wie manchmal Tineke kicherte. Was für eine Verheißung, vier Leser voraus zu wissen. Die umgehende Heimkehr und die konsequente Schreibfortsetzung ließen sich somit nicht vermeiden.
   Ich schritt. Durch die Gänge, über die Treppen zurück, vorbei an Türen, Fenstern, leeren, mit Plastikfolien bezogenen Betten, an Gestellen mit vollen oder leeren Tropf-Flaschen, an Paketen mit Verbandszeug oder Medikamenten. Vorbei an weißen, grünen oder blauen Kittel- und Anzuggestalten, an freundlichen, gleichgültigen oder besorgten Gesichtern. Das Kran­kenhaus, die Klinik. Sterile Gerüche, gedämpfte Geräusche. Sporadisches Klappern, hallende Satzfetzen. Eine Atmosphäre der Unwirtlichkeit, wirklich kein Hort zum freiwilligen Verweilen.
   Ich verließ das Klinikgebäude.
   U-Bahnhof sowieso. Der Bahnsteig. Der typisch metallische Geruch, der seit Ewigkeiten aus den Gleisbetten heraufwehte. Kioske, Passanten mit gelangweilt dreinblickenden Fratzen, erfolglose Bettler, dilettantische Musiker. Instrumenten-Futterale mit dünn gesäter Münzenlandschaft. Leg was dazu! Ein zunehmender Luftzug, ein heulend aufbrausendes Geräusch. Die Bahn kommt, weg von der Plattformkante, nicht drängeln, nicht schubsen. Türmechanismus, einsteigen. Abfahrt, nichts geht mehr. Rattatt, rattatt, rattattatt. Dunkelheit, nur das Innenlicht des Wagens. Die Sitzreihen, die Stehflächen. Die Stangen zum Festhalten. Entgegenkommende Lichterzüge, die wie Blitze vorbeijagen. Der ganze Zug bebt. Die nächste Station naht. Wir nähern uns. Automatische Ansage, Hinweise, alles aus dem Lautsprecher. Stehen. Zurückbleiben. Wei­ter. Wiederholung. Anfahren, rasen, bremsen. Anfahren. Wieder Gesichter, Fratzen, Menschen. Raus, rein. Stehen, sitzen. Glotzen, lesen. Kopfhörer. Handys. Hören, quatschen, lachen, schimpfen, Trübsal verbreiten. Rein, raus. Die einzige Begegnung mit eben diesem Fahrgastgesicht in diesem ganzen Leben. In meinem, seinem. Oder? Ernesto, Tonya, Lurtz. Der Raumkreuzer. Interstellares und intergalaktisches Sehen. Beobachten, Wissen. Alles. Ewigkeiten.
   Ich saß allein, ich sehnte mich nach Tinekes Kopf, auf dass er vertrauend und vertraulich an meiner Schulter lehnte. Ich sehnte mich nach Tineke. Prompt schnapperte mein Handy. Tinekes Name auf dem Display. Ich drückte die Sprechtaste. „Nur kurz, mein Lieber. Wir haben völlig vergessen, über das Wochenende zu sprechen. Henriette, Jonathan, Edward.“
   Ich beschwichtigte sie: „Das ist geregelt. Sie wissen Bescheid. Und sie sind nicht beleidigt oder enttäuscht, weil ich unseren Besuch abgesagt habe.“ Sie atmete auf, ich konnte es trotz der Bahngeräusche hören. „Klingt ja, als würden sie uns nicht mal vermissen. Na, besser als umgekehrt.“ Sie wollte das Gespräch beenden. Ich hielt sie auf. „Morgen müssen wir zumindest einen Piccolo zusammen trinken. Wir haben ein tolles Jubiläum.“ Sie schwieg, ich spürte ihre Verunsicherung, ihre Gedanken durchrasterten die letzten Wochen, Tage, Stunden. Ich sagte, um das Gespräch nicht unnötig zu verlängern: „Wir sind eine Woche verlobt. Morgen Abend.“ Sie kreischte fast, und sie rief: „Juchhu. Tineke und Erasmus Erster. Eine Woche, ein großes Stück Leben. Ich fasse es nicht!“  

Ich fuhr doch nicht direkt in die Wohnung zurück. Etwas in mir stieß mich an, als die U-Bahn in die Umsteigestation zum Fernbahnhof einlief. Was? Inter-City-Züge, dachte ich. Ich verließ den Wagen der U-Bahn und fuhr von einem anderen Bahnsteig aus zum Fernbahnhof. Dort mischte ich mich unter die Menschentraube, die über die Rolltreppen durch die Gänge hinauf zu den Fernzügen transportiert wurde. Ich war ziellos, planlos. Irgendwie jedoch unruhig. Dann stand ich in der riesigen Haupthalle, wieder wie damals, wieder wie an jenem Tag, da nichts mehr gegangen war. Chaos, Katastrophe.
   Ich schaute umher, ich wartete. Nein, heute war es kein neuerliches Warten auf eine Wiederholung der außergewöhnlichen Katastrophe jenes außergewöhnlichen Tages. Kein konkretes Warten, wie ich es eigentlich vor zwei Tagen empfunden hatte, als ich eben hier durch die Passagen des riesigen Bahnhof-Komplexes gestrichen war und auf die Ansagen gespitzt hatte. Als ich mir aufgescheuchte, ziellos sich entlang wälzende, sich begegnende Menschenströme gewünscht hatte. Einen Stillstand, der die Bewegung gegen den üblichen Trott auslöste.
   Trotzdem sollte gleich etwas passieren, das ich nicht hatte voraussehen können. Oder sollte, wollte ich es voraussehen? War es nicht so, und passierte es nicht auch? Das, woran man am wenigsten denkt.
   Als ich auf der nächsten Rolltreppe stand, um mich auf eine höhere Bahnsteigebene befördern zu lassen, meinte ich auf einer parallel nach unten rollenden Treppe jenen Lurtz zu sehen. Meinen, unseren Lurtz. Vielleicht fünf, sechs Meter von mir entfernt. Den Blinden, den Mann mit dem Stock, der dunklen Brille, dem Button mit den drei Punk­ten. Sein Gesicht, seine Haltung, die Bewegung des Mundes. Wer, wenn nicht er, konnte es sonst sein? So unverwechselbar. Ich reckte den Hals, rieb mir die Augen, lehnte mich weit über das mitrollende Geländer und wollte winken.
   Zugleich machte ich eine noch erstaunlichere Beobachtung: Neben Lurtz stand jemand, den ich ebenfalls kannte: Jonathan. Nein, er stand nicht nur neben Lurtz, er hielt seinen Arm, er stützte ihn, er führte ihn, er redete in seiner freundlichen Art mit ihm.
   Ich war mir meiner Beobachtung ganz sicher. Wiewohl ich das Bild nach drei Sekunden schon wieder verloren hatte, denn andere Menschen drängten sich davor, die Rolltreppen taten das ihrige. Die eine fuhr aufwärts, die andere hinab. Wer sich hier kurz begegnete, wurde auch prompt wieder auseinandergeführt. Auf immer, auf nimmer Wiedersehen. Die zwei vertrauten Gesichter, die bekannten Gestalten, ich musste sie demzufolge verlieren. Ich wollte es nicht, ich wollte sie anhalten, festhalten. Wollte sie rufen: „Lurtz, Jonathan, wartet, hier ist Erasmus!“ Doch ich wagte es nicht. In die Masse der Menschen hinein. In diese Szene, die ich, nachdem sie sich geschlossen hatte, schon fast für eine Erscheinung hielt. Für eine Gaukelei der unergründeten Regionen meines Hirns.
   Oben angekommen wechselte ich natürlich sofort die Richtung. Zurück, nach unten. Hinterher. 

