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literatur GEGEN Gewalt und Extremismus


Liebe Lese-Community,
bitte folgen Sie weiterhin den (nicht immer ganz) regelmäßigen Fortsetzungen. Es wird immer spannender.

Unser Motto lautet (nicht nur in diesem Buch):
Vorwärts zum Happyend

Die nachfolgende kostenlose
Fortsetzungsreihe erfolgt aus dem Roman

SEIN ERSTES BUCH
von Alexander Richter-Kariger

erschienen 2011 im
firstminute Taschenbuchverlag
540 Seiten
© alle Rechte beim Verlag

Ideal für das Ifon, aber auch als ausgedruckter Text gut lesbar.

                      *****          *****          ******          ******



 
II. Teil
(dieser wunderbaren Geschichte)
VOR, HINTER UND AUF DEM DEICH

Folge 16 vom 15. April. 2020   

Wurde es gut?
Es hätte das Finale jenes mittelmäßigen, kitschigen Films, in dem ich mich scheinbar befand, werden können. Ein Happyend wie es die Crash-Writer in ihren Soft-Romanzen nicht besser hinzukriegen vermochten. Und es wurde auch eines. Egal, dass es sich irgendwann als zeitlich befristet erwies und somit nur in Teilen stattfand. Aber so ist das in Filmen. Sobald Sie sich gekriegt haben, die Hauptakteure – meistens eine Frau und ein Mann – und für die Sekundär-Heldinnen und Sekundär-Helden auch ein paar Glücks-Brosamen abgefallen sind, lässt der Regisseur ausblenden. Wie es nach dem Happyend weitergeht, welche Schwierigkeiten und Unleidlichkeiten sich ergeben, das soll keiner mehr erfahren.
Egal, Edward Erster zog prompt mit uns an die Küste. Tineke quartierte ihn in der oberen Etage des kleinen Landhauses ein. Sie erklärte ihrer Großmutter, dass Edward Erster nun eine Weile mit im Haus wohnen würde. Ich natürlich auch. Erasmus, der Schriftsteller, der Schmalliche. Und sie nahm Abschied. Schon am nächsten Tag. Von der Großmutter, von mir. In wenigen Tagen fing sie die neue Stelle an. Aber sie versprach wiederzukommen. Mir und der Henriette. Sobald es möglich sei.
Wir ließen sie ziehen. Mit dem Zug. Wir standen am Bahnhof und winkten ihr hinterher. Ich, die Henriette. Und Edward Erster. Danach kehrten wir zurück. Edward Erster in das Obergeschoss, ich nahm im Wohnzimmer der Henriette Quartier.
Wir mussten uns erst an die neue Situation gewöhnen. Wir zwei Ersters zusammen mit der alten Frau, die alte Frau mit uns zwei Ersters.
Ich hatte keine sonderlichen Probleme. Zuerst. Auch die Henriette nicht. Sie hörte ja nicht so gut, sie lebte ohnehin anspruchslos, und sie war zufrieden, nicht allein zu sein.
Und Edward Erster? Er war zunächst bestrebt, dankbar zu wirken. Er gab sich ausgewählt höflich und bemühte sich um ein bescheidenes Auftreten, er klagte nicht, versuchte nicht aufdringlich zu sein und nicht gelangweilt auszusehen. Natürlich, ich kannte ihn gut genug, um seine heimlich gerümpfte Nase nicht zu bemerken. Die kleinen Stuben in der engen Dachwohnung, das zugige, altmodische Badezimmer, in dem die Toilettenspülung immer wieder klemmte, wodurch das Spülwasser manchmal minutenlang rauschte; und der Blick aus dem Fenster, der außer dem Deich und der riesigen Wiese als Nachbargrundstück nichts bot als Sträucher und ein paar gekräuselte Schafe, die sich ihm gegenüber auch noch in erklärter Abwehrhaltung positioniert hatten und ihre Blöklaute ausgerechnet während seiner Ruhe- oder Nachdenkzeiten von sich gaben. Dazu die Henriette, die nach Tinekes Abreise mehr denn je die Begriffe und Namen verwechselte und für einen Weltgewandten wie Edward Erster kaum als Gesprächspartnerin taugte. Lediglich bei der Titulierung des neuen Hausgastes vergriff sich die Henriette niemals mit den Worten. „Der ältere Herr“, so nannte sie Edward, der wiederum die zahlreichen kleinen und größeren Malheurs seiner Gastgeberin zwar begreifen, sie jedoch nicht wirklich überwinden konnte. Immer mal nickte sie ein, manchmal, wenn sie besonders erschöpft war, mussten wir, was heißt ich, ihr das Brot zu Häppchen schneiden, und beim Essen schmatzte sie sowieso und ließ dauernd ein paar Bröckchen runterfallen. Beim Trinken schlabberte sie und in manch unpassender Situation passierte ihr diese und jene Unachtsamkeit, die nach Edwards Auffassung nicht gerade zum guten Ton gehörte.
All dies war ungewollt, man konnte es nicht unbedingt appetitlich nennen. Und wenn man solch ein feiner Pinkel wie Herr Dr. Erster war, so verursachte einem die Gesellschaft der alten Frau nicht eben das ausgemachte Wohlfühlklima. Dann das Erscheinen von Dominique, die nun ihren professionellen Pflegedienst gegründet hatte und mit Betreuungsfällen noch nicht voll ausgelastet war. Sie kam immer mal wieder, um nach der Henriette zu schauen, ihr dieses und jenes zu helfen und mit ihr kleinere Sprachübungen zu absolvieren. An manchen Tagen erschien sie gar nicht, mitunter jedoch kam sie zweimal, morgens und abends, wobei ihr aufmerksamer Blick Edward Erster nicht aussparte.
Ein potenzieller Klient?
Edward Erster, der gerade mal vier, genauer dreieinhalb Jahre weniger als die Henriette zählte, bemerkte es natürlich. Nein, er redete darüber nicht. Doch seine Gedanken ließen sich unschwer erraten. Von mir. Er maß sich an ihr, mit ihr. Er verglich. Sich mit der Henriette.
Rein äußerlich ein himmelweiter Unterschied. Hier die alte Frau, die an den Folgen eines Schlaganfalls litt, da der geschniegelte, körperlich unerschütterliche Gockel, der noch immer in tiefen Zügen vom Kelch des Lebens nicht nur trank, sondern soff. Sichtlich schauderte es ihn, wenn morgens und also zuweilen auch abends die Pflegekraft anrückte und der alten Frau dieses und jenes half, sie in Ausnahmefällen sogar sanitärhygienisch runderneuerte. Bekam der lebensgestählte Ex-Großunternehmer nicht vorgeführt, was einen Menschen im fortgeschrittenen Alter alles erwarten konnte? Vielleicht nach Verlauf eben dieser dreieinhalb Jahre Altersunterschied? Oder noch früher, morgen vielleicht?
Edward Erster verdrückte sich sooft wie möglich. Insonderheit, wenn er Dominiques Erscheinen mutmaßte. Er schimpfte auf der Treppe vor sich hin, wobei er Dominique, die durchaus stabil und muskulös gebaut war und zupacken konnte wie ein Möbelhucker, als ein angriffslustiges Mannweib bezeichnete. Er verzog sich in die kleine Dachwohnung oder er setzte sich in den Garten. Er folgte genau dreimal meinem Ratschlag, es täglich mit einer Deichwanderung zu versuchen. Danach orientierte er sich anderweitig. Er kam am vierten Tag mit einem gebrauchten Wagen an. Ein grauer, von zig tausend Kilometern Fahrleistung gezeichneter Kombi, wie es sie in dieser Küstenregion und in allen anderen Landesteilen zuhauf gab, mit dem er folglich nicht auffallen würde. Er sagte: „Wenn ich mit dem Hawk in der Kreisstadt aufkreuzte, wäre ich doch in drei Minuten enttarnt. Diese Karre habe ich für wenig Geld von einem Mann geborgt, der behauptet, der Nachbar von Tinekes Großmutter zu sein.“ Er warf kopfschüttelnd einen längeren Blick auf die Wiese neben dem Grundstück der Henriette. Er feixte: „Der Kerl hat nicht mal nach meinem Namen gefragt. Wie naiv.“
Ich dachte, es könne, dürfe, müsse sich um Clements handeln. Der Eiermann, der nicht als solcher bezeichnet werden wollte und es dennoch war. Dem gehörte das Grundstück. Egal, dass dort kein Haus stand, sondern nur die kommunikationsdesinteressierten Schafe weideten.
Ich sagte es Edward Erster. Der machte ein erstauntes Gesicht, und etwas schien hinter seiner Stirn vorzugehen. Allerdings konnte er das Lästern nicht lassen: „Wenn ihm das Grundstück wirklich gehört, dann gehören dem Kerl bestimmt auch diese widerlichen Schafe. Ich hätte ihm mal noch auftragen sollen, dass er die Viecher wenigstens nachts zum Schweigen bringen soll. Die blöken und blöken und kosten mich den Schlaf.“
„Es ist deine Rastlosigkeit, die dich den Schlaf kostet“, widersprach ich. „Zugleich bist du aber auch nicht ausgelastet und weißt mit dem Leben am Deich nichts anzufangen. Die Schafe sind nachts jedenfalls still.“ Er sah mich zweifelnd an. „Dass du über keine echte Wahrnehmung mehr verfügst, wundert mich nicht, Erasmus. Du sitzt stundenlang vor deinem Monitor und haust noch und noch auf die Tasten. Das kann doch nicht gut sein. Diese monotone Schreiberei. Auf diese Weise kann doch kein spannendes Buch zustande kommen. Da muss einer doch vielmehr krank dabei werden. Im Kopf. Und Haltungsschäden wirst du dir auch zuziehen. Wenn du nicht schon welche hast.“ Es war, als wolle er explodieren. „Sollen wir nicht mal was unternehmen?“
„Was?“, fragte ich, und „Wie?“, fragte ich ebenfalls, und dabei hatte ich Mühe, ruhig und beherrscht zu bleiben. Nicht nur, dass ich intensiv an meinen Manuskripten zu arbeiten hatte, wollte ich auch die Henriette nicht allein lassen.
Er zog ab, brummelte und kündigte an, trotz der möglichen Querelen nach Berlin gehen zu wollen. In seine Villa. Er würde bei Hanni vorfahren und mit ihr reinen Tisch machen. Das berühmte Ende mit Schrecken. Hanni, die schöne Blondine, die nicht halb so alt war wie er.

Nein, er ging nicht. Nicht gleich. Er stieg in den Kombi und fuhr los. Am nächsten Tag und auch an den nachfolgenden Tagen. Meistens fuhr er in die Kreisstadt. Oder in eine andere Mini-Metropole. Doch er verriet nicht, was er dort tat, mit wem er Kontakt aufnahm. Ließ er sich zu neuerlichen Amüsements hinreißen, leitete er Geschäfte ein oder hatte er ein passables Wellness-Center entdeckt? Keine Auskunft. Dabei blieb er immer lange weg. Vom Morgen bis zum Abend. Als ich einmal, da er noch später als sonst zurückkehrte und eine prall gefüllte Aktentasche mit sich trug, direkt nach den Zielen und Inhalten seiner Touren fragte, blieb er zunächst stumm. Er stapfte gewichtig die Treppe hinauf. Auch danach, da er in seiner Wohnung war, hörte ich ihn laufen. Die Holzdielen knarrten, es pochte unter seinen Schritten. Schließlich hörte ich ihn reden. Selbstgespräche? Nein, das Handy. Ich verstand nicht, was er sagte. Bis er laut wurde, weil offenbar die Verbindung unterbrochen war. Mehrmals versuchte er, neu in die Leitung zu kommen. Ohne Erfolg. Da kam er schließlich wieder herunter. Der Hall und das Tempo seiner Tritte ließen mich mühelos auf seine Verfassung schließen. Wut, Ärger. Was noch?
„Hier ist wirklich der Hund begraben! Ich kriege mal wieder keine Handy-Verbindung!“ Er starrte mich an. Ich behielt die Ruhe. „Es wird sich um atmosphärische Störungen handeln.“ Ich kehrte mich ab. Absichtlich, zur Demonstration meines Desinteresses. Ich bot ihm aber wenigstens an: „Du kannst ja, wenn das Gespräch so dringend ist, den Festnetz-Anschluss benutzen.“
Er lachte laut auf. Es klang bitter. Und höhnisch. Aber auch ziemlich verzweifelt. Irgendwie war es ein Fass, das überlief, überschäumte. „Festnetz! Natürlich, bei dir im Wohnzimmer. Da darf ich sprechen. Und du sitzt vor deinem komischen Laptop und tust, als würdest du an deinem Buch arbeiten. Aber solche Ohren.“ Als ich mich ihm nochmals zuwandte, hatte er die flachen Hände hinter seine Ohrmuscheln gelegt. Ich grinste und wandte mich wieder ab. Ich gab keinerlei Erwiderung. Weil es so lächerlich war, weil ich ihn auf jeden Fall allein hätte telefonieren lassen. Da schäumte er endgültig auf. „Ich weiß, mein lieber Neffe, dass ich dir zu Dank verpflichtet sein muss, weil du mir in dieser noblen, diskreten Stätte Unterkunft gewährst. Trotzdem solltest du es mit deiner Arroganz und deinem Egoismus nicht auf die Spitze treiben. Sonst wirst du –.“ Er brach die Drohung noch rechtzeitig ab und verschwand wieder in sein Obergeschoss. Und keine halbe Minute später hörte ich ihn telefonieren. Das Netz für Mobiltelefone hatte ihn wieder aufgenommen.
Dass er mir fast mit dem Entzug der Erbschaft gedroht hatte, war wieder vergessen. Für ihn. Erben und Vererben hätte mit Sterben zu tun gehabt. Nicht er, auf den das zutraf, nicht für ihn, dem das gelten mochte. Und dieses Vermögen, über das er verfügte, war für mich ohnehin unvorstellbar. Eine Fiktion mit einer stattlichen Anzahl von Nullen vor dem Komma, vor denen eine Zahl zwischen eins und neunhundertneunundneunzig stand. Egal, dass der Teil, den Edward von Immobilien in Aktien umgewandelt hatte, zur Halbierung einer dieser Nullen, vermutlich der hintersten, beigetragen hatte, was allerdings, so der bereits zitierte Finanzberater des Edward Erster, kein Bleibe-Zustand sein würde. „Aktien fallen, und steigen. Und Nullen verschwinden und tauchen wieder auf. Man muss nur warten können.“ Edward Erster hatte das in einer für ihn typisch wissend zynischen Art ergänzt: „Bei dieser Null von Finanzberater möchte ich das allerdings nicht hoffen. Auf den werde ich gewiss nicht warten.“ 

Die unvollendet angedrohte Verweigerung der Erbschaft brachte mich total in Not. Sie versetzte mich in Aufregung, und zugleich lähmte sie mich. Doch der Grund war nicht die Erbschaft als solche, schon gar nicht die ansatzweise geäußerte Ankündigung ihrer Blockade, sondern die Assoziation, die mich unwillkürlich an etwas erinnerte: Autobahnbrücke sieben, Fernreisebahnhof. Der Termin war unheimlich nahe, ich aber hatte ihn zuletzt ignoriert, verdrängt, weil ich nicht mehr wusste, wie ich ihn wahrnehmen konnte. Ob ich ihn wahrnehmen wollte.
Noch knapp eine Woche, dann sollte die Reise zu meinem Vater beginnen. Mein Vater war derjenige, der in der Erbfolge vor mir stand. Als Einziger. Nach ihm, so Edward Erster wider Erwarten vor mir sterben sollte, folgte ich; danach gab es verwandtschaftlich gesehen keinen Erbberechtigten mehr.
Ob mein Vater, Professor Ernesto Erster, in diese Erbfolge jemals würde eintreten können, blieb sowieso fraglich. Edward Erster und ich wussten nicht genau, wann er zurückkehren würde, ob überhaupt. Er selbst hatte sich dazu nicht geäußert. Und so wie ich ihn bei unserem Gespräch vor dreieinhalb Jahren verstanden hatte, war der Job, auf den er – und Hunderte Mitbewerber – sich so lange vorbereitet hatten, endgültig zu seinem Lebensinhalt geworden. Wenn er also niemals wiederkam, dann war es, weil er es so wollte.
Somit hatte es vielleicht mehr mit Neugierde und Bruderliebe zu tun, als Edward Erster am nächsten Morgen gleich nach dem Aufstehen zu mir in die Küche kam und feststellte: „Ich beobachte dich seit Tagen, Erasmus. Mit dir stimmt etwas nicht. Du wirkst so was von unruhig, als wärst du innerlich total zerrissen. Hat das vielleicht mit einem neuerlichen Wiedersehen zu tun? Nach meinen Berechnungen könnte es jetzt wieder soweit sein.“ Er seufzte. Es klang bedauernd. „Ich weiß, dass ich dir mit solchen Fragen auf die Nerven gehe und dich nur zusätzlich belaste. Trotzdem, Ernesto ist für mich noch mehr als ein Bruder. Ich war derjenige, der ihn aufgezogen hat. Ich habe dafür gesorgt, dass er Ende der Sechziger nicht noch tiefer in die Studentenrevolte gerutscht ist. Glaub mal, da hätte nicht viel gefehlt und er wäre in den Untergrund gegangen und im Knast gelandet. Und nebenbei hatte ich meine Firma am Hals. Ich war drauf und dran, noch weiter auf den ausländischen Markt zu stoßen, ein Weltimperium zu gründen. Damals, als noch alle darüber lachten, hatte ich schon Strategien für die Märkte in China und Indien. Die Pläne lagen ausgearbeitet in meinem Safe. Nein, stattdessen habe ich mir die Zeit genommen, mich um Ernesto zu kümmern. Wie ich es versprochen hatte. Deinen Großeltern. Dass ich dann selbst noch geheiratet und eine Familie gegründet hätte, daran war schon gar nicht zu denken. Und als später die stürmische Phase vorbei war, ist Ernesto monatelang in diesem geheimen Camp gewesen. Nur um seine völlig verrückte Idee in die Tat umzusetzen. Nach Hause kam er in Monatsabständen, für ein paar Tage. Da blieb mir nichts anderes übrig, als auch noch deine Erziehung zu übernehmen. Deine Mutter war ja nicht in der Lage dazu. Dauernd nur ihr Gejammer, diese Vorwürfe, mit denen sie über uns Ersters hergezogen ist. Nur meine Schecks, die hat sie kommentarlos und mit ausgemachtem Selbstverständnis eingestrichen. Sogar, als sie nachher mit diesem blassgesichtigen Adelssöhnchen abgezogen ist, brauchte sie noch Geld. Nach Rumänien. In die Walachei. Oder sogar nach Transsilvanien. Vampire haschen. Wenn es wenigstens Monaco gewesen wäre. Hast du das vergessen? Ihre einzigen Lebenszeichen waren die Kurzmeldungen mit der Forderung: Den nächsten Scheck gleich an die neue Adresse schicken, sonst dauert das wieder so lange, bis er ankommt. Und da die Umtauschkurse dauernd schlechter werden, kann es ruhig etwas mehr sein. Du warst doch schon alt genug. Du musst das doch wissen. Kein Wort des Dankes an mich oder des schlechten Gewissens dir gegenüber. Und was den Tauschkurs anging, das war genau das Gegenteil, von dem, was sie meinte.“ Er lachte, schüttelte fassungslos den Kopf. „Das Papiergeld in diesem Transsilvanien verlor fast schon von Stunde zu Stunde an Wert. Sie muss also super gut dagestanden haben. Trotzdem weiß ich bis heute nicht, was sie mit dem vielen Geld angestellt hat.“
Ich schwieg verbissen. Ich schwamm in einem Meer voller Gewissenskonflikte, aufgezwungener Verhaltensweisen und scheinbar unlösbarer Fragen. Eigener Fragen und der Fragen meines Onkels. Ein Zwiespalt zwischen Verteufelung und Dankbarkeit. Ich kannte die Geschichte unserer Familie nur bruchstückweise, denn mein Vater hatte kaum davon gesprochen, und Edward hielt sich mit der Berichterstattung ebenfalls zurück – ausgenommen jene Szenen, in denen er mir mit unnachahmlicher Theatralik noch und noch sein ganzes von Tragik nur so triefendes Selbstmitleid auftischte.
Mein Großvater war der „Echt-Kakao-Schokoladentafel-Produzent“ Egon-Erich Erster. Ihm gehörte eine Fabrik in Berlin-Spandau, die ein halbes Jahr vor dem Ende des Krieges völlig zerbombt wurde. Egon-Erich Erster selbst erlitt bei dem Bombeangriff schwere Verletzungen, weil er die Fabrik trotz Warnung nicht hatte verlassen wollen. Er wurde Invalide und konnte den Betrieb nicht wieder aufbauen. Deshalb überschrieb er Edward den Grund und Boden sowie die Trümmer und Ruinen. Er drillte den Sohn mit Rezepten und technologischen Verfahren und impfte ihm unaufhörlich den Grundsatz ein: „Uns Ersters gehört der erste Platz auf dem Schokoladenmarkt.“ Edward konnte gar nicht anders, er musste, kaum achtzehn Jahre, die Ärmel hochkrempeln und die Firma neu aufbauen. Das war um 1950, in dieser Zeit wurde mein Vater Ernesto geboren. Kurze Zeit später starb Egon-Erich Erster. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Edward, dir übergebe ich alles. Die Firma, die Familie und die Verantwortung.“ Die Pose, die Edward einnimmt, wenn er diesen zum Klassiker gewordenen Satz, insbesondere die letzten drei Worte, wiederholt, könnte ich mit geschlossenen Augen nachstellen. Zurückgeworfener Kopf, Hände breit gefächert auf das Gesicht gelegt, Füße leicht abgespreizt. Dazu der ewig gleiche Kommentar: „Als ob mir das Spaß gemacht hat. Als ob ich was dafür konnte, dass Egon-Erich trotz seiner Invalidität und seines nicht gerade jugendlichen Alters noch ein Kind in die Welt gesetzt hat. So ein sonderbares, eigensinniges auch noch. Als ob ich nicht auch was Renommierteres hätte werden wollen. Werden können. Wissenschaftler. Professor. Wie mein Bruder.“
Nun ja, einen Doktor-Titel hat sich Edward Erster dennoch verschafft. Er hat – im Gegensatz zu manch anderen wohlgefälligen Rückschauen – niemals über das Thema und den Verlauf seiner Dissertation gesprochen. Auch nicht über die Summe, die – als Spende getarnt – zwecks besseren Gelingens geflossen sein dürfte.
Dass er fleißig war und für den Markt einen guten Riecher hatte, dass er zudem mit Geld und mit seinen Angestellten gut umgehen konnte, beweist der unglaubliche Erfolg, den er mit seiner Firma hatte.  

Folge 17 vom 16. April. 2020  

Ich entschied mich, Edward Erster nichts zu sagen. Es ging nicht um ihn. Um mich ging es. Vielleicht war es die letzte Gelegenheit, meinen Vater zu sehen. Wenn sich Ernesto entschloss, seiner Bestimmung endgültig zu folgen, würde der Kontakt demnächst zwangsläufig abreißen, es würde bestenfalls schriftliche Mitteilungen geben. Von ihm, an ihn. Zeitversetzt. Mit Pausen von mehreren Jahren. Bei der Vorstellung an diese Variante wurde mir schwindelig. Egal, dass ich mein Leben lang von meinem Vater nicht viel gehabt hatte. Es würde unfassbar sein. Ich war mir einfach nicht sicher, dass Edward Erster, so ich ihm – wie nach dem Termin vor dreieinhalb Jahren – auch nur eine Andeutung über das vereinbarte Treffen an Autobahnbrücke sieben machte, diese für sich behielt. Diese Sicherheitsleute konnten dahinter kommen. Das Treffen würde platzen. Alles konnte vorbei sein. Für immer.
Ich fühlte mich überfordert. Ich schwitzte. Ich musste dennoch meine Aufgaben erledigen. Ich kehrte mich knirschend von Edward ab. Ich half zunächst der Henriette aus dem Bett, die ausgerechnet an diesem Morgen auffällig kränkelte. Ich stand danach in der Haustür. Ich schnappte nach Luft. Friesische Seeluft, salzig und rau, sauerstoffhaltig und reinigend. Ich wartete auf Dominique. Warum kam ausgerechnet heute das Mannweib nicht?
Edward Erster hatte sich wieder in die obere Etage verzogen, er polterte, er schimpfte, weil die Spülung der Toilette nicht zu stoppen war. Vielleicht war es sein Ärger über mich. Er rief nach mir. „Hilf mir doch mal, Erasmus. Wenigstens hier. Du bist schließlich mein Vermieter.“
Vermieter, auch das noch. Aber es stimmte, ich hatte ihm die Wohnung vermietet, er hatte die Miete für ein Jahr im voraus gelöhnt. Zuzüglich einer Kaution. Gegen eine ordnungsgemäße Quittung. Darauf hatte er bestanden; ich ebenfalls. Eine legale Einnahme, die nichts mit Zuwendung oder Geschenk zu tun haben sollte. Das Telefon klingelte, zugleich fuhr Dominiques Wagen vor. Nun doch noch. Viel später als sonst. Die Henriette quakte. Sie suchte die Kuckucksuhren, womit sie ihre Hausschuhe meinte. Ich ließ die Tür offen, rief Edward Erster zu, er möge warten, zog Henriettes Schlappen unter dem Teppich hervor und angelte nach dem Telefonhörer.
Der erste Anruf in dieser Woche.
Tineke meldete sich. „Hallo, mein Lieber. Wollte dir nur kurz sagen, dass wir am Wochenende zusammen sein werden. Es wird wunderbar. Du, ich sehne mich nach Ruhe. Und nach dir. Hier herrscht voll die Hektik. Aber die Arbeit macht echt Spaß, und ich komme gut klar. Professor Kurz ist genau der Chef, den ich brauche. Du, ich muss dich was fragen: Hast du was dagegen, wenn ich Jonathan mitbringe? Weißt doch, die Latzschürze aus der WeGe. Er ist hier immer so allein. Hat nur die Hamster. Die gedeihen übrigens prächtig. Kannst du deinem Onkel ruhig mal mitteilen. Und dann kannst du ihm sagen, dass Jonathan in seiner Villa war und die Post für ihn abgeholt hat. Zwei Kisten. Wir bringen sie mit. Du, ich muss Schluss machen. Ich ersticke in Arbeit.“ Offenbar rief sie von der Klinik aus an. Lauter werdende Stimmen, allerlei Geräusche im Hintergrund. „Übrigens, Jonathan hat dein Manuskript gelesen. Er ist begeistert. Wird er dir aber selbst sagen. Tschüss und tausend Küsse.“
Als ich den Hörer auflegte, stand das Mannweib bereits in der Wohnung. Dabei sah sie gar nicht aus wie ein Mannweib. Oder machten kräftige Schultern und stramme Beine ein solches aus? Sie hatte ein freundliches Gesicht. Sie war freundlich. Wäre sie sonst in ihren freien Stunden gekommen, um die Henriette umsonst zu betreuen? Sie lachte und setzte sich zur Henriette an den Tisch. Sie erzählte von den mageren Ereignissen in der Ortschaft. Die Henriette lauschte andächtig. Das Magere, das Wenige war viel. Für sie. Und alles war gut. Bei ihr. Auf einmal.
Aus der oberen Wohnung hörte ich wieder Edward Erster schimpfen. Die Spülung, welches Problem. Nein, doch nicht. Im selben Moment ebbte das Rauschen ab. „Hehe, wie ich das nun hingekriegt habe“, jubelte der Großkapitalist. „Ein Geistesmensch, der auch Handwerkerqualitäten entwickelt.“ Ich deckte den Tisch für das Frühstück und bot Dominique an, daran teilzunehmen. Sie lehnte ab. „Bin knapp mit der Zeit. Neuerdings kriege ich immer mehr Aufträge. Es spricht sich rum, dass es mich gibt. Meinen Pflegedienst.“
Ich gratulierte ihr. „Und dass du gute Arbeit leistest“, bestätigte ich. Wir duzten uns seit ein paar Tagen.“
Sie sauste los, blieb an der Tür stehen und sagte noch: „Wenn es wieder ruhiger ist, frühstücke ich mal mit dir und der Henriette. Und wenn sich dieser feine Pinkel von da oben nicht zu schade ist, darf er sogar dabei sein.“ Sie verschwand, und nachdem das Motorgeräusch ihres Bullis verhallt war, kam Edward Erster herunter. Er trug seinen aus teuerster Seide handgeschneiderten Morgenrock, dessen japanische Muster und Farben die frisch kurierte Henriette gewaltig beeindruckten. „Schönes Strickzeug“, sagte sie, und ich überlegte, ob ich nicht mal alle ihre Äußerungen aufzeichnen und zu einer kleinen Geschichte verarbeiten sollte.  

Wir frühstückten also wieder zu dritt. Wir schwiegen. Nur das Schmatzeln und das Schlorpen der Zweiundachtzigjährigen untermalte die Szene. Endlich sagte ich: „Am Wochenende kommt Tineke.“ Da leuchteten die Augen der Henriette. Sie sagte, wir müssten dann aber unbedingt frischen Kohlrabi zum Frühstück haben. Nach einigem Hin und Her kamen Edward Erster und ich dahinter, was sie meinte: Brötchen, frisch vom Bäcker. Ich sagte: „Tineke bringt noch den Mitbewohner aus ihrer Berliner Zweier-Wohngemeinschaft mit. Er heißt Jonathan. Den schicken wir einkaufen.“
Die Henriette lächelte. Edward Erster jedoch verzog das Gesicht. „Wird ja wohl bisschen eng, wenn noch ein Schlafgast kommt. Tineke, er und wir drei.“ Er straffte sich. „Bilde dir nicht ein, dass dieses Früchtchen womöglich in meiner Wohnung schlafen könnte. Als rechtmäßiger Mieter stelle ich hiermit klar: Wer die obere Etage betritt und wer nicht, das bestimme allein ich. Da habe ich das Gesetz, die Verfassung auf meiner Seite. Die Wohnung ist so unantastbar wie die Menschenwürde.“
„In deine Berliner Villa durfte er ja auch. Er hat immerhin deine Post geholt. Tineke und er bringen sie mit.“ Welch eine Geheimniskrämerei, dachte ich. Er hätte sie auch per Nachsendeantrag an die Küste schicken lassen können. Oder wäre er dadurch enttarnt worden?
„Das mit der Post ist nur nebensächlich. Über die wichtigen Sendungen bin ich längst informiert. Oder denkst du ich kann es mir leisten, eine Woche lang keine Briefe zu lesen?“ Er griente erhaben. Er wurde jetzt jedoch versöhnlicher. „Falls er länger bleibt, euer Hausfreund, können wir von mir aus doch mal über eine Unterbringung in meinem Wohnzimmer sprechen. Womöglich gehe ich nächste Woche nach Berlin, dann brauche ich die Bude da oben erstmal nicht. Ich habe Hanni eine Mail geschickt und ihr mitgeteilt, dass ich inzwischen ins Lager der Unternehmer zurückgekehrt bin. Damit ist das Projekt mit der getürkten Senioren-Gemeinschaft in meinem Haus gestorben.“ Ich staunte, ich fragte: „Was hast du vor?“ Er überhörte es. Er setzte eine erhabene Miene auf und dozierte: „Im Übrigen muss sich jemand wie ich vor niemandem verstecken. Und dann auch noch hier. Hinterm Deich.“ Er erhob sich. „Irgendwie muss ja auch mein Auto aus der Schweiz abgeholt werden.“
Ich überlegte, ich sagte dann möglichst gleichgültig: „Ich könnte das übernehmen. Warum nicht. Mir würd’s auch gut tun, hier mal ein paar Tage wegzukommen. Ich würde, wenn ich das mache, noch einen anderen Termin damit verbinden. Allerdings“, ich zögerte, ehe ich weiter sprach, „müsstest du wenigstens bis zu meiner Rückkehr bei der Henriette bleiben. Genau vier Wochen. Allein wollen wir sie schließlich nicht lassen?“ Er fiel wieder auf den Stuhl zurück. Er fächelte sich ostentativ Luft ins Gesicht. Mit einem Seitenblick auf die Oma flüsterte er: „Was verlangst du eigentlich noch alles von mir. In vier Wochen bin ich hier lebendig gestorben.“ Doch er straffte sich auch jetzt wieder. „Das geht bei mir zeitlich nicht. Ist aber kein Problem, wir werden jemanden finden, der diese Aufgabe übernimmt. So eine Person wird ja wohl keine Unsumme kosten.“
„Wir können doch hier nicht eine x-beliebige Pflegekraft herstecken. Das können wir ihr nicht antun.“ Ich flüsterte gleichfalls, war aber aufgeregt. Die Henriette in fremde Hände geben?
„Gib zu, deine Reise hat etwas mit deinem Vater zu tun. Du hast Gelegenheit, ihn zu sehen.“ Ich schwieg, erhob mich ebenfalls. Ich bemühte mich, beherrscht zu bleiben. Aber es brach schließlich aus mir heraus: „Hör auf, mich zu tyrannisieren und mir das bisschen Freiheit, das ich habe, streitig zu machen! Es kann nicht dauernd nur um dich gehen.“ Er nahm diese kurze Gefühlsaufwallung gelassen. Er erschrak nicht, er zeigte keine Regung. Zum Glück. Er blickte mich fast amüsiert an. Diese Fähigkeit, kühl und emotionslos bleiben zu können, hatte ihm in den vielen Jahrzehnten sehr geholfen, ein erfolgreicher Kapitalist zu werden, zu bleiben. Irgendwie auch so etwas wie ein zweiter Vater. Mindestens ein zweiter. Er sagte lediglich: „Na gut, ich will dir nicht weiter auf die Pelle rücken und dich auch nicht weiter fragen. Wenn du den Wagen holst, bin ich ja froh. Und dass du noch vier Wochen fort musst, das ist schon in Ordnung. Wir stellen vorübergehend eine qualifizierte Pflegekraft ein, und ich bleibe für die Zeit halt noch hier. Frühstück, Abendbrot, Zeitung oder Kreuzworträtsel. Ich denke, ich kann mein neues Unternehmen auch von hier aus einfädeln. Bist du damit zufrieden?“ Und da ich nicht antwortete, versicherte er: „Und ich werde auch nicht mehr fragen, zu wem du fährst. Selbst wenn ich es mir denken kann. Selbst wenn ich es weiß. Vor allem: obwohl auch ich ein Recht auf Information habe.“
Ich fühlte mich erleichtert. Ich hatte dem launischen Dr. Edward Erster mit einem verbalen Rundumschlag meine Meinung gesagt. Es hatte ihn nicht beeindruckt. Äußerlich nicht. Aber er war auf Distanz gegangen, und er hatte sich endlich mal weniger egoistisch als üblich gezeigt. Durch seine Zusage war ich für die vier Wochen, die ich fort musste, bei der Betreuung der Henriette abgesichert. Es ging nur noch darum, mein Fortbleiben vor Tineke zu begründen.
Ich hatte noch zwei Tage Zeit, um darüber nachzudenken.  

Am Vormittag saßen Edward Erster und die Henriette vor dem Haus. Die beiden spielten Domino. Eine Beschäftigung, die für Edward Erster ansonsten prinzipiell nie in Frage gekommen wäre. Heute jedoch zeigte er sich von einer anderen Seite, und er war ungekannt geduldig, irgendwie sogar etwas freundlich. Die Henriette wunderte und freute sich in einem. Sie bemühte sich, bloß nicht einzuschlafen, und immerzu befühlte sie mit ihren knolligen Händen den Stoff des exotischen Morgenmantels, den der gute Edward immer noch trug.
Gegen elf verschwand Edward. „Habe in der Kreisstadt was vor. Bitte plane mich nicht für dein wunderbares Mittagessen ein.“ Er hatte den letzten Satz, speziell die letzten Worte dieses Satzes, mit unüberhörbarer Süffisanz gesprochen.
Eine halbe Stunde nachdem Edward Erster mit dem geborgten Kombi weggefahren war, klingelte es an der Haustür. Ein Mann stand draußen. Gut siebzig Jahre, mittelgroß, ernstes Gesicht, unauffällig gekleidet. Freundlich. Ich war zunächst misstrauisch. Ein Vertreter, dachte ich, oder jemand, der kontrolliert, ob die Rundfunkgebühren bezahlt werden. Die Henriette, die ihn offenbar kannte, sagte: „Der Agent. Der kommt immer. Der bringt neue Noten.“ Sie überlegte angestrengt, ob er wirklich Noten bringe, doch sie fand die richtigen Worte nicht. Hatte das mit dem Treffen an Autobahnbrücke sieben zu tun? Nein, es ließ sich anders an. „Ich bin’s mal wieder, der Clements, euer Nachbar, der allerdings nicht neben euch wohnt.“ Er reichte mir die Hand und er lachte über seinen Scherz.
„Erasmus. Ich bin der Freund von Tineke.“
Der Vorname beeindruckte ihn. Er versuchte ihn zu wiederholen, was jedoch insofern misslang, als er den Namen Erasmus in Jerominus, nicht mal in Jeronimus, verwandelte. Welch eine Metamorphose, welch kühner Gedankengang. Und dann das Du, das er ohne Ansage benutzte.
Ich nahm es an. Ich erwiderte es. „Tineke hat mir schon von dir erzählt.“ Und ich dachte, Edward Erster, dem du ein Auto geliehen hast, ebenfalls.
Das rührte ihn. „Ja. Die Kleine.“ Es schien für einige Augenblicke, als wolle er nun Tinekes und seine Lebensgeschichte, sicher auch die der Henriette, vor mir ausbreiten. Nein, er tat es nicht. Er kehrte in die Realität zurück und fragte: „Braucht ihr Eier und Kartoffeln?“ 

Folge 19  vom 18. April. 2020
Lag es an mir, an der Henriette oder an Edward Erster? Ich glaube, an Edward lag es hauptsächlich. Er kapselte sich nicht mehr so vorsätzlich ab. Frühstückte mit uns, war auch zum Abendessen da und führte eines Morgens sogar ein Gespräch mit Dominique, deren Titulierung als Mannweib er plötzlich leugnete. Und vormittags saß er tatsächlich abermals eine halbe Stunde mit der Henriette im Garten, um ihr etwas aus der Zeitung vorzulesen und unter ihrer Zeugenschaft die Tücken eines Kreuzworträtsels zu bezwingen.
Anschließend verschwand er. Er stieg in den Kombi und gab vor, in die Kreisstadt zu fahren. Auf meine Frage, was er in der Kreisstadt so allgemein tue, gab er immer dieselbe Antwort. „Ich erledige dort Etliches. Beispielsweise kann ich in einem Internet-Café Emails abrufen und welche versenden. Ich kann dort auch im Internet wichtige Sachverhalte recherchieren.“ Und er drehte den Argumentations-Spieß gleich um. „Ist doch für euch gut. Ihr habt beide eure Ruhe. Du für deine Schreiberei und deine künftige Schwiegeroma zum Schlafen.“ Es klang, als tue er uns einen Gefallen. Und sein Tonfall war so bestimmend, dass kein Widerspruch und keine weiteren Fragen aufkommen konnten. Dennoch verriet sich am Abend ein Stück der Heimlichkeiten durch seine Ungeschicktheit. Er trug eine Mappe unter dem Arm, und diese fiel, als er die Tür hinter sich schloss, zu Boden. Einzelne Blätter rutschten heraus. Er bückte sich prompt, um sie möglichst schnell aufzuheben und sie vor mir zu verbergen. Doch ich kam ihm zuvor. Ich bekam eines davon zu fassen und las, bevor er es mir aus der Hand reißen konnte, den Namen eines Notars und die Anmerkung Immobilienkaufvertrag.
Ich erschrak. Edward Erster hatte etwas vor, etwas, das gewiss nicht im kleinen Stil aufgezogen werden würde. Ich fragte ihn nicht. Nicht gleich, nicht am selben Abend. Ich wollte eine günstige Gelegenheit abpassen. Kam sie?
Nein.
Oder doch.
Er ließ es sich, auch am nächsten Morgen, nicht nehmen, mit der Henriette auf der Terrasse zu sitzen. Zeitungslektüre, Vollendung seines kürzlich begonnenen Kreuzworträtsels. Nach einer halben Stunde verkündete er: „Na, dann will ich mal. Die Pflicht ruft.“
Es war ein inhaltlich unbedeutender Satz. Er hatte ihn aus fünf Jahrzehnten Unternehmer-Dasein beibehalten. Rein rhetorisch. Und doch war er mir Anlass genug zu jener mich durchaus bewegenden Frage: „Diese Pflicht, hat die was mit Immobilien zu tun?“
Er bedachte mich mit einem exemplarisch herablassenden Blick. Spott und Überheblichkeit lagen darin. Ein anderer an meiner Stelle hätte gekuscht oder es nicht für wert erachtet, mit einem solch arrogant sich gebärdenden Menschen auf ein Gespräch einzulassen.
Ich blieb beherzt. „Da ich nicht annehme, dass du inzwischen bei einem Notar als Bürokraft angeheuert hast, vermute ich, du willst hier in der Gegend ein Grundstück erwerben.“ Er kniff die Augen zusammen, er wandte sich schon ab. Nein, da fiel ihm etwas ein. Eine unglaubliche Antwort. So unglaublich, auf dass sie würde wahr sein können. „Das Stadium des Wollens ist längst überschritten, mein lieber Neffe. Hab’s schon getan.“ Er klopfte auf die Mappe, die ihm am Vorabend heruntergefallen war und die er auch jetzt bei sich hatte. „Hier ist alles drin. Verkäufer, Käufer, Bezeichnung des Flurstücks, Ausmaße, Bauantrag, diverse Anfragen an diverse Ämter.“ Er grinste gewaltig, als er voller Verschlagenheit verkündete: „Aber ich verrate nichts. Nur so viel, mein neues Areal liegt etwa zwanzig Kilometer entfernt, und es ist riesig. Trotzdem habe ich es für einen Spottpreis eingekauft. Fast hätte ich noch Geld dazu bekommen.“
Ich konnte mich der Frage nicht enthalten, was er damit vorhätte, es platzte förmlich aus mir heraus. Auch die Henriette, die ihn nur zu gut verstanden hatte, machte fragende Kulleraugen.
Er wurde ernst, er tat, als lüfte er sein Geheimnis. „Zunächst mal muss die ganze Fläche entwässert werden, damit das Gras, die Butterblumen und die lästigen Schafe verschwinden. Danach wird sie neu vermessen, aufgeteilt, befestigt, und dann kommt dort ein Flugplatz hin. Zunächst mit kurzer Start- und Landebahn für kleine und mittelgroße Maschinen, von denen die meisten mir gehören werden. Um genau zu sein, meiner Fluggesellschaft. Edward Erster Airlines. EEA. Oder möchtest du beteiligt werden? Dann setzen wir noch ein E davor. Edward Erasmus Erster Airlines. Oder wir machen es originell: Edward Erasmus Erster Ehrlines. Vier E. Wo hat’s das schon mal gegeben?“
Ich sperrte den Mund auf, ich sagte schließlich: „Wie du das sagst, könnte man fast meinen, es ist nicht mal ein Scherz.“
Er war empört, in seinen Augen brannte unversehens das Feuer des Unternehmers. Des Innovators. Niemals, solange er lebte, würde es verlöschen. Dieses Feuer und jenes, das für den weiblichen Part der Menschheit loderte. „Es wird bombastisch. Die Region nimmt durch unser Projekt einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung. Wir schaffen Touristen aus allen Teilen Europas her, Tag und Nacht werden die Maschinen mit den vier großen E auf dem Bug an- und abschwirren. Es wird einen Boom nach sich ziehen, der von der Infrastruktur über die Gastronomie bis hin zum eigenen Fernsehsender alles in ein goldenes Licht tauchen wird. Nicht nur goldenes Licht, es wird auch Gold regnen. Dollars, Rubel, Pfund, Euros. Die Leute werden uns dankbar sein, wenn sich alles belebt und endlich diese langweiligen Schafe, die man überall sieht, verschwinden.“
Erst jetzt bemerkte er, dass ihm die Henriette aufmerksamer als sonst gelauscht hatte. Und vielleicht hatte sie nicht alles begriffen, was Edward Erster angekündigt hatte. Eines aber dann doch: „Ist grade schön, die vielen lieben Schafe. Die Ruhe. Die sollen nicht weg. Wird ja dann zu schmallich.“ Sie blickte ihren und meinen Obermieter freundlich an. Und sie fügte ziemlich schüchtern hinzu: „Nebenan ist ja auch ein Grundstück frei. Das von Clements. Könnte man viel eher was Nützliches hinbauen. Ein Café. Oder ein Seniorenheim. Keinen Landeplatz.“ Edward Erster stutzte, er grinste auch ein bisschen. Jetzt nicht so verschlagen. Und es mochte sein, dass es hinter seiner Hirnschale wiederum zu arbeiten begann. Nur wusste ich nicht, in welche Richtung, mit welchem Ziel. Immerhin, wir drei schauten nun prompt hinüber. Drei- oder viertausend Quadratmeter waren das. Wiese. Mit Schafen, mit Kräutern und Gräsern, mit schwirrenden Insekten, einem winzigen Bach, mit alten und jungen Weidenbüschen. Und mit einem Duft und mit Farben, die das Jahr über wechselten und mal mehr und mal weniger intensiv auf die Geruchsorgane der wenigen Anwohner und Passanten losstürmten.
Edward Erster sagte versonnen: „Das kleine Fleckchen, das lohnt sich nicht. Ist ja auch viel zu schöne Natur.“ Und sein neuerliches Lächeln wirkte noch einmal anders. Freundlicher, fast sogar gutmütig. 