Folge 58 vom 27. Mai 2020

Es schrie in mir förmlich nach Verfolgung. Ich drängte mich durch die Menschen, die vor mir auf den gerippten Stufen dösten und nur widerwillig und bei verständnislosen Blicken Lücken freigaben, damit ich hindurch kam. Endlich befand ich mich unten in der Zwischenpassage. Ich spähte, lief nach rechts und nach links, kehrte wieder an meinen Ausgangspunkt zurück. Vergeblich, ich hatte keinen Erfolg. Lurtz und Jonathan, sie waren nicht zu sehen. Und doch konnten sie nicht weit gekommen sein. Wenn sie es waren. Wenn. Wenn sie nicht eine Erscheinung gewesen waren. Oder Doppelgänger. Zwei Doppelgänger aus dem Kreis meiner Freunde? Zwei so auffällige Gestalten, so einmalige Charaktere. Konnte es das geben?
   Eher sollte ich doch einem Mischprodukt aus meinen Wunsch-Projektionen und den realen Erinnerungen auf den Leim gegangen sein.
   Ich entschied mich, nach links zu laufen, dort gelangte man zum Ausgang, dort lagen auf dem Vorplatz die Imbiss-Restaurants, dort war der Taxi-Stand, dort standen mitunter dunkle Limousinen.
   Und heute? Ich schaute unwillkürlich auf die Haltebucht in der gegenüberliegenden Straße, von der ich mit Lurtz gestartet war. Die dunkle Limousine mit den getönten Scheiben. Die Bucht war leer. Jetzt. Trotzdem, am Ende der Straße sah ich ein schwarzes Auto fahren. Dunkle Scheiben, breiter Fond. Der Wagen hatte bereits zu großen Abstand gewonnen, als dass ich mehr als nur seine Umrisse erkennen konnte. Kein Nummernschild, keinen Fahrer, keine Mitfahrer.  

Nachher, in Tinekes Wohnung, tat ich mich beim Schreiben nicht sonderlich schwer. Ich arbeitete konzentriert und auch schnell. Zwei, drei Stunden; ohne dass ich längere Pausen einlegte. Ich dachte nicht mehr über die Begegnung am Bahnhof nach. Lurtz und Jonathan. Erasmus.
   War es eine wirkliche Begegnung oder nur ein Spektakel in meinem Hirn?
   Ich beschrieb nun die Vorbereitungen für den Start ins All. Ich schrieb und beschrieb gut. Ich wusste noch alle Details, fast konnte ich noch mehr schildern, als ich vor ein paar Tagen während des Flugs wahrgenommen hatte. Seltsam, oder doch nicht.
   Am frühen Abend verließ ich die Wohnung. Ich kaufte ein paar Lebensmittel, bereitete das Abendessen für zwei Personen vor und fuhr erneut mit der U-Bahn in die Klinik. Ich holte Tineke von der Arbeit ab.
   Ich hatte sie angerufen, sie war einverstanden. Sie freute sich. Sehr sogar. Abermals streifte ich nun durch die Gänge und Flure des gewaltig großen Gebäudes, nahm ähnliche Bilder und Eindrücke wie am Morgen auf, wenngleich sie mich nun nicht mehr so nachhaltig beschäftigten.
   Gewöhnte man sich vielleicht daran? Ja, doch, man gewöhnte sich an vieles, und es ging schnell.
   Ich passte Tineke an der Tür der Krankenstation ab. Sie lief, fiel quasi in meine Arme. Sie umarmte und küsste mich. Prompt kam auch der Chefarzt. Kurz-Franzl. „Donnerwetter“, sagte er, „sieht so aus, als hätten Sie den heutigen Tag vor unserer Tür verbracht.“ Ich wusste nicht, ob die Bemerkung ein Scherz sein sollte. Immerhin war er ernst geblieben. Und zum Erwidern kam es nicht; der Mann, der Professor sauste mit schnellen, hallenden Schritten davon. Ein Meter und sechzig Zentimeter – inklusive des riesigen Kopfes.
   „Manchmal ist dieser Mensch die wandelnde Herausforderung“, stöhnte Tineke. Sie hakte sich bei mir ein, wir liefen. Nein, sie bremste ab, blieb stehen, ich ebenfalls. „Ich möchte nicht, dass wir ihn einholen und bis zum Ausgang der Klinik neben ihm herlaufen und uns mit ihm unterhalten müssen.“
   Ich zweifelte. „Wenn du meinst, er würde sich mit uns unterhalten, dann spricht das eher für als gegen dich. Dann hat er eine gute Meinung von dir. Dienstlich.“   „Das schon“, lenkte sie ein. „Fast schon eine zu gute. Stell dir vor, heute musste ich tatsächlich eine eigene OP durchziehen. Also innere Organe. Richtig fetter Bauchschnitt.“ Sie pustete mich an. „Das hat er einfach so verfügt. Und er sagt, falls was nicht hundert Pro hinhaut, steht er ja daneben und greift sofort ein. Du, und dann ist er gar nicht da.“ Sie sah blass aus, die Unterlippe zitterte merklich. „Du, ich sag dir, mir war so was von flau und kotzig, ich musste nach den drei Stunden, die das gedauert hat, schnurstracks aufs Klo.“  
   „Aber du hast die Aufgabe ohne Makel bestanden!?“ Sie nickte. „Aber nur weil mir der liebe Gott die Hand geführt hat. Oder irgendein Schutzengel. Oder jemand, den ich nicht kenne und du auch nicht, der es aber total gut mit mir meint.“
   Ich zwinkerte. Ich dachte, da ist sicherlich etwas dran, du kennst sie nicht. Aber ich.
   Ich behielt das für mich. Ich lächelte und dachte an Lurtz, an Tonya. Ich sagte: „Vermutlich von jedem was, insbesondere, weil ich an dich gedacht habe. Ziemlich intensiv.“  
   „Ich bin echt froh, dass du so viel weißt und mir alles so genau erklären kannst. Danke, Jerominus. Dokter.“ Sie fasste meinen Arm, wir liefen weiter, sie sagte: „Morgen zu dieser Zeit sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wir haben unser erstes Verlobungsjubiläum und können uns schon zu den Spießer-Paaren rechnen. Wie nennt man das, eine Woche Ver­lobt­heit? Golden, eisern oder diamanten? Oder vielleicht galaktisch.“ Ich zögerte erst. Galaktisch? Ich erwiderte dann: „In der Rhön ist das so. Dort nennen sie eine Woche Verlobtheit galaktische Verlobung. Ganz bestimmt. Wegen des Tempos.“
   Sie gähnte. „Ich bin müde. Eigentlich möchte ich nur schlafen. Und mit der Rhön lass mich heute mal ausnahmsweise in Ruhe. Auch wenn es sonst immer sehr lustig ist. Ich krieg das einfach nicht mehr zusammen.“       