Es mochte sein, wie es wollte, nun waren es nur zwei Tage, dann sollte Tineke kommen. Und mit ihr, wenn es dabei blieb, dieser Jonathan.
Wir warteten, wir freuten uns. Jeder von uns dreien hatte seine spezielle Vorfreude, seine eigene Erwartung. Selbst Edward Erster, der irgendwelche allgemeinen Neuigkeiten aus der Hauptstadt hören wollte – autorisierte, authentische News – sah dem Kommen der beiden mit Zuversicht entgegen. „Endlich mal wieder ein normales Gespräch führen.“ Wie spitz er das daherzischelte, mit welch vorwurfsvollem Blick er mich dabei fixierte. Er rechnete offenbar weniger auf Tineke als auf Jonathan, den er nicht mal kannte. In ihm verfestigte sich zusehends die Meinung, dieser Jonathan sei ein brauchbarer Gesprächspartner. Für ihn.
Tineke und Jonathan hatten sich für den Freitag angekündigt. Daher verkürzte Edward Erster an diesem Tag seinen Ausflug um einige Stunden und kehrte schon vor der Vesper-Zeit zu uns zurück. Mit einem dicken Kuchen-Paket. „Die werden Hunger haben, wenn sie kommen.“
Ich mochte seiner Freigebigkeit keinen Dämpfer erteilen und ordnete mich seinem Plan unter, den Verzehr erst nach Eintreffen der beiden „Berliner“ zu beginnen. Ich stellte ihm auch nicht die Frage, ob er wirklich glaube, Jonathan, ein Öko-Freak, werde sich sozusagen voller Gier auf seine von Fett strotzende Buttercremetorte stürzen. Von Tineke, die bestenfalls sagen würde „Darf ich mal bei jemandem eine Löffelspitze kosten?“, ganz zu schweigen. Und Edwards Vorstellung vom frühen Eintreffen der beiden teilte ich schon gar nicht. Um zur Vesper hier sein zu können, hätten die beiden mindestens am Mittag in Berlin losfahren müssen.
Edward Erster setzte sich darüber hinweg. Ex-Kapitalist, Konzern-Chef, geheimnisvoller Neu-Gründer und Innovator. Ein Herrscher eben, der sich am Abend, als die Erwarteten noch nicht eingetroffen waren, denn doch den Realitäten beugen musste. Der Buttercremekuchen wanderte in den Kühlschrank. „Morgen ist das Gebäck dann richtig durchgezogen. Da schmeckt die ganze Chose noch besser.“
Selbst die Henriette gab ihren Warteplatz am Fenster auf. Sie platzierte sich vor ihrem Fernsehapparat. Nachrichten schauen.
Ich bearbeitete das Handy. SMS: Wann ist endlich mit euch zu rechnen?
SMS zurück: Wir fahren mit Jonathans Klapper-Auto. Das dauert etwas länger. Lass dich einfach überraschen.
Ich schaltete den Laptop ein, um an der Geschichte zu arbeiten, die ich inzwischen begonnen hatte. Es sollte ein Krimi werden, in dessen Mittelpunkt ein Leuchtturm stand. Wiewohl ich für den Haupttitel noch keinen rechten Einfall hatte, wusste ich den Untertitel schon: Ersters echter Deich-Krimi. „Na gut“, stöhnte Edward Erster, als im Fernsehprogramm die Quiz-Sendung eingesetzt hatte, „da sich für mich offenbar keiner interessiert und die Gäste ja wohl vor Mitternacht nicht kommen, geh ich jetzt mal nach oben.“
Schlafen?
Zehn Minuten später stand er wieder bei uns in der Küche. Er hatte einen neuen Sommeranzug an, helllederne Sportschuhe an den Füßen und ein elegantes Halstuch umgeschlungen. „Ich werd noch eben einen Ausflug machen. Die Geschäfte sind ja fast bis Mitternacht geöffnet.“ Er wartete nicht, ob und was ich ihm erwiderte. „Spätestens bis zum Frühstück.“
Nein, nicht bis zum Frühstück. Als er die Haustür öffnete, stand Tineke draußen. „Schön, dass ihr uns auf die Sekunde genau die Tür aufmacht.“ Edward Erster Edward stand verdattert, er reichte Tineke die Hand, wurde aber mit einer vorsichtigen Umarmung begrüßt. Und er erwiderte schlagfertig: „Hab mich extra für dich in Schale geworfen.“ 

Was blieb mir von diesem Wiedersehen am eindruckvollsten in Erinnerung? Keine Frage, Tinekes stürmische Küsse. Ihre Mutmaßung: „Kann das sein, dass du während meiner Abwesenheit bisschen zugenommen hast?“ Sie knuffelte an meinem Rücken. „Die Seeluft bekommt dir also weiterhin richtig gut.“ Jonathan umarmte mich ebenfalls. Es war auf eine innige, sogar andächtige Art. Er sagte vorher: „Hab dein Manuskript gelesen, Erasmus. Hat mich total beeindruckt. Besonders diese getürkte Hinrichtung. So was von lebensnah. Wie du das alles so zum Ausdruck bringen konntest. Du, da find ich mich in unzähligen Passagen wieder. Als wäre ich das selbst.“
Wenn dir solche Lobpreisungen zuteilwerden, egal wer sie fabriziert hat, kannst du dich nicht mal gegen die Umarmung eines Mannes wehren. Ich jedenfalls konnte es nicht, wiewohl ich die Zahl der bisherigen Umarmungen mit Männern ganz gewiss an den Fingern einer Hand abzählen konnte.
Das Theater mit der Hamstersippe wirkte dafür umso ernüchternder. Jonathan schwenkte den Käfig mit Petra Eins und deren Jungen in einer Begeisterung, als hätte er den heiligen Gral aufgetan. „Es sind vier Junge. Zweien habe ich Mädchennamen gegeben und zweien Jungensnamen. Polly und Petzy, Presto und Pascal. Jetzt will ich mal hoffen, dass die Geschlechterverteilung stimmt. Ansonsten bin ich für Änderungen offen.“ Blablabla. Er sah sich Beifall heischend um. Und tatsächlich nickten ihm Edward Erster und die Henriette wohlwollend zu, ich jedoch stöhnte tief in mich hinein. Welch eine Last wurde mir aufgebürdet. Über wie viele Tage? Ich war froh, als ihn Tineke schnell wieder von mir abdrängte. „Den Erasmus lass mal mir. Das ist mein Schatz“, sagte sie gekünstelt schnippisch. Und zu mir flüsterte sie schnell: „Du gewöhnst dich an ihn. Ganz bestimmt. Er hat so viele gute Seiten. Wirst sehen, du wirst noch froh sein, dass er hier ist.“
Na gut, er offenbarte in der Tat auch Eigenschaften, die ich sehr nützlich fand. „Ist womöglich noch was in der Küche zu tun? Soll ich morgen früh vielleicht Brötchen holen?“ Er blickte tatendurstig in unsere Gesichter. Ich nickte ermunternd. „Zu tun gibt’s bei uns immer was.“ Henriette und Edward Erster schlossen sich der Aussage an. „Wir hatten ja sowieso beschlossen, dass du zum Bäcker fährst. Nicht, weil wir dich ausnutzen wollten, sondern damit du die schöne Landschaft am Morgen sehen kannst. Den Deich, die Schafe.“ Er glaubte es. „Und den Hamsterkäfig schaffst du am besten nach draußen. In den Stall.“ Auch diese Weisung nahm er widerspruchslos auf, zumal ich ihm erklärte, dass Petra die Erste, als sie noch Peterchen Zwo hieß, in eben diesem Gelass schon verschiedene Nächte verbracht hatte.
Jonathan war nach zwei Minuten wieder da. Er schwärmte. „Mensch, was hier für Platz ist. Mensch, hier kannst du doch prima Hühner und Enten halten.“ Ich lächelte unschlüssig. Können war nicht Wollen. 

Folge 19  vom 18. April. 2020

Als es später um die Verteilung der Schlafplätze ging, begann ich Jonathan schließlich doch zu mögen. Wie sollte man fünf Leute auf die unterschiedlichen, keineswegs gemütlichen Betten verteilen? Nein, nicht ganz richtig, wir waren nur noch zu viert. Edward Erster war rechtzeitig in die obere Etage geflohen. Damit hatte er vorab die Teilnahme an den Bett-Kämpfen und Liege-Diskussionen vermieden. Wir vier mussten nun sehen, wie wir uns aufteilten.
Tineke zögerte nicht lange, sie schlug den pragmatischen Weg vor. „Ich schlafe mit der Henriette in dem freien Bett. Ihr zwei geht ins Wohnzimmer. Einer auf die Couch, der andere pustet sich die Luftmatratze auf!“
Ich grollte. „Ich dachte, wir zwei gehören zusammen.“ Ich artikulierte es mit tonlosen Mundbewegungen in ihre Richtung. Sie bewegte bedauernd ihre Achseln. Wenigstens bot sie an: „Du kannst ja, wenn du möchtest, die Luftmatratze nehmen und dich wieder neben mein Bett legen.“
Es war nicht direkt eine Verheißung. Die Henriette schlief, seit Tineke nicht mehr hier war, unruhig, sie lag nun nachts manche Stunde wach. Vielleicht musste sie zum Klo, vielleicht brauchte sie ein Medikament. Oder sie hatte Hunger und Durst. Sie zog dann unverhofft an der Strippe hinter ihrem Kissen, und prompt wurde das Licht eingeschaltet. Also kriegte sie auch allerlei mit. Und das, was ich vorhatte, mit Tineke nämlich, dann sowieso.
Da erwies sich Jonathan unverhofft als Retter, ein bisschen sogar als Engel. „Ich könnte dort schlafen. In dem zweiten Bett. Neben der Oma. Ich kann mich auch um sie kümmern, wenn sie ein Problem hat. Hab ich wiederum kein Problem damit.“ Donnerwetter. Das wollte er also auf sich nehmen. Wir schauten uns abwechselnd an. Tineke mich, ich diesen vormals verspotteten Jonathan, dieser mich, Tineke ihn, er Tineke, ich Tineke. Und zuletzt alle die Oma. „Dann geht ihr zusammen ins Wohnzimmer. Tineke schläft auf der Couch und du schläfst auf der Luftmatratze. Immerhin werdet ihr euch eine Menge zu erzählen haben.“
Er meinte das ernst. Nicht nur, dass er in das zweite Bett geht und sich neben die Henriette legt. Vor allem das andere: das Erzählen. „Ja“, entgegnete Tineke also, indem sie ihn bestärkte, „eine Menge haben wir uns zu erzählen, ich bestimmt mehr als Erasmus. Aus der Klinik, aus Berlin.“ Da sah Jonathan richtig froh und erfüllt aus. Ein guter Mensch, bei dem die Glücks-Hormone unter anderen Gegebenheiten ausgeschüttet wurden als beispielsweise bei mir. Einer, auf den man sich halt einstellen musste. Nicht einfach nur auf ihn, sondern auf seine Reaktionen, seine Denk- und Gefühlsstrukturen. „Gut“, sagte er gleich darauf entschlossen, „dann nehmen wir das jetzt in Angriff. Das Projekt Nachtruhe.“ Prompt stand er vor Tineke und verabschiedete sich bis zum Morgen mit einer hingebungsvollen Umarmung. Mein Gott, dachte ich, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass er dich ebenfalls … Da hatte er mich dann auch schon fest umschlungen. „Erasmus, ich bin total froh, dich zum Freund zu haben.“  

Natürlich, wir brauchten die Luftmatratze nicht. Als ich sie dennoch aufpusten wollte, um einen gewissen Anschein der Anständigkeit zu wahren, schimpfte Tineke. „Leben wir im Mittelalter? Willst du dich etwa nicht zu mir bekennen?“
Doch, ich bekannte mich. Zu ihr, zu uns. Und ich bekannte für mich, dass ich mir jetzt wieder wie in dem besagten Kitsch-Film dritter Ordnung vorkam, wo alles so harmonisch und kuschelig verläuft, wo man nur mit glücklich machenden Menschen zusammen lebt und somit selbst glücklich ist.
Egal, dass es in der Nacht zu Geräuschen kam, weil die Henriette zum Klo stolperte und ihr Jonathan prompt hinterher lief. Danach wollte sie trinken und ein bisschen was vorgelesen bekommen. Ganz mechanisch schob ich die Beine von der Couch, um nach den Schlappen zu angeln. Ich dachte, sieh mal besser nach, ob alles in Ordnung ist. „Lass mal, er macht das. Vielleicht besser als du.“ Tineke sagte es. Sie wusste es. Sie hielt mich fest. Wir hatten die ganze Zeit über geredet.
Ich verharrte. Besser als du. Wie das klang. Fast beleidigend. „Ist er womöglich Altenpfleger?“, knurrte ich leise. Sie stupste meinen Arm. „Erstens, Herr Erster, ist er ein sehr gefühlvoller Mensch, und zweitens, mein lieber Erasmus, gehörst du mir. Zu mir. Heute Nacht. Immer. Freu dich doch einfach, dass er so gut klarkommt.“ Ich fiel zurück, halb neben, halb auf sie. Ich war wieder glücklich. Ich fasste ihre Taille. Sie rückte ein Stück zur Seite. „He. Bin lange nicht fertig mit meinen gesammelten Erzählungen. Und von dir habe ich fast noch gar nichts erfahren. Wie lief’s denn mit dir und deinem Ex-Eskimo-Onkel? Und wie sind deine beiden Mitbewohner miteinander ausgekommen?“
„Es ist besser geworden“, sagte ich. „In den letzten Tagen hat sich Edward Erster meiner – wie er sich ausdrückte – Schwiegeroma angenähert. Mit kleinen Zeitungslektüren und mit Kreuzworträtselquälereien. Und ich glaube, auch sonst hat er aufgehört, sich zu langweilen. Er ist ewig auf Achse. Keiner weiß, wo er sich rumtreibt, und keiner weiß, was er treibt. Was er vorhat. Denn irgendwas hat er vor. Wenn er nicht schon mitten drin steckt.“
Es klopfte. „Ja!“, rief ich leicht missmutig und schob abermals die Füße in Richtung Boden. Die Tür ging einen Spalt auf, die Silhouette eines Mannes zeichnete sich vor dem mäßig einfallenden Flurlicht ab. „Wollte nur hören, ob bei euch alles OK ist.“ „Doch, ja“, erwiderte ich bemüht freundlich und gähnte auffällig.
„Dann ist’s gut.“ „Jaja.“ „Schlaft ihr schon?“ „Naja, wir fangen grad an.“ „Ist ja auch schon Zeit dafür. Schon halb drei.“
„Ja, stimmt. Sogar schon halb drei durch. Fünf nach halb.“ „Fünf nach halb. Kuck an. Wird ja dann auch bald hell.“
„Ja, im Sommer. Auf jeden Fall. Hier im Norden sowieso.“
„Im Winter isses dafür eher dunkel.“ „Ach ja, stimmt.“ Einige Augenblicke schwiegen wir. Bis er fragte: „Braucht ihr noch was? Glas warme Milch vielleicht. Mit Ho­nig drin schläft sich’s besser. Ich meine, nicht schlafen und dann nicht weiterschlafen können, sondern dass man mit warmer Milch mit Honig besser einschläft.“ „Nee, geht auch so. So um halb drei auf jeden Fall.“ „Sagtest du nicht, es ist schon fünf nach halb?“
„Ja klar. Gleich sogar zehn nach halb. Dann dauert’s nicht mehr lange, bis es richtig drei ist.“ „Richtig drei. Mensch, ja.“ „Und dann kommt das Licht. Also das Morgengrauen.“ „Manche sagen auch Morgendämmerung.“ „Aber dafür sagt niemand Abendgrauen.“
„Hm, ja. Wo du’s sagst. Habe ich noch nie drüber nachgedacht.“ „Ich auch nicht richtig.“ „Aber sonst, da bist du doch echt einer, der viel denkt.“ „Schon. Wenn du’s genau nimmst, denken natürlich alle Menschen viel.“ „Hm, klar. Man kann gar nicht sein, ohne zu denken. Wirklich, du, das ist so was von selbstverständlich, dass man gar nicht dran denkt. Dass man denkt. Immerzu.“ „Ja, man nimmt das einfach so hin. Man sagt ja manchmal, ich denke an nichts. Stimmt aber nicht. An irgendwas denkt man immer.“ „Du, weißt du, was ich grade gedacht habe?“
„An das Morgengrauen. Stimmt’s?“ „He, hab ich tatsächlich. Ich habe gedacht, das Morgengrau­en kommt jetzt gleich mit Macht.“
„Muss es auch, wir sind hier im Norden. Noch weiter oben isses allerdings noch drastischer mit dem Morgengrauen. Da isses noch mehr hell. Und noch eher. Oder ’s wird gar nicht dunkel. Nachts.“ „Und ob. Die haben’s im Norden im Sommer die ganze Nacht hell. Oben zum Polarkreis hin. Schweden, Norwegen.“ Er wollte etwas auf meine Bemerkung entgegnen, indem er möglicherweise noch andere am Polarkreis liegende Länder aufzählte. Aber Tineke wurde das Gespräch nun zu anstrengend. „Danke, Jonathan, dass du dich so um meine Henriette kümmerst. Das kann ich gar nicht gutmachen.“ Sie gähnte, ich glaube, es war nicht mal gekünstelt. „Wenn du morgen tatsächlich Brötchen holen willst, solltest du jetzt ebenfalls schlafen. Ansonsten fährt aber auch einer von uns. Erasmus. Oder ich.“
„Neinnein“, versicherte Jonathan. „Das mache ich. Kannst dich drauf verlassen.“ 

Er hatte tatsächlich Brötchen gebracht. Und noch mehr. Honig, Wurst, Käse. Der Tisch war großartig gedeckt. Altmodische Kaffeekanne, Blümchenteller, Silberbesteck. Eine frische Tischdecke. Sogar Blumen. Und am Hals der Kaffeekanne so ein altmodischer Tropfenfänger.
Edward Erster hatte schon Platz genommen, neben ihm saß die Henriette, die geputzter als üblich aussah. Tineke und ich staunten mit verschlafenen Gesichtern. „So schön hat es hier die letzten fünf Jahre nicht ausgesehen.“ Großmutter und Enkeltochter blickten sich tief in die Augen. Ein bisschen Wehmut. Viel mehr Freude. „Und wie das riecht“, schwärmte Tineke weiter, „dieser herrliche Kaffeeduft. Dass du den Kaffee so aufgegossen hast, wie das früher üblich war. Und dieser Schnuller am Ausgießer; ich wusste gar nicht, dass wir dieses Ding noch haben.“
Jonathan fühlte sich geschmeichelt. Er lächelte, es sah ein bisschen mädchenhaft aus. Ich nickte zustimmend. Ja, herrlich. Ich plumpste auf einen Stuhl. Ich gähnte. „Nachtschwärmer“, sagte Jonathan freundlich. „Na, wenigstens habt ihr euch nun über alles unterhalten, und wir können nachher was zusammen machen.“ Ich schüttelte den Kopf, Tineke ebenfalls. „Mein Vormittag gehört voll und ganz meiner Henriette. Da bestehe ich drauf.“ Die Henriette lächelte dankbar. „Und Tinekes Nachmittag gehört mir. Darauf bestehe dann ich. Es gibt wirklich viel zu erzählen.“ Alle sahen mich an. Jonathan staunte: „So lange, wie ihr heute Nacht gequasselt habt, müsste eigentlich alles abgehakt sein.“ „Kann ich mir nicht denken, dass sie die Nacht mit Reden verbracht haben“, meldete sich Edward Erster prompt. „Aber gut, ich müsste sowieso nachher noch mal wegfahren. Möchte jemand mitkommen?“ Er schaute Jonathan an. Der nickte beflissen. „Kleine Rundfahrt? Immer. Bin zum ersten Mal in dieser Gegend.“ Er kratzte sich verlegen. „Das heißt, dann kann ich ja nicht kochen. Für euch.“
Tineke seufzte. „Ja, klar, wir werden verhungern, wenn du nicht am heimischen Herd stehst. Mit deiner attraktiven Latzschürze. Für uns.“
„Ich dachte, ihr freut euch?“ Tatsächlich sah er irgendwie gekränkt aus. Sogar, als würden wir ihm eine Art Schmerz zugefügt haben. „Wir haben ja jetzt hervorragend gefrühstückt“, schlichtete Edward Erster. „Das hält vor. Nicht nur im Magen, sondern vor allem im Kopf. Und im Herzen.“ Wie freundlich er heute war. „Und wenn wir vom Ausflug zurückkommen, bringen wir was vom Imbiss mit. Für alle.“  

Während Tineke die Henriette im Rollstuhl über die Deichstraße schob und Edward und Jonathan ihren Ausflug machten, saß ich am Laptop. Ich starrte auf den Bildschirm, ich tippte immer neue Wörter ein, die ich nach kurzer Zeit löschte, weil sie keinen Sinn ergeben hatten. Ich stand wieder auf, goss mir aus der altmodischen Kanne den restlichen Kaffee ein, ich trank, ich aß ein Stückchen von der Buttercremetorte, die von allen vergessen im Kühlschrank ihrer bis jetzt noch ahnungslosen Opfer geharrt hatte. Nein, diese neue Geschichte über den Mord am Leuchtturm kam nicht eine Zeile voran.
Die Schreibblockade hatte mit dem Nachmittag zu tun. Mit mir und Tineke. Ich wollte, musste es ihr endlich sagen: „Ab nächste Woche bin ich vier Wochen nicht hier. Vielleicht, wenn mich alles zu sehr mitnimmt oder sich unerwartete Folgen ergeben, noch ein, zwei Wochen länger. Es könnte sein, dass ich nach der Rückkehr total geknickt bin. Deprimiert. Ich werde darüber nicht sprechen dürfen. Nicht über den Grund, nicht über das Ziel meiner Reise. Vorher nicht. Und hinterher? Mal sehen.“ Mehr konnte ich ihr nicht sagen. Dem Menschen, der mir am nächsten stand. Inzwischen war es so.
Ich grübelte und grübelte und merkte es kaum, als Tineke schon nach einer Stunde durch die Tür kam. „Es ist ziemlich frisch heute. Nicht ganz das passende Wetter für unsere Henriette.“ Jetzt sah sie mich richtig. „Du bist aber auch irgendwie nicht so gut drauf. So wie du auf deinen Bildschirm starrst. Ist es wegen des Buches? Oder kommst du hier im Haus nicht zurecht?“
„Ich muss nachher in Ruhe mit dir über was Wichtiges reden!“, entgegnete ich. Ich war froh, endlich einen Anfang zu haben. So unvermittelt hatte sich meine Bemerkung ergeben.
Sie musterte mich lange. Sie sah erstaunt aus. Besorgt. Verstört. „Das klingt nicht sehr lustig, wie du das ankündigst. Was du ankündigst. Ich krieg direkt Angst.“ Sie ließ die Henriette in ihrem Rollstuhl sitzen und kam zu mir. „Wenn es so ernst ist, wie du grade aussiehst, dann lass uns gleich reden. Damit haben wir es hinter uns. Alles andere kann ich nicht aushalten.“
Ich stand auf. Ich ging zur Henriette. „Erst mal muss deine Henriette an ein warmes Plätzchen.“ „Erasmus!“, rief sie. „Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe: Ich kriege Angst, wenn du so unergründlich ernst bist. Wenn du aussiehst wie ein Leichenbestatter. Was heißt, ich kriege Angst. Ich habe sie schon, diese Angst. Fürchterliche Angst. Das kann doch nur was Schlimmes sein, was du da ausbrütest.“ Sie wurde blass, hielt sich die Hände vor den Bauch. Rannte zur Toilette. Ich stand da, neben dem Rollstuhl, neben der Henriette. Ich stöhnte leise. Ich hatte es falsch angefangen. Und: Hatte ich es mit dem falschen Anfang nicht schon beendet? Auf einmal hatte auch ich Angst. Um sie, um uns. Die Henriette schniefte. Ich sah, wie sie fror. Ich half ihr aus dem Rollstuhl, sie lief allein zu ihrem Lieblingsstuhl, von dem aus sie die ganze Küche überblicken konnte. Ich wickelte sie in eine Wolldecke, und sie setzte sich. „Ich mach dir noch ein Körnerkissen warm“, versprach ich. Ich ging zur Mikrowelle.
Nach drei Minuten war das Kissen heiß, ich gab es ihr. Ich wollte etwas sagen, aber es ging nicht. Sie waren alle da. Jetzt. Auf einmal. Edward, Jonathan. Die Henriette sowieso. Und Tineke. Sie schauten drein wie Schattenvisagen in einem Gruselfilm und verbreiteten eine seltsame Stimmung. Und sie starrten mich alle an. Schweigend, fragend, fürchterlich. Ich erschrak, ich war total klein, ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. „Hier ist das Kissen“, sagte ich endlich und stopfte es der Henriette vor den Bauch. Ich zupfte und strich danach möglichst lange an der Decke. Bis es zu auffällig wurde. Bis sie es als Ablenkungsmanöver erkannten.
Ich drehte mich den anderen zu. Ich wurde auf einmal offensiv. Vielleicht auch aggressiv.
„Was ist los, warum seid ihr alle so still?“, fragte ich ungewöhnlich laut.
Sie schwiegen weiter. Nur die Henriette war zu hören, sie schnarchte leise. Ganz schnell war sie eingepennt. Die Anstrengung, die plötzliche Wärme.
Endlich wurde das Schweigen gebrochen. „Es geht Tineke nicht gut. Ihr ist ganz übel.“ Jonathan war es, der es sagte. Ich starrte ihn, danach Tineke an. Sie war blass, fast grün im Gesicht. Ich empfand Scham, und es bestürzte mich. Trotzdem konnte ich nicht mehr sagen als „ja“ und sie dabei weiter anstarren. „Es ist wegen dir“, legte Jonathan nach. Seine Stimme war unerwartet hart geworden. Seltsam gerecht. Sie hatte eine leicht schrille, eine hohe Tonlage. Es machte mich ärgerlich, ich mochte ihn auf einmal nicht mehr. Mühsam beherrschte ich mich. Aber die Lautstärke bekam ich nicht aus meiner Stimme heraus. Ich sagte: „Es war gar nichts. Ich wollte nur mit ihr reden. Ihr was erklären. Und jetzt seid ihr plötzlich alle da.“
Wieder herrschte für Sekunden eine aufgeladene Stille. Selbst die Henriette hatte ihre Schnarchgeräusche eingestellt. Sie schlummerte zwar weiter, aber der Atem ging pfeifend. Da meldete sich Edward Erster. „Nach uns musst du dich nicht richten, Erasmus. Wir können den Raum verlassen, du kannst aber auch mit Tineke auf den Deich gehen. So wie du es ja angekündigt hattest. Auf jeden Fall solltest du das in Ordnung bringen. Und falls es das ist, was ich vermute, solltest du ihr ein bisschen mehr sagen als mir.“ Es klang anmaßend und altklug, was Edward Erster da von sich gab. Und er stiftete damit nur noch zusätzliche Verwirrung. Er säte Vermutungen, die in eine andere Richtung schweiften und einen anderen Hintergrund hatten als die Gedanken von Tineke und Jonathan. Gleich verlieh seine unheilschwangere Andeutung Jonathans Gesichtszügen eine unartige Spannung und trieb Tineke die Tränen in die Augen. Ich warf Edward Erster einen bösen Blick zu und strafte Jonathan mit Ignoranz. Lediglich dachte ich nun: Du hart gekochtes Weichei, hätte ich ja wissen müssen, wie faulig du von innen bist. Aber ich konnte die Situation nicht länger ertragen. Raus hier. Ich lief zur Tür, und da sich Tineke nicht rührte, drehte ich mich nach ihr um und rief: „Dann komm doch bitte mal mit!“  

Folge 20  vom 19. April. 2020  

Auf dem Deich war es heute stürmisch wie im Herbst. Diese Wetterumschwünge, dachte ich kurz, sie passen so wunderbar zum Verhalten der Menschen, zu ihren Launen, zu ihren Ansichten. Es dauerte keine halbe Minute gemeinsamen Weges, bis ich anfing zu frieren. Ich hatte mich in der Aufregung und der Eile zu dünn angezogen. Zurückgehen oder mich beklagen wollte ich aber nicht. Schon weil es Mühe gemacht hatte, Tineke zum Mitgehen zu bewegen. Und weil sie gemeint hätte, ich würde ihr dann ausweichen wollen. Weil ich ein schlechtes Gewissen hätte. Weil Erklärungen sinnlos wären.
Ich hielt sie nun am Arm. Oder hielt sie mich? Auf jeden Fall, sie widerstrebte und sie zog sich von mir weg. Sie lief auf wackligen Beinen, und sie war auch immer noch blass im Gesicht, jetzt fast bläulich. Vom Wind, von den kurzen heftigen Regenschauern. Sie kämpfte mit ihren Tränen. Ich dachte: Es sollte nun nicht zu lange dauern, dass ich ihr das sagte, was ich sagen durfte. Das von den vier Wochen. Aber ich versuchte zunächst den Verlauf der letzten Viertelstunde zu rekonstruieren. Was war denn passiert? Eigentlich nichts. Ich hatte nur angekündigt, ihr etwas sagen zu wollen. Ja gut, mein Gesichtsausdruck. Darin hatte vor allem meine eigene Furcht gelegen, meine Ohnmacht. All meine Unschlüssigkeit. Wohl auch alle Kraft, mit der ich mich von innen heraus gegen Furcht und Ohnmacht zu wehren suchte. Gegen das verordnete Schweigen. Gegen die Geheimhaltung. Und es waren auch Wut und Verzweiflung. Ein kochendes Eismeer.
Endlich hörte ich mich sagen: „Tineke, was ich dir erklären wollte, ist weiter nichts, als dass ich nächste Woche vier Wochen weg muss. Es ist eine Einladung, ein Termin, über den ich mit niemandem reden kann. Jedenfalls nicht vorher. Und ob hinterher, das kann ich dir nicht versprechen. Möglicherweise kann ich es nicht.“
Sie blieb stehen. Sie sah mich an. Und sie sah ganz leer aus. Doch ihre Gedanken füllten sich wieder, sie wiederholte meine Worte und begriff langsam, was ich gesagt hatte: „Du musst vier Wochen weg, und du kannst vorher und hinterher mit niemandem darüber reden. Über diese vier Wochen. Am allerwenigsten mit mir.“
„Nein!“, schrie ich. „Nicht bloß nicht mit dir. Schon gar nicht mit dir am allerwenigsten.“ „Wie? Was denn nun? Du kannst mit mir nicht darüber reden, dass du vier Wochen weg musst und warum? Oder du kannst mit mir darüber reden?“ Ich seufzte, ich stöhnte. Ich warf qualvolle Blicke zu den düsteren Wolken am Himmel.
„Weißt du, Erasmus“, sie gab sich plötzlich gefasst. So auf eine vorbestimmt resignierende Art. „Mach es doch so: Lass die Erklärungen weg, da kommen eh nur fadenscheinige Ausreden heraus. Beschränke dich einfach auf die Tatsachen. Sag, dass du eine alte Freundin wiedergetroffen oder eine neue gefunden hast. Zu der willst du. Es ist deine Jugendliebe, ihr habt damals schon zusammen im Sandkasten gesessen. Du hattest ihr Bild sowieso immer im Hinterkopf. Oder es ist die schöne Blonde mit der dunklen Brille und den Grübchen, von der du dein Leben lang geträumt hast. Sie ist dir vor ein paar Tagen im Supermarkt über den Weg gelaufen, und ihr habt euch prompt ineinander verknallt. Du bist genauso ihr Traummann wie sie deine Traumfrau ist. Und gib zu, dass du mir gegenüber nur von vier Wochen sprichst, damit ich mehr Zeit habe, mich auf die Trennung von dir vorzubereiten. Mit Sicherheit wirst du nicht nur diese vier Wochen wegbleiben, sondern für immer.“ „Nein!“, schrie ich wieder. Noch viel lauter als vorher, noch viel verzweifelter.
Sie blieb unbeirrt, unbeeindruckt. Vor allem blieb sie stolz und kühl. „Weißt du, Erasmus, es ist auf eine Art richtig rührend, wie rücksichtsvoll du dich von mir trennst. Ich merke sogar, dass es dir ein bisschen schwer fällt. Ein bisschen. Und ich bin auch bereit, es zu akzeptieren. Ich verlange ja nur die Wahrheit, damit ich dich besser verstehen und mich leichter damit abfinden kann. Wohin du mit deiner neuen Flamme gehst, will ich nicht mal wissen.“
Ich machte einen kleinen Schritt und eine halbe Drehung, und als ich direkt vor ihr stand, fasste ich sie an beiden Oberarmen und zog sie an mich. Ich umschlang sie. Ganz fest. Ganz nah, als würden wir ineinander schmelzen. „Das weiß ich, dass du das alles nicht ernst meinst. Und ich auch nicht“, flüsterte ich laut in den Wind. Sie atmete tief und dehnte ihre Atemzüge lange hinaus. „Ja“, erwiderte sie, „ernst meine ich es nicht. Nicht vom Inhalt. Aber ich leide nun mal schrecklich, weil etwas zwischen uns steht. Es macht mir Angst, wenn du Geheimnisse vor mir hast, wenn du mir nicht vertraust.“ Sie schob mich ein Stück von sich. Ich sah ihr Gesicht. Sie sah traurig aus, aber auch glücklich. Sie sagte: „Ich weiß ja, ich bin dabei, dich zu vereinnahmen, zu sehr vielleicht. Und zu früh. So lange kennen wir uns ja noch nicht, dass ich diese bedingungslose Vertrautheit von dir verlangen könnte.“ Ich hielt sie immer noch fest, an den Schultern jetzt. Ich sah sie auch so an, wie sie mich ansah, so fest, so intensiv. Auch ernst, aber nun lockerer. Glücklich und traurig. „Diese Geheimnisse“, sagte ich, „sie haben nicht direkt mit uns zu tun, mit dir und mir. Mit anderen Frauen sowieso nicht. Es ist wegen meiner Familie. Ich hab versucht, dir diese Schwierigkeiten zu erklären. Andeutungsweise jedenfalls. Dass es bei uns nicht normal zugeht. Bei den Ersters.“ „Lass uns ein Stück laufen“, sagte sie. Sie hakte sich in meinen Arm, sie zog an mir. Vorwärts zog sie.
„Es ist kalt.“ Sie seufzte. „Du frierst. Du zitterst. Du bist blass und hast blaue Stellen im Gesicht. Frostbeule.“
„Und du, frierst du nicht? Obwohl du zitterst? Du bist auch blass und hast auch blaue Stellen. Selber Frostbeule.“
„Nein“, entgegnete sie. „Keine Frostbeule. Höchstens außen herum ist mir kalt. Das ist nicht schlimm und nicht wichtig. Innen, ist mir dafür ganz warm. Wegen dir.“ Sie summte auf einmal das Lied. „Butterfly, red white and blue.“ Und ich summte mit, ich sang sogar leise, ich ergänzte: „You love flowers, I love you.“ „Weißt du noch“, fragte sie nachher, „als wir vor ein paar Tagen frühmorgens auf der Lichtung im Wald Rast gemacht haben?“ „Ja“, erwiderte ich. „Es war schön. Nur kam kein Reh.“ Sie kicherte kurz. Sie sagte dann ernst: „Ich fühle mich immer noch so. So glücklich. Trotz dem. Ich spüre auch, dass wir uns näher kommen.“
Wir gingen einige Schritte schweigend. Nachher sagte ich: „Ich werde in der nächsten Woche meinen Vater sehen. Sie erlauben mir sogar, mit ihm zu sprechen. Das ist der Grund für diese vier Wochen.“ 

In dem kleinen Küstenhaus hatten sie sich beruhigt. Sie saßen um den Küchentisch herum und vertilgten zu dritt die Reste der Buttercremetorte. Dazu tranken sie Tee, den sie in der Kanne auf einem Stövchen zu stehen hatten. Jonathan teilte die letzten Stücke zwischen sich und der Henriette auf. Edward Erster hatte ein kleines, sorgsam abgemessenes Stück auf dem Teller. Er hobelte bei prüfendem Blick kleine Häppchen ab, die er auf der Zunge zergehen ließ. Aha, dachte ich, Schokoladenproduzent bleibt man also für sein Leben.
Ebenso Onkel mit Berufung zur Vaterfunktion. Er sagte: „Ihr seht total durchgefroren aus. Trinkt mal bisschen Tee mit ’nem Schuss Rum. Das wärmt. Und hier: Kuchen.“
Tineke ließ sich auf einen Stuhl plumpsen. Sie wirkte noch durchgefrorener als ich, auch erschöpft. Sie war es auch. Sie sagte: „Ich hätte eher Appetit auf was Herzhaftes.“ Sie blickte mit einer gewissen Erwartung zu Jonathan. Der schüttelte den Kopf. „Ich bin grad dabei, deine Oma zu versorgen. Danach mach ich für dich aber was besonders Schönes.“ Er bedachte mich mit einem kurzen Blick und fügte leicht schnippisch hinzu: „Und wenn dieser Draufgänger da ab sofort wieder freundlich zu dir ist, kriegt er auch was. Vielleicht einen extrascharfen Pfefferbeißer mit Zwiebelbeilage. Damit ihm endlich die Tränen kommen.“
Tineke lächelte leise. „Vorhin. Alles schon vergessen. Es war eher bei mir, dass es zu diesem Zwischenfall kam. Ich habe überreagiert. Ich bin zu emotional.“ Sie schwieg eine Weile, ohne den Blick von ihm zu nehmen. Schließlich fuhr sie fort: „Du, sag mal, du kümmerst dich da so hingebungsvoll um meine Henriette. Könntest du dir vorstellen, den Job für etwa vier Wochen zu übernehmen? Allein.“
Jonathans Blick wanderte skeptisch von Tineke zu mir und von mir zurück zu Tineke, danach zur Henriette. „Was soll das heißen? Geht er stiften?“ Er schüttelte in gespielter Empörtheit den Kopf. „Ts, ts, ts. Kein Verlass auf die Künstler und Schriftsteller.“
„Neinnein.“ Das war Edward Erster, der sich auf einmal in die Diskussion hing. „Ganz sicher geht er nicht stiften. Er soll meinen Wagen holen. Der steht immer noch in der Garage. In diesem Hotel. In der Schweiz.“ „Und das dauert vier Wochen?“
Kurzes Schweigen. Nur das leichte Schmatzen der Henriette. Tineke meldete sich jetzt: „Ich werde wahrscheinlich mitfahren.“ Alle schauten wir zu Tineke, alle staunten wir. „Naja. Erasmus ist aus seinem künstlerischen Gleichgewicht geraten. Er findet keine Konzentration und kein Konzept für sein neues Werk. Ist es nicht wichtig, dass wir ihn unterstützen? Ich, Edward, die Henriette. Und eben auch du.“
Edward Erster klatschte dezent Beifall, die Henriette nickte eifrig.
„Und deine Arbeit? Wie willst du deinen Facharzt schaffen?“ Jonathan hatte eigentlich kapituliert. Aber es gehörte zu seinem Stil, noch ein bisschen wichtig zu sein.
Tineke lachte auf. In ihr Gesicht zog rötliche Farbe, Wärme. „Ich freu mich so, dass du ja sagst, Jonathan. Danke.“
Er seufzte. „Ja.“  