Folge 59 vom 28. Mai 2020   

Die Feier fiel aus. Eine Woche Verlobtheit war auch so. Tineke musste an diesem Samstag noch früher als sonst aufstehen. „Der Chefarzt hat mich um sechs bestellt. Was das soll.“ Es gab aber keine andere Wahl. Sie fügte sich, sie krabbelte in aller Frühe aus dem Bett. Und ich sah ihr eine deutliche Erleichterung an, da auch ich aufstand und ihr das Frühstück machte. Ja, und zur Klinik fuhr ich ebenfalls mit. Heute wieder. „Das hilft mir total“, gab sie zu. „Ich sehe, du denkst an mich, du bist immer für mich da. Falls ich umzukippen drohe, rufe ich mir das ins Gedächtnis. Dich.“
   Ich versuchte einen Scherz: „Umkippen wäre nicht so tragisch. Den falschen Patienten nicht richtig zu schneiden oder die Verbandsschere in den Bauch einnähen, das ist viel problematischer. Die Klassiker in den OPs, das weiß sogar ich.“
   Wir saßen bereits in der U-Bahn, sie hatte die Augen geschlossen, der Kopf lehnte an meiner Schulter. „Liebst du mich?“, fragte sie leise. Ich schwieg, ich musste nicht antworten. Sie gab die Antwort selbst: „Stimmt, ich sollte dir diese Frage nicht stellen. Als mein Verlobter bist du sowieso verpflichtet, mich zu lieben. Das ist Vorschrift. Familiengesetzbuch, Verlobtheitsgesetzbuch, Paragraf neuntausendsiebenhundertdreiundzwanzig, Absatz C, Klausel drei a. Auch wenn wir ab heute Abend ein altgedientes Paar sind, mit galaktischem Verlobungsjubiläum, und Spießer.“ Sie hatte die Augen geschlossen. Sie sagte aber noch: „Du, ich werde mit dir heute wahrscheinlich nicht auf unser Jubiläum anstoßen können. Wegen Müdigkeit; und weil ich morgen auch so zeitig zur Arbeit muss wie heute und es mindestens so lange dauert, bis ich fertig bin. Ich danke dir, dass du dafür Verständnis hast. Und für alles andere. Du bist nicht nur ein großartiger Schriftsteller, sondern auch ein wunderbarer Mensch.“ Sie war schon im Halbschlaf und sie redete noch. Ihre Stimme wurde leise und leiernd. Bis sie nichts mehr sagte und vollends schlief. Ich hörte es nicht an den Atemzügen, ich fühlte, ich wusste es einfach.
   Als wir die Klinik betraten, sah sie allerdings erholt aus. Das kommt von innen, dachte ich, von der Einstellung zur Arbeit. Das ist Willen, Kraft. Sie hat das Ziel, eine erstklassige Ärztin zu werden. Sie wird es schaffen. Sie wird erfolgreicher sein als ich mit meiner Schriftstellerei.
   Ich brachte sie zur Glastür. Sie umarmte mich lange. „Ich werde dich auch noch lieben, wenn wir schon zwei Wochen verlobt sind. Das ist dann die doppelgalaktische Verlobtheit.“
   „Ja“, erwiderte ich. Ich fand es allmählich kompliziert. Zu dieser äußerst frühen Stunde. In der Unruhe dieser Flure, wo es zog und wir von einem künstlichen Licht umgeben waren, das eine sterile Kälte ausströmte. Ich lenkte ab, lenkte um. „Aber wenn wir dereinst heiraten, wie wird dann gerechnet?“
   Sie hielt mich immer noch fest. Nur noch an den Händen jetzt. Sie stand vor mir. „Jetzt müssen wir zunächst die Verlobtheit durchstehen. Ich wüsste ja nicht mal, wohin wir unsere Hochzeitsreise machen sollten.“
   Ich hätte ihr die Rhön vorgeschlagen. Ein Scherz, allerdings kein origineller mehr. Ich wollte es nicht. Wegen der Stimmung und der frühmorgendlichen Uhrzeit. Zudem hallten Schritte hinter uns. Sie näherten sich flugs. Ich erkannte sie. Sie waren kurz. Es war Professor Kurz-Franzl. Der Chefarzt, wer sonst. Er grüßte höflich, und er lächelte verstohlen, sicherlich auch etwas ältlich, ehe er in der Station verschwand. Die Arbeit, der Mediziner.
   Tineke sagte: „Noch mal eine von seinen Flur- und sonstigen Bemerkungen hätte ich jetzt nicht ausgehalten.“ Sie stieß sich von mir ab. „Sei du mal auch schön fleißig.“
   „Auf jeden Fall“, versprach ich und trollte mich zurück in die Wohnung.
   Dass ich das Versprechen nicht ganz prompt einhalten würde, war indessen abzusehen. Ich hatte das Notebook eingeschaltet, die Tasse mit dem hoch konzentrierten Kaffee neben mir und das Fenster weit aufgestellt. Ich gähnte wie ein Leu, und ich fror an den Füßen und allmählich auch am Körper. Ich fand den Geruch und den Geschmack des Kaffees unangenehm. Ich versuchte, den bereits geschriebenen Text zu lesen und sogar zu korrigieren. Es misslang völlig. Alles, das da stand, war mir fremd, uninteressant und öde. Schon gar nicht brachte ich es fertig, weiter zu schreiben. Meine Ankunft im Raumkreuzer, Gespräche, Eindrücke. Unglaubliches. Ich klappte den Computer zu. Ich stand am offenen Fenster. Ich glotzte mit kleinen Augen auf die Straße.
   Es sind höchstens, sieben Schritte bis zum Bett, dachte ich. Und ich dachte: Niemand hat etwas davon, wenn du dich quälst und ziellos in der Wohnung rumläufst, benommen vor dem Fenster stehst oder dämlichen Gesichts vor dem Computer-Bildschirm hockst. Am wenigsten Tineke.
   Ich legte mich dennoch nicht hin. Mein schlechtes Gewissen. Ich zog eine Jacke an und verließ die Wohnung, das Haus. Ich trottete durch die Straßen. Ich achtete darauf, dass ich ja nicht den Weg in Richtung Fernreisebahnhof einschlug. Ich wünschte mir heute einen Hund. Und ich hatte auf einmal den Gedanken, zum Tierheim zu fahren und solch ein armes Luder, das ausgestoßen und ungeliebt, in einer Gitterzelle darbte, zu erlösen. Ein Hund für mich, ein wunderbarer, treuer Gefährte, den ich Kurzel und manchmal sogar Professor nennen würde und der einen riesigen Kopf haben musste. Eine Aufgabe, ein Alibi. „Der Hund braucht Bewegung, er muss Gassi.“ Dieses und Ähnliches würde ich zu allen Leuten sagen, die mir mit fragenden Gesichtern oder Worten bei ansonsten ziellosen Wanderungen auf den Fußwegen der Hauptstadt begegneten. Und natürlich: „Ist er nicht reizend? Reinrassig oder Mischling? Rüde oder Hündin?“
   Heute. Jetzt. Und in fünf oder sechs Stunden, an den nächsten Tagen, in den nächsten zehn, zwölf oder noch mehr Jahren? Ich würde mich um diesen Hund kümmern müssen und von ihm abhängig sein. Weil er von mir abhängig, auf mich angewiesen war. Und Tineke würde, wie ausgepumpt sie auch sein mochte, lästern: „Nimm deinen Kumpel aber nicht mit in das Hantschuloko, das man mit einem n schreibt; dort setzen sie ihn prompt auf die Menü-Karte.“
   Demnach fuhr ich nicht ins Tierheim. Nebenbei bemerkt hatte ich meine Gefährten an der Küste. Henriette, Edward und Jonathan. Meine Gefährten, meine Leser, die dringend auf die Fertigstellung des Textes warteten. Der Bestseller für vier. Ich lächelte.

Folge 60 vom 29. Mai 2020

Es war das erste selbst produzierte Lächeln an diesem Morgen. Es kam von innen, es war Ausdruck eines zaghaften Frohseins. Und war es nicht auch das erste Lächeln dieser Art, das ich seit mindestens drei Tagen zuwege gebracht hatte?
   Dieses Lächeln spiegelte sich. Eine Frau mit einem Mädchen ging an mir vorüber. Das Mädchen sagte zu der Frau: „Guck mal, Oma, der Mann war ja lustig.“ Darauf erwiderte die Frau: „Bloß weil einer mal ’n bisschen lacht oder grinst, muss er nicht gleich lustig sein. Manchmal sind solche nur schadenfroh und lachen über das Unglück von anderen.“ Natürlich, das Mädchen wusste nicht genau, was es mit dem Schadenfrohsein auf sich hatte. Es fragte sofort danach. Und die Frau gab gleich eine Antwort. Doch die beiden, ich auch, waren schon zu weit weg, um das verstehen zu können.
   Immerhin, es war ein Ansporn. Froh sein, lustig sein. Ob man nun richtig oder missverstanden wurde. Ich fuhr heim, ich klappte das Notebook auf und tippte.
   Ich tippte, ich will es nicht anders formulieren. Bestenfalls ließe sich sagen: Ich schrieb vor mich hin. Es kam wenig Brauchbares heraus. Also hätte ich ergänzen können: Und nichts zu schreiben, so war mein Sinn. Folglich löschte ich nach etwa einer Stunde alles wieder, klappte den Computer, der von Insidern auch Maschine oder Rechner genannt wurde, zu. Ich sah mich in der Wohnung um. Das Bett lockte mit Macht. Schon wieder und immer noch. Und doch bewies ich abermals Stärke. Ich beschloss, mich anderweitig zu beschäftigen. Mit nützlichen Dingen. Zwei Leuchtkörper mussten ausgewechselt werden, das Badezimmer konnte ein Putzaktion vertragen, der Teppich im Flur schrie nach einem Staubsauger, und den noch in der Wohnung befindlichen Exemplaren aus der Erster’schen Schallplattensammlung tat fraglos ein Entstaubungsverfahren gut. Zwischendurch die Fußballkonferenzschaltung im Radio mitgenommen, ein paar Einkäufe erledigt, Abendessen vorbereitet.
   Und endlich ein Anruf von meiner Verlobten. „Noch sechs Stunden.“ Sie hörte sich gut an, gar nicht mehr müde und erschöpft.
   „Bis ich dich abholen soll oder bis zum Einwöchigen?“
   Sie schalt mich. „Es ist sechs. Meinst du, ich will erst um Mitternacht hier weg?“   Es war ein Scherz. Wir verabredeten uns für halb neun. „Schön, wenn du mich wieder abholst.“ Ich hörte hinter ihren Worten die Erschöpfung heraus. „Morgen muss ich genauso früh hier sein wie heute.“
   Ich dachte, wie lange wird sie das durchhalten?
   Nicht mehr lange.
   Und ich selbst? Ich fühlte mich jetzt besser. Ein Abendmensch. Zumindest tendierend. Abendliches Arbeiten bevorzugt.
   Ich setzte mich an das Notebook und brachte endlich brauchbare Sätze auf den Monitor. Meine Zeit im Raumkreuzer, sie begann noch einmal. Ich lebte sie nun aus. Im Rückblick. Ich schilderte jede Menge Details, wahrscheinlich sogar alle, denn ich sah mich noch einmal dort. Ich fühlte mich dort. Mit Tonya, mit Lurtz, wartend auf das Gespräch mit meinem Vater.
   Es war kein Erinnern oder Rückblicken schlechthin, das ich betrieb, keine bildhafte Darstellung des Erlebten. Kein chronologisches Aufschreiben. Es war das Wiedererleben und Aufarbeiten. Es ging tief in mich hinein, zugleich kam es aus tiefstem Grunde aus mir heraus. Es berührte mich sehr. Mehr als während des wirklichen Aufenthaltes in dem Raumkreuzer, als ich vieles gar nicht voll begriffen hatte. Wohl weil ich nun die Distanz hatte. Zeitlich, sicher auch gedanklich. Ich musste einige Male aufstehen und in der Wohnung herumlaufen, aus dem Fenster schauen oder in den Spiegel, um mich davon zu überzeugen, dass die Welt, so wie sie war, noch existierte, und um zu begreifen, dass ich Tränen in den Augen hatte.
   Und ich war mit meiner Schilderung noch längst nicht zu der denkwürdigen Begegnung mit meinem Vater gelangt. Ich hätte es an diesem Abend nicht mehr geschafft, über die Begegnung mit Professor Ernesto Erster zu schreiben. Mir fehlte die Kraft, auch die Zeit. Ich machte den Deckel des Notebooks zu. Ich saß danach Minuten entlang und starrte einfach auf die Wand. Bis mir das Gesicht meines Vaters erschien. Der Professor, Papa. Er redete zu mir, doch ich konnte ihn nicht verstehen, nicht hören. Ich schloss die Lider, sie öffneten sich von selbst wieder. Ich hielt mir die Hände vor das Gesicht, es wurde dunkel, nach einigen Sekunden verschwand die Erscheinung. Das Bild meines Vaters. Oder war es keine Erscheinung gewesen? War es eine Fortsetzung unseres Gesprächs? Der Versuch, der gescheitert war. An mir.
   Die Möglichkeiten mochte er haben. Viele Möglichkeiten hatte er.
   Ich sprang auf und lief aus der Wohnung. Ich fuhr in die Klinik. Ich saß auf einer Bank, die nahe der Glastür vor Tinekes Station aufgestellt worden war. Für Wartende. Es zog, klappernde Geräusche und unverständliche Halbsätze fegten durch die Gänge des Gebäudes. Kühl kam es mir vor, unwirtlich, vor allem trostlos.
   Ich hatte die Erscheinung abgeschüttelt.
   Es war noch mehr als eine halbe Stunde, bis Tineke kommen würde. Es wurde mehr. Gut eine Stunde. Ich war gerade dabei einzuschlafen. Auf der harten Bank, in der zugigen Ungemütlichkeit, trotz der Geräusche. Tineke wirkte gereizt, geschafft. Sie umarmte mich dennoch. Sie fühlte sich warm und innig an. Sie bedankte sich. Sie bemühte sich um Freundlichkeit. Aber sie heulte. „Erinnerst du dich, dass ich dir von der Frau mit dem Fleck auf dem Gesicht erzählt habe?“ Sie schluchzte leise. „Meine selbständige OP. Der Laborbefund ist da. Stell dir vor, sie hat Krebs. Es haben sich schon Metastasen gebildet.“ Sie sah mich mit zerfließendem Blick an.
   „Tut mir leid“, erwiderte ich. Ich strahlte jedoch kein Mitgefühl aus. Weil ich keines aufbrachte. Weil ich diese Frau nicht kannte. Weil ich mit einer Mitteilung dieser Art nicht gerechnet hatte.
   Tineke kapierte es. „Ich weiß schon, jeder hat heute mit sich selbst zu tun. Und der Chef sagt ja sowieso: ‚Als Mediziner muss man mit so was umgehen können. Und das lernt man mit der Zeit.’ Er hat ja Recht.“ Sie seufzte, sie trocknete sich das Gesicht. Sie lächelte plötzlich. „Er hat auch gesagt, er hielte mich für eine gute Ärztin. Eine sehr gute nämlich.“
   Im selben Augenblick öffnete sich die Glastür. Der riesige Kopf erschien, natürlich. Kurz-Franzl. Er nickte diesmal eindeutig mir zu. Er sagte: „Bei der Betreuung ist es kein Wunder, dass aus Ihrer Verlobten eine so gute Ärztin wird.“