Folge 21  vom 20. April. 2020  

Wir beschlossen, Mensch ärgere dich nicht zu spielen. Es war Tinekes Idee. „Das wärmt auf. Es ist lustig.“ Sie hatte einen sichtlich abgewetzten Karton, in dem sich die ebenfalls abgewetzten Männchen und das Spielfeld befanden.
„Mein Gott, wie oft wir da schon drüber gesessen und unseren Spaß gehabt haben.“ Sie schaute zur Henriette, die zugleich nickte und seufzte.
Jonathan zweifelte. „Von wegen Spaß. Das Spiel beschert einem kolossale Wutanfälle. Es wurde bereits mehrfach wissenschaftlich untersucht. Womöglich schmeißt Erasmus alle meine Männchen raus, so dass ich Aggressionen gegen ihn entwickle.“ „Muss es nicht heißen: Aggressionen für ihn?“, fragte ich dumm. Er sah mich an, und sein Blick war friedlich, fast sanft.
„Ist mir egal, ob für oder gegen. Ich möchte diese Aggressionen nicht haben. Du bist für mich ein Bruder im Geiste. Und im Gefühl.“
„Seelenverwandtschaft nennt man das“, ergänzte Tineke. „Bei Seelenverwandten ergeben sich eigentlich niemals Aggressionen. Weder für- noch gegeneinander.“ Der Würfel rollte bereits. Tineke wollte der Henriette, als sie an der Reihe war, das Würfeln abnehmen. Die Großmutter jedoch entriss der Enkelin das entscheidende Spielinstrument. Sie konnte selbst würfeln. Sie wollte es. Sie entwickelte Leidenschaft. Egal, dass wir dann doch ihre Männchen rücken und ihr beim Abzählen der Felder helfen mussten. Sie kicherte herzhaft, und sie räumte noch und noch alles weg, was da im Wege stand. Edward Erster erwischte es gleich wiederholt. Er begann zu schimpfen, hielt sich jedoch an den anderen Männchen, insonderheit an denen von Jonathan, der als einziger einen geradezu behutsamen Spielstil an den Tag legte, schadlos. Zusehends steigerte er sich in die Rausschmeiß-Attacken und kommentierte sie auch noch mit passenden, nicht gerade von Zimperlichkeit zeugenden Zwischenrufen. „Siehst du, warum kommst du auf mein Territorium.“ Oder er rechtfertigte sich: „Hast mich ja auch direkt vor Toresschluss gefeuert.“
Dann jedoch stellten sich bei ihm unversehens Momente der Besinnung ein. Vielleicht schämte er sich sogar für seinen Spieleifer, denn er murmelte zur Selbstentschuldigung und so, dass es alle gerade noch hören sollten: „Himmel, ich benehme mich ja völlig kindisch. Als ginge es um mein Leben. Warum nimmt jemand wie ich überhaupt an diesem albernen Spiel teil? Warum bin ich nicht im Golf-Club?“ Sekunden später war er wieder auf das Brett fixiert. Er ereiferte sich: „Musste das sein, Henriette, dass du mein Männchen so gemein aufmischst?“ Und die Henriette freute sich ganz listig und froh; eine kleine Elster.
Dann war, fast unbemerkt, Tineke fertig. Alle Männchen waren im sicheren Feld aufgereiht.
Edward Erster nörgelte: „Die Kleine hat sich klammheimlich in den sicheren Schober getrickst.“ Er wiegte unzufrieden, zugleich bei anhaltender Leidenschaft den Kopf und schmiss den Würfel mit Wucht über den Tisch. „Und bei mir geht gar nichts.“ Jonathan hingegen, obwohl er gerade ein einziges Männchen auf die Zielreihe hatte bringen können, gab sich entspannt. „Ganz sicher werdet ihr nicht erleben, dass ich ausraste. Nicht mit dem Nervenkostüm, über das ich verfüge. Und wenn du mich noch zehnmal rauskantest, Chef.“ Er nannte Edward Erster, seit er ihm zum ersten Mal gegenübergestanden hatte, Chef. Er verband damit den Respekt, den er vor dem Großkapitalisten hatte. Doch es hatte auch etwas damit zu tun, dass er bei Edward Halt und Orientierung suchte. Allerdings, als er sah, dass Tineke, die ihm vis–à–vis saß, gesiegt hatte, sprang er auf, lief um den Tisch herum und umarmte die Siegerin. „Glückwunsch, Zintchen. Ich freu mich so, dass du das geschafft hast. Ich gönn dir das so sehr.“ Er hielt sie fest, er schloss sogar die Augen, schließlich öffnete er sie wieder und sah zu mir. „Und du, du kannst dich wohl kein bisschen freuen. Spielst hier den Eisblock. Als ob das zu deinem schönen Buch passen würde. Da brennst du auf Sizilien ein Feuerwerk der Gefühle ab und entwirfst sozusagen das Szenario der atemberaubenden Tragödie, und hier, wo deine reale große Liebe sitzt und sich nach deiner Wärme sehnt, bleibst du steif wie ein Stück Holz.“
Ich dachte, man sollte Jonathan bitten, ein Vorwort für das Buch zu schreiben und es nach dem Erscheinen den wichtigen Medien zum Besprechen geben. Es würde vielleicht den Inhalt übertreffen. Ich äußerte eine solche Bitte allerdings nicht, denn ich sorgte mich plötzlich um Tineke. Ihr Gesicht war, ohne dass ich es während des Spiels bemerkt hatte, rot angelaufen. Es glühte. War es eine Erkältung, war es Grippe oder Fieber? Oder die Aufregung der letzten Stunden. Oder alles das?

Tineke gab nicht zu, dass sie kränklich sein mochte. Sie wollte trotz der sichtlich in ihr aufsteigenden Hitze weiter Mensch ärgere dich nicht spielen. „Wirklich, mir geht’s gut. Warum sollten wir aufhören?“ Und als wir Übrigen uns eher unwillig zeigten: „Eine Runde wenigstens noch.“
Wir willigten ein.„Aber nur eine!“, bestimmte Jonathan. Wir spielten also wieder. Jetzt freilich nicht mehr mit der Leidenschaftlichkeit der ersten Partie. Wir schauten immerzu zu Tineke. Abwechselnd oder alle zugleich. Mal verstohlen, mal unverhohlen. Immer besorgt, alle sehr freundlich. Wir spielten rücksichtsvoll. Keiner wollte Tinekes Männchen vom Rundkurs schubsen. Keiner sie aufregen, ihr wehtun. Und wenn es doch geschah, dass einer ihrer Holzmannen vom Feld musste, weil es halt nicht anders ging, handelte sich der betreffende Frevler die strafenden Blicke der Mitspieler ein, oder er entschuldigte sich gleich von selbst, indem er beschwor, er habe eigentlich zu ungelenk gewürfelt.Nach zwanzig Minuten hatten wir es geschafft.
Tinekes zweiter Sieg war unvermeidlich gewesen. Sie lächelte nun. Sie sah aber schlapp aus, das Gesicht immer noch rot. Es glühte. Sie wird, ist krank, dachte ich. Merkte sie es selbst nicht? Ignorierte sie es einfach? Wir hätten nicht noch mal spielen sollen. Es war zu viel für sie gewesen. Ich versuchte es ihr zu sagen: „Siehst aus, als kriegst du ’ne Grippe oder so was.“ Sie schüttelte ungläubig, unwillig den Kopf. „Mir schlägt das Wetter auf die Natur. Ich fühle direkt, wie der Luftdruck zu steigen beginnt. Morgen scheint die Sonne wieder, und es wird knallheiß. Wetten?“ Dass sich manche Menschen umso standhafter geben mussten, je schlechter es ihnen ging. „Im Fernsehen haben sie was anderes angekündigt. Regen satt.“ Da Edward Erster das sagte, gab ich auf Tinekes Prognose schon mal gar nichts. Wetterberichte waren eine seiner Leidenschaften. Tinekes Lächeln zeigte an, dass sie es besser wusste. „Eine Runde würde ich noch spielen. Wenn morgen die Sonne scheint, kommen wir ja nicht dazu, weil wir draußen sind.“ Wir sahen uns fragend an. Bis Edward demonstrativ gähnte. „Auf Dauer langweilt mich dieses altmodische Spiel ungeheuer. Es ist halt was für alte Leute, die für nichts anderes taugen.“ Er warf einen freundlichen Blick auf die Henriette. „Wir beide gehören da jedenfalls nicht dazu.“Die Henriette nickte froh, und Edward Erster beschloss: „Ich werd mal nach oben in meine Mönchsbehausung gehen, hab noch einiges durchzuarbeiten.“ Tineke schaute ihn staunend an: „Als Ruheständler? Einiges durcharbeiten?“ Ihre Stimme war matt geworden.
„Grade als Ruheständler muss man ständig ein Auge auf seine Geldanlagen haben“, erwiderte Edward Erster. „Aktienpakete und Immobilien unterliegen allen möglichen Einflüssen.“
Jonathan bestätigte es beflissen: „Der Chef hat total Recht. Obwohl unsereiner das ja nur theoretisch bestätigen kann.“ Er wandte sich an mich: „Und du, großer Schriftsteller? Siehst auch ziemlich mitgenommen aus.“ Er zwinkerte auffällig. „Gönn dir mal ’nen kleinen entspannenden Spätnachmittagsschlaf. Und nimm deinen Schatz schön mit. Wer zusammen schläft, erholt sich doppelt.“
„Und meine Henriette?“ „Ach, da werde ich mich drum kümmern, Zintchen.“
Jonathan drehte das Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett um, und prompt lag ein anderes Spielfeld auf dem Tisch. „Das ist doch was für uns beide. Oder?“ Er kramte in dem Karton mit den Spielen und förderte noch mehr abgewetzte Holzmännchen zutage. Die Henriette freute sich. Sie sagte: „Hick-Hack, haben wir lange nicht gespielt.“ „Halma“, sagte Tineke. „Das Spiel heißt Halma. Das spielt sie furchtbar gern.“
Edward Erster, der schon aufgestanden war, ließ sich erneut auf seinen Platz nieder und rückte ein Stück an das Spielfeld heran. „Probieren würd’ ich das auch mal wieder. Es geht ja auch zu dritt.“ Er schaute melancholisch. „Das ist doch sechzig oder wie viel Jahre her, dass wir das gespielt haben. Deine Großeltern, Erasmus, irgendwelche Nachbarn und Freunde. Gleich nach dem Krieg.“ Die aufgesetzte Rührung wollte ihn endgültig befallen. Vielleicht auch Selbstmitleid. „Zuletzt kam ich ja kaum noch dazu mitzuspielen. Musste ja immer für die Firma da sein. Während der Gründerjahre. Na ja, und nachher, als ich Unternehmer wurde, musste ich mich rund um die Uhr um alles kümmern.“
„Halma ist ätzend“, sagte ich und zog Tineke von ihrem Stuhl empor. „Musst ja nicht mitspielen.“ Jonathan klang leicht beleidigt. „Wäre sowieso sinnvoller, du würdest endlich mal wieder was schreiben.“  

Ich brachte Tineke in das Wohnzimmer. Sie legte sich auf die Couch. Sie begann jetzt zu frieren. Und sie schwitzte. „Du bist krank“, sagte ich.
„Von diesem kurzen Spaziergang im Regen und im Sturm. So schnell ist das also gegangen. Du verträgst nichts. Das solltest du mal akzeptieren.“ Sie widersprach. „Es hat sich schon angebahnt, bevor ich kam. Hab mich in Berlin in der Klinik angesteckt.“ Sie hustete. „Lässt sich halt nicht vermeiden, dass ich mit Patienten zusammenkomme.“ Ich deckte sie zu, streifte ihr dicke Wollsocken über die Füße. „Ich werde in Zukunft besser auf dich aufpassen“, beschloss ich. „Nicht nur immer auf die Henriette.“Sie stöhnte und schloss die Augen. „Eher muss jemand auf dich aufpassen.“
Ich schlich in die Küche. Dort kochte ich Tee, schob das Kissen mit den Körnern in die Mikrowelle und legte es ihr, nachdem es heiß war, auf den Bauch. „Hilfe!“, schrie sie leise. „So kann man natürlich auch jemanden kurieren: Man verbrennt ihn.“ Ihre Zähne schlugen beim Sprechen klappernd aufeinander, die Stirn wurde vom Schweiß nass. Sie stöhnte abermals und drehte sich auf die Seite. Sie schlief schnell ein.
Ich zupfte eine Weile an ihrer Decke, danach rückte ich meinen Stuhl so, dass ich ihr Gesicht sehen konnte. Ich schaute sie ganz lange an. Sie schlief unruhig, sie atmete durch den Mund, dadurch sah sie kindlich und geradezu unschuldig aus. Fast unberührt. So zart. Ich begriff, dass ich noch nie einen Menschen so gemocht, so geliebt hatte wie sie. Und ich fand es jetzt schäbig, dass ich sie wegen meines Geständnisses in das kalte Wetter geschleppt und ihr vorhin auf dem Deich noch nicht die komplette Wahrheit gesagt hatte. Über meinen Vater, über jene bevorstehenden vier Wochen. Was ging mich denn das Versteckspiel dieser fremden Leute an? Musste ich deswegen diese Kluft zwischen Tineke und mir aufreißen? Ich fühlte mich Tineke gegenüber schuldig. Ich war der Meinung, dass diese Erkältung, die sie so plötzlich umgeschmissen hatte, keineswegs mit einer Ansteckung in der Klinik zu tun hatte. Sie hatte sich das auf dem Deich zugezogen. Im Wind, im Regen. Wegen mir. Weil ich ihr keine Zeit gelassen hatte, sich wärmer anzuziehen, weil ich sie mit meinen Andeutungen psychisch zu stark unter Druck gesetzt hatte. Ich sagte es ihr jetzt. Obwohl sie schlief. „Tineke, ich habe dich schlecht behandelt. Ich habe dich regelrecht in die Enge getrieben, dich in Panik versetzt. Es tut mir leid.“ Ich streichelte dabei ihr Gesicht. Es erleichterte mich. Sie lächelte still und zaghaft. Und glücklich. Dabei schlief sie doch immer noch. Ich war gerührt, und glücklich war ich sowieso. Mindestens so wie sie. Ich sagte ihr: „Ich liebe dich, Tineke. So sehr habe ich noch nie einen Menschen geliebt.“ Sie lächelte erneut. Wieder so still und so unschuldig und so glücklich. Da konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Egal, ob es Konsequenzen haben würde, ich musste ihr einfach den Rest, die ganze Wahrheit sagen: „Dass ich demnächst diese vier Wochen unterwegs sein werde, hat sehr komplizierte Hintergründe. Aber es ist trotzdem nicht das, was du vielleicht doch noch annimmst. Keine Weibergeschichte. Es steckt etwas dahinter, das nahezu unglaublich klingt. Unglaubhaft. Ja, ich werde meinen Vater sehen. Aber nicht von Angesicht zu Angesicht. Das heißt, von Angesicht zu Angesicht sehe ich ihn schon. Trotzdem: Sein Gesicht ist auf einem Bildschirm. Bei mir. Und bei ihm ist mein Gesicht auf dem Bildschirm. Und das auch nur, wenn diese ganzen komplizierten Abstimmungen funktionieren. Ich weiß also nicht mal, ob man demnach von einer Begegnung zwischen ihm und mir sprechen kann. Eine Begegnung, wo man sich bei Kaffee und Kuchen gegenüber sitzt, ist es jedenfalls nicht. Es ist virtuell.“ Ich musste mich unterbrechen. Ich musste nachdenken. Ich hatte den Faden verloren. Falls ich überhaupt einen geknüpft hatte. Ich kam auch nicht dazu, mich zu sammeln und geordnet zu reden. Tineke fuhr auf einmal im Schlaf zusammen. Sei es aus Unwohlsein oder wegen einer bösen Traumsequenz. Es kam ein kleiner Aufschrei, der dennoch laut genug war, auf dass ihn Jonathan und Edward Erster hörten. Prompt ging die Tür auf. „Was war das? Sollen wir nicht gleich einen Arzt rufen? Oder hast du was gemacht? Mit ihr.“ Ich sprang auf und schob die beiden aus dem Raum. „Es ist alles gut“, beruhigte ich die zwei. „Sie kriegt halt etwas schwer Luft.“  

Folge 22  vom 21. April. 2020 

Ich wusste, dass die beiden nachher weiter auf der Lauer lagen. Halma spielten sie nur als Alibi. Obwohl sie flüsterten, fing ich noch ein paar Wortfetzen auf, in denen es um Tineke ging. Dass die Kleine besonderer Ruhe bedürfe und womöglich einen Arzt brauche und wie es wohl in der nächsten Woche mit ihr weitergehe, ob sie denn überhaupt nach Berlin reisen könne. Ich widerstand der Versuchung, die Tür aufzureißen und den beiden zu versichern, es könne Tineke nicht besser gehen als in meiner Obhut. Ich beschloss, diese wahrlich übertriebene Fürsorge zu ignorieren und im Zimmer bei Tineke zu bleiben. Mich interessierte kein Abendbrot, kein Halma. Ich ging auch nicht hinaus, als Dominique kam und vielleicht gern mit Tineke gesprochen hätte. Das Mannweib, mit dem Edward Erster heuer abermals einen seichten Dialog begann. Ich wusste, diese zwei Kerle würden mit allem fertig werden, wenn ich für jene vier Wochen auf Reisen ging. Mit der Betreuung der Henriette und mit ihren eigenen Bedürfnissen. Und ihre Bedenken würden sich schlicht auflösen.
 Tineke schlief, ich war an ihrer Seite.
 Ich hatte den Laptop hochgefahren. Schreiben, darum ging es jetzt. Jonathan hatte es ja selbst gesagt. „Dein erstes Buch, mach mal endlich was, damit es veröffentlicht werden kann. Wofür bist du Schriftsteller?“ Hatte er es gesagt, oder war die Frage, die Mahnung schlichtweg nur in meinem Kopf?
 Ich arbeitete jetzt aber nicht an meinem ersten Buch. Ich hatte plötzlich die Idee für eine neue Geschichte. Und zwar nicht einfach nur was Neues, sondern es war eine Idee, mit der ich ein bisschen von dem erklären wollte, was ich sonst nicht erklären durfte. Meinem Onkel nicht und nicht Tineke. Ich schrieb die Geschichte eines jungen Mannes, der in bestimmten Abständen aus seiner Umgebung verschwindet, um seinen Vater zu besuchen. Die Besuche dauern meistens um die vier Wochen. Da sie aber anstrengend sind, schon weil er in dieser Zeit kaum schlafen kann, und weil er danach auch nicht alles sofort verarbeitet hat, ist der junge Mann anschließend auch durcheinander.
 Wo sich der Vater befindet und was er treibt und wo der junge Mann demzufolge hinfährt und wo er sich diese vier Wochen lang aufhält, das bleibt geheim. Der junge Mann darf es nicht verraten, weil ihm ansonsten kein Wiedersehen mit seinem Vater mehr erlaubt sein würde.
 An dieser Situation, speziell an der Einhaltung der Vorschriften, ändert auch die Bekanntschaft einer hübschen Frau nichts. Egal, dass sich der junge Mann hoffnungslos in sie verliebt. Er unterliegt auch ihr gegenüber den bedingungslosen Geheimhaltungsvorschriften. Die Fragen, die ihm seine Freundin vor dem Treffen mit dem Vater stellt, darf er nicht beantworten.
 Was soll er tun? Die nächste Begegnung mit dem Vater naht. Er sieht die Freundschaft zu dem Mädchen gefährdet.
 Der junge Mann entschließt sich zu einer Lüge. „Mein Vater befindet sich in einer Klinik. Seine Nerven. Diese Erkrankung ist unheilbar.“  

Ich schrieb und schrieb, grübelte zwischendurch, löschte Sätze oder Passagen, erneuerte sie oder ließ sie weg, ich korrigierte, löschte abermals und formulierte noch mal neu. Ich konzentrierte mich allein auf den Text, ich achtete auf nichts. Erst gegen Mitternacht schaute ich auf. Draußen, in der Küche, hatten sie längst den Tisch, das Feld geräumt. Nicht nur jenes vom Halma-Spiel. Edward Erster war oben in der Wohnung, Jonathan im Bett, nahe der Henriette.
 Tineke schlief unruhig. Sie röchelte, strampelte das Bettzeug weg und redete undeutliche, aufgeregte Worte. Ein Albtraum? Ich überlegte, ob ich sie wecken sollte, um sie davon zu erlösen. Ich tat es nicht. Ich ging nur an ihr Bett, deckte sie ordentlich zu. Dann ging ich weiter zum Fenster und stellte den Flügel weiter auf. Ich hörte das Rauschen des Meeres, die Flut kam auf und brachte kühle Luft, der Regen hatte endgültig nachgelassen. Vielleicht gibt es tatsächlich Sonnenschein, wenn sie aufwacht, dachte ich. Morgen. Der Himmel jedenfalls klarte allmählich auf. Er war schwarzblau, gezeichnet von zerrissenen Wolkenfeldern, dazwischen hob sich der Mond mit einem Strich vor dem Abnehmen mattgelb ab. Sein Schein fiel direkt in das Zimmer, auf Tinekes Gesicht. Ich ging zur Couch und sah sie wieder an. Sie lag jetzt ruhig. Ich strich vorsichtig mit der Hand über ihr Haar und sagte leise: „Sobald du wieder gesund bist, werde ich alles aufklären. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich verschweige dir was Schlimmes.“ Noch während ich sprach, spürte ich ihre Finger auf meiner Hand. Sie war aufgewacht. Sie hielt meine Hand fest. Es war dennoch eine zarte Berührung. „Du musst nichts aufklären, Erasmus. Gar nichts“, sagte sie. Ihre Stimme war brüchig und kaum hörbar. Trotzdem klang sie warm. Ich erschrak. Ich hatte nicht gerechnet, dass sie wach sein würde. „Wie fühlst du dich?“, fragte ich unbeholfen. Sie ließ meine Hand los und schwieg eine Weile. Doch dann sagte sie: „Ich bin sicher, du wirst mir irgendwann alles von selbst erzählen. Über deinen Vater, deine Familie. Und wenn nicht, kann ich damit leben. Wichtig ist, dass nichts Schlimmes hinter deinem Schweigen steckt. Das weiß ich ja jetzt, du hast es mir klargemacht.“ Sie seufzte ganz erfüllt. „Das war so schön, als du vorhin zu mir gesprochen hast. Gleich zu Anfang, als ich hier lag. Du hast gedacht, ich schlafe.“ Sie fasste wieder nach meiner Hand. „Ich hab es genau gehört, alles. Es macht mich so glücklich. Erasmus.“  

Sie fühlte sich keineswegs schlecht, nachdem sie aufgewacht war. Nicht so wie ich es erwartet hatte. Krank und fiebrig. Nur schlapp, ausgetrocknet. Durchgeschwitzt. Sie saß auf der Kante des Sofas. „Ich brauche frische Sachen“, sagte sie. „Da drüben ist die Kommode, da sind Schlafanzüge und so was drin.“ Bevor ich zu dieser Kommode ging, bat sie: „Bitte sei ganz leise. Sonst haben wir Jonathan gleich wieder hier. Und bitte lass die Lampe aus. Schon, wenn er das Licht unter der Türritze sieht, kann er uns bemerken.“
 Es ging nicht ganz ohne Licht. Ich bog die kleine Lampe hoch, die ich am Laptop hatte, und richtete sie auf die Kommode. Ich sagte: „Du, ich weiß ja nicht, ob ich dich das fragen darf. Mit diesem Jonathan, hattest du mal was mit ihm?“
 Sie kicherte röchelnd, hustete dabei. „Eifersüchtig?“ „Weniger. Ich kann’s mir sowieso nicht vorstellen. Du und er, das passt kein Stück. Eher kam’s mir zuerst vor, als würde er auf –.“ Ich brach ab. Ich wollte keine falschen Vermutungen anstellen.
 „Dachtest du, er steht auf Männer? Am Ende gar auf dich?“, fragte Tineke direkt.
 Ich druckste. „Ich hab’s nicht ausgeschlossen.“ Und da sie nichts entgegnete, hakte ich nach. „Und? Ist da was dran?“ Sie schüttelte den Kopf. Ich konnte es an der Bewegung ihres Schattens an der Wand erkennen. „Weiß ich selbst nicht. Ich weiß nur, dass ich nichts mit ihm hatte und auch nie etwas haben werden. Er ist der Bruder von einer Freundin, mit der ich zu Beginn des Studiums unsere Zweier-WeGe gegründet habe. Sie hat das Studium nach kurzer Zeit geschmissen und ist nach Amerika gegangen. Jonathan hat sich dafür bei mir einquartiert. ‚Nur für zwei Wochen’ – der übliche Spruch. Er ist natürlich geblieben. Mein Gott, wie lange das her ist. Ein halbes Leben.“ Sie hustete, hielt sich dabei die Decke vor das Gesicht, um keinen Lärm zu machen. Nachdem sie ruhiger geworden war, fragte ich noch mal: „Hat er mit dir zusammen Medizin studiert?“
 Sie stieß einen Lacher aus. Ungewollt laut, wieder röchelnd. „Studiert! Er hat nicht mal seine Ausbildung zu Ende gebracht. Er geht gelegentlich jobben, solange er bei mir wohnt. Mal hier, mal da. Regelmäßig arbeitet er nur in einer zoologischen Fachhandlung. Auch nur stundenweise. Er verdient gerade soviel, um seinen Anteil an der Miete und die Versicherungsbeiträge abzudecken. Ansonsten ziehe ich ihn quasi mit durch. Dafür kümmert er sich um den Haushalt. Und um mich. Und um sonst alles Mögliche. Um deine Hamster und Hamsterinnen zum Beispiel.“ Sie hustete wieder.
 Ich nahm ihre Sachen aus der Kommode und legte sie neben sie. „Kommst du mit dem Umziehen allein klar?“ Sie bewegte den Kopf. Diesmal konnte ich am Schatten nicht erkennen, ob sie nickte oder verneinte. „Ich kann dir helfen, und ich sollte dir vielleicht erst ein Handtuch holen. Zum Abtrocknen.“
 Es war ein Nein, sie bekräftigte es, sie sagte: „Ich werd’ am besten erst mal duschen, ich schleiche mich ins Bad. Du kannst inzwischen Tee kochen. Eine große Kanne. In einem Schraubglas sind getrocknete Hagebuttenschalen. Selber gepflückt, selber getrocknet und noch selberer zerkleinert. Mach ihn bitte nicht zu stark.“ Sie drückte sich empor, stand wacklig, umfasste mich mit dem Arm, hielt sich an mir fest. Ich fühlte den Stoff ihres Shirts, er war nass. Ich stützte sie während der ersten Schritte. Nachher lief sie allein. Sie verschwand im Bad.
 Das Wasser rauschte. Ich hörte es, während ich mir in der Küche zu schaffen machte. Das Schraubglas mit den Hagebuttenschalen, die Kanne, das Wasser. Und natürlich: Jonathan. Es war unvermeidlich, dass er auftauchte, wie leise und vorsichtig wir uns auch bewegt hatten. Er stand hinter mir. Ich erschrak, als ich unverhofft gegen ihn stieß, wiewohl ich ja mit ihm hatte rechnen müssen.
 „Schön, dass du dich um sie kümmerst“, sagte er.
 Ich antwortete mit einem Achselzucken.
 „In diesen und jenen Belangen kann ich dir aber gern einige heiße Tipps geben. So lange, wie ich nun schon mit Zintchen zusammen bin.“ „Es geht ihr schon besser“, entgegnete ich und blieb ganz ruhig. „Sie ist allerdings sehr schwach. Sie hat geschwitzt. Jetzt duscht sie.“
 „Ja“, sagte er, „hab ich mitbekommen. Aber stell dir mal vor, sie hat die Tür von der Dusche abgeschlossen.“ Da ich angesichts dieser Bemerkung fast die Kanne des Wasserkochers fallengelassen hätte, fügte er, als er es bemerkte, besorgt hinzu: „Es könnte sein, dass sie ohnmächtig wird oder auf dem Boden des Duschbeckens ausrutscht.“
 Ich überging seine Bemerkung. Oder hätte ich ihm sagen sollen, wie unsympathisch ich ihn plötzlich fand? Mal wieder. Andererseits, in eben diesem Augenblick quengelte auch die Henriette, er stürzte sofort zu ihr ins Schlafzimmer. Er redete freundlich auf sie ein, ohne dass ich verstehen konnte, was er sagte, und er kam nachher mit zufriedener Miene zurück. „Es ist nichts Schlimmes. Sie hat geträumt. Sie wäre allein im Haus. Alle seien abgehauen. Sogar ich. Ich hab’ sie beruhigt und gesagt, dass ich eher verhungern und verdursten würde, als sie hier im Stich zu lassen.“
 Er sah, dass ich den Tee aufgegossen hatte und fragte jetzt: „Apropos verdursten. Trinkst du immer allein oder kann unsereiner vielleicht auch eine Tasse Tee kriegen?“ Ich nahm eine leere Tasse aus dem Schrank und goss ein. Er zögerte jetzt. Er sagte: „Entschuldigung, jetzt war ich einfach zu stürmisch. Jetzt trinke ich von diesem Tee, ohne zu bedenken, dass du gleich noch eine Kanne aufgießen musst, weil es für Zintchen nicht mehr reichen wird.“
 Diese Besserwisserei, dachte ich, muss er einem damit permanent auf die Nerven gehen? Er wird auf diese Art auch niemals Freunde finden.
 Nun gut, er erklärte sich, erklärte es: „Sie trinkt diesen Tee, als wäre sie danach süchtig. Und wenn sie erkältet ist, sowieso. Dabei schmeckt er fast nach nichts.“ Er lächelte milde. Dann sagte er: „Bestimmt denkst du jetzt, ich sei in Zintchens Leben der wichtigste Mensch.“ Und da ich schwieg, ziemlich verwirrt, fuhr er fort: „Komm, gib zu, du denkst, sie und ich, da könnte mehr sein als Freundschaft.“ Er wurde wieder ernst, wieder auf seine ungewöhnliche Art andächtig: „Falsch gedacht, mein Lieber, und zugleich auch richtig. Zintchen und ich, wir sind im Grunde ein unschlagbares Team. Aber wir sind nur Freunde. Sie und ich, das ist der hundertprozentige Beweis, dass es zwischen einem Mann und einer Frau auch einfach nur Freundschaft geben kann.“
 „Er hat Recht.“ Das war ihre Stimme. Wir drehten uns beide ruckartig um. Tineke stand an der Türschwelle. Sie war in mehrere Handtücher gewickelt, das Gesicht wirkte frisch, gar nicht mehr krank und blass. „Jonathan und ich sind tatsächlich Freunde. Vielleicht sind wir wie ein Paar Schuhe, die nebeneinander überall hin marschieren und sich gegenseitig helfen, ohne näher aneinander geraten zu können. Bei solchen Paaren ist das dann so, dass keine Gemeinschaft mit einem dritten Schuh möglich ist.“

Folge 23  vom 22. April. 2020  

Jonathan bedachte mich mit einem Blick, der so richtig von oben herab kam. So herablassend und besitzanzeigend. Hast du gehört, was sie gesagt hat: Zwei Schuhe, gemeinsam eingelaufen, voll aufeinander abgestimmt. Keine Gemeinschaft mit einem dritten Schuh möglich.
 Ich fand ihn ab sofort wieder unsympathisch. Ich goss für Tineke Tee ein. Als er mir seine Tasse ebenfalls hinschob, als habe der zweite Schuh den gleichen Anspruch wie der erste, zögerte ich. Tineke rettete uns vor einer kleineren Auseinandersetzung. „Wir werden mit einer Kanne sowieso nicht reichen. Garantiert wird sich die Henriette auch gleich melden und Durst haben.“
 Also goss ich Jonathans Tasse voll. Er reagierte wieder anders als erwartet. Freundlich, er machte einen gedanklichen Schlenker. „Der Vergleich mit den Schuhen ist, glaub ich, nicht ganz so treffend. Schuhe sind irgendwann ausgelatscht. Manchmal stinken sie sogar. Können wir uns nicht einfach darauf einigen, Menschen zu sein? Menschen finden zueinander, und je mehr Menschen es miteinander auf unterschiedliche Weise aushalten, umso besser.“ Er bedachte mich mit einem Blick, der diesmal tief erfüllt war. „Erasmus, du hast es in deinem herrlichen Buch ja selbst beschrieben. Ich will dir mal sagen, in welcher Szene mir das besonders deutlich aufgefallen ist.“ Er wollte es sagen, und ich war schon sehr gespannt, doch es kam nicht dazu. Schon wieder rief die Henriette. „Matula, meine Bienenstöcke sind weg!“ Wir schauten uns erstaunt an, und ehe noch Tineke reagieren mochte, hatte Jonathan begriffen, dass die Henriette ihn meinte. Da startete er durch. „Komme schon!“
 Tineke wartete keinen Augenblick, nachdem er die Küche verlassen hatte. Sie umarmte mich. „Ein herrliches Buch und ein noch herrlicherer Autor. Mit so vielen guten Stellen, wo er sich wiederfindet. Matula.“ Wir lachten. „Wie sie nun gerade auf diesen Namen kommt. Und die Bienenstöcke sind garantiert ihre Pantoffeln, die unter dem Bett liegen.“ Wir küssten uns, wir waren glücklich und schworen uns, dass wir niemals nur Schuhe sein wollten. Nach einer Minute war Jonathan wieder zurück. Nicht nur er, die Henriette ebenfalls. Natürlich, sie auch. Er hatte sie untergefasst und führte sie zu ihrem Stuhl mit den Armlehnen. Als sie saß, zeigte sie auf die Teekanne: „Bisschen Molke.“ Wir lachten sehr, am lautesten die Henriette selbst, wir riefen alle zugleich: „Das ist Tee, keine Molke.“
 Als wir um den Tisch herum saßen und trinken wollten, kam Edward Erster. Er trug wieder einen neuen Morgenmantel, ein äußerst teures Stück, darunter einen Pyjama, ebenfalls neu, ebenfalls aus der sehr gehobenen Preisklasse. Vermutlich hatte er die Sachen während seiner Tagestouren gekauft. Ich ahnte, dass er in entsprechenden Geschäften einen Teil seiner Zeit verbracht haben musste. „Kann man vielleicht noch an dieser Mitternachtsparty teilhaben? Oder habt ihr das Frühstück vorverlegt?“ Er holte sich mit Selbstverständnis eine Tasse aus dem Schrank und ließ sich auf seinem zum Stammplatz gewordenen Stuhl nieder.
 Ich goss ein und setzte abermals Wasser auf. Wir kamen in Stimmung, wir redeten und gackerten durcheinander. Dieser dünnste aller Tees wirkte wie Kaffee. Er machte uns wach, richtig munter. Nein, nicht der Tee, es war einfach unsere Stimmung. Es war einfach gut. Jonathan aß die Reste der Buttercremetorte. War es Fressgier oder Übermut, dass er das tat? Tineke warnte ihn. „Hast du vergessen, wie du vor anderthalb Jahren zwei Tage wegen eben einer solchen Torte exemplarisch flachgelegen hast? Kurz vor dem Exitus.“
 Er ignorierte ihre Warnung. Und er hatte immer noch Hunger, nachdem er die Torte vertilgt hatte.
 Nicht nur er. Edward, Henriette, Tineke – ich auch.
 Es war halb vier, ich machte für uns alle Spiegeleier. Wir aßen mit Begeisterung. Wir waren noch immer in hervorragender Stimmung. „Wir sollten uns jetzt erst gar nicht mehr hinlegen“, schlug Edward Erster vor. „Sobald es draußen richtig hell wird, sollten wir einen Spaziergang machen.“ Er gähnte wie ein Leu. Tineke stimmte ihm zu, Jonathan hingegen bremste sie: „Hast du vergessen, dass du vor ein paar Stunden noch voll krank warst?“ Er selber sah jetzt blass aus, müde. „Also, mich kriegt um diese Zeit keiner vor die Tür.“
 Ich kochte Kaffee. Nun doch.
 Die Henriette war eingenickt. Sie lächelte im Schlaf. Kaffee hätte sie sowieso nicht bekommen. Sie hatte sich ja auch so köstlich unterhalten, so gut wie seit langem nicht.
 „Ich bin auf dem direkten Weg der Genesung“, verteidigte sich Tineke gegen Jonathans Bedenken. Sie gähnte nun auch. „Das mit dem Spaziergang war allerdings ein Scherz. Für mich kommt das nicht in Frage. Noch mal schön schlafen, so bis Mittag und mit der hervorragenden Betreuung von vorhin, dann ist alles wieder in Ordnung.“ Sie lächelte mir verschmitzt zu, sie erhob sich und wandte sich in Richtung Wohnzimmer.
 Edward Erster gähnte erneut, nun in der Manier von mindestens acht Löwen. Und er trat erleichtert von seiner Absicht, einen Morgenspaziergang zu unternehmen, zurück. „Allein werde ich nun auch nicht durch den kühlen Morgen stürmen. Wer weiß, was mir zustößt.“ Er verabschiedete sich.
 Da stand ich dann mit Jonathan. „Hilfst du mir, die Henriette ins Bett zu schaffen?“, bat er. „Wenn wir sie mit ihrem Stuhl ans Bett tragen, brauchen wir sie nicht erst wecken.“ Er sah in der Tat noch blasser, regelrecht fahl aus.
 „Ist dir nicht gut?“, fragte ich und dachte an die Buttercremetorte, die Spiegeleier, den Tee und den Kaffee. Und an Tinekes Warnung. Ich schalt mich selbst: Warum hatte ich diese von Fett strotzende Buttercremetorte nicht längst weggeschmissen? Die Frage nach seinem Befinden beantwortete sich quasi im Selbstlauf. Jonathan rannte zur Toilette. Ich hörte diese fürchterlichen Geräusche. Die Henriette, die auf ihrem Stuhl sitzen geblieben war, wurde davon wach, sie lauschte, sie schüttelte sich, und sie sah bange aus. „Dass er so rackert.“ Sie seufzte mitfühlend. Was immer sie mit rackern meinte, Jonathan tat ihr leid. „Den hat’s ziemlich erwischt“, bestätigte ich und half ihr hoch. Sie tippelte zu ihrem Bett. Da lag sie dann gottergeben. Hände gefaltet, demütiger Blick zur Decke, der vermutlich bis in den Himmel hinauf traf. Irgendwie bereit, im Falle eines Falles sofort zu sterben.
 „Er könnt’s brauchen, dass du auch für ihn betest, dein Matula. So wie das Rumoren der Gedärme bis hierher zu hören ist“, sagte ich. Sie gehorchte prompt. Ihre Lippen bewegten sich stumm, und ihre Augen rollten immer wieder zur Seite, auf das leere Bett. Nun denn, ihr Gebet half insofern, als sie für die nächsten Stunden von der Anteilnahme am Geschehen erlöst wurde. Der Schlaf kam über sie. Fest und unerschütterlich. Und gerecht.
 Und über mich kam die Versuchung, die Situation zu nutzen und mich ins Bett zu stehlen. Zu Tineke, fort von Jonathan. Das Geschehen meiden, nicht mit ansehen, anhören. Mich nicht ekeln müssen.
 Ich widerstand. Ich konnte ihm zwar nicht helfen, ich konnte ihm aber beistehen.
 „Alles bei dir in Ordnung?“, rief ich, als ich die Tür der Toilette erreicht hatte.
 Er antwortete mit einem Würgen. Oder war es ein Glucksen? Vielleicht ein Jammern? Zumindest hörte ich die klägliche Aufforderung heraus, ich solle rein kommen, ins Badezimmer. Ich stieß vorsichtig gegen die Tür. Sie öffnete sich langsam. Er hatte demnach nicht abgeriegelt. Und das war gut, für ihn. Er lag am Boden, neben dem Klobecken. „Himmel“, murmelte ich vor Schreck. „Lebst du überhaupt noch?“
 Er bewegte schwerfällig einen Arm.
 „Soll ich einen Arzt rufen, den Notdienst? Oder –?“ Erst, nachdem ich ihn gefragt hatte, fiel sie mir ein. Tineke, von Beruf Medizinerin. Nein, ganz sicher würde ich Tineke nicht holen. Oder doch? Er reagierte mit einer Geste, die nein bedeuten sollte. Ziemlich entschieden sogar. Vermutlich rechnete auch er damit, dass dieser Notdienst Tineke heißen würde. Ich kapierte, wie peinlich ihm das sein musste. Hilfe von ihr – und eine Gardinenpredigt inklusive.
 Ich würde also nicht umhin kommen, ihn selbst zu verarzten. Verarzten, das hieß eher, sanitären und menschlichen Beistand leisten; ich musste ihn hochziehen und irgendwie ins Bett schaffen. Nicht nur das. Er musste vorher auf jeden Fall mit Wasser in Kontakt kommen. Ganz ohne Reinigung konnte ich ihn nicht ins Bett legen. Zu seinem und zum Nutzen der Henriette.
 Zur Erleichterung meines Gewissens sowieso.
 Ich atmete tief durch, hielt die Luft an und fasste ihn unter den Achseln. Während ich ihn emporzog und zum Duschbecken schleifte, wurde mir unmissverständlich klar, was ich zugleich meinem Rücken antat. Bandscheiben, Lendenwirbel, was einem alles so fürchterlich wehtun konnte, was einem immer schon mal so fürchterlich wehgetan hatte. Mir.
 Immerhin, jetzt saß er dort, ein Häufchen Unglück, und ich merkte meine Rückenschmerzen nicht, denn ich befand mich immer noch in gebückter Haltung. Ich zog ihm die Sachen vom Leibe und fasste von tief unten nach oben, von wo ich mir den Brausekopf her angelte. Das lauwarme Wasser floss rasch. Ich ließ es vom Scheitel bis hinunter zu seinen Fußsohlen über ihn rieseln. Ich bemühte mich, nicht ins Duschbecken zu schauen, wo sich eine völlig unappetitliche Brühe sammelte und allmählich im Abfluss versickerte. Meine Rückenschmerzen, die ich während des Aufrichtens auf ihre Schwere zu taxieren suchte, lenkten mich hinreichend ab. Und natürlich die Frage: Wie weiter?
 Waschlappen, Duschgel, Handtuch, noch ein Handtuch. Und die nächste Frage, die sich unmissverständlich an ihn richtete: „Ist alles raus, oder musst du noch mal reihern?“ Er schüttelte den Kopf, den ich gerade mit dem Handtuch abrubbelte. Ich sandte in stiller Dankbarkeit ein verschwiegenes Stoßgebet in die Lüfte und schnappte den nächst hängenden Bademantel. Ganz egal, dass das Stück eher der Henriette als ihm zu gehören schien. Ein glockenförmiges Uraltgewand, das seinen Bauch nur dürftig verhüllte und unter den Achseln klemmte. Ich hatte ihn in dieses Stück gezwängt und nunmehr auf die Beine gebracht. Und ich achtete sorglich darauf, dass er nicht umfiel oder sich setzte. „Komm!“, befahl ich und umfasste stabilisierend seinen Rücken. „Ab ins Bett, die Henriette will nicht allein bleiben.“ Er setzte sachte taumelnd Schritt vor Schritt, und als wir seine Bettkante erreicht hatten, empfanden wir beide eine enorme Erleichterung, da er sich fallen und von mir zudecken lassen konnte. Beide seufzten wir herzhaft, und Jonathan schloss sofort die Augen. Blassgrün, so sah sein Gesicht aus. Ich dachte, er wird ganz flugs schlafen, meinetwegen bis zum Mittag oder bis zum nächsten Wochenende, und aller Kummer und vor allem das körperliche Leid werden dann von ihm abfallen. Doch er schien meinen Fluchtversuch am zarten Luftzug, der bei meinen geradezu schwebend gesetzten Schritten entstand, zu erahnen. Er riss die Augen ganz weit auf. „Bitte, bleib noch und halte meine Hand!“, hauchte er halbtot. „Falls ich sterbe.“
 Ich hielt inne, ich dachte, wenn du stirbst, dann steck bitte die Henriette nicht vorher an.
 Doch ich erwiderte freundlich: „Ich hol dir ’nen Eimer. Für alle Fälle. OK?“
 Und ich holte den Eimer. Einfach weil man so sagte, wenn man den Eimer neben seinem Bett hat, braucht man ihn sowieso nicht mehr.    