Folge 61 vom 30. Mai 2020

Als sie um elf im Bett lag, flüsterte sie gerade noch: „Weckst du mich um Mitternacht? Damit ich dich wenigstens drücken kann. Eine Woche Verlobtheit.“
   Ich wusste von vornherein, ich würde es nicht tun. Ich schlief nachher selbst viel zu fest. Ich hatte auch Mühe, am frühen Morgen, es war Sonntag, wach zu werden und aus dem Bett zu kriechen. Ein Frühstück zu bereiten.
   Bei Tineke klappte das hingegen besser. Der Kaffeeduft, der Geruch des frischen Toasts, die sich in der Wohnung ausgebreitet hatten, waren ihr Wecksignal. Sie stand, wie am Vormorgen, in der Tür. Hinter mir. Sie hatte mich wohl einige Zeit beobachtet. Als sie sah, dass ich sie sah, lächelte sie. „Mein Chef hat Recht“, sagte sie. „Durch deine Unterstützung geht alles viel leichter. Du bist immer für mich da.“
   Ich war froh, dass sie das anerkannte. Nicht aus Eitelkeit. Es fiel mir leichter, so vieles auf mich zu nehmen. Sie umarmte mich. Schon wieder, aber es tat gut, sehr sogar. Bettwärme, wenn sie einem geschenkt wird, ist ein Stück Liebe, dachte ich.
   Wir frühstückten, ich brachte sie in die Klinik. Sie lehnte in der U-Bahn mit dem Kopf an meiner Schulter, schlief, nachher standen wir gemeinsam vor der Glastür. Alles wie vorher, nur dass der Chefarzt diesmal nicht an uns vorbeilief. Er kommt heute nicht, dachte ich. Eins zu null für uns. Für Tineke. Doch die Tür flog auf, eine Krankenschwester streckte den Kopf heraus. „Gut, dass Sie da sind, Frau Doktor. Der Chef wartet. Er ist schon vor einer Stunde gekommen. Eine dringende OP. Die Patientin von Zimmer 22.“
   Dieser Chefarzt. Von wegen Kurz-Franzl.
   Tineke gab sich einen Ruck. „Hilfe, das hatte ich wegen der anderen Sache gar nicht mehr auf dem Schirm. Ich komme!“ Sie hauchte mir einen Kuss entgegen. „Ich schicke dir eine SMS oder ich rufe dich an, damit du mich wieder abholen kannst.“ Schon verschwand sie.
   Ich starrte einige Sekunden auf die Tür, hörte die Stimmen, die sich schnell dahinter entfernten. Ich fuhr zurück in die Wohnung. Ich gähnte fürchterlich in der U-Bahn. Ich schlief fast ein. Und ich verspürte heute keinerlei Bedürfnis, umzusteigen und zum Fernreise-Bahnhof zu fahren. Atmosphäre auffrischen, Erinnerungen neu gestalten.
   Ich dachte, fahr heim, und leg dich in die Koje. Schlafen. Keinem ist gedient, wenn du dich im Wachbleiben quälst. Auch nicht Tineke, nicht aus Solidarität. Sei stattdessen stolz darauf, dass sie in der Station mit Frau Doktor angesprochen wird. Welch eine Wertschätzung.
   Es kam mal wieder anders. Ich betrat die Wohnung. Ich sah, nachdem ich die Wohnung betreten hatte, an der Wand des Zimmers das Bild meines Vaters. Es nahm die volle Fläche ein. Es hatte fast die Größe und Deutlichkeit wie bei der Bildschirm-Begegnung im Raumkreuzer. Der Mund bewegte sich, er redete. Verstehen, hören konnte ich nichts. Ich vermochte auch nicht, aus den Bewegungen der Lippen Worte oder Sätze zu rekonstruieren. Ich starrte das Bild eine Weile an, dann verschwand es. Es blieb verschwunden. Erst als ich die Augen schloss, kehrte es zurück. Blass und verschwommen. Da wusste ich, was ich soeben zu sehen geglaubt hatte, war nicht wirklich da gewesen. Nur in meinem Kopf hatte es existiert, eine Erscheinung. Schon wieder.
   Ich empfand die Erscheinung als ein Signal. Als eine Aufforderung. Sie kam aus meinem Hirn. Oder aus der Seele? Ohne zu zögern fuhr ich die Maschine hoch, öffnete die Text-Datei Tonya-001 und begann zu schreiben. Ich schrieb das Gespräch mit meinem Vater auf. Ich brachte die Gefühle mit hinein, die ich entwickelt hatte; und jene, die geblieben waren. Ich schilderte die Eindrücke, die sich nach und nach in mir gefestigt hatten und die beim Schreiben neue Klarheit bekamen. Ich arbeitete sehr genau. Als hielte ich mir einen Spiegel vor die Gedanken und sähe mich von außen dort sitzen. Vor dem Monitor, vor dem Gesicht meines Vaters.    

Gegen Mittag wurde ich unterbrochen. Es klingelte. Da ich den Klingelton der Wohnung bisher kaum erlebt hatte, nahm ich ihn als solchen zunächst nicht wahr. Ein Geräusch von der Straße, dachte ich, auf das ich nicht achtete. Erst bei der zweiten Wiederholung wurde mir klar, dass unsere Wohnung mit dem Klingeln gemeint war. Ich ging zur Tür und betätigte die Sprechanlage. „Bitte?“, sagte ich, und ich vernahm eine Frauenstimme. „Herr Erster?“ Für ein paar Augenblicke stockte mein Atem. Wer wusste denn von mir? Hier, in Tinekes Wohnung. War mir nun tatsächlich irgendein Amt auf die Spur gekommen? So, wie Tineke und ich dauernd gescherzt hatten, die Verlobtenkontrollpolizei: „Wir müssen überprüfen, ob Sie nicht womöglich im gleichen Zimmer und sogar in einem Bett schlafen. Bitte legen Sie uns auch eine beglaubigte Kopie Ihrer Verlobungsurkunde vor.“ Handschellen und Fingerabdruckkasten gehörten zur Ausrüstung. Eine fahrbare Zelle sowieso. Oder schickte mein Vater wieder jemanden? Eine Abgesandte aus dem All? „Tonya?“, entfuhr es mir daher ohne jede Gedankenkontrolle und ohne dass ich mir der Absurdität meines Gedankenzuges bewusst gewesen wäre.

Folge 62 vom 31. Mai 2020  

„Nein“, erwiderte die Stimme hastig. „Hier ist Helene. Sie kennen mich wahrscheinlich durch Herrn Dr. Edward Erster. Ihr Onkel.“
   Puh. Helene, die Verlagsbekanntschaft aus der Schweiz. Ich drückte den Summer.
   Und gleich darauf stand ich in der offenen Tür. Ich war neugierig, ich freute mich auch. Das hatte etwas zu bedeuten. Viel. Oder? Auf jeden Fall: Wenn der Prophet nicht zum Berg ging, kam derselbe zu ihm. Ich dachte, es wird sich etwas tun. Mal sehen was. Ein Buch wird entstehen, dachte ich. Geschrieben von mir. Das sizilianische Gericht, ein Roman, ein Krimi. Und in den Zeitungen würde mein Name zu lesen sein. Erasmus Erster – Sein erstes Buch. Auch Frau Stine-Pohl, meine einstige Chefin, der ich zwischenzeitlich meine Bewerbungsunterlagen zurückgeschickt hatte, würde davon erfahren. Von dem Erfolg des „Stümpers“. Ätsch.
   Helene sah wirklich nett aus. Längst keine fünfzig, nicht zu dürr und nicht zu korpulent, halblange brünette Haare, ein offenes Gesicht. Sie wirkte eher unsicher. Sie entschuldigte sich, gab sich mit dem Hinweis auf das Manuskript, das sie mitgebracht hatte, ein Alibi für ihren Besuch.
   Und Edward Erster? Sie sagte nichts über ihn. Dabei spürte ich irgendwie, dass es um ihn ging. Sie konnte ja nur über eine Stippvisite in seiner Villa an meine, was hieß Tinekes Adresse gelangt sein. Nicht nur wir an ihre.
   Ich bat sie in die Wohnung, sie durfte in dem Sessel sitzen, von dem man auf die hier verbliebenen Platten der besagten Sammlung schauen konnte, musste. Ein Anlass, um ins Gespräch zu kommen. Kein guter.
   „Ich habe alle meine Platten weggeben.“ Das hatte sie zu sagen.
   Ich hätte erwidern können, ich auch, ich habe meine Platten verpfändet. Oder getauscht. Gegen die Liebe einer jungen Assistenzärztin. Ich sagte es nicht. Ich sagte nichts. Ich war nicht ganz eingerichtet auf diesen Besuch. Ihr Blick wanderte durch das Zimmer. Da stand das Notebook auf dem Tisch. Der Textblock prangte mit der Schilderung einer Begegnung im All. Vater und Sohn. Natürlich, aus der Entfernung von etwa zwei Metern konnte man die Worte, Buchstaben und Sätze nicht entziffern.
   Sie vermochte den Gesprächsfaden auch so zu spinnen. „Es ist Ihnen also ernst mit dem Schreiben. Den Büchern.“ Keine Frage, eine Feststellung. Ich nickte.
   „Machen Sie was Neues, oder sind das Korrekturen?“
   Ich erklärte mühsam, dass es um eine äußerst ungewöhnliche Reise ging. Es sei zuerst für Tineke gedacht gewesen, auch für meinen Onkel. Und da sie kapierte, dass es wohl eine erweiterte Bedeutung bekommen könnte, bestätigte sie: „Manchmal ergeben sich aus diesen ganz persönlichen Niederschriften richtig gute Storys.“
   Sie sah mich plötzlich an, ziemlich entschlossen. Ihre Augen leuchteten. Ich wusste, sie würde nun keine Umschweife machen. „Ich hab das eine mit dem anderen verbunden. Deshalb bin ich hier.“
   Das Manuskript?
   Da legte sie es also auf den Tisch. Mir wurde flau. Wiewohl ich mir dieses Werkes immer sicherer geworden war. Ein Manuskript, das abgesehen von kleinen Schwächeleien, unbedingt für ein Buch taugte. Aber nun war es von kompetenter Hand bewertet, korrigiert, kritisiert worden. Hielt es einer solchen Begutachtung stand? Ich würde es erfahren. Gleich.
   „Ich wollte gern Ihren Onkel wieder sehen, und ich wollte mit Ihnen darüber sprechen.“ Ihr Finger tippte auf den Einband.
   „Mein Onkel“, erwiderte ich vorsichtig, „ist schon seit geraumer Zeit nicht in der Stadt. Er wollte nicht gestört werden. Das hat, glaube ich, mit Ihnen gar nichts zu tun. Ich kann ihn später anrufen und ihn fragen, ob er sich bei Ihnen meldet. Falls Sie noch eine Weile in der Stadt sind.“
   „Und falls er sich überhaupt an mich erinnert.“ Das klang unsicher, es heischte bewusst nach Widerspruch.
   „Sicher erinnert er sich. Sehr genau. Und wohlwollend. Er hat Ihre Abreise bedauert. Nicht nur einmal. Bestimmt würde er sich auch von selbst melden.“
   „Es war wegen meiner Arbeitsstelle, weswegen ich so überstürzt nach Hause gefahren bin. Der Verlag. Die Pleite wurde genau in meiner Abwesenheit akut. Ich hatte gedacht, ich würde für mich noch etwas retten können, wenn ich rasch hinfahre. War aber zu spät. Hätte ich also wenigstens die schöne Schweiz noch ein paar Tage länger genießen können. Die Verschuldung des Ladens war so enorm, dass für keinen von uns Angestellten was übrig geblieben ist. Kein bisschen Abfindung oder noch ein Restgehalt. Nur der große Chef, der hat sich seine Milliönchen in eines von diesen Steuerparadiesen retten können.“
   „Und nun?“
   Sie lächelte, und sie sah trotz der Bitternis, die sich mit der zu erwartenden Antwort verband, sehr charmant aus. „Nun stehe ich auf der Straße. Verlage gibt’s zwar wie Sand am Meer, bloß es will keiner eine weitere voll bezahlte Fachkraft einstellen. Praktikanten und Auszubildende, die man später nicht übernimmt, sind billiger.“
   „Für die Rente sind Sie ja wohl zu jung und als Sozialfall zu klug und zu anständig.“
   „Ach“, seufzte sie, „Sozialfall zu werden, davor schützt weder das eine noch das andere.“
   „Und mein Manuskript, was machen wir damit?“ Die Frage überfiel mich und damit auch sie spontan. Weniger, weil ich ihre Meinung hören wollte. Es war das Gesprächsthema. Immer und überall Krise und Sorgen. Ich mochte das nicht.
   Sie schaltete sofort um. „Mit der Einarbeitung der Korrekturen, die ich angezeichnet habe, würde es durchgehen. Mittelmaß. Die andere Möglichkeit wäre, wir krempeln es zusammen um. An einigen Stellen jedenfalls. Die Szene mit der Mord-Nacht im Museum. Fürchterlich. Ändern, kürzen oder rauslassen.“ Sie bekam wieder diese leuchtenden Augen, die sichtlich von ihrer Begeisterungsfähigkeit sprachen. „Wenn wir diese Passage vernünftig hinkriegen, könnte das sogar ein Buch werden, das leicht über dem Durchschnitt liegt.“
   Leicht. Welch eine schmalspurige Verheißung. Und doch, besser als falsches, enttäuschungsschwangeres Lob. Und besser auch als ein Verriss und diese üble Einschätzung: „Es taugt nichts, es ist Stümperei.“
   Nur blieb diese eine Frage offen: „Und wer wird das veröffentlichen? Kennen Sie einen Verlag?“

Folge 63 vom 1. Juni 2020  

Sie lächelte, und da sah sie so geheimnisvoll und zugleich so nett und auch so hübsch aus. Da dachte ich für die nächst folgenden Sekunden nicht an mein Manuskript, an mein künftiges Buch, sondern an sie, Helene, und ich stellte mir, nein, eigentlich ihm, diese eine wesentliche Frage: Warum flüchtest du in ein Versteck, warum richtest du dich wieder als Unternehmer ein, anstatt dich um diese außergewöhnliche Frau zu bemühen, Edward Erster?
   „Ich kenne einen Verlag, allerdings existiert er nicht. Nur hier drin.“ Sie tippte mit einem Finger gegen ihre Stirn.
   Ich verstand nicht, wie sie das meinte. Was sie meinte.
   „Dieser Verlag ist eine Idee von mir. Ich will ihn selbst gründen. Wegen des Kredits habe ich bei der Bank angefragt. Den kriege ich, wenn ich mein Häuschen als Sicherheit anbiete. Wie wär’s also, wenn wir mit Ihrem Buch starten? Zur Verlagsneugründung.“
   Es wäre nicht schlecht, dachte ich. Mein erstes Buch wäre zugleich ihr erstes Buch. Eine Problemlösung oberster Klasse. Ich hätte total zufrieden sein können. Ihre Erfahrung würde mir kolossal helfen. Ihre Verbindungen sicher auch. Also Luftsprung; oder wie nannte man das, was einem solchem Zustand entspross?
   Und doch fühlte ich mich nicht gut. Ich fühlte mich eher egoistisch. Helene würde das finanzielle Risiko tragen, im ungünstigsten Fall ihr Eigenheim draufgeben. Aber Erasmus Erster hatte dann das erste Buch veröffentlicht.
   „Kann ich nicht irgendwie dazu beitragen?“, fragte ich. Ich meinte, wenn ich sagte ich, eher meinen Onkel. Aus vielerlei Gründen. Der Hauptgrund war seine gute finanzielle Basis. „Irgendwie mit einem Druckkostenzuschuss.“
   Sie lächelte, sah geschmeichelt aus. „Geld ist immer gut. Ob so oder so. Wir können ja vereinbaren, dass Sie Exemplare abnehmen. Hundert Bücher. Von mir aus auch zwei- oder dreihundert. Zum Verschenken, oder Sie halten Lesungen und verkaufen und signieren die Exemplare.“  

Mir war schwindlig. Als Helene fort war, konnte ich zunächst keinen klaren Gedanken fassen. Es war sinnlos, dass ich mich vor das Notebook setzte, um weiter an der Story zu arbeiten. Es war auch sinnlos, mich in den Sessel zu lümmeln, um nachzudenken. Oder mich auf das Bett zu legen und die Augen zu schließen. Ich fand keine Ruhe.
   Irgendwann zog ich mir die Jacke an und ging aus dem Haus. Ich latschte durch die Straßen, vorbei an Schaufenstern, Menschen und Autos, doch ich sah nichts und niemanden wirklich an. Ich dachte an mein erstes Buch. Ganz konkret kam das Projekt auf mich zu. „Das Sizilianische Gericht“. Dabei hatte ich es ja zurückgestellt. Wegen der Story über meine unglaubliche Reise. Was sollte nun aus der Story werden? Ich war mitten drin, ich hatte gerade heute einen richtig guten Lauf gehabt. Gehabt. Ich sollte, wollte das fortsetzen.
   Nein, es klappte nicht. Ich kam nach Hause und vermochte nicht, weiter daran zu arbeiten. Kein Satz gelang mir.
   Ich ging zum Telefon und wählte die Nummer von Tinekes Handy, um mit ihr zu reden. Oder sie zu fragen, ob sie nicht eher nach Hause kommen könne.
   Das Handy war abgeschaltet. Ich wählte die Nummer der Station an. Niemand nahm ab. Natürlich, sie hätte ohnehin nicht kommen können. Auch wenn ich sie erreicht hätte.
   Ich lief abermals durch die Straßen der Stadt, dann fuhr ich in die Klinik, ohne zuvor in die Wohnung zu gehen. Meine Gedanken sortierten sich allmählich. In der U-Bahn ganz besonders. Das Geruckel, der Geruch, die Geräusche. All das dämpfte irgendwie jede Unruhe.
   Tineke, als sie am Abend durch die Glastür kam und mich mit einer Umarmung begrüßte, merkte nichts von meiner soeben überstandenen Aufregung. Sie hatte ihre eigene. „Was glaubst du, was heute wieder hier abgegangen ist.“ Sie lachte mich an. Und sie sagte: „Ohne dich wäre ich aufgeschmissen. Ohne deine Ruhe und Ausgeglichenheit.“ Sie hielt mich immer noch fest. „Wie kommst du mit dem Schreiben voran? Du bist doch hoffentlich noch bei dieser Story? Kantemus-Klinik.“ Und da ich mich kaum regte: „Also, wenn ich dir in irgendeiner Weise helfen kann, dann sag es bitte.“ Sie lief schon neben mir. Sie gähnte. Sie fasste während des Laufens um meine Taille. Ich liebte sie sehr, und ich war froh, dass ich sie hatte. Aber wir redeten nicht.
   Nicht über dieses Problem.  

An den nächsten Tagen kam ich nicht mehr vorwärts. Wenn ich versuchte, über mein Erlebnis im All zu schreiben, geisterte prompt die sizilianische Geschichte durch meinen Kopf, und wenn ich dann eben diese Datei öffnete, um die Korrekturen einzuarbeiten, die mir Helene gebracht hatte, verlor ich jede Konzentration. Ich fand dieses „Sizilianische Gericht“ irgendwie nichts sagend. Ich saß stumm und einfallslos vor den Zeilenreihen, und nichts passierte. In meinem Kopf und auf dem Monitor.
   Ich klappte das Notebook zu. Und ich machte es gar nicht wieder auf. Ich verbrachte meine Zeit, indem ich aus dem Fenster starrte oder durch die Straßen lief. Schließlich schaltete ich den Fernsehapparat ein, der in Jonathans Zimmer stand. Auf dem Bildschirm zogen Serien, alberne Spielfilme, antispannende Pokerrunden, Verkaufssendungen oder seltsam fremde Nachrichten vorbei. Alles ließ mich leer.
   Tineke bemerkte irgendwann, dass ich den Fernseher eingeschaltet hatte. Die Fernbedienung lag auf dem Tisch, Jonathans Sessel war ausgebeult. Es war mir peinlich. Doch sie bestärkte mich, sie behauptete: „Jemand, der den ganz Tag sonst vor dem Computer hängt und quasi darum kämpft, ein Buch zu schreiben, der braucht unbedingt Abwechslung. Der muss auch andere Gesichter sehen und andere Stimmen hören. Nicht nur, wenn er abends seine Verlobte von der Arbeit abholt und sie morgens in die Klinik begleitet. Noch besser wäre es, du kämst mal wieder richtig unter Menschen.“

Folge 64 vom 2. Juni 2020

Sie hatte Recht, das war freilich alles. Es brachte keine Abhilfe. Und wer weiß, wie lange ich noch so existiert hätte. Nutzlos, dumm, abgeschottet. Hätte nicht Helene angerufen. „Hallo, spreche ich mit meinem Erfolgsautor in spe?“ Sie klang ausgeglichen, freundlich. Leichte Tendenz zur guten Laune.
   Ich konnte mich nicht ohne weiteres darauf einlassen. Auf sie, auf ihre Stimmung. Ich litt mittlerweile unter einer regelrechten Schreib- und Korrekturblockade. Ich deutete es an, indem ich wortkarg blieb, mit schwacher Stimme sprach. Schließlich sagte ich es. „Bin in einem Konflikt. Zu meinem alten Manuskript habe ich derzeit keinen Zugang, und mit dem neuen komme ich nicht weiter. Überhaupt finde ich alles trostlos.“
   „Ja“, entgegnete sie ernst. „Das kommt vor. Bei Schriftstellern. Nicht nur bei diesen. Bei vielen Menschen. Bei fast allen. Nur Ihren Onkel würde ich dabei ausnehmen. Der geht konsequent auf seine Ziele los. Aber sonst: Man hat sich schnell zwischen zwei Stühle gesetzt. Wenn’s nicht gar drei sind. Und warum? Weil man eigentlich auf beiden hatte Platz nehmen wollen.“ Sie überlegte. „Manchmal kann man allerdings nichts dafür. Da setzen einen dann andere dazwischen.“ Und sie bot an: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich in Ihrem Fall nicht ganz unbeteiligt bin. Bin ja total unverhofft in Ihr Leben und Ihre Arbeit geschneit. Naja, nun komme ich ja übermorgen wieder nach Berlin. Wir könnten uns treffen. Bisschen Ordnung reinbringen. Die Planungen konkretisieren. Und deswegen hatte ich eigentlich angerufen.“
   In der Tat, eine kluge Frau. Und Edward Erster?
   Ich erzählte es Tineke. Sie musste erst überlegen. „Helene?“ Dabei hatte sie mich doch erinnert. Der Zettel mit der Adresse. Als der Groschen gefallen war, war sie zuerst bestürzt. „Ich muss ja total überarbeitet sein, dass ich das vergessen habe.“ Danach stimmte sie mir zu. „Wenn sie dir hilft, dass du beim Schreiben Fortschritte machst, triff dich mit ihr.“ Wir saßen beim Frühstück, als sie das sagte. Es dämmerte fast noch, so früh war es. Und das fürchterliche Wetter. Der Wind sauste durch die Straßen, er riss noch und noch bunte Blätter von den Bäumen und trieb sie vor sich her. Herbst. „Du wirst dich ja nicht gleich in sie verlieben.“ Sie hob den Finger, an dem sie ihren Verlobungsring trug. „Schon deshalb nicht. Und die Verlobtenbehörde hat dich sowieso immer unter Kontrolle. Sie haben einen Satelliten im Weltall.“
   Ich lächelte müde. Ich erwiderte, Helene würde gut zu Edward passen. Als Partnerin. Zu mir als Verlegerin. Ich wollte von dem Vorhaben erzählen. Ein Verlag, in dem ich der erste Autor sein würde.
   „Ich muss noch duschen. Und Zähne putzen.“ Sie trank hastig die Tasse leer. Sie sprang auf. „Irgendwann wird’s besser.“ Ich nickte, sie sah es nicht. Das Wasser begann zu rauschen. Durch die halb offene Badezimmertür rief sie: „Mein Gott, wie gern würde ich mal wieder mit dir verreisen.“ Sie kicherte. „Und auf einer Waldlichtung endlich mal einem total scheuen Reh gegenüber stehen.“ 

Helene kam mit einem Korb. Er hing an ihrem rechten Unterarm. Da sie wegen des regnerischen Wetters ein rötliches Kopftuch trug, sah sie ein bisschen wie Rotkäppchen aus.
   „Ich habe gebacken“, sagte sie. „Kuchen.“
   Oje, dachte ich, mit selbstgebackenem Kuchen sind immer solche ungewollt aufdringlichen Selbstbeschreibungen verbunden. Scheidung, Beruf, verkorkste Kinder, Sandbänke im eigenen Leben. Die gestrandete Flotte aller hehren Vorstellungen und Ideale. Die unausbleibliche Präsentation des Sichselbstmutmachens.
   Ich kochte Kaffee, wir saßen in Tinekes Zimmer, das mittlerweile zu meinem Lebensmittelpunkt geworden war.
   Der Kuchen schmeckte gut. Vielleicht hatte sie die unvermeidlichen Fragen erwartet. Die Fragen, die zu diesem Kuchen gehören sollten. Das mit der Scheidung und verschiedenem Unglück, zumal ich mich ja bereits gefühlsmäßig an der Entlassungsmisere beteiligt hatte. Ich hätte die neue Recherche mit der Frage einleiten können: „Backen Sie öfter?“ Und sie hätte vermutlich geantwortet: „In letzter Zeit nicht mehr.“
   Da ich die Frage aber nicht stellte, fing sie allein mit der Geschichte an. „Meine Tochter ist jetzt aus dem Haus, sie lebt mit ihrem Freund zusammen.“
   Ich nickte freundlich. Schließlich fragte ich doch nach den sonstigen Verhältnissen. Aus Anstand, aus neuerlichem Mitgefühl, wer weiß.
   Es kam das heraus, was ich erwartet hatte: geschieden, die nächsten Versuche mit Männern missglückt. Nichts Ungewöhnliches also. Wenigstens mit dem Zusatz: „Das ist jetzt aber durch, da müssen wir nicht drüber reden.“ Und ohne wesentliche Pause kam sie zum Grund unseres Kaffee-Kuchen-Treffens. „Also, wir müssen unser Verlagsprogramm nicht auf Biegen und Brechen mit dieser sizilianischen Geschichte starten. Falls es was anderes, was Besseres im Erster’schen Angebot gibt. Woran schreiben Sie denn jetzt?“ Ich druckste. Ich wand mich. „Ich kann das schlecht erklären.“ Und als sie fragte, ob sie das, was ich bereits fertig hätte, mal lesen könne, wagte ich nicht mal, sie anzusehen.
   Sie lächelte. „Ist es so schlecht?“ Ich zuckte mit den Achseln. „Na ja, es klingt so unwahr. Möglicherweise übertrieben.“
   „Ach, unwahre, übertriebene Geschichten lesen sich oft am wahrsten. Wahre Geschichten glauben die Leser dagegen oft nicht. Es hängt ja auch vom Erzählvermögen des Autors ab. Um genau zu sein: Es hängt nur davon ab. Von nichts sonst.“
   Ich zierte mich dennoch. Erstens war die Geschichte nicht fertig, zweitens hatte ich Angst, ausgelacht zu werden.
   Drittens, was war drittens?
   Nichts.
   Ich erklärte ihr die ersten beiden Gründe. Sie biss in den Kuchen, trank aus der Tasse, auf der Jonathans Name stand, und wohl nach einer halben Minute erwiderte sie dann: „Wenn Ihnen ein Text peinlich ist, sollten Sie ihn gar nicht erst geschrieben haben. Was als Buch erscheint, kann nämlich jeder lesen. Sie müssen als Verfasser dafür grade stehen. Da gibt’s oft genug ganz gemeine Kommentare. Sie kommen hinten rum oder klatschen einem direkt ins Gesicht. In drittklassigen Zeitungen, im Internet. Jeder Wichtigtuer, der die Buchstaben auf der Tastatur auseinander halten kann, kann sich das Recht herausnehmen, seine unqualifizierte Meinung in einem Forum zu hinterlassen. Dagegen ist man machtlos. So sind Leute. Leser, Neider. Besserwisser. Oder es passiert noch Schlimmeres: Keiner interessiert sich für das Buch. Nicht mal Freunde, Verwandte. Es wird nicht mal in Gesprächen erwähnt. Und wenn Sie fragen, hast du diese und jene Seite gelesen, werden Sie auch als Mensch übergangen.“ Ihre Miene war etwas von Mitleid gefüllt. Von der Frage, ob ich es überhaupt möchte: ein eigenes Buch.
   Doch, ich wollte es.    

So geht es, wenn Sie mögen (oder du magst),
voraussichtlich mit Kap. 65 und dem nächsten Teil
des Romans auf community-Ebene 005
am 3.Juni  2020 weiter  

5. Teil Ernstfall