Folge 24 vom 23. April. 2020  

Es war schon hell, als alles überstanden war. Als alle schliefen. Außer mir.
 Nein, doch nicht. Tineke war wach. Wieder oder noch? Sie begrüßte mich mit riesig großen Augen. Sie streckte die Hand unter der Decke hervor. „Ich freue mich, dass du dich so sehr um Jonathan kümmerst. Er ist keineswegs so gesund, wie du das denkst. Allein seine überempfindlichen Magenschleimhäute sind ein riesiges Problem. Wir haben es schon mit Schonkost und allen möglichen Diäten versucht. Nichts hilft. Ganz eindeutig ist es psychosomatisch.“ Sie richtete sich ein bisschen auf. „Hat er dir mal erzählt, was da so in seiner Kindheit gelaufen ist? Von seinem Vater?“
 Ich schüttelte desinteressiert den Kopf. „Wann sollten wir dazu die Gelegenheit gehabt haben?“ Ich gähnte. Ich sagte gelangweilt ironisch: „Ich vermute, er wollte unbedingt stricken lernen oder mit blonden Puppen spielen, und sein Vater hat es ihm verboten. Nach dem Motto So was ist nichts für Jungs. Wenn du schon kein Fußballer oder Boxer werden willst, dann spiel wenigstens Schach.  Tineke stutzte: „Also hat er dir doch sein Herz ausgeschüttet. Oder woher willst du das sonst wissen?“
 Ich verneinte. Ich winkte ab. Ich erwiderte: „Es passt ganz einfach. Und von Vätern muss mir eh keiner was erzählen.“
 „Aber sein Vater war echt ein Problem. Jonathan konnte ihn auf die Dauer nicht mehr ertragen. So komisch war der. Aber absichtlich. Weil er wollte, dass ihn die Leute so wahrnehmen. Intelligent, unnahbar, witzig bis albern.“ Sie hatte sich noch ein Stück weiter aufgerichtet. Es arbeitete in ihr. Jonathans Probleme, seine postbelastende Psychokrise. Empört sah sie aus. „Dieser Mann hat Jonathan tatsächlich immerzu gezwungen, Schach zu spielen. Zuerst mit ihm, später in einem Schachverein. Er hat ihn regelrecht mit Schach tyrannisiert. Jonathan sollte ein super Spieler werden. Weil die rauen Sportarten für ihn nicht in Frage kamen. Und dazu pausenlos das pseudowitzige Geschwafel. Willst du die Schwarzen? Oder soll ich die Weißen nehmen? Jonathan hat darunter gelitten wie nur was. Eigentlich hätte er heute gegen Schach und alle anderen Brettspiele allergisch sein müssen. Zum Glück ist er’s nicht. Siehst ja, er spielt mit Begeisterung Halma und solchen Quatsch. Trotzdem sitzen die Sprüche von seinem Vater tief in ihm drin. Pferd als Schwert ist nie verkehrt, schlägt den Bauer, der ist sauer. Ich sag dir, fürchterlich. Er träumt davon, und selbst mir geht das Zeug mitunter im Kopf rum.“ Sie ließ sich wieder zurückfallen.
 „Lebt sein Vater noch?“, fragte ich.
 Sie gähnte. Es schien, als sei nach ihrem Gefühlsausbruch das Thema Jonathans Jugend für sie abgeschlossen. Verwundert fragte sie zurück: „Warum sollte er nicht mehr leben? Meinst du, Jonathan hat ihn umgebracht? Vielleicht mit dem Schachbrett erschlagen?“ „Nein“, entgegnete ich. „Jonathan kann doch im Grunde keiner Fliege was tun.“ „Na eben. Er hat seine Eltern verlassen. Das hat er getan.“ „Sind sie geschieden?“
 „Nein.“ Sie sah mich immer noch mit ihren großen Augen an. „Auf welche Gedanken du kommst. Warum sollten sie sich scheiden lassen? Die Eltern haben eine harmonische Ehe geführt. Sie führen sie immer noch. Jonathans Mutter hat diese Erziehungsmethoden geteilt. Sie stand voll dahinter.“ „Und das mit dem Schach?“ „Das mit dem Schach? Auch das hat sie mitgetragen. Oder was meinst du mit dieser seltsamen Frage?“ „Dass sie ihm das aufgezwungen haben.“ „Ach, Erasmus.“ Sie seufzte schwer. „Was du alles wissen möchtest. Na gut, ich sag’s dir. Jonathan war schwächlich, kränklich, dick. Er hatte von Geburt an einen Herzfehler. Das hat ihn gefährdet. Es war also von der Zielstellung her gut gemeint, dass er sich auf Schach konzentrieren musste. Er sollte einen Lebensinhalt haben, Leistungen bringen, ohne körperliche Anstrengungen zu erdulden. Das haben Vater und Mutter gemeinsam bezweckt. Und doch ist es in übertriebene Fürsorge ausgeartet. Das Kind ist mit Liebe erdrückt und zur Unselbständigkeit erzogen worden. Es wurde ihm dabei einfach zu wenig Selbstbewusstsein vermittelt.“
 „Und heute?“ „Heute. Ich sagte doch, heute spielt er noch Halma und solches Zeug. Niemals jedoch Schach.“
„Ich meine, hat er heute noch Kontakt zu seinen Eltern?“
 „Ach, Erasmus.“ Sie seufzte erneut. „Du nervst allmählich.“ Und sie wiederholte sich abermals. „Na gut, ich sag’s dir. Auch das: Er hält sich seine Eltern auf Distanz. Sie dürfen ihn nicht besuchen, totales Verbot, und er fährt nicht zu ihnen. Er nimmt auch kein Geld von ihnen. Hin und wieder schreibt er einen kurzen Brief. Mehr nicht.“
 Ich schwieg. Ein Herzfehler. Das konnte bedrohlich sein. Oder auch nicht. Bei manchen Menschen wurde das hochgespielt. Damit man auf sie Rücksicht nahm. Damit sie überhaupt beachtet wurden. Andere machten davon kein Aufheben, und dann war es plötzlich mit ihnen vorbei, und alle bereuten, dass man sie nicht ernst genommen hatte. „Manchmal rege ich mich zu sehr auf.“ Tineke wirkte unzufrieden. Mit sich selbst. „Als hätte ich alles miterlebt. Dabei habe ich meine eigenen Kindheitsprobleme gehabt. Na ja, man kann nichts mehr ungeschehen machen. Man kann nur versuchen, alles hinter sich zu lassen. Man darf die Fehler, die an einem selbst gemacht wurden, nachher nicht auf andere Menschen übertragen. Beispielsweise auf die eigenen Kinder. Und Jonathan, den muss man verstehen, man muss ihn akzeptieren, wie er ist, wie er akzeptiert werden möchte. Damit hilft man ihm besten.“ „Und nett muss man zu ihm sein“, ergänzte ich.
 „Das bist du ja.“ Sie lächelte. Sie schloss die Augen.
 „Ich werde mich auf die Luftmatratze legen, damit du dich besser erholen kannst“, beschloss ich.
 Tineke sah mich empört an, sie rückte etwa einen Zentimeter zur Seite. „Wie kommst du jetzt bloß auf diesen Quatsch?! Dein Platz ist hier. Oder erdrücke ich dich auch?“ Ich nahm das Angebot widerspruchslos an. Ich lag neben ihr und hörte sie sagen: „Du tust mir echt gut, weißt du das?!“ Ich legte den Arm um sie, und wir wurden eins. Ich war glücklich. „Und auf Jonathan brauchst du überhaupt nicht eifersüchtig zu sein. Nicht mal neidisch. Glaub mal, wenn du demnächst seine Geschichte komplett kennst, diesen schrecklichen Konflikt mit seinem Vater, diese ganzen Sprüche wie Du bist ein schlechter Nasenbär, das Näseln fällt dir nämlich schwer wirst du ihn echt mögen. Noch viel mehr als jetzt jedenfalls.“
 Jonathan, sein Vater, der Nasenbär, was für ein Thema – ich gähnte erneut, diesmal heftig, ich merkte wie mich die Müdigkeit zu überrollen begann, wie ein gewaltiger Felsbrocken. Und mit diesem Felsbrocken kam die Erinnerung an meinen eigenen Konflikt. Mir fiel auf, dass ich seit Stunden nicht daran gedacht hatte. Brücke sieben am Autobahnabschnitt 52, Fernreisebahnhof. Ich lebte selbst, mich lebte ich. Mit diesen Leuten um mich herum. Mit Tineke und ihrem Panoptikum. Meinem Panoptikum. Sie küsste mich. „Gute Nacht, mein Lieber.“ Danach fühlte ich ihre Wange immer noch dicht an meiner. „Gute Nacht oder Guten Morgen?“ In zwei oder drei Stunden würde ich schon wieder aufstehen müssen. Wer sonst? Jonathan halbtot oder bis dahin vielleicht gestorben, Tineke kränkelnd und übermüdet. Und Edward Erster in Seide. Und auf einmal sah ich das Badezimmer vor mir. Es war, um es im passenden Sprachstil auszudrücken, besudelt. Oder: vollgesaut. Ich bäumte mich kurz auf, weil ich dachte, diesen Makel, den musst du noch beheben, niemand außer dir wird es sonst tun. Niemand kann es. Nein, mein schwacher Wille und der labile Vorsatz erstarben in Tinekes sanften Armen. Sie hielten mich mühelos. Noch mehr war es ihr halbschlafend gehauchtes Geständnis: „Erasmus, bleib doch bitte, ich liebe dich so sehr.“ War sie es, die das schlafend gesagt hatte, oder war das ich, dem es aus einem vorfrühen Traum in die Ohren gesäuselt kam?  

Ich bekam nichts mit. Wir bekamen nichts mit. Tineke lag fest in meinen Armen, wir schliefen. Um zehn wurden wir wach. Innerhalb von wenigen Sekunden waren die Gedanken an die Aufgaben des Morgens da. „Frühstück! Die Henriette. Das Bad!“ Ich meinte zudem, Schritte zu hören, und ich erschrak gewaltig und richtete mich unversehens auf. Tineke hielt mich bei den Schultern, sie wollte mich beruhigen: „Keine Bange, das ist Dominique, sie hat noch den Haustürschlüssel. Sie sieht nach der Henriette. Dass es mal nicht so gut aufgeräumt ist, damit kann sie bequem umgehen.“
 Ich starrte auf die Zimmertür: „Und Jonathan? Wenn sie ihn nun dort liegen sieht, so blass und grün. Sie wird denken, hier hat eine Schnaps-Orgie stattgefunden.“ Tineke blieb ruhig. Nein, sie kicherte sogar. „Dominique hat wohl schon ganz was anderes gesehen als ein lebloses, grüngesichtiges Männchen, das neben einer sprachgestörten Altoma liegt.“ Sie fasste meinen Kopf, und sie drehte ihn so, dass ich zum Fenster blickte. „Sieh mal lieber nach draußen, wie schön die Sonne scheint. Wer hatte also Recht mit der Wetterprognose?“ Ich war verwirrt, musste sie über das Wetter reden, wenn es um wichtige Dinge ging? „He, Erasmus!“, sagte sie besorgt, „geht’s dir gut nach dieser anstrengenden, aber schönen Nacht?“
 Ich musste erst nachdenken. Ging es mir gut, nach der ungewöhnlichen Party und der anschließenden Kotz-Arie von Jonathan? Ja, es ging mir gut. Oder hatte ich nicht kurz vor dem Einschlafen noch an Brücke sieben gedacht, Fernreisebahnhof der Hauptstadt, und fühlte mich nun völlig daneben?
 Tineke wartete nicht auf meine Antwort. „Bleib noch liegen und entspann dich, ich kümmere mich um alles.“ Sie kletterte über mich hinweg und tapste in die Küche. „He, was ist denn hier los?“, hörte ich sie fragen. Danach lachte sie. Es klang froh, entspannt. Und ungläubig. Jemand lachte zurück. Jemand sagte etwas. Die Stimme, wem gehörte sie? Ich sprang von der Couch. Rein in die Küche. Unglaublich, da saß Edward Erster mit der Henriette. Es war alles wie jeden Tag, nur ein oder drei Stunden später. Und nicht ich oder Jonathan oder Tineke halfen der Henriette beim Frühstück, sondern es war Edward Erster.
 „Was guckst du so, Erasmus?“, fragte er barsch. „Hast du mir das nicht zugetraut, dass ich eurer Henriette die Häppchen zurechtschnippele und ihr die leckerste Milchhaferflockensuppe koche, die man je an einem Sonntagmorgen geschlürft hat?“ Er schob sich seine kostspielige Designer-Brille, die er eigentlich gar nicht brauchte, da er sich von einem noch kostspieligeren Augenspezialisten vor einigen Jahren schon die Augenlinsen erstklassig hatte richten lassen und auch in sehr kurzen Abständen zur Kontrolle ging, auf die Nase und sah mich herausfordernd und intelligenzbetont an. „Stell dir vor, lieber Neffe, ich bin schon um acht aufgestanden und habe vorhin sogar Dominique hereingelassen.“
 Ich kratzte mich. Wo und wann war mir der Name Dominique zuletzt untergekommen? Ach, vor zwei Minuten, aus dem Mund von Tineke.
 „Ja, Dominique. Wir haben zusammen einen Kaffee getrunken und uns über dieses und jenes unterhalten, was die Altenpflege angeht.“ Er blickte mich erhaben an. „Was aber nicht heißt, es würde mir nichts ausmachen, demnächst selbst ein Pflegefall zu werden. Übrigens, die Person ist keineswegs so übel, wie du behauptet hast.“
 Ich behauptet habe?
 Tineke, die im Bad gewesen war, kam in die Küche zurück. „Du, Erasmus, du hast gesagt, Jonathan hat da drin alles vollgekotzt. Es ist gar nichts zu sehen.“ Sie wunderte sich. Ich wunderte mich ebenfalls. „Vielleicht hat das Mannweib alles beseitigt“, spekulierte ich. Oder gab es eine andere Erklärung? Welche?
 Edward Erster rückte sich die Brille zurecht. „Bitte bezeichne Dominique nicht als Mannweib, das hat sie nicht verdient“, forderte er leicht streng. „Und was den Zustand des Bades angeht, kann man die Kotz-Spuren natürlich nicht mehr finden. Dank meiner zupackenden Initiative. Wie gesagt, ich bin um acht Uhr aufgestanden. Ich dachte mir doch, dass hier einiges zu richten sein wird. Oder meint ihr, ich hätte nicht mitbekommen, was sich vorher in der goldenen Morgenstunde abgespielt hat und ich wäre mir zu schade, mal ein bisschen Dreckarbeit zu leisten?“  

Folge 25 vom 24. April. 2020  

Die Tatsachen rückten näher. Im Grunde waren es nur noch Stunden. Brücke sieben am Autobahnabschnitt 52, Fernreisebahnhof Berlin. Nein, nicht die Verabredung als solche, war es, die sich zunehmend in meine Gedanken drängte, sondern die Abreise. Tineke und ich nach Berlin, danach ich in die Schweiz, und dann erst würde es so weit sein. Der Treffpunkt, der Termin. Das Wiedersehen. Ich spürte auf einmal, wie das Bevorstehende auf mir lastete. Es ließ sich nicht mehr verdrängen und nicht überspielen. Und ließ es sich denn überhaupt bewältigen?
 Auf jeden Fall: Ich musste etwas tun. Jetzt.
 Die Story, die ich am Tag zuvor begonnen hatte, fiel mir ein. Nein, sie drängte sich mir auf. Es war wie ein Zwang, dass ich sie fertig schreiben musste. Die Geschichte jenes jungen Mannes, der seinen Vater in nur großen zeitlichen Abständen sehen und nicht über die Begegnungen mit ihm reden darf. Ich wollte den Text noch vor der Abfahrt nach Berlin fertig haben. Ich wollte Tineke das Manuskript geben, bevor wir uns in Berlin trennten. Sie sollte es lesen.
 Ich hatte jetzt die Idee für einen plausiblen Schluss. Genauer: Ich wusste eine Lösung: Ich baute die Idee mit der Klinik, in der sich der Vater des jungen Mannes aufhalten sollte, weiter aus. Aus der Idee ging zugleich die Ursache der großen Heimlichtuerei hervor. Der Vater des jungen Mannes lebte demnach in einem Sanatorium für Nervenkrankheiten. Ganz freiwillig war er dort, und er hätte den Aufenthalt jederzeit beenden können. Doch er wollte nicht. War das glaubhaft, war das gut? Ich verließ den Küchentisch mit einer dürftigen Entschuldigung und verzog mich ins Wohnzimmer. Ich setzte mich vor meinen Laptop, um zu schreiben, und ich achtete nicht auf die fragenden Blicke von Edward Erster und der Henriette. Ich überging auch Tinekes Bemerkung „Sehr kommunikativ bist du heute ja nicht gerade, ich hatte eigentlich gemeint, wir machen einen Spaziergang auf dem Deich. Bei dem schönen Wetter wäre das nahe liegend.“ Ich sah mich auf einmal vor der Tastatur sitzen und schreiben, wobei sich die Finger wie von selbst bewegten und auf dem Bildschirm Zeile um Zeile ihre Bahn zog. Die Welt um mich herum versank in einem Nichts. Sicher, Edward bemerkte etwas spitz: „Das hat er von seinem Vater, dieses sporadisch Sture, sich urplötzlich abzukapseln, sich in eine Sache zu verbeißen und sich quasi soweit wegzumeditieren, dass nur mehr seine körperliche Hülle anwesend bleibt. Bis eines Tages auch noch die besagte Hülle auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.“ Er jedoch suchte sich von meiner angeblichen Eigenbrötlerei abzuheben und setzte seine wohlinszenierten Selbst-Integrations-Attacken auf unser allseits sozial geprägtes Familienpanoptikum fort. Er brachte zunächst genau jene zwei Kisten zur Papiermülltonne, in denen Jonathan ihm seine Briefe und sonstigen Postsendungen aus Berlin angeschleppt hatte. Er entleerte die Kisten ostentativ, auf dass wir alle sahen: Er trennte sich von diesem Schriftkram. Er untermauerte es ja mit der passenden Bekundung: „Tatsächlich war kein einziger Wisch dabei, der mich interessieren könnte.“ Prompt verschwand er danach hinter dem Küstenhaus und fuhr alsbald mit dem Silverhawk vor. „Na, gnädige Frau“, hofierte er Tineke, „darf ich Sie zu einer Ausfahrt einladen?“
 Es war das erste Mal seit seiner Ankunft an der Küste, dass er sein Lieblingsspielzeug in Betrieb nahm. Was sagte mir das? Es sagte mir, die Zeit der selbstverordneten Abkapselung war nun vorüber. Keine Angst mehr vor einer gewissen Hanni und deren Ansinnen.
 Da saß ich dann – ich hatte den Schreibplatz gewechselt – draußen im Garten, auf der von Unkraut verwucherten Terrasse, wo ich zwischen habgierigen Spinnen und hemmungslos agilen Ameisen, ohne es eigentlich zu bemerken, die von Tineke vorausgesagten Sonnenstrahlen genoss. Neben mir die Henriette, die mal blinzelte und mal schläferte und mich in einer Mischung von Respekt und Neugierde ein bisschen weltwunderhaft beäugte. Hinter dem geöffneten Fenster Jonathan, stumm und starr, leidend und magernd und magenleer, ein grüngesichtiges Opfer seiner Buttercreme-Gier, dennoch auch das glückliche Objekt einer, nämlich meiner äußerst selbstlosen nächtlichen Hilfsbereitschaft.
 Ich schrieb wie entfesselt, meine Gedanken schütteten die Worte, Sätze und Passagen nur so hervor, und irgendwelche Drüsen befeuerten mich pausenlos mit unbekannten, dennoch hochprozentigen Besessenheitshormonen. Ein Automatismus, vielleicht ein Fanatismus, sicherlich auch eine Befreiung aus der Umklammerung der ewig währenden Schweigepflicht. Oder das Ventil meiner eingequetschten Gefühle, aus dem mit Überdruck Weisheiten entströmten, die auch angesichts dieser Schreiborgie gar nicht viel mit meinen Wahrheiten zu tun hatten, die dafür umso wahrer, vor allem erklärend, befreiend scheinen wollten.
 Obwohl ich mich selbst im Zustand des Entrücktseins befand, begriff ich, was das hieß, entrückt zu sein und hier ganze Gedankenketten in einen flüssigen Text umzusetzen. Ich begriff den Unterschied zu jenen Tagen, da ich an meinen Storys gewerkelt oder sie gar geschmiedet hatte, da ich Handlungen konstruierte. Nun flog mir alles zu, ich musste nur zusehen, dass ich es auffangen konnte. Und dass mich niemand ablenkte oder unterbrach.  

Ich hatte Glück, die Ruhe reichte bis zum letzten Gedankenzug. Bis zu der Entscheidung des Sohnes, das Schicksal seines Vaters endlich nicht mehr zu verschweigen. Er weiht die Freundin in sein Geheimnis ein.
 Hätte ich noch mehr schreiben sollen? Schreiben nicht, doch es hätte sich gehört, das Geschriebene in Ruhe zu überlesen. Zu korrigieren.
 Das Nachdenken über die Frage und die Antwort erübrigte sich. Es wurde turbulent. Zunächst fuhr ein Auto vor, das ich durchaus schon gesehen hatte. Mir fehlte die Zuordnung. Bis ich sah, wer da ausstieg. Es war Clements. Nein. Doch. Oder? Ja, es war Clements, aber er wurde ausgestiegen. Irgendwas war mit ihm, mit seinem Körper. Er lief steif wie ein Stock, neben ihm eine weibliche Person, die ihn am Arm festhielt. Seine Gattin?
„Rückenschmerzen?“, fragte ich höflich teilnahmsvoll, als er den Weg bis zu unserer Terrasse endlich bewältigt hatte. Ich dachte an meine eigenen Beschwerden. Der Kraftakt an diesem Morgen, der nicht nur ein körperlicher gewesen war.
 Clements nickte, und sein Gesicht zerfiel in zahllose optisch wahrnehmbare Schmerzbekenntnisse. „Hab beim Heumachen zu weit mit der Gabel ausgeholt.“ Ich nickte zustimmend, hatte jedoch keine auch nur annähernde Ahnung, wie sich sein Missgeschick im Einzelnen zugetragen haben sollte. Seine Begleiterin, die irgendwie grimmig wirkte, schalt ihn ergänzend. „Einige Sachen wirst du ja bis an dein Lebensende nicht gelernt haben. Nicht nur einige. “ Er duckte sich ein gutes Stück von der Begleiterin weg, was wegen des steifen Rückens clownhaft wirkte. „Unser Vater hat schon immer gesagt, dass du bestimmte Sachen in deinem ganzen Leben nicht lernen wirst?“
 Unser Vater?
  „Gegen so was sollen große Pflaster ganz gut helfen. Es gibt sie in jeder Apotheke. Heute wäre das beim Notdienst.“ Ich nahm an, er sei gekommen, damit ihm jemand erklärte, wo sich die nächste Apotheke befände. Eine, die Sonntagsdienst hatte. Ansonsten wusste ich keinen Grund, warum er – und sie, die vielleicht eher seine Schwester als seine Gattin sein mochte – sich ausgerechnet unser Küstenhäuschen als potenzielle medizinische Hilfsstätte auserkoren haben sollten.
 Er antwortete in seiner demütig freundlichen Art: „Danke, Jerominus. Pflaster helfen bei mir schon lange nicht mehr. Hab es oft genug damit probiert. Völlig vergeblich. Rückenschmerzen sind ja nicht nur auf körperliche Aktivitäten zurückzuführen. Oft haben sie einen psychosoldatischen Hintergrund.“
 Auch jetzt zog ihm die Begleiterin einen rhetorischen Peitschenhieb drüber: „Dieser neumodische Quatsch. Dieses Psycho-Dingsda-Zeug. Du bist ein ungeschickter Mensch, Clements. Daher kommen die Schmerzen. Und wenn du diese Pflaster einfach mal lange genug drauf lassen würdest, wäre es auch gut. Aber stattdessen jammerst du, dass sie dich zwacken und du sie nicht aushalten kannst.“
 Ich unternahm angesichts dieser Maßregelung gar nicht erst den Versuch, dem armen Clements nun auch noch seine Namensirrtümer aufzuzählen. Dass ich kein Jerominus und nicht mal ein Jeronimus war. Von jenen psychosoldatischen Symptomen ganz zu schweigen. Er tat seine Buße ja hinlänglich im Angesicht der Dame an seiner Seite. Egal ob dieselbe seine Schwester oder seine Ehefrau war. Vielmehr blieb für mich offen, was will er, wenn er sich nicht nach einer Apotheke erkundigt.
 Die Begleiterin sagte es: „Tineke soll ihm helfen. Sie ist die Einzige, die das kann.“ Tineke? Ich staunte. Spritze, Hand auflegen oder das Leiden besprechen? Allerdings war Tineke nicht da. Ich erklärte es ihm, ihr, was jedoch beiden nichts machte. Beide nahmen auf der Bank neben der Henriette, für die sie sogar eine weitere angenehme Abwechslung sein mochten, Platz. Sie schwiegen erst mal, dennoch sahen sie erwartungsvoll auf mich. Ich hingegen sah auf den Monitor des Laptops. Es hätte von der Zeit her vielleicht gut gepasst, den vordem verfassten Text jetzt zu lesen und diese und jene Stelle zu korrigieren. So jedoch, als Objekt dieser intensiv stummen Begaffung, brachte ich das nicht fertig. Ich schaltete den Apparat aus. Da die beiden weiter schwiegen, sagte ich schwerfällig: „So Computer, die man mit sich rumschleppen kann, das ist toll.“ Clements nickte jetzt, und ganz sicher hätte er gern einen kleinen, wenn auch belanglosen Redebeitrag geleistet, wäre da nicht diese Frau mit ihrer einschüchternden Autorität dabei gewesen. 
 Wenigstens bemühte sich die Henriette um Kommunikation. „Er sitzt schon den ganzen Vormittag vor seinem Schach. Er harkt alle Beete.“ Auch das wurde mit keiner Antwort gewürdigt. Stattdessen fragte Clements’ Begleiterin: „Sind Sie Tinekes Freund?“
 Ich bejahte mit sehr gutem Gewissen, wenngleich im selben Moment Jonathan im offenen Fenster auftauchte. Seine Haut war immer noch wachsfarben grünlich. Nicht nur im Gesicht, sondern der Körper bis hin zur Gürtellinie, denn diese Partie füllte in unbekleidetem Zustand den Fensterrahmen. Hatte ihn die Neugierde hochgetrieben? Wenn ja, so hielt sie ihn nicht lange auf den Beinen. Er taumelte weiter, die Toilettenspülung und später das Ächzen der Bettfedern verrieten seine Route, sein Schicksal. „Wer war das denn?“, fragte Clements’ Begleiterin, wobei sie sämtliche benutzten vier Vokale mit Staunen dehnte. Ich nutzte die Frage als so genannte Retourkutsche und schwieg nun meinerseits. Da war es wieder der Henriette vorbehalten, sich als kommunikatives Bindeglied zu betätigen. „Ein Detektiv isser. Matula.“ Ich stieß einen Lacher hervor, es ließ sich irgendwie nicht unterdrücken.
 „Detektiv? Und dann so nackich?“
 Ich musste die Frage nicht beantworten. Es stellten sich andere Prioritäten ein. Tineke und Edward fuhren vor. Sie entstiegen dem Silverhawk, Tineke hatte das Auto gesteuert; war es deswegen, dass ich Edward Erster mit einer derart positiven Aura erlebte, wie ich sie an ihm während unseres gemeinsamen Aufenthalts im Küstenhaus der Henriette noch nicht festgestellt hatte? Edward lachte, strahlte. Und Tineke lachte ebenfalls. Sie übergab Edward den Startchip des Hawk. Sie zwinkerte mir zu und deutete unauffällig auf Edward. Sie schien sehr angetan. Von dem Ausflug, von meinem Onkel. Er hatte sich ihr gegenüber ganz sicher von seiner besten Seite gezeigt. Damit hatte er gewiss kein Problem gehabt. Und wahrscheinlich hatten sie auch etwas Interessantes unternommen. Etwas Richtungweisendes sogar?
 Als Tinekes Blick dann auf Clements fiel, schrumpften Lachen und Laune sichtlich. „Na, was plagt uns denn heute?“ Ehe Clements sein Leiden auch nur andeuten konnte, hatte die Frau Wort und Initiative ergriffen. Sie schilderte das, was ihren Clements betraf, und dieser schaute in seiner demütigen Art auf Tineke. Hilfe suchend und von Peinlichkeit berührt. Und wohl auch auf der Suche nach ein bisschen Trost.
 „Also der Rücken“, sagte Tineke. Sie brach nach nur wenigen Sätzen recht barsch in das Palaver hinein. „Seit wann?“
 Wieder kam Clements nicht zu Wort. „Es muss Mitte der Woche passiert sein, da hat er das Heu auf der kleinen Wiese gemacht.“
 „Aha“, erwiderte Tineke, absichtlich schnippisch. „Wolltest wohl die Praxisgebühr sparen, weil du mit Clements nicht zu euerem Hausarzt gegangen bist?“
 Clements’ Begleiterin sperrte den Mund auf, eine Rechtfertigung ließ Tineke gar nicht erst zu. „So, du hältst jetzt mal zehn Minuten die Luft an, Ella!“, befahl sie. „Ansonsten kann es sein, dass ich dir deinen Bruder so steif wie er ist wieder mit nach Hause schicke und du dein Heu in der nächsten Woche selber zusammenrechen musst. Auf der großen Wiese nebenan.“ Das klang jetzt so resolut, auf dass sich die anderen Anwesenden sowieso an das Schweige-Gebot hielten, wobei sich Edward Erster eines anerkennenden Nickens nicht enthielt und die Henriette über alle Maßen stolz aussah. Und ich sowieso. Wo ich endlich Klarheit hatte: Clements und Ella waren Bruder und Schwester.
 Ab sofort wurden wir Zeuginnen und Zeugen einer absolut professionellen Heilbehandlung. „Wo genau befindet sich das Schmerzzentrum, wohin strahlen die Stiche, tut es immer an derselben Stelle weh, hört es zwischendurch mal auf?“ Clements schaute erst zu Schwester Ella, ehe er begriff, dass er fortan selbst antworten durfte, sollte, musste. Er tat es, indem er nach Tinekes Aufforderung sein dickes kariertes Hemd aufrollte und anschließend mit der nicht minder dicken, wenn auch nicht karierten Unterwäsche ebenso verfuhr, worauf Tineke kräftig gegen einige Körperregionen drückte und Clements gleich mehrmals äußerst unmännlich jammerte.
 Ja, dachte ich, es wird nicht lange dauern, bis Jonathan, egal wie übel sich fühlend, gleich wieder im Fenster erscheint. Und ich dachte, dass Edward Erster dachte, wie alt und wie bewegungsgemindert er dereinst werden sollte, aber er wird niemals eine solch robuste Unterwäsche an seinen Körper lassen und er wird sich auch, geschehe was wolle, nicht für eine Schaubehandlung unter freiem Himmel hergeben. Egal ob sonniger Sommertag oder nicht. Dafür war er schließlich ein echter Erster, ein promovierter zudem. Und dafür hatte ich eigentlich auch ein enormes Verständnis. Nicht zuletzt, weil ich genauso dachte und fühlte.
 „So!“, entschied Tineke nach ganz kurzer Zeit, „dann wollen wir dich mal von deinen Leiden erlösen.“ Sie manövrierte Clements auf einen Hocker, stellte sich hinter ihn und rückte an ihm herum, bis er passend vor ihr saß. „Mach dich mal locker und sitz nicht da wie ein Igel!“, befahl sie unmissverständlich. Sie verschränkte die Arme auf kunstvoll unergründliche Weise und packte Clements’ Kopf wie mit Zangen, sie hob und drehte daran, auf dass es knirschte und knackte, zog und bog an Schultern und Armen und hob sogar den ganzen Kerl, der allein wegen seiner dicken Wäsche ein ordentliches Gewicht auf die Waage gebracht hätte, mit Leichtigkeit in die Luft und ließ ihn wieder runterplumpsen.
 Wie lange hatte das gedauert? Wie kurz? Nicht mal eine halbe Minute. Noch weniger? Oder mehr? „So!“, sie entschied wieder: „Steh mal jetzt auf und steck dein Hemd rein.“ Sie lächelte erwartungs- und geheimnisvoll. Er gehorchte zögernd. „Jetzt bückst du dich mal. Jetzt richtest du dich wieder auf. Jetzt läufst du drei Schritte. Jetzt lässt du mal deinen Kopf kreisen. Kniebeuge, seitliche Beuge, Rumpf mal vorbeugen. Rumpf zurück. Mal Arme hoch, mal Arme zur Seite. Und jetzt siehst du mich mal an!“ Sie stoppte ihn, indem sie ihm die flache Hand vor die Brust hielt. „Noch Schmerzen?“
 Er zögerte mit der Antwort. Er checkte mit den Gedanken die Regionen seines Körpers durch, bewegte sich vorsichtig. Bis er es endlich begriff: „Nein, alles weg.“ Dabei schaute er zu Tineke, danach zu Ella. „Unglaublich.“
 Wir klatschten Beifall.
 „Großartig, wie du das geschafft hast, Tineke. Als könntest du Wunder vollbringen.“ Diese Bestätigung kam durch das offene Fenster.
 „Matula“, sagte die Henriette.
 Nein, Jonathan, immer noch blassgrün. Immerhin nun wenigstens mit einem Shirt bekleidet. „Und?“, fragte Tineke. „Noch ein Stück Buttercremetorte gefällig, der Herr?“ Er stöhnte. „Diese Lehre reicht mir.“ Er verschwand.   

Folge 26 vom 25. April. 2020 

Für uns wurde es ebenfalls Zeit zum Verschwinden. Tineke, ich. Berlin. Und weiter. Fernreisebahnhof. Autobahnbrücke. Mein Vater.
 Doch man weiß: Vor dem Verschwinden kommt der Abschied. Rührselig und mit vielen großen Gesten. Ausgenommen Clements‘ Schwester Ella.
 Wenigstens versicherte Ella mir, ich würde eine wunderbare Frau ehelichen.
 Wann? Und ich könnte dem Herrgott auf Knien danken, für diese gute Partie. Ella schwor es.
 Und sie selbst? Wie stand es mit einem gegenständlichen Dankeschön für die spektakuläre medizinische Behandlung ihres Bruders? Finanziell, materiell.
 Jonathan, auf wackligen Beinen nun bei uns auf der Terrasse stehend, und Edward Erster bekräftigten meine Mahnung gut hörbar. Unvergütete Heilbehandlungen hätten nicht lange Bestand. Eine simple Weisheit. Die Symptome kämen mit doppelter und dreifacher Wirkung zurück.
 Bald schon. 
 Na, Ärzte verdienten doch wohl genug. Rechtsanwälte, Manager, Zeitungsschreiber und all diese klugen, guten Leute. Ella wusste es aus gewissen Zeitungen und diversen Fernsehserien.
 Und Eierverkäufer? Was wusste man über deren unauffällig erzieltes Einkommen?
 Schweigen.
 Nur die Henriette ließ nicht locker und murmelte Zustimmung: Ihre Tineke. Klug, gutmütig. Aber nicht reich. Im Gegensatz zu Clements.
 Tineke, auf die sich die Blicke wieder richteten, mischte sich nicht ein. Sie verkrümelte sich ins Haus. „Muss rasch meine Sachen zusammenschmeißen. Übrigens!“, und das war jetzt nur für mich, „eins wollte ich denn doch noch loswerden: Ella sagt, du würdest eine wunderbare Frau kriegen. Irgendwas von Ehe, das hat sie gesagt. Das möchtest du mir bitte schön nachher im Auto genauer erklären. Ob ich damit gemeint bin. Oder eine andere.“ Sie kicherte, und das klang irgendwie sehr viel versprechend.  

Nie zuvor bin ich so intensiv verabschiedet worden wie an diesem Nachmittag. So herzlich, so ehrlich traurig und zugleich froh. Selbst Edward Erster standen dicke Tränen in den Augen. „Grüß bitte alle, die mich kennen.“ Er meinte seinen Bruder.
 Ich ließ ihn abblitzen. „Deine Haushälterin grüße ich gern.“
 Die Henriette heulte richtig. „Ich hab so ein Gefühl, du kommst nicht wieder, Junge.“ Für diesmal hatte sie ihre Sprach-Aphasie überlistet. Ich lächelte und war gerührt. Und ich empfahl, ich sollte öfter mal auf Reisen gehen. Wegen ihres Sprecherfolges. Womöglich hätte auch ich geheult. Ganz prompt. So richtig hemmungslos. Eine Memme, ein Weichei. Zumindest ein sentimentaler Anti-Yuppie. Ich. Der wahre Erasmus. Ohne Jonathan vielleicht. Da er mir aber wieder um den Hals fiel, ernüchterten meine Sensoren. Oder erstumpften und erstickten sie sogar?
 Irgendwas in dieser Art. „Für mich bist du der Größte. Nicht nur als Schriftsteller. So einen wie dich habe ich mir immer als Vater gewünscht. Und als Freund sowieso.“ Ich brachte etwas Distanz zwischen meinen Körper und den seinen. Zwischen unsere Ansichten. Und unsere Draufsichten. Luft, denn Argumente passten nicht dazwischen. „Pass gut auf deine Hamster auf. Sie gehören ja jetzt dir. Gib ihnen nicht zuviel Torte. Zumindest keine mit Buttercreme.“
 Er wollte sich mir wieder nähern. Da schob sich Clements zwischen uns. Er war geblieben, während Ella den Heimweg eingeschlagen hatte. Sie war gefahren, um wiederzukommen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass zum Abendbrot zwei Esser weniger da sein würden, wollte sie die Behandlung ihres Bruders durch einen Imbiss abgelten. Eier, Schinken und eigen gebackenes Brot. Immerhin: kein Heu. Nun also doch. Schlechtes Gewissen oder Raffinesse? Vielleicht Bauernschläue.
 „Mach’s gut, Jerominus. Freund.“
 Dieses Vokabular. Ich war verdattert. Womit hatte ich diese ebenfalls ganz neue Freundschaft verdient? Ich seufzte so sehr, auf dass der nächste Küstensturm eine flache Brise dagegen sein würde. Ich sehnte mich auf den Beifahrersitz des Autos, wo ich für eine Minute oder eine Stunde die Augen schließen und die Stille des Nachmittags und Tinekes Nähe genießen würde. Wo ich ihr nach dieser Minute oder Stunde ganz herrliche Dinge sagen würde. Erklärungen in Sachen Ehe, Liebe und wunderbare Frau. Wo ich diese Erklärungen auch von ihr zu hören bekommen sollte, wollte. 

Und so geht es, wenn Sie mögen (oder du magst),
voraussichtlich mit Kap. 27  am  26. April 2020 weiter: 

Liebe Leserinnen und Leser, bitte öffnen Sie für das nächste Kapitel
die Rubrik 003-firstminute-Lese-Community.

Es beginnt Teil III
und nun wird es erst (unglaublich) spannend. 

Und immer noch gilt: Weiterverbreitung (unbedingt) erwünscht